OSZE-Sonderbeauftragte sieht in aktuellen Familienzahlen einen "dringenden Weckruf" für Österreich
Der neue Statistik-Report zeigt: Österreich steht vor massiven demografischen Veränderungen. Ab 2040 droht die Bevölkerung zu schrumpfen.
Der demografische Wandel in Österreich schreitet unaufhaltsam voran – und die Politik ist nach Ansicht von Expertinnen und Experten nicht ausreichend darauf vorbereitet. Die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler, die als Sonderbeauftragte der Parlamentarischen Versammlung der OSZE für demografischen Wandel und Sicherheit fungiert, bezeichnet den aktuellen Statistik-Report "Familien in Zahlen 2025" des Österreichischen Instituts für Familienforschung als "dringenden Weckruf" für die heimische Politik.
Die Zahlen, die der Bericht präsentiert, sind alarmierend: Bis zum Jahr 2042 wird es in Österreich nur noch zwei erwerbstätige Personen pro Pensionist geben. Diese Entwicklung setzt das Pensionssystem und den Arbeitsmarkt unter enormen Druck. Noch dramatischer: Ab 2040 wird Österreich laut Statistik Austria erstmals in seiner Geschichte schrumpfen – ein Phänomen, das Demografen als "Bevölkerungspilz" bezeichnen.
"Demografischer Wandel ist nicht nur ein langfristiger Trend – er ist eine bereits gegenwärtige Realität, ein Megatrend, der die Gesellschaft massiv verändern wird", erklärt Kugler. Die Abgeordnete fordert daher ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für diese Entwicklung und vor allem "die Bereitschaft, über Legislaturperioden hinaus zu handeln".
Besonders aufschlussreich ist die Diskrepanz zwischen dem Kinderwunsch der Österreicherinnen und Österreicher und der tatsächlichen Geburtenrate. Während der durchschnittliche Kinderwunsch bei 1,7 Kindern liegt, beträgt die realisierte Kinderzahl lediglich 1,3. Diese Lücke bietet nach Ansicht von Kugler einen wichtigen Ansatzpunkt für politische Maßnahmen.
Doch die Abgeordnete weist auf ein noch grundlegenderes Problem hin: "Eine Schlüsselfrage ist nicht nur, warum Menschen so wenige Kinder haben, sondern warum so wenige Menschen überhaupt Kinder bekommen." Die Zahlen sind erschreckend: Die Anzahl der kinderlosen Personen hat sich in Europa seit den Siebzigerjahren versiebenfacht.
Den rückläufigen Geburtenraten könne man zwar durch familienfreundliche Maßnahmen begegnen, doch das allein reiche nicht aus. Kugler fordert einen "öffentlichen Dialog, der Elternschaft entsprechend wertschätzt" sowie ein geschärftes Bewusstsein für die Auswirkungen eines aufgeschobenen Kinderwunsches auf die Fruchtbarkeit.
Um den Auswirkungen des demografischen Wandels entgegenzuwirken und gleichzeitig den Wohlstand zu erhalten, schlägt Kugler einen umfassenden Maßnahmenkatalog vor:
Die Bemühungen der österreichischen Abgeordneten finden auch auf internationaler Ebene Beachtung. Ein von Kugler eingebrachter Antrag zu diesem Thema wurde bei der parlamentarischen Versammlung der OSZE einstimmig angenommen – ein Zeichen dafür, dass die demografische Herausforderung als gesamteuropäisches Problem wahrgenommen wird.
Im Jahr 2025 veröffentlichte Kugler zudem einen umfassenden Bericht für die OSZE-Parlamentarierversammlung mit dem Titel "Demografischer Wandel in der OSZE-Region: Analyse, Auswirkungen und mögliche Lösungen eines Megatrends, der die Gesellschaft verändert". Der 22-seitige Bericht beleuchtet die tiefgreifenden Auswirkungen demografischer Veränderungen auf die Sicherheit sowie die wirtschaftliche und soziale Stabilität in der gesamten OSZE-Region.
Der Bericht ruft zu dringenden politischen Maßnahmen auf, um sinkende Geburtenraten, alternde Bevölkerungen und deren weitreichende Folgen anzugehen. Die Resolution der Abgeordneten wurde im Juli 2025 bei der OSZE-Jahrestagung einstimmig angenommen – ein klares Signal, dass der demografische Wandel als sicherheitspolitische Herausforderung erkannt wird.
Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden in den kommenden Jahrzehnten nahezu alle Lebensbereiche betreffen. Das Pensionssystem steht vor einer der größten Herausforderungen seiner Geschichte, wenn immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Pensionisten aufkommen müssen. Der Arbeitsmarkt wird mit einem zunehmenden Fachkräftemangel konfrontiert sein, während gleichzeitig das Gesundheits- und Pflegesystem durch eine alternde Bevölkerung belastet wird.
Besonders betroffen sind ländliche Regionen, die bereits heute mit Abwanderung und einer alternden Bevölkerung zu kämpfen haben. Der von Kugler angesprochene "geordnete Rückzug" aus bestimmten Gebieten könnte in Zukunft notwendig werden, um die verbleibenden Ressourcen effizient einzusetzen.
Ein interessanter Aspekt in Kuglers Vorschlägen ist die Rolle der Künstlichen Intelligenz bei der Bewältigung des demografischen Wandels. Durch Automatisierung und KI-gestützte Produktivitätssteigerungen könnte der Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung zumindest teilweise kompensiert werden. Dies erfordert jedoch massive Investitionen in Bildung und Technologie sowie die Bereitschaft der Gesellschaft, sich auf diese Veränderungen einzulassen.
Letztlich geht es bei der Bewältigung des demografischen Wandels um mehr als nur politische Maßnahmen. Es bedarf eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels, der Elternschaft wieder stärker wertschätzt und jungen Menschen die Rahmenbedingungen bietet, ihren Kinderwunsch auch tatsächlich zu verwirklichen. Die Kluft zwischen gewünschter und realisierter Kinderzahl zeigt, dass hier erhebliches Potenzial besteht.
Ob die politischen Entscheidungsträger bereit sind, die notwendigen langfristigen Maßnahmen über Wahlperioden hinaus zu ergreifen, wird sich zeigen. Der "Weckruf", von dem Kugler spricht, ist jedenfalls unüberhörbar – die Frage ist nur, ob er auch erhört wird.