Südwind-Studie dokumentiert Arbeitsbedingungen, Gesundheitsrisiken und fordert strengere Kontrollen gegen Müllexporte
Südwind-Bericht: Bis zu 100.000 Tonnen Altkleidung jährlich nach Uganda, 40 % unbrauchbar – prekäre Arbeitsbedingungen für Hunderttausende werden beschrieben.
Ein neuer Bericht im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Südwind zeichnet ein deutliches Bild von sozialen und ökologischen Problemen im Secondhand-Sektor in Uganda. Die ugandische Gewerkschafterin und Forscherin Faith Irene Lanyero dokumentiert in der Fallstudie „Die Menschen hinter den Altkleiderbergen. Arbeitsbedingungen in Ugandas Secondhand-Bekleidungssektor" die Lebens- und Arbeitsrealität von Menschen entlang der Altkleider-Lieferketten.
Die Studie benennt mengen- und arbeitsbezogene Kernzahlen, schildert gesundheitliche Belastungen und zitiert Betroffene. Auf Basis der Untersuchung formuliert Südwind Forderungen, unter anderem nach Sortierkapazitäten in Verbraucher-Ländern, strengen Exportkontrollen und Maßnahmen zur Begrenzung von Billigmode.
Der Bericht nennt eine jährliche Größenordnung: Jedes Jahr landen demnach bis zu 100.000 Tonnen Altkleidung aus dem Globalen Norden in Uganda. Südwind macht außerdem eine Schätzung der Qualität der Lieferungen: Rund 40 Prozent davon seien unbrauchbarer Müll – das wird im Text mit dem Bild veranschaulicht, dass das 2.000 vollbeladene LKWs entspreche.
Zur Bewältigung dieser Warenströme sei ein ganzer Arbeitssektor entstanden. Schätzungsweise arbeiteten in Uganda zwischen 700.000 bis indirekt 5 Millionen Menschen im informellen Secondhand-Sektor, so die Studie: als Straßenverkäufer:innen, Schneider:innen, Sortierer:innen oder Müllsammler:innen.
Die Studie beschreibt den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter als von „finanziellem Druck, Gesundheitsrisiken und existenzieller Unsicherheit" geprägt. Befragte gaben an, 70-Stunden-Wochen zu leisten. Gesundheitsprobleme wie chronische Schmerzen, Bluthochdruck oder Atemwegsprobleme wurden laut Bericht mit Belastungen durch schwere Lasten, Hitze und Staub in Verbindung gebracht.
Marktstandorte wie Owino in Kampala werden im Bericht als überfüllt, schlecht belüftet und ohne Schutz vor Regen oder Hitze geschildert. Überschwemmungen und Brände werden als häufige Gefahrenquellen genannt. Besonders prekär seien die Bedingungen für Frauen: Es fehle an Zugang zu Toiletten, Mutterschutz oder Kinderbetreuung, viele nähmen ihre Babys mit an den Arbeitsplatz. Frauen verrichteten laut Bericht oft die am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten, etwa das Tragen von Altkleider-Ballen, Bügeln mit Holzkohle oder das Ausbessern und Waschen von Kleidung.
Eine im Bericht zitierte Straßenhändlerin, Patricia Nyaketcho, wird mit den Worten zitiert: „Ich arbeite von Montag bis Montag, ohne freien Tag, jeweils zehn Stunden, um meine fünfköpfige Familie zu ernähren. Mein Einkommen reicht nicht aus, um unsere Lebenshaltungskosten zu decken. Die große Menge an minderwertiger Second-Hand-Ware verursacht für mich große Verluste.”
Die Südwind-Analyse benennt auch Beiträge aus Verbraucher-Ländern. Für Österreich nennt die Mitteilung Zahlen zur Sammlung: Mit rund 30 Prozent werde überdurchschnittlich viel der aussortierten Altkleidung gesammelt. Wegen fehlender Sortierungs-Infrastruktur werde jedoch mehr als die Hälfte exportiert, was für Österreich in der Mitteilung mit rund 22.000 Tonnen pro Jahr beziffert wird.
Die Exportströme, so heißt es im Bericht, liefen häufig in einem intransparenten System des Weiterhandels ohne Überprüfung oder Mitsprache von Zielländern wie Uganda. Südwind-Expertin Lena Gruber wird zitiert: „Mit unserer alten Kleidung exportieren wir nicht zuletzt massive Umwelt- und Sozialprobleme. Es kann nicht sein, dass wir unsere Müllprobleme auf andere abwälzen, aufgrund von fehlender Infrastruktur, unzureichenden Kontrollen und Mangel an politischem Willen in Österreich.”
Ausgehend von der Studie fordert Südwind einen Kurswechsel. Kernforderung ist, dass nur wiederverwendbare Kleidung exportiert werden dürfe. Zur Vermeidung von Müllexporten in Länder des Globalen Südens fordert Südwind den Aufbau ausreichender Sortierkapazitäten in Verbraucher-Ländern, strenge Exportkontrollen und Sanktionen bei Falschdeklaration.
Darüber hinaus schlägt Südwind Maßnahmen zur Begrenzung der Überproduktion vor: eine ökosoziale Steuerung mit Abgaben auf Billigmode zur Finanzierung von nachhaltigen und sozial gerechten Lösungen sowie die Verantwortung von Modemarken basierend auf der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte. Den gesamten Maßnahmenplan stellt Südwind online zur Unterstützung bereit.
Die Mitteilung betont, dass der Secondhand-Sektor trotz der genannten Probleme für viele Menschen eine wichtige Einkommensquelle darstelle. Für zahlreiche Familien sei der Handel mit gebrauchter Kleidung die einzige Einkommensquelle, heißt es im Bericht.
Als Beispiel für eine andere Nutzung von Altkleidern erwähnt Südwind, dass einige ugandische Designer:innen aus Altkleidern neue Produkte entstünden lassen. Südwind-Sprecherin Lena Gruber wird mit der Aussage zitiert: „Secondhand kann Teil einer nachhaltigen Modewirtschaft sein und hochwertige Secondhand-Ware den Bedarf an Neuproduktion reduzieren." Zugleich macht Gruber deutlich, dass dieser Weg ihrer Darstellung nach nur möglich sei, wenn die Müllflut aus Europa gestoppt und politische Lösungen für das Fast-Fashion-Problem umgesetzt würden.
Der Begriff bezeichnet hier den informellen und formellen Handel mit gebrauchter Kleidung in Uganda – vom Import über Sortierung, Handel und Verarbeitung bis zur Entsorgung. In der Studie umfasst das Spektrum Straßenverkäufer:innen, Schneider:innen, Sortierer:innen und Müllsammler:innen.
Unter Sortierkapazitäten versteht Südwind die Infrastruktur in Verbraucher-Ländern, um aussortierte Kleidung vor einer möglichen Verwertung fachgerecht zu prüfen und zu trennen. Die Studie fordert den Ausbau solcher Kapazitäten, um unbrauchbare Ware vor Export zu identifizieren.
EPR wird im Bericht als Instrument genannt, mit dem Modemarken für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte verantwortlich gemacht werden sollen. Südwind schlägt vor, Marken dadurch in die Pflicht zu nehmen, nachhaltige und sozial gerechte Lösungen zu finanzieren.
Damit ist im Bericht eine Kombination aus steuerlichen Maßnahmen und Abgaben gemeint, mit denen laut Südwind Billigmode verteuert und Mittel zur Finanzierung nachhaltiger Maßnahmen bereitgestellt werden sollen.
Der informelle Sektor umfasst Beschäftigte ohne formale Arbeitsverträge oder Sozialversicherung. Die Studie nennt als Kennzeichen keine Verträge, fehlende Schutzkleidung und fehlende Gewerkschaftsvertretung.
Download des Gesamtberichts: Die Menschen hinter den Altkleiderbergen. Arbeitsbedingungen in Ugandas Secondhand-Bekleidungssektor (PDF)
Factsheet zur Fallstudie: Factsheets zur Fallstudie (PDF, 12 Seiten)
Hochauflösendes Bildmaterial: nextcloud.suedwind.at (honorarfreie Nutzung unter Angabe des Fotocredits: © Paula Karina Martinez)
Südwind-Maßnahmenplan online: suedwind.at/justfashion
Kontakt bei Südwind: Vincent Sufiyan, Kommunikationsleiter Südwind, Telefon: +43 650 96 77577, E-Mail: vincent.sufiyan [at] suedwind.at. Weitere Informationen: https://www.suedwind.at/presse