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48er-Führungen: Wiener Abfallwirtschaft hautnah erleben

6. April 2026 um 08:42
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Ab April öffnet Wiens Abfallwirtschaft wieder ihre Türen für neugierige Bürger: Die Stadt Wien bietet kostenlose Führungen durch drei ihrer wichtigsten Anlagen an. Vom hochmodernen Kompostwerk in d...

Ab April öffnet Wiens Abfallwirtschaft wieder ihre Türen für neugierige Bürger: Die Stadt Wien bietet kostenlose Führungen durch drei ihrer wichtigsten Anlagen an. Vom hochmodernen Kompostwerk in der Lobau über die begrünte Deponie Rautenweg bis hin zur Müllverbrennungsanlage Pfaffenau können Interessierte einen Blick hinter die Kulissen der 48er werfen. Das Angebot läuft von April bis Oktober und richtet sich an Gruppen von 5 bis 25 Personen.

Wiener Abfallwirtschaft als internationales Vorbild

Die Wiener Abfallwirtschaft gilt weltweit als Referenzmodell für nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Das bestätigt auch das große internationale Interesse: Regelmäßig kommen Fachdelegationen aus aller Welt nach Wien, um sich über die innovativen Methoden der Magistratsabteilung 48 zu informieren. "Wien hat eine gut funktionierende Abfallwirtschaft. Sauberkeit und ein gutes Abfallmanagement sind wichtige Grundlagen für die hohe Lebensqualität in unserer Stadt", erklärt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky.

Diese Vorreiterrolle hat Wien nicht zufällig erreicht. Bereits seit den 1960er Jahren setzt die Stadt auf eine integrierte Abfallwirtschaft, die Sammlung, Verwertung und Entsorgung aus einer Hand bietet. Mit einer Recyclingquote von über 60 Prozent liegt Wien deutlich über dem EU-Durchschnitt von 47 Prozent. Pro Jahr verarbeitet die 48er etwa 900.000 Tonnen Abfall aus privaten Haushalten und rund 500.000 Tonnen aus Gewerbe und Industrie.

Das Kompostwerk Lobau: Europas größte Bioabfall-Anlage

Das Herzstück der Wiener Bioabfallverwertung ist das Kompostwerk in der Lobau. Mit einer Kapazität von 100.000 Tonnen jährlich ist es die größte Anlage ihrer Art in Europa. Hier werden die Inhalte der braunen Biotonnen aus ganz Wien zu hochwertigem Kompost verarbeitet. Der Prozess dauert etwa zwölf Wochen und erfolgt in mehreren Stufen.

Zunächst werden die angelieferten Bioabfälle zerkleinert und mit Strukturmaterial wie Häckselgut vermischt. In der sogenannten Intensivrotte wird das Material bei Temperaturen zwischen 55 und 70 Grad Celsius biologisch abgebaut. Diese hohen Temperaturen töten Krankheitserreger und Unkrautsamen ab. Anschließend erfolgt eine mehrwöchige Nachrotte, bei der das Material regelmäßig umgesetzt wird, um eine optimale Belüftung zu gewährleisten.

Das Endprodukt ist ein nährstoffreicher Kompost, der den strengen Qualitätsstandards der Kompostgüteverordnung entspricht. Jährlich entstehen so etwa 35.000 Tonnen hochwertiger Kompost, der kostenlos an Wiener Haushalte abgegeben wird. Der Rest wird an Gartenbaubetriebe und Landwirte verkauft.

Müllverbrennungsanlage Pfaffenau: Energie aus Abfall

Die Müllverbrennungsanlage Pfaffenau ist ein Paradebeispiel für moderne thermische Abfallverwertung. Seit ihrer Eröffnung 1963 wurde die Anlage kontinuierlich modernisiert und erweitert. Heute verfügt sie über vier Verbrennungslinien mit einer Gesamtkapazität von 250.000 Tonnen Restmüll pro Jahr.

Das Prinzip der Anlage ist denkbar effizient: Der angelieferte Restmüll wird zunächst in einem riesigen Bunker zwischengelagert, der Platz für etwa 8.000 Tonnen Abfall bietet. Von hier aus transportieren computergesteuerte Greifer den Müll in die Verbrennungsöfen. Bei Temperaturen zwischen 850 und 1.100 Grad Celsius wird der Abfall fast vollständig verbrannt.

Die dabei entstehende Wärme wird zur Dampferzeugung genutzt. Mit diesem Dampf werden Turbinen angetrieben, die Strom erzeugen. Die Anlage produziert jährlich etwa 60 Millionen Kilowattstunden elektrische Energie – genug, um rund 20.000 Haushalte zu versorgen. Zusätzlich wird ein Teil der Wärme als Fernwärme an das städtische Netz abgegeben und heizt so etwa 50.000 Wiener Wohnungen.

Moderne Rauchgasreinigung schützt die Umwelt

Besonders stolz ist man in Pfaffenau auf die hochmoderne Rauchgasreinigung. Diese mehrstufige Anlage sorgt dafür, dass die Emissionen weit unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen. Das Verfahren umfasst mehrere Stufen: Zunächst werden Staubteilchen durch elektrostatische Filter abgeschieden. Anschließend werden saure Gase durch die Zugabe von Kalk neutralisiert. Schwermetalle und Dioxine werden durch Aktivkohle gebunden.

Das gereinigte Rauchgas wird kontinuierlich überwacht. Die Messwerte sind in Echtzeit im Internet einsehbar – ein Zeichen für die Transparenz der Wiener Abfallwirtschaft. Die bei der Verbrennung entstehende Schlacke wird zu etwa 90 Prozent im Straßenbau wiederverwendet. Nur die hochbelasteten Filterrückstände müssen in Spezialdeponien entsorgt werden.

Deponie Rautenweg: Grüne Oase der Abfallwirtschaft

Die Deponie Rautenweg im 22. Wiener Gemeindebezirk ist ein Beispiel dafür, wie sich Abfallwirtschaft und Naturschutz verbinden lassen. Die 1983 in Betrieb genommene Anlage wurde sukzessive erweitert und rekultiviert. Heute ist sie eine 40 Hektar große, begrünte Landschaft, die kaum noch als ehemalige Mülldeponie erkennbar ist.

Auf der Deponie werden ausschließlich nicht verwertbare, nicht gefährliche Abfälle gelagert. Dazu gehören Bauschutt, Straßenaufbruch und Schlacke aus der Müllverbrennung. Diese Materialien werden in mehreren Schichten aufgebaut und anschließend mit einer wasserdichten Folie und einer Erdschicht abgedeckt.

Die Besonderheit der Deponie Rautenweg liegt in ihrer ökologischen Nachnutzung. Bereits während des laufenden Betriebs werden abgeschlossene Bereiche begrünt. Heute wachsen dort seltene Pflanzenarten, die typisch für die Pannonische Tiefebene sind. Die Deponie ist zu einem wichtigen Lebensraum für verschiedene Tierarten geworden, darunter Feldhasen, Rebhühner und verschiedene Schmetterlingsarten.

Deponiegasnutzung für Klimaschutz

Ein wichtiger Aspekt der Deponie Rautenweg ist die Nutzung von Deponiegas. Organische Abfälle erzeugen bei ihrer Zersetzung Methan, ein Treibhausgas, das 25-mal klimaschädlicher ist als CO2. Um diese Emissionen zu vermeiden, wird das entstehende Gas erfasst und in einem Blockheizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt. So werden jährlich etwa 2 Millionen Kilowattstunden Strom produziert.

Diese energetische Nutzung des Deponiegases trägt aktiv zum Klimaschutz bei. Ohne diese Maßnahme würde das Methan ungenutzt in die Atmosphäre entweichen und den Treibhauseffekt verstärken. Die Wiener Lösung zeigt, wie sich auch aus der Vergangenheit noch Nutzen für die Gegenwart ziehen lässt.

Führungen als Bildungsauftrag

Die kostenlosen Führungen der 48er haben einen wichtigen Bildungsauftrag. Sie sollen den Wienern bewusst machen, was mit ihrem Abfall passiert und wie wichtig die richtige Mülltrennung ist. "Es ist spannend und interessant, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und dabei Neues zu entdecken", betont Klimastadtrat Czernohorszky.

Tatsächlich zeigen Studien, dass Menschen nach dem Besuch von Abfallanlagen bewusster mit Abfall umgehen. Sie trennen genauer, vermeiden unnötige Verpackungen und nutzen die Wiederverwendungsmöglichkeiten besser. Dieser Effekt ist besonders bei Kindern und Jugendlichen stark ausgeprägt.

Die Führungen richten sich an verschiedene Zielgruppen: Schulklassen können im Rahmen des Sachunterrichts oder der Umweltbildung die Anlagen besuchen. Erwachsene kommen oft aus beruflichem Interesse oder einfach aus Neugier. Besonders beliebt sind die Führungen bei Senioren, die Zeit haben und sich für die Entwicklung ihrer Stadt interessieren.

Anmeldung und praktische Informationen

Die Führungen finden von April bis Oktober statt und sind kostenlos. Gruppen können zwischen 5 und 25 Personen umfassen. Der Auftakt der diesjährigen Saison erfolgt am 10. April. Interessierte können sich online unter wien.gv.at/umwelt/ma48/beratung/besichtigungen-aba.html anmelden.

Bei der Anmeldung können Interessierte zwischen verschiedenen Anlagen wählen oder auch mehrere Standorte kombinieren. Die Führungen dauern je nach Anlage zwischen zwei und drei Stunden. Festes Schuhwerk wird empfohlen, da teilweise über unebenes Gelände gegangen wird. Schutzausrüstung wird bei Bedarf gestellt.

Abfallwirtschaft im europäischen Vergleich

Im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten steht Wien hervorragend da. Während Berlin eine Recyclingquote von 48 Prozent erreicht und Paris bei 38 Prozent liegt, schafft Wien über 60 Prozent. Dieser Erfolg basiert auf einem durchdachten Sammelsystem, effizienten Verwertungsanlagen und nicht zuletzt auf der Mitarbeit der Bevölkerung.

Besonders beeindruckend ist der Vergleich bei der thermischen Verwertung. Während andere Städte ihre Abfälle oft noch in klassischen Müllverbrennungsanlagen ohne Energiegewinnung entsorgen, erzeugt Wien aus seinem Restmüll Strom und Wärme für Tausende Haushalte. Diese Effizienz macht die Wiener Abfallwirtschaft zu einem Exportschlager.

Auch in der Schweiz und in Deutschland schauen Experten nach Wien. Die Kombination aus hohen Umweltstandards, wirtschaftlicher Effizienz und Bürgernähe wird als vorbildlich angesehen. Delegationen aus Zürich, München und Hamburg informieren sich regelmäßig über die Wiener Methoden.

Zukunft der Wiener Abfallwirtschaft

Die Wiener Abfallwirtschaft steht vor neuen Herausforderungen. Der Klimawandel erfordert noch effizienteren Ressourcenschutz, die wachsende Stadt produziert mehr Abfall, und neue Materialien wie Elektroschrott oder Lithium-Batterien erfordern spezielle Behandlungsverfahren.

Für die nächsten Jahre plant die 48er weitere Investitionen in moderne Technologien. Die Müllverbrennungsanlage Pfaffenau soll bis 2025 um eine fünfte Linie erweitert werden. Das Kompostwerk Lobau wird mit einer neuen Vergärungsanlage ausgestattet, die zusätzlich Biogas produziert. Und auf der Deponie Rautenweg entsteht eine Photovoltaikanlage, die zusätzlichen Ökostrom liefern wird.

Diese Investitionen zeigen: Wien ist entschlossen, seine Vorreiterrolle in der Abfallwirtschaft auch in Zukunft zu behaupten. Die kostenlosen Führungen tragen dazu bei, die Bürger auf diesem Weg mitzunehmen und für die Bedeutung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu sensibilisieren.

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