Die Zahlen sind erschreckend und sollten jeden aufhorchen lassen: Mehr als jede dritte Frau in Österreich erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt. Während zum Weltfrauentag am...
Die Zahlen sind erschreckend und sollten jeden aufhorchen lassen: Mehr als jede dritte Frau in Österreich erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt. Während zum Weltfrauentag am 8. März 2025 wieder über Gleichberechtigung und Frauenrechte diskutiert wird, prangert Volksanwältin Gaby Schwarz eine besonders beunruhigende Entwicklung an: Die Gewalt gegen ältere Frauen und im ländlichen Raum wird systematisch übersehen - mit tödlichen Folgen.
Die offiziellen Zahlen der Volksanwaltschaft zeichnen ein düsteres Bild der Realität in Österreich. Von den Frauen zwischen 18 und 74 Jahren erleiden 35 Prozent körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. Das bedeutet konkret: Von drei Frauen, denen Sie täglich begegnen, war statistisch gesehen mindestens eine bereits Opfer von Gewalt.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei den schwerwiegendsten Fällen. Bereits im Jahr 2025 wurden 15 Frauen von Männern ermordet, und das Jahr hat gerade erst begonnen - zwei weitere Femizide sind bereits dokumentiert. Diese sogenannten Femizide bezeichnen die gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts und stellen die extremste Form geschlechtsspezifischer Gewalt dar.
Häusliche Gewalt umfasst weit mehr als nur körperliche Übergriffe. Expertinnen und Experten unterscheiden zwischen verschiedenen Formen: Körperliche Gewalt reicht von Schlägen und Stößen bis hin zu lebensbedrohlichen Attacken. Psychische Gewalt beinhaltet Demütigungen, Drohungen, Isolation und Kontrolle. Sexuelle Gewalt umfasst alle ungewollten sexuellen Handlungen. Wirtschaftliche Gewalt zeigt sich durch die Kontrolle über Finanzen oder das Verhindern der Berufstätigkeit. Alle diese Formen können einzeln oder in Kombination auftreten und haben schwerwiegende Folgen für die Betroffenen.
Volksanwältin Gaby Schwarz macht auf einen besonders problematischen Bereich aufmerksam: die häusliche Gewalt in ländlichen Gebieten. "Vor allem in ländlichen Regionen wird häusliche Gewalt nach wie vor stark als Privatsache gesehen, in die man sich nicht einmischt", kritisiert sie. Diese Haltung führt dazu, dass Gewalt gegen Frauen in kleineren Gemeinden und abgelegenen Gebieten oft im Verborgenen bleibt.
Die Gründe für dieses Schweigen sind vielschichtig. In ländlichen Gemeinden kennt oft jeder jeden, was paradoxerweise dazu führt, dass über Probleme wie häusliche Gewalt nicht gesprochen wird. Die Angst vor dem Verlust des sozialen Status, vor Klatsch und Tratsch oder vor wirtschaftlichen Konsequenzen hält viele Frauen davon ab, Hilfe zu suchen. Zudem sind spezialisierte Beratungsstellen und Frauenhäuser oft weit entfernt und schwer erreichbar.
In ländlichen Gebieten Österreichs herrschen häufig noch traditionellere Vorstellungen von Geschlechterrollen vor. Diese können dazu beitragen, dass Gewalt gegen Frauen verharmlost oder als "normale" Auseinandersetzung zwischen Partnern bagatellisiert wird. Frauen wird oft die Rolle der fürsorglichen Ehefrau und Mutter zugeschrieben, die für das Funktionieren der Familie verantwortlich ist - auch dann, wenn sie selbst Opfer von Gewalt werden.
Erfolgreiche Präventionsprogramme wie "Stadtteile ohne Partnergewalt" zeigen, dass gezielte Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit wirksam sein kann. Diese Programme setzen darauf, das gesellschaftliche Bewusstsein zu schärfen und Nachbarinnen, Nachbarn sowie das soziale Umfeld zu ermutigen, bei Anzeichen von häuslicher Gewalt nicht wegzuschauen, sondern zu handeln.
Ein besonders beunruhigender Aspekt der Gewaltstatistik betrifft ältere Frauen. Laut der Erhebung der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser aus dem Jahr 2024 waren von 27 getöteten Frauen 14 über 60 Jahre alt. Das bedeutet: Mehr als die Hälfte aller Femizid-Opfer gehörte zur älteren Generation.
Diese Zahlen widersprechen dem weit verbreiteten Bild, dass hauptsächlich junge Frauen von häuslicher Gewalt betroffen sind. Tatsächlich sind ältere Frauen überproportional häufig Opfer tödlicher Gewalt durch Männer. Die Gründe dafür sind komplex und liegen oft in der Kombination verschiedener Faktoren.
Ältere Frauen befinden sich häufig in einer besonders vulnerablen Situation. Viele sind nach jahrzehntelangen Ehen wirtschaftlich abhängig von ihren Partnern und haben keine eigenen finanziellen Mittel. Die Generation der heute über 60-Jährigen wuchs noch stärker mit traditionellen Rollenbildern auf, die eine Scheidung oder Trennung als gesellschaftliches Stigma betrachteten.
Zusätzlich können körperliche Beeinträchtigungen des Alters die Situation verschärfen. Nachlassende Mobilität, gesundheitliche Probleme oder beginnende Demenz können ältere Frauen noch abhängiger von ihren Partnern machen. Gleichzeitig können diese Umstände bei den männlichen Partnern zu Überforderung und in der Folge zu Gewalt führen.
Ein weiterer Faktor ist die mangelnde Sichtbarkeit älterer Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung. Während junge Frauen als Opfer von Gewalt gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Mitgefühl erfahren, werden ältere Frauen oft übersehen. Ihre Geschichten finden seltener den Weg in die Medien, ihre Hilferufe werden weniger ernst genommen.
Die Gewalt gegen Frauen ist nicht nur ein österreichisches Problem, sondern eine gesamteuropäische Herausforderung. Laut der Grundrechteagentur der Europäischen Union (FRA) haben 33 Prozent der Frauen in der EU seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Mit 35 Prozent liegt Österreich leicht über dem EU-Durchschnitt.
Besonders dramatisch sind die Zahlen bei den Femiziden. Deutschland verzeichnete 2023 rund 360 versuchte oder vollendete Femizide, die Schweiz etwa 25. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl liegt Österreich mit seinen 15 Femiziden im Jahr 2025 und den bereits zwei dokumentierten Fällen im neuen Jahr im europäischen Mittelfeld - was jedoch kein Grund zur Beruhigung sein darf.
Deutschland setzt verstärkt auf präventive Maßnahmen und hat das Gewaltschutzgesetz mehrfach verschärft. Besonders innovativ ist das Konzept der "proaktiven Beratung", bei der Beratungsstellen automatisch Kontakt zu Gewaltopfern aufnehmen, ohne dass diese selbst aktiv werden müssen.
Die Schweiz punktet mit einem gut ausgebauten Netzwerk von Frauenhäusern und hat als eines der ersten Länder eine nationale Strategie gegen häusliche Gewalt entwickelt. Besonders bemerkenswert ist das schweizerische "Runde Tisch"-Modell, bei dem alle beteiligten Institutionen - von der Polizei bis zu den Frauenhäusern - eng zusammenarbeiten.
Die Folgen von häuslicher Gewalt gehen weit über die unmittelbaren körperlichen Verletzungen hinaus. Betroffene Frauen leiden häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Angststörungen und Depressionen. Viele entwickeln ein gestörtes Selbstwertgefühl und haben Schwierigkeiten, Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen.
Ein konkretes Beispiel: Eine 45-jährige Frau aus dem Mühlviertel musste nach 20 Jahren Ehe vor ihrem gewalttätigen Ehemann fliehen. Sie hatte keinen eigenen Führerschein, kein eigenes Bankkonto und keine berufliche Qualifikation. Der nächste Frauenhaus-Platz war 80 Kilometer entfernt. Solche Fälle zeigen, wie wichtig eine flächendeckende Betreuungsinfrastruktur ist.
Auch die Kinder leiden unter häuslicher Gewalt. Sie entwickeln häufig Verhaltensauffälligkeiten, haben Probleme in der Schule und tragen ein erhöhtes Risiko, später selbst zu Tätern oder Opfern zu werden. Diese generationsübergreifende Weitergabe von Gewaltmustern kann nur durch professionelle Intervention durchbrochen werden.
Häusliche Gewalt verursacht auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten. Neben den direkten Kosten für medizinische Behandlung, Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren entstehen indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle, Frühpensionierungen und Therapien. Expertinnen schätzen die Gesamtkosten häuslicher Gewalt in Österreich auf mehrere hundert Millionen Euro jährlich.
Die österreichische Bundesregierung hat mit dem Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht. Eine der wichtigsten Neuerungen ist die geplante Einführung einer elektronischen Fußfessel für Risikotäter mit Betretungsverbot. Diese soll verhindern, dass Täter sich ihren Opfern nähern können.
Die elektronische Aufenthaltsüberwachung funktioniert über GPS-Signale und alarmiert sowohl die Polizei als auch das Opfer, wenn sich der Täter der geschützten Person nähert. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass solche Systeme die Sicherheit der Betroffenen erheblich erhöhen können.
Weitere geplante Maßnahmen umfassen den Ausbau von Präventionsprogrammen, die Verbesserung der Vernetzung zwischen den verschiedenen Institutionen und die Stärkung der Opferrechte. Besonders wichtig ist auch die Schulung von Polizei, Justiz und Gesundheitspersonal im Umgang mit Gewaltopfern.
Die größte Herausforderung liegt jedoch in der zügigen und vollständigen Umsetzung der geplanten Maßnahmen. Oft scheitern gut gemeinte Pläne an mangelnder Finanzierung, bürokratischen Hürden oder fehlendem politischen Willen. Volksanwältin Schwarz betont daher: "Entscheidend ist, dass die Maßnahmen zügig umgesetzt werden."
Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Umsetzung in den verschiedenen Bundesländern. Während manche Länder bereits innovative Ansätze verfolgen, hinken andere noch hinterher. Eine österreichweit einheitliche Strategie wäre wünschenswert, um allen Frauen den gleichen Schutz zu gewährleisten.
Die Volksanwaltschaft versteht sich als "Haus der Menschenrechte" in Österreich und hat einen verfassungsrechtlichen Auftrag zum Schutz der Grundrechte. In dieser Rolle kommt ihr bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eine besondere Bedeutung zu.
Als unabhängige Kontrollinstanz kann die Volksanwaltschaft Missstände aufdecken, Verbesserungen vorschlagen und die Umsetzung von Schutzmaßnahmen überwachen. Sie fungiert als Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger, die sich von Behörden ungerecht behandelt fühlen, und kann auch in Fällen häuslicher Gewalt vermitteln, wenn staatliche Stellen nicht angemessen reagieren.
Die klaren Worte von Volksanwältin Gaby Schwarz zum Weltfrauentag zeigen, dass die Institution gewillt ist, ihre Stimme für die Rechte der Frauen zu erheben. "Als Frau, als Feministin und als Volksanwältin" positioniert sie sich eindeutig und macht deutlich, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.
Für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, gibt es in Österreich verschiedene Unterstützungsangebote. Die wichtigste Anlaufstelle ist die Frauenhelpline gegen Gewalt, die rund um die Uhr unter der kostenlosen Nummer 0800-222-555 erreichbar ist. Die Beratung erfolgt anonym und vertraulich.
Darüber hinaus gibt es in allen Bundesländern Frauenhäuser, die Schutz und Beratung bieten. Diese sind jedoch oft überfüllt, weshalb der Ausbau der Plätze dringend notwendig ist. Auch Beratungsstellen für Gewaltopfer und spezialisierte Anwältinnen können wichtige Unterstützung leisten.
Für akute Notfälle ist natürlich immer der Polizeinotruf 133 die erste Wahl. Die Polizei kann Wegweisungen aussprechen und Betretungsverbote verhängen, um die unmittelbare Sicherheit der Betroffenen zu gewährleisten.
Um die Gewalt gegen Frauen nachhaltig zu reduzieren, sind tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen notwendig. Volksanwältin Schwarz fordert zu Recht: "Wir brauchen mutige Frauen und Männer, die hin- statt wegschauen, die Sexismus im Alltag ansprechen und Männer in die Pflicht nehmen."
Ein wichtiger Ansatz ist die Arbeit mit Männern und Burschen. Gewaltprävention muss bereits in der Schule beginnen und traditionelle Rollenmuster hinterfragen. Programme wie "White Ribbon" zeigen, dass Männer wichtige Verbündete im Kampf gegen Gewalt an Frauen sein können.
Auch die Sensibilisierung der Gesellschaft muss verstärkt werden. Häusliche Gewalt darf nicht länger als Privatsache betrachtet werden, sondern muss als das erkannt werden, was sie ist: ein Verbrechen, das nicht toleriert werden darf.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die von Schwarz identifizierten "blinden Flecken" - ältere Frauen und der ländliche Raum. Hier sind spezielle Programme und Strategien notwendig, um die besonderen Herausforderungen anzugehen.
Die technologischen Möglichkeiten bieten neue Chancen für den Schutz von Gewaltopfern. Neben der elektronischen Fußfessel könnten auch Apps, die diskret Hilfe rufen, oder intelligente Hausalarmanlagen Leben retten. Wichtig ist jedoch, dass technische Lösungen immer nur eine Ergänzung zu menschlicher Unterstützung sein können.
Letztendlich ist die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur gemeinsam bewältigt werden kann. Die deutlichen Worte der Volksanwältin zum Weltfrauentag 2025 sind ein wichtiger Beitrag zu dieser Diskussion und hoffentlich ein Anstoß für konkrete Verbesserungen. Denn eines ist klar: Jede Frau hat das Recht auf ein Leben ohne Gewalt - und dieses Recht muss endlich umfassend verwirklicht werden.