<p>Die österreichische Energiewirtschaft schlägt Alarm: Während die Branche Milliarden in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren soll, drohen politische Eingriffe in den Strommarkt diese Vorhabe...
Die österreichische Energiewirtschaft schlägt Alarm: Während die Branche Milliarden in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren soll, drohen politische Eingriffe in den Strommarkt diese Vorhaben zu gefährden. Beim ersten Trendforum von Oesterreichs Energie in diesem Jahr machten Experten deutlich, dass gut gemeinte Preisregulierungen ungewollte Nebenwirkungen haben können – mit fatalen Folgen für die Versorgungssicherheit.
Im Zentrum der Diskussion steht die sogenannte Merit Order – jenes marktwirtschaftliche Prinzip, das bestimmt, welche Kraftwerke zu welchem Zeitpunkt Strom produzieren. Michael Strugl, Präsident von Oesterreichs Energie, verteidigte das System vehement: "Wenn eine Mangellage hohe Preise auslöst, ist das zunächst ein Preissignal und nicht automatisch ein Beleg für Marktversagen." Diese Aussage trifft den Kern einer Debatte, die seit der Energiekrise 2022 die österreichische und europäische Energiepolitik prägt.
Die Merit Order funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Die günstigsten Kraftwerke speisen zuerst ins Netz ein, teure Anlagen kommen nur bei hoher Nachfrage zum Zug. Der Preis für alle wird jedoch vom teuersten benötigten Kraftwerk bestimmt – dem sogenannten Grenzkraftwerk. In Krisenzeiten, wenn teure Gaskraftwerke benötigt werden, steigen somit die Preise für alle Stromerzeuger, auch für günstige erneuerbare Energien.
Lion Hirth, renommierter Energieökonom von der Berliner Hertie School, räumte bei der Veranstaltung mit weit verbreiteten Mythen auf: "Die Merit Order ist total normal und nichts Exotisches. Sie ist schlicht die Angebotskurve, wie wir sie aus vielen anderen Güter-Märkten kennen." Diese Klarstellung ist wichtig, denn in der öffentlichen Debatte wird das System oft als künstliches, politisches Konstrukt dargestellt.
Besonders eindringlich warnte Hirth vor den Folgen politischer Markteingriffe: "Wer die Preisbildung am Strommarkt manipuliert, senkt nicht die Kosten, er verschiebt sie und erhöht die Risiken für die Versorgungssicherheit." Diese Warnung ist nicht von der Hand zu weisen: Werden Strompreise künstlich gedrückt, fehlen den Energieunternehmen die Mittel für dringend notwendige Investitionen in neue Anlagen und Netze.
Alternative Preismodelle, wie das oft diskutierte "Pay-as-bid"-Verfahren, seien laut Hirth keine Lösung: "Pay-as-bid klingt nach einem Ausweg, ändert aber am Ergebnis wenig: Unternehmen passen ihre Gebote an. Der Preis folgt weiterhin den Grenzkosten." Auch Marktsegmentierungen, bei denen billige erneuerbare Energien von teuren Gaskraftwerken getrennt würden, führten zu neuen Problemen: "Eine Aufteilung des Marktes in billige Erneuerbare und teure Gaskraftwerke klingt verlockend. Praktisch führt das direkt zu Zuteilungs- und Rationierungsfragen."
Ein wichtiger Aspekt, der in der politischen Debatte oft übersehen wird: Subventionen und Preisdeckel kosten Geld. Hirth stellte klar: "Wenn wir den Börsenpreis künstlich drücken, zahlen wir die Rechnung oft an anderer Stelle: Über Fördermechanismen steigt dann automatisch die Steuerlast." Damit wird deutlich, dass vermeintlich günstigerer Strom am Ende über Umwege doch von den Bürgern finanziert wird – nur eben über Steuern statt über die Stromrechnung.
Die Grundwahrheit bleibe bestehen: "Strom gibt es nicht umsonst: Wind und Sonne schicken keine Rechnung, das ist schon richtig. Aber Anlagen, Netze, Speicher und Backup-Kapazitäten müssen finanziert werden." Diese Finanzierung erfolgt letztendlich immer über die Verbraucher – entweder direkt über Strompreise oder indirekt über staatliche Förderungen.
Patricia Neumann, Vorstandsvorsitzende von Siemens AG Österreich und Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung, brachte die Perspektive der energieintensiven Industrie ein. Ihre Botschaft: "Energie ist für die Industrie ein zentraler Wettbewerbsfaktor, aber nicht der einzige. Entscheidend sind ebenso Planbarkeit, regulatorische Verlässlichkeit und ein Rahmen, der Investitionen nicht laufend in Frage stellt."
Diese Aussage ist von besonderer Bedeutung für Österreichs Wirtschaftsstandort. Unternehmen wie die voestalpine, Lenzing oder zahlreiche Papier- und Chemiebetriebe sind auf verlässliche Energiepreise angewiesen. Ständige politische Eingriffe schaffen Unsicherheit und können Investitionsentscheidungen verzögern oder verhindern.
Positiv sieht Neumann die Nachfrage nach Effizienzlösungen: "Wir sehen starken Rückenwind: Unsere Kunden fragen Elektrifizierung und Effizienzlösungen aktiv nach. Technologie ist ein Hebel, den wir sofort nutzen können." Dieser Trend bietet Chancen für österreichische Technologieunternehmen, die Lösungen für die Energiewende entwickeln.
Allerdings fehle eine koordinierte Strategie: "Was mir fehlt, ist eine gemeinsame, ganzheitliche Linie für Österreich und Europa. Wenn wir Kompetenzen bündeln und Partikularinteressen zurückstellen, können wir schneller zu Lösungen kommen, die Standort und Versorgungssicherheit stärken."
Karina Knaus von der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) unterstrich die Bedeutung der europäischen Marktintegration. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: "Berechnungen zufolge sprechen wir immerhin von 34 Milliarden Euro pro Jahr an gesamtwirtschaftlichen Nutzen, die der grenzüberschreitende Strommarkt bringt."
Diese Summe resultiert aus verschiedenen Effekten: Österreich kann günstigen Wasserkraftstrom exportieren, wenn die Speicher voll sind, und teuren Strom aus anderen Ländern importieren, wenn die heimische Produktion nicht ausreicht. Ohne diesen Handel wären die Preisschwankungen deutlich größer.
Besonders in Krisenzeiten zeigt sich der Wert der europäischen Integration: "Auch in Zukunft wird es wichtig sein, den gemeinsamen Markt zu nutzen, um die Krisenresilienz sicherzustellen." So konnte Österreich während der Energiekrise 2022 zeitweise Strom aus Deutschland und anderen Nachbarländern beziehen, als die heimische Wasserkraft aufgrund der Trockenheit weniger produzierte.
Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA, stellte die soziale Dimension in den Vordergrund: "Die zentrale Frage ist immer, ob Energie für die Menschen in diesem Land leistbar ist und bleibt." Diese Perspektive ist berechtigt: Die Energiepreise waren 2022 und 2023 ein wesentlicher Inflationstreiber und haben besonders einkommensschwache Haushalte belastet.
Teiber verwies auf konkrete Maßnahmen: "Die Energiepreise waren in den letzten Jahren ein massiver Treiber der Inflation und haben die Herausforderungen bei Kaufkraft und Wettbewerbsfähigkeit deutlich verschärft. Andere Länder haben gezeigt, dass Regulierung und gezielte Eingriffe Preisspitzen wirksam abfedern können."
Als positive Entwicklung sieht sie das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz: "Mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz und dem Sozialtarif ist ein wichtiger Schritt gelungen. Erstmals ist das öffentliche Interesse an niedrigen Energiepreisen ausdrücklich gesetzlich verankert." Der Sozialtarif soll einkommensschwachen Haushalten einen vergünstigten Stromtarif ermöglichen.
Teiber verteidigte staatliche Markteingriffe: "Die Senkung der Elektrizitätsabgabe und der geplante Industriestrompreis zeigen: Staatliche Eingriffe sind kein Tabu, sondern ein legitimes Instrument, um Kaufkraft und Standort zu stärken." Diese Position steht im direkten Gegensatz zu den Warnungen der Energieökonomen vor Marktverzerrungen.
Der geplante Industriestrompreis, der energieintensiven Unternehmen günstigen Strom garantieren soll, ist dabei besonders umstritten. Kritiker befürchten, dass dadurch Wettbewerbsverzerrungen entstehen und andere Stromkunden die Rechnung zahlen müssen.
Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, warnte vor vorschnellen Systemänderungen: "Das Marktdesign funktioniert. Änderungen können unerwünschte Folgen haben – auch für die Versorgungssicherheit, wenn nicht mehr investiert wird." Diese Warnung ist vor dem Hintergrund der ambitionierten Klimaziele besonders relevant: Bis 2030 soll Österreichs Stromverbrauch bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden.
Dafür sind massive Investitionen nötig: Neue Windkraftanlagen, Photovoltaik-Parks, Wasserkraftwerke und vor allem der Ausbau der Stromnetze. Schmidt betonte, dass die Branche "an machbaren Lösungen immer konstruktiv mitarbeiten" werde, plädierte aber für andere Instrumente als Markteingriffe.
Im europäischen Vergleich steht Österreich nicht schlecht da: "Österreich liegt sowohl bei Industriestrompreisen als auch bei Verbraucherpreisen im europäischen Mittelfeld." Diese Einordnung relativiert die Dramatik der aktuellen Preisdebatte.
Die österreichische Energiewirtschaft steht vor enormen Herausforderungen: Bis 2030 müssen etwa 30 Terawattstunden zusätzliche erneuerbare Stromerzeugung installiert werden. Das entspricht etwa der halben aktuellen österreichischen Stromproduktion. Die dafür nötigen Investitionen belaufen sich auf geschätzte 15 bis 20 Milliarden Euro.
Gleichzeitig müssen die Stromnetze massiv ausgebaut werden, um die schwankende Produktion von Wind und Sonne zu integrieren. Austrian Power Grid, der größte österreichische Netzbetreiber, plant allein Investitionen von über 3 Milliarden Euro bis 2030.
Diese Investitionen können nur getätigt werden, wenn die Unternehmen Vertrauen in stabile Rahmenbedingungen haben. Ständige politische Eingriffe in die Preisbildung untergraben dieses Vertrauen und können die Energiewende verzögern.
Die Diskussion beim Trendforum macht deutlich: Österreichs Energiezukunft hängt von einem schwierigen Balanceakt ab. Einerseits braucht es funktionierende Märkte, die Investitionsanreize schaffen und eine effiziente Stromversorgung gewährleisten. Andererseits müssen auch soziale Aspekte berücksichtigt und extreme Preisausschläge abgefedert werden.
Die Lösung liegt vermutlich nicht in einem Entweder-oder, sondern in intelligenten Kompromissen: Gezielte Unterstützung für einkommensschwache Haushalte, befristete Kriseninterventionen und gleichzeitig stabile Rahmenbedingungen für Investoren. Dabei wird entscheidend sein, dass alle Beteiligten – Politik, Energiewirtschaft und Verbraucher – die Komplexität des Energiesystems verstehen und respektieren.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob dieser Balanceakt gelingt. Von seinem Erfolg hängt nicht nur die Erreichung der Klimaziele ab, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Österreich und das Vertrauen der Bürger in die Energiewende.