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Ökonomische Gewalt: Frauen mit Behinderungen besonders gefährdet

5. März 2026 um 08:25
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<p>Zum Internationalen Frauentag rückt eine erschreckende Realität in den Fokus: Frauen mit Behinderungen sind überdurchschnittlich stark von ökonomischer Gewalt betroffen. Mit 22,20 Prozent sind sie

Zum Internationalen Frauentag rückt eine erschreckende Realität in den Fokus: Frauen mit Behinderungen sind überdurchschnittlich stark von ökonomischer Gewalt betroffen. Mit 22,20 Prozent sind sie deutlich häufiger armuts- und ausgrenzungsgefährdet als andere Bevölkerungsgruppen. Der Österreichische Behindertenrat, die Interessensvertretung Ninlil und FmB schlagen Alarm und fordern strukturelle Reformen, um diese mehrfache Diskriminierung zu beenden.

Was bedeutet ökonomische Gewalt bei Behinderungen?

Ökonomische Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen ist ein komplexes Phänomen, das weit über klassische Gewaltdefinitionen hinausgeht. Es handelt sich um eine Form der Kontrolle und Machtausübung, die sich durch systematische Beschränkung der finanziellen Selbstbestimmung manifestiert. Diese Art der Gewalt zeigt sich konkret darin, dass betroffene Frauen an der wirtschaftlichen Eigenständigkeit gehindert werden, ihnen der Zugang zu existenzsichernden Einkommen verwehrt wird oder sie in unbezahlte Pflege- und Betreuungsarbeit gedrängt werden.

Der Begriff „ökonomische Gewalt" umfasst verschiedene Formen der finanziellen Kontrolle: Das Vorenthalten von Geld für den Lebensunterhalt, die Verweigerung des Zugangs zu Bankkonten oder wichtigen Dokumenten, das Verhindern einer Berufstätigkeit oder Ausbildung sowie die Isolation durch finanzielle Abhängigkeit. Bei Frauen mit Behinderungen kommt erschwerend hinzu, dass sie oft auf zusätzliche Unterstützungsleistungen angewiesen sind, was ihre Vulnerabilität erhöht.

Mehrfache Diskriminierung als Verstärker

Die Situation von Frauen mit Behinderungen ist durch das Phänomen der Intersektionalität geprägt – sie erfahren Diskriminierung sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch aufgrund ihrer Behinderung. Diese doppelte Benachteiligung verstärkt ihre Gefährdung durch ökonomische Gewalt erheblich. Während Männer mit Behinderungen oder Frauen ohne Behinderungen jeweils nur eine Form der strukturellen Benachteiligung erleben, müssen sich Frauen mit Behinderungen gegen beide Diskriminierungsformen zur Wehr setzen.

Alarmierende Zahlen aus der österreichischen Realität

Die aktuellen Statistiken zeichnen ein düsteres Bild der Lebensrealität von Frauen mit Behinderungen in Österreich. Mit 22,20 Prozent ist ihr Anteil an armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Personen signifikant höher als in anderen Bevölkerungsgruppen. Diese Zahl wird noch dramatischer, wenn man sie in den europäischen Kontext einordnet: Der EU-weite Durchschnitt für Menschen mit Behinderungen liegt bei etwa 28,4 Prozent, wobei Frauen überproportional betroffen sind.

In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass in Österreich schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Frauen mit Behinderungen von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind. Diese Frauen leben häufig mit weniger als 1.328 Euro monatlich – der aktuellen Armutsgefährdungsschwelle für Einpersonenhaushalte in Österreich. Viele müssen mit deutlich weniger auskommen, da sie auf Mindestpensionen oder Behindertenleistungen angewiesen sind.

Arbeitsmarkt-Barrieren als Hauptursache

Der erschwerte Zugang zum Arbeitsmarkt stellt das Hauptproblem für die ökonomische Selbstständigkeit von Frauen mit Behinderungen dar. Strukturelle Barrieren beginnen bereits bei der Ausbildung und setzen sich im gesamten Erwerbsleben fort. Viele Arbeitsplätze sind nicht barrierefrei gestaltet, was den Zugang für Menschen mit körperlichen Behinderungen erheblich erschwert. Gleichzeitig führen Vorurteile von Arbeitgebern dazu, dass Frauen mit Behinderungen bei Bewerbungen benachteiligt werden.

Wenn sie dennoch einen Arbeitsplatz finden, arbeiten viele Frauen mit Behinderungen in Teilzeit – oft nicht aus freien Stücken, sondern aufgrund mangelnder Unterstützungsstrukturen oder gesundheitlicher Einschränkungen. Dies führt zu niedrigeren Einkommen und geringeren Pensionsansprüchen, was die langfristige finanzielle Sicherheit zusätzlich gefährdet. Die durchschnittlichen Einkommen von Frauen mit Behinderungen liegen deutlich unter jenen von Männern mit Behinderungen und Frauen ohne Behinderungen.

Stimmen aus der Praxis: Expertinnen schlagen Alarm

Manuela Lanzinger, Vizepräsidentin des Österreichischen Behindertenrats, bringt die Problematik auf den Punkt: „Es müssen barrierefreie Zugänge zu Ausbildung und Arbeit sowie geschlechtsspezifisch angepasste Förderungen geschaffen werden, um fair bezahlte Teilhabe am Arbeitsmarkt von Frauen mit Behinderungen zu ermöglichen." Ihre Forderung unterstreicht die Notwendigkeit struktureller Reformen, die über Einzelmaßnahmen hinausgehen müssen.

Heidemarie Egger, Co-Vorsitzende der Interessensvertretung FmB, macht die emotionalen Auswirkungen deutlich: „Geld ist ein Thema für uns Frauen mit Behinderungen, das uns Angst macht. Durch das Leben mit Behinderungen und das Leben als Frau ist es für uns mehrfach schwierig, ökonomische Sicherheit zu haben." Diese Aussage verdeutlicht, wie sehr die finanzielle Unsicherheit das tägliche Leben betroffener Frauen prägt.

Isabell Naronnig vom Verein Ninlil, die die Frauen-Peer-Beratung leitet, berichtet aus der direkten Beratungsarbeit: „Existenzängste stehen oft im Mittelpunkt unserer Beratungen mit Frauen mit Behinderungen. Finanzielle Unabhängigkeit ist ein wichtiger Faktor, um selbstbestimmt leben zu können." Diese Erfahrung aus der praktischen Arbeit bestätigt die strukturellen Probleme auf individueller Ebene.

Bürokratische Hürden verstärken die Problematik

Ein oft übersehener Aspekt der ökonomischen Benachteiligung von Frauen mit Behinderungen sind die komplexen bürokratischen Strukturen in Österreich. Die föderale Organisation der Sozialsysteme führt dazu, dass Unterstützungsleistungen von verschiedenen Stellen beantragt und koordiniert werden müssen. Dies kostet nicht nur Zeit und Energie, sondern schafft auch zusätzliche Barrieren für Menschen, die bereits mit den Herausforderungen einer Behinderung konfrontiert sind.

Die Beantragung von Leistungen wie Pflegegeld, Rehabilitation oder beruflicher Unterstützung kann sich über Monate hinziehen. In dieser Zeit sind betroffene Frauen oft auf familiäre Unterstützung oder andere Formen der Abhängigkeit angewiesen, was ihre Vulnerabilität für ökonomische Gewalt erhöht. Manuela Lanzinger kritisiert diese Situation: „Ein Leben als Frau mit Behinderungen zu organisieren, kostet viel Zeit und Energie. Die föderalen und bürokratischen Strukturen schaffen zusätzlich Barrieren."

Vergleich mit anderen europäischen Ländern

Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Österreich bei der Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt noch erheblichen Aufholbedarf hat. In Skandinavien, besonders in Schweden und Norwegen, liegt die Erwerbsquote von Frauen mit Behinderungen deutlich höher. Diese Länder haben früh in barrierefreie Arbeitsplätze investiert und umfassende Unterstützungssysteme entwickelt, die eine selbstständige Lebensführung ermöglichen.

Deutschland hat mit dem Bundesteilhabegesetz wichtige Reformen eingeleitet, die mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen ermöglichen. Die Schweiz setzt verstärkt auf inklusive Bildung und berufliche Integration. Österreich hingegen ist noch stark von segregativen Strukturen wie Werkstätten und Sondereinrichtungen geprägt, die eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt erschweren.

Care-Arbeit als versteckter Faktor

Ein weiterer wichtiger Aspekt der ökonomischen Benachteiligung von Frauen mit Behinderungen ist ihre häufige Rolle als Caregiverinnnen. Viele Frauen mit Behinderungen übernehmen unbezahlte Pflege- und Betreuungsarbeit für Familienangehörige, obwohl sie selbst Unterstützung benötigen würden. Diese Doppelbelastung macht es ihnen nahezu unmöglich, einer regulären Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Die Gesellschaft erwartet von Frauen traditionell, dass sie sich um andere kümmern – diese Erwartung wird bei Frauen mit Behinderungen oft verstärkt, da angenommen wird, sie hätten aufgrund ihrer eigenen Einschränkungen ohnehin weniger Möglichkeiten am Arbeitsmarkt. Diese Zuschreibung führt zu einer Spirale der ökonomischen Abhängigkeit, aus der sich viele Betroffene nur schwer befreien können.

Auswirkungen auf die Altersvorsorge

Die prekäre Arbeitsmarktsituation von Frauen mit Behinderungen hat langfristige Folgen für ihre Altersvorsorge. Niedrige oder unterbrochene Erwerbseinkommen führen zu geringen Pensionsansprüchen. Viele Frauen mit Behinderungen sind im Alter auf die Ausgleichszulage angewiesen, die derzeit bei 1.000,48 Euro monatlich liegt. Diese geringe Summe reicht kaum für ein würdiges Leben, geschweige denn für die oft höheren Kosten, die durch eine Behinderung entstehen.

Lösungsansätze und notwendige Reformen

Um die Situation von Frauen mit Behinderungen zu verbessern, sind umfassende strukturelle Reformen notwendig. Die Expertinnen fordern zunächst barrierefreie Zugänge zu Bildung und Ausbildung. Dies bedeutet nicht nur physische Barrierefreiheit, sondern auch die Bereitstellung von Unterstützungsleistungen wie Gebärdensprachdolmetschung oder Lernassistenz.

Geschlechtsspezifisch angepasste Förderungen sind ein weiterer wichtiger Baustein. Diese sollten die besonderen Herausforderungen berücksichtigen, denen Frauen mit Behinderungen gegenüberstehen, wie etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Überwindung geschlechtsspezifischer Vorurteile. Mentoring-Programme und gezielte Unterstützung beim Berufseinstieg können dabei helfen, bestehende Barrieren abzubauen.

Existenzsichernde Unterstützungsleistungen sind ebenfalls unverzichtbar. Diese sollten so gestaltet sein, dass sie Selbstständigkeit fördern statt Abhängigkeit zu schaffen. Das persönliche Budget, das Menschen mit Behinderungen mehr Kontrolle über ihre Unterstützung gibt, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Finanzbildung als Empowerment-Instrument

Ein oft übersehener Aspekt ist die Finanzbildung für Frauen mit Behinderungen. Viele haben aufgrund ihrer Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt wenig Erfahrung mit finanziellen Entscheidungen. Programme zur Finanzbildung können dabei helfen, Kompetenzen aufzubauen und das Selbstvertrauen im Umgang mit Geld zu stärken. Dies ist besonders wichtig, um sich gegen ökonomische Gewalt zur Wehr setzen zu können.

Rolle der Zivilgesellschaft und Beratungsstellen

Organisationen wie der Österreichische Behindertenrat, Ninlil und FmB spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung betroffener Frauen. Sie bieten nicht nur Beratung und Unterstützung, sondern setzen sich auch politisch für strukturelle Veränderungen ein. Ihre Peer-Beratung ist besonders wertvoll, da sie von Menschen geleistet wird, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Die Vernetzung dieser Organisationen ermöglicht es, ein umfassendes Unterstützungsnetzwerk aufzubauen. Dabei geht es nicht nur um die Beratung in akuten Krisensituationen, sondern auch um präventive Maßnahmen und die Stärkung der Selbstbestimmung betroffener Frauen.

Präventionsarbeit gegen ökonomische Gewalt

Präventionsarbeit beginnt mit der Aufklärung über die verschiedenen Formen ökonomischer Gewalt. Viele Betroffene erkennen zunächst nicht, dass sie Gewalt erleben, da ökonomische Kontrolle oft subtil ausgeübt wird. Informationskampagnen und Schulungen können dabei helfen, das Bewusstsein zu schärfen und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Internationale Menschenrechte und österreichische Verpflichtungen

Österreich hat als Vertragsstaat der UN-Behindertenrechtskonvention und der Istanbul-Konvention völkerrechtliche Verpflichtungen, Frauen mit Behinderungen vor Gewalt zu schützen und ihre gleichberechtigte Teilhabe zu gewährleisten. Die aktuelle Situation zeigt jedoch, dass diese Verpflichtungen noch nicht ausreichend umgesetzt werden.

Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat Österreich bereits mehrfach aufgefordert, mehr für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu tun. Besondere Kritik gab es für die nach wie vor segregativen Strukturen im Bildungs- und Arbeitsbereich.

Zukunftsperspektiven und notwendige Investitionen

Die Verbesserung der Situation von Frauen mit Behinderungen erfordert erhebliche Investitionen in Bildung, Arbeitsmarktintegration und Unterstützungsstrukturen. Experten schätzen, dass für eine umfassende Reform mehrere hundert Millionen Euro notwendig wären. Diese Investitionen würden sich jedoch langfristig auszahlen, da mehr Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten und weniger auf Sozialleistungen angewiesen wären.

Technologische Entwicklungen können dabei helfen, neue Möglichkeiten der Teilhabe zu schaffen. Assistive Technologien, barrierefreie digitale Arbeitsplätze und neue Formen der flexiblen Arbeit können Barrieren abbauen und neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen.

Die Bewältigung der ökonomischen Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen ist nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch ein wirtschaftlicher Imperativ. Eine inklusive Gesellschaft, die alle ihre Mitglieder zur Teilhabe befähigt, ist letztendlich auch eine produktivere und innovativere Gesellschaft. Der Weg dorthin ist noch weit, aber mit dem nötigen politischen Willen und gesellschaftlichen Engagement durchaus erreichbar. Die Zeit zum Handeln ist jetzt – für eine Zukunft, in der alle Frauen, unabhängig von ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung, ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben führen können.

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