Die politische Landschaft Österreichs verliert einen Visionär, der 18 Jahre lang die Geschicke Oberösterreichs lenkte
Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck ist verstorben. Der ÖVP-Politiker prägte Oberösterreich fast zwei Jahrzehnte lang und galt als Brückenbauer über Parteigrenzen hinweg.
Österreich trauert um eine seiner prägendsten politischen Persönlichkeiten der Zweiten Republik: Josef Ratzenböck, der von 1977 bis 1995 als Landeshauptmann die Geschicke Oberösterreichs leitete, ist verstorben. Mit seinem Tod verliert das Land nicht nur einen langjährigen Spitzenpolitiker, sondern auch einen Menschen, der für seine ausgleichende Art und seinen unermüdlichen Einsatz für die Bürgerinnen und Bürger seines Heimatbundeslandes bekannt war.
Josef Ratzenböck gehörte zu jener Generation österreichischer Politiker, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg aufbauten und in eine prosperierende Zukunft führten. Seine 18-jährige Amtszeit als Landeshauptmann von Oberösterreich stellt eine der längsten Regierungsperioden in der Geschichte des Bundeslandes dar. In dieser Zeit setzte er entscheidende Weichen für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Region.
Bundeskanzler und ÖVP-Bundesparteiobmann Christian Stocker würdigte den Verstorbenen mit bewegenden Worten: „Mit Josef Ratzenböck verliert unser Land eine große Persönlichkeit, die stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Menschen hatte und ihr Wohl ins Zentrum seines Handelns gestellt hat." Diese Charakterisierung spiegelt das Bild wider, das viele Zeitgenossen von Ratzenböck zeichnen – einen Politiker, der trotz seiner hohen Position nie den Kontakt zur Bevölkerung verlor.
Was Josef Ratzenböck von vielen seiner politischen Zeitgenossen unterschied, war sein frühzeitiges Erkennen der Bedeutung europäischer Zusammenarbeit. Lange bevor Österreich 1995 der Europäischen Union beitrat, setzte sich der oberösterreichische Landeshauptmann für eine verstärkte Kooperation mit den europäischen Nachbarn ein. Diese vorausschauende Haltung prägte nicht nur seine Amtszeit, sondern beeinflusste auch die weitere politische Entwicklung des Bundeslandes.
Besonders bemerkenswert ist, dass Ratzenböck sein Engagement für Europa auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik fortsetzte. Bis ins hohe Alter blieb er ein überzeugter Befürworter der europäischen Integration und scheute sich nicht, seine Meinung zu aktuellen politischen Fragen kundzutun.
Die Jahre zwischen 1977 und 1995 waren für Oberösterreich eine Zeit des Wandels und des Wachstums. Unter der Führung von Josef Ratzenböck entwickelte sich das Bundesland zu einem der wirtschaftlich stärksten Regionen Österreichs. Die Industrieachse entlang der Donau wurde ausgebaut, der Technologiestandort gestärkt und gleichzeitig die ländlichen Regionen nicht vernachlässigt.
Ratzenböcks Politik war geprägt von einem ausgewogenen Ansatz, der verschiedene Interessen miteinander in Einklang zu bringen versuchte. Diese Fähigkeit zum Ausgleich wurde auch von politischen Gegnern anerkannt und respektiert. Es gelang ihm, breite Allianzen zu schmieden und auch in schwierigen Zeiten den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren.
ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti betonte in seiner Würdigung besonders die verbindende Art des verstorbenen Altlandeshauptmanns: „Josef Ratzenböck war eine prägende Persönlichkeit, die über Jahrzehnte hinweg die Volkspartei und ihr politisches Wirken mitgestaltet und stets das Gemeinsame vor das Trennende gestellt hat."
Diese Charakterisierung trifft den Kern dessen, was Ratzenböcks politischen Stil ausmachte. In einer Zeit zunehmender Polarisierung und politischer Grabenkämpfe erinnert sein Vermächtnis daran, dass konstruktive Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg möglich und notwendig ist. Seine „Politik des Miteinanders" wurde nicht nur innerhalb der eigenen Partei, sondern auch von politischen Mitbewerbern geschätzt.
Die lange Amtszeit Josef Ratzenböcks wäre ohne das Vertrauen der oberösterreichischen Bevölkerung nicht möglich gewesen. Bei mehreren Landtagswahlen konnte er die absolute Mehrheit für die ÖVP sichern oder verteidigen – ein Erfolg, der in der österreichischen Landespolitik nicht selbstverständlich ist. Diese breite Zustimmung war das Ergebnis einer Politik, die sich an den konkreten Bedürfnissen der Menschen orientierte.
Ratzenböck verstand es, die großen politischen Linien mit den alltäglichen Sorgen der Bürgerinnen und Bürger zu verbinden. Ob es um Fragen der Infrastruktur, der Bildung oder der wirtschaftlichen Entwicklung ging – er vermittelte stets den Eindruck, die Anliegen seiner Landsleute ernst zu nehmen und nach Lösungen zu suchen.
Mit dem Tod von Josef Ratzenböck geht eine Ära zu Ende. Er gehörte zu den letzten aktiven Zeitzeugen einer politischen Generation, die Österreich in der Nachkriegszeit prägte und das Land zu dem machte, was es heute ist. Sein Wirken wird in zahlreichen Institutionen, Projekten und Initiativen weiterleben, die unter seiner Ägide entstanden sind.
Bundeskanzler Stocker versicherte: „Wir werden Josef Ratzenböck und seinen Leistungen für die Republik stets ein ehrendes Andenken bewahren." Diese Worte drücken aus, was viele empfinden, die den Verstorbenen kannten oder von seiner Politik profitierten. Sein Engagement für Oberösterreich und Österreich insgesamt wird nicht vergessen werden.
Die Reaktionen auf den Tod des Altlandeshauptmanns zeigen, dass Josef Ratzenböck tatsächlich über Parteigrenzen hinweg respektiert wurde. Politische Weggefährten und ehemalige Kontrahenten gleichermaßen würdigen sein Lebenswerk und seinen Beitrag zur österreichischen Politik. Diese parteiübergreifende Anerkennung ist ein Zeugnis für die Qualität seiner politischen Arbeit.
Die Gedanken vieler Menschen sind in diesen Tagen bei der Familie und den Angehörigen des Verstorbenen. Für sie bedeutet der Verlust nicht nur das Ende einer politischen Ära, sondern vor allem den Abschied von einem geliebten Menschen. Die öffentliche Anteilnahme mag ein schwacher Trost sein, zeigt aber, wie sehr Josef Ratzenböck geschätzt wurde.
In Zeiten, in denen das Vertrauen in politische Institutionen und Akteure vielerorts schwindet, erinnert das Leben und Wirken von Josef Ratzenböck daran, dass Politik auch anders geht. Seine Bürgernähe, sein europäischer Weitblick und seine Fähigkeit zum Ausgleich können als Vorbild für kommende Politikergenerationen dienen.
Die österreichische Politiklandschaft hat mit Josef Ratzenböck einen ihrer profiliertesten Vertreter verloren. Sein Vermächtnis jedoch – die Überzeugung, dass Politik im Dienst der Menschen stehen muss und dass Zusammenarbeit wichtiger ist als Konfrontation – bleibt bestehen und mahnt zur Nachahmung.
Oberösterreich und ganz Österreich trauern um einen großen Sohn des Landes. Josef Ratzenböck wird als einer der bedeutendsten Landespolitiker der Zweiten Republik in Erinnerung bleiben.