Ein literarisches Vermächtnis der besonderen Art findet seinen Platz in Wien: Die Wienbibliothek im Rathaus hat den Vorlass von Marie-Thérèse Kerschbaumer übernommen, darunter das Schlüsselwerk "De...
Ein literarisches Vermächtnis der besonderen Art findet seinen Platz in Wien: Die Wienbibliothek im Rathaus hat den Vorlass von Marie-Thérèse Kerschbaumer übernommen, darunter das Schlüsselwerk "Der weibliche Name des Widerstands". Das 1988 erschienene Buch beleuchtet die Schicksale von sieben Wiener Frauen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag wird die österreichische Autorin am 2. Juni 2024 persönlich in der Wienbibliothek aus ihrem Werk lesen. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der weiblichen Widerstandsgeschichte in Wien dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
"Identität als Frau kann man nur finden durch Identifizierung mit der eigenen Geschichte" - dieser programmatische Satz aus Kerschbaumers Werkentwurf verdeutlicht das zentrale Anliegen ihrer literarischen Arbeit. Mit "Der weibliche Name des Widerstands" schuf die Autorin 1988 ein Werk, das weit über die Grenzen der Literatur hinauswirkte. Das Buch wurde mehrfach aufgelegt und 1989 sogar verfilmt, was seine gesellschaftliche Relevanz unterstreicht.
Das Werk stellt sieben Wiener Frauen unterschiedlichen Alters und verschiedener sozialer Herkunft in den Mittelpunkt, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Kerschbaumer bezeichnete sie als "Gedenksteine" oder "Marterln" - stellvertretend für unzählige andere Frauen, deren Schicksale lange Zeit unbeachtet blieben. Diese literarische Herangehensweise war revolutionär, da sie weibliche Perspektiven des Widerstands erstmals systematisch in den Fokus rückte.
Die Übernahme des Vorlasses durch die Wienbibliothek im Rathaus ist mehr als nur ein bibliothekarischer Akt. "Die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Frauen ist keine Ergänzung, sondern Voraussetzung für ein vollständiges Verständnis unserer Gesellschaft", betont Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Diese Aussage verdeutlicht den politischen und gesellschaftlichen Stellenwert, den die Stadt Wien der Aufarbeitung von Frauengeschichte beimisst.
Seit 2002 sammelt die Wienbibliothek kontinuierlich Teile von Kerschbaumers literarischem Archiv. Der Bestand umfasst mittlerweile eine beeindruckende Vielfalt an Dokumenten: Werknotizen, Entwürfe, verschiedene Textfassungen und Korrekturstufen, Notizhefte und -bücher, Reise- und Lektüreaufzeichnungen sowie Fotografien. Diese Materialien gewähren einen einzigartigen Einblick in Kerschbaumers Schreibwerkstatt und dokumentieren den Entstehungsprozess ihrer Werke.
Die Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus, Anita Eichinger, erklärt die wissenschaftliche Tragweite: "Der Vorlass von Marie-Thérèse Kerschbaumer eröffnet einzigartige Einblicke in die Entstehung eines Schlüsselwerks zur weiblichen Widerstandsgeschichte. Solche Bestände ermöglichen Forschung und machen zugleich deutlich, wie wichtig Archive als Orte des offenen Wissens sind."
Für Literaturwissenschaftler und Historikerinnen stellt der Nachlass eine wahre Fundgrube dar. Die verschiedenen Fassungen und Entwürfe ermöglichen es, den kreativen Prozess der Autorin nachzuvollziehen und zu verstehen, wie aus historischen Recherchen literarische Kunstwerke entstehen. Gleichzeitig dokumentieren die Materialien ein wichtiges Kapitel österreichischer Zeitgeschichte aus weiblicher Perspektive.
Die Biografie von Marie-Thérèse Kerschbaumer liest sich wie ein Roman des 20. Jahrhunderts. 1936 als Tochter einer Österreicherin und eines aus Kuba stammenden Spaniers geboren, wuchs sie unter schwierigen Bedingungen in Costa Rica und Tirol auf. Jahre der Staatenlosigkeit prägten ihre frühe Biografie und sensibilisierten sie für Themen der Ausgrenzung und Verfolgung.
Diese persönlichen Erfahrungen flossen später in ihr literarisches Werk ein. Seit 1971 ist Kerschbaumer als Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Übersetzerin tätig. Darüber hinaus engagierte sie sich als Kämpferin für Autorenrechte und setzte sich für die Verbesserung der sozialen Situation von Schriftstellern ein. Ihr Durchbruch gelang mit "Der weibliche Name des Widerstands", wofür sie 1995 mit dem renommierten Preis der Stadt Wien für Literatur ausgezeichnet wurde.
Kerschbaumers Herangehensweise an die Geschichtsschreibung war innovativ und wegweisend. Sie verband akribische historische Recherche mit literarischen Mitteln und schuf damit eine neue Form der Erinnerungsarbeit. Ihre Methode, einzelne Frauenschicksale stellvertretend für eine ganze Generation zu erzählen, wurde zum Vorbild für viele nachfolgende Werke der Zeitgeschichtsliteratur.
Die Autorin arbeitete dabei nicht nur mit schriftlichen Quellen, sondern führte auch Gespräche mit Zeitzeuginnen und deren Angehörigen. Diese mündlichen Überlieferungen flossen in ihre Texte ein und verliehen ihnen eine besondere Authentizität und emotionale Tiefe.
Die traditionelle Geschichtsschreibung über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus war lange Zeit männlich geprägt. Frauen wurden, wenn überhaupt, meist nur als Opfer dargestellt. Kerschbaumers Werk durchbrach diese Sichtweise und zeigte Frauen auch als aktive Kämpferinnen gegen das NS-Regime. Diese Perspektive war in den 1980er Jahren revolutionär und trug maßgeblich zur Erweiterung des Geschichtsbilds bei.
Die sieben porträtierten Frauen stammten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Sie repräsentierten verschiedene Formen des Widerstands: vom passiven Widerstand der Verweigerung bis hin zum aktiven Kampf in Widerstandsgruppen. Durch diese Vielfalt konnte Kerschbaumer zeigen, dass Widerstand viele Gesichter hatte und nicht nur von einer bestimmten Gesellschaftsschicht geleistet wurde.
"Der weibliche Name des Widerstands" wirkte weit über literarische Kreise hinaus. Das Buch regte Diskussionen über die Rolle der Frau in der Geschichte an und trug zur Entstehung der Frauengeschichtsforschung in Österreich bei. Schulen und Universitäten nahmen das Werk in ihre Lehrpläne auf, und es entstanden wissenschaftliche Arbeiten, die Kerschbaumers Ansätze weiterentwickelten.
Die Verfilmung von 1989 brachte die Geschichten einem noch breiteren Publikum nahe und verstärkte die gesellschaftliche Debatte über die Aufarbeitung der NS-Zeit aus weiblicher Sicht. Damit leistete Kerschbaumer einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Vergangenheitsbewältigung.
Die Übernahme des Kerschbaumer-Vorlasses reiht sich in Wiens Bemühungen ein, eine umfassende Erinnerungskultur zu pflegen. Die Stadt Wien hat in den letzten Jahren verstärkt in die Aufarbeitung ihrer Geschichte investiert und dabei besonderen Wert auf die Integration unterschiedlicher Perspektiven gelegt. Frauen-, Migrations- und Sozialgeschichte stehen dabei gleichberechtigt neben der traditionellen politischen Geschichte.
Die Wienbibliothek im Rathaus spielt in diesem Konzept eine zentrale Rolle. Als öffentliche Institution stellt sie sicher, dass wichtige historische Dokumente nicht nur bewahrt, sondern auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Der freie Zugang zu diesen Materialien entspricht dem demokratischen Bildungsauftrag der Stadt und ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, sich selbst ein Bild von der Geschichte zu machen.
Für die moderne Geschlechterforschung stellt der Kerschbaumer-Nachlass eine wichtige Quelle dar. Die Materialien dokumentieren nicht nur die Entstehung eines bedeutenden literarischen Werks, sondern auch die Entwicklung des feministischen Bewusstseins in der österreichischen Literatur. Forscherinnen können anhand der Dokumente nachvollziehen, wie sich die Wahrnehmung von Frauenrollen in den 1970er und 1980er Jahren veränderte.
Darüber hinaus bieten die Korrespondenzen Einblicke in die Netzwerke engagierter Frauen dieser Zeit. Kerschbaumer stand im Austausch mit anderen Autorinnen, Historikerinnen und Aktivistinnen, die sich ebenfalls für die Sichtbarmachung von Frauengeschichte einsetzten. Diese Verbindungen dokumentieren die Entstehung einer transnationalen feministischen Bewegung in der Literatur.
Die für den 2. Juni 2024 geplante Veranstaltung in der Wienbibliothek wird Marie-Thérèse Kerschbaumer kurz vor ihrem 90. Geburtstag eine Bühne bieten. Die Autorin wird persönlich aus ihrem Werk lesen, was angesichts ihres hohen Alters eine besondere Ehre darstellt. Stadträtin Veronica Kaup-Hasler wird die Veranstaltung eröffnen und damit die Wertschätzung der Stadt Wien für Kerschbaumers Lebenswerk zum Ausdruck bringen.
Martina Wörgötter, Leiterin des Stefan Zweig Zentrums Salzburg, wird eine Werkeinführung geben und Kerschbaumers Bedeutung für die österreichische Literatur einordnen. Wolfgang Straub von der Wienbibliothek übernimmt die Moderation und wird sicherlich interessante Details über den übernommenen Nachlass preisgeben.
Die Wahl der Wienbibliothek als Veranstaltungsort ist symbolisch bedeutsam. Hier, wo Kerschbaumers Nachlass dauerhaft bewahrt wird, schließt sich ein Kreis. Die Autorin kann erleben, wie ihr Lebenswerk institutionell gewürdigt und für die Nachwelt gesichert wird. Gleichzeitig wird durch die öffentliche Veranstaltung deutlich gemacht, dass Literatur und Geschichtsaufarbeitung keine rein akademischen Angelegenheiten sind, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen.
Die Wienbibliothek plant, Teile des Kerschbaumer-Nachlasses zu digitalisieren und online zugänglich zu machen. Dies entspricht dem Trend moderner Bibliotheken, ihre Bestände global verfügbar zu machen. Dadurch können Forscherinnen und Forscher aus aller Welt auf die Materialien zugreifen, ohne nach Wien reisen zu müssen. Gleichzeitig werden die empfindlichen Originale geschont, da weniger physische Nutzung erforderlich ist.
Die Digitalisierung wird voraussichtlich schrittweise erfolgen, wobei zunächst die wichtigsten und am häufigsten nachgefragten Dokumente bearbeitet werden. Dabei müssen urheberrechtliche Bestimmungen beachtet werden, da nicht alle Materialien bereits gemeinfrei sind. Die Wienbibliothek arbeitet eng mit den Rechteinhabern zusammen, um eine möglichst umfassende Verfügbarkeit zu gewährleisten.
Neben der reinen Archivierung plant die Wienbibliothek auch Vermittlungsaktivitäten. Schulklassen sollen die Möglichkeit erhalten, mit Originaldokumenten zu arbeiten und dabei ein Verständnis für historische Forschung zu entwickeln. Workshops für Lehrkräfte sollen zeigen, wie Kerschbaumers Werk im Geschichts- und Deutschunterricht eingesetzt werden kann.
Darüber hinaus sind Ausstellungen geplant, die verschiedene Aspekte von Kerschbaumers Werk und der Widerstandsgeschichte beleuchten. Diese sollen nicht nur in der Wienbibliothek, sondern auch in anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt gezeigt werden, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.
Die Übernahme des Kerschbaumer-Vorlasses durch die Wienbibliothek im Rathaus markiert einen wichtigen Meilenstein in der österreichischen Erinnerungskultur. Das Werk "Der weibliche Name des Widerstands" bleibt damit nicht nur als literarisches Zeugnis erhalten, sondern wird zu einem lebendigen Instrument der Geschichtsvermittlung. In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus verstummen, gewinnen solche literarischen Dokumente zusätzlich an Bedeutung. Sie halten die Erinnerung wach und mahnen künftige Generationen, die Lehren der Geschichte nicht zu vergessen. Marie-Thérèse Kerschbaumers Vermächtnis wird so Teil des kollektiven Gedächtnisses Wiens und trägt dazu bei, dass die Geschichten der vergessenen Frauen des Widerstands weiterleben.