Der frühere ÖVP-Politiker prägte das Bundesland über zwei Jahrzehnte als Landesrat und Landeshauptmann
Josef Ratzenböck, langjähriger Landeshauptmann von Oberösterreich, ist verstorben. Der ÖVP-Politiker gestaltete das Bundesland von 1973 bis 1995 maßgeblich mit.
Oberösterreich trauert um einen seiner prägendsten Landespolitiker: Josef Ratzenböck, der das Bundesland von 1977 bis 1995 als Landeshauptmann führte, ist verstorben. Der promovierte Jurist hinterlässt ein politisches Vermächtnis, das bis heute nachwirkt – von der musikalischen Bildung bis zur Wohnbaupolitik.
Die politische Karriere von Josef Ratzenböck in der oberösterreichischen Landesregierung begann bereits im Jahr 1973. Zunächst übernahm er das Amt des Kulturlandesrates, das er bis 1977 innehatte. In dieser Funktion setzte er einen Meilenstein, der bis heute die kulturelle Landschaft Oberösterreichs prägt: die Gründung des Landesmusikschulwerks.
Diese Initiative ermöglichte einer breiten Bevölkerungsschicht den Zugang zu musikalischer Ausbildung und legte den Grundstein für die lebendige Musikkultur, die Oberösterreich heute auszeichnet. Zahlreiche Musikvereine und kulturelle Einrichtungen profitieren noch immer von den damals geschaffenen Strukturen.
Im Jahr 1977 übernahm Josef Ratzenböck das höchste politische Amt des Bundeslandes. Als Landeshauptmann führte er Oberösterreich durch eine der bedeutendsten Umbruchphasen der jüngeren europäischen Geschichte. Der Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 stellte das an Tschechien grenzende Bundesland vor besondere Herausforderungen und Chancen.
Auch den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union am 1. Jänner 1995 begleitete Ratzenböck in seiner Funktion als Landeshauptmann. Die Integration in den europäischen Binnenmarkt bedeutete für die oberösterreichische Wirtschaft, insbesondere für die exportorientierte Industrie, einen Wendepunkt.
Während seiner 18-jährigen Amtszeit als Landeshauptmann setzte Ratzenböck klare Schwerpunkte in verschiedenen Politikfeldern:
ÖVP-Klubobmann August Wöginger würdigte den Verstorbenen als Politiker, der es verstanden habe, Menschen inhaltlich abzuholen und Lösungen zu finden. Ratzenböck habe Politik als Handwerk begriffen, das dem Land, den Regionen und den Menschen diene.
Was Josef Ratzenböck von vielen anderen Landespolitikern seiner Zeit unterschied, war seine konsequente Orientierung an den Bedürfnissen der Bevölkerung. Der promovierte Jurist verstand es, komplexe politische Entscheidungen so zu kommunizieren, dass sie für die Bürgerinnen und Bürger nachvollziehbar wurden.
Diese Bürgernähe war kein bloßes politisches Kalkül, sondern entsprach seinem Verständnis von Politik als Dienst an der Gemeinschaft. In einer Zeit, in der politische Kommunikation noch nicht von sozialen Medien geprägt war, pflegte Ratzenböck den direkten Kontakt mit den Menschen in allen Regionen Oberösterreichs.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Landeshauptmanns im Jahr 1995 zog sich Josef Ratzenböck nicht aus dem öffentlichen Leben zurück. Von 1996 bis 2017 – also über mehr als zwei Jahrzehnte – stand er dem Seniorenbund Oberösterreich als Obmann vor.
In dieser Funktion setzte er sich für die Anliegen der älteren Generation ein und blieb seinem Grundsatz treu, Politik als Dienst an den Menschen zu verstehen. Das Engagement für den Seniorenbund zeigte, dass Ratzenböck auch nach seiner Zeit in der Landesregierung aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft mitwirken wollte.
Das politische Wirken von Josef Ratzenböck erstreckte sich somit über mehr als vier Jahrzehnte – von seinen Anfängen in der Landesregierung 1973 bis zu seinem Rückzug aus der Führung des Seniorenbundes 2017. In all diesen Jahren blieb er seiner Linie treu und handelte nach eigenem Bekunden stets im Sinne der Bevölkerung.
Die Nachricht vom Tod Josef Ratzenböcks löste in der oberösterreichischen und österreichischen Politik Betroffenheit aus. ÖVP-Klubobmann August Wöginger sprach der Familie des Verstorbenen sein Beileid aus: Die Gedanken seien in diesen Stunden des Schmerzes bei seiner Frau Anneliese, seinen Kindern und Angehörigen.
Wöginger betonte, dass man Josef Ratzenböck stets ein ehrendes Andenken bewahren werde. Der Verstorbene habe Oberösterreich entscheidend geprägt und gestaltet – ein Vermächtnis, das in vielen Bereichen des Bundeslandes bis heute sichtbar sei.
Die Bedeutung von Josef Ratzenböck für Oberösterreich lässt sich nicht allein an Amtsjahren oder politischen Entscheidungen messen. Sein Vermächtnis zeigt sich in den Strukturen, die er geschaffen hat und die bis heute Bestand haben.
Das Landesmusikschulwerk etwa, das auf seine Initiative als Kulturlandesrat zurückgeht, ist längst ein selbstverständlicher Teil der oberösterreichischen Bildungslandschaft geworden. Tausende Kinder und Jugendliche erhalten dort jährlich musikalische Ausbildung – ein direktes Ergebnis der politischen Weichenstellungen Ratzenböcks in den 1970er Jahren.
Auch in der Wohnbau- und Bildungspolitik wirken die Entscheidungen seiner Amtszeit nach. Die dezentrale Entwicklung Oberösterreichs, die Stärkung der Regionen abseits der Landeshauptstadt Linz – all das trägt die Handschrift eines Politikers, der sein Bundesland als Einheit verstand, in der alle Teile gleichermaßen Beachtung verdienen.
Mit Josef Ratzenböck verliert Oberösterreich einen Politiker, der das Bundesland in einer entscheidenden Phase seiner Geschichte geprägt hat. Sein Verständnis von Politik als Dienst an den Menschen und seine konsequente Arbeit für die Regionen bleiben als Maßstab für nachfolgende Generationen von Politikerinnen und Politikern bestehen.