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Frauen in der Musik: MDW startet neue Veranstaltungsreihe

6. März 2026 um 11:10
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Die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) setzt ein kraftvolles Zeichen für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Musikwelt. Am 10. März 2026 startet unter der Schirmherrschaft von

Die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) setzt ein kraftvolles Zeichen für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Musikwelt. Am 10. März 2026 startet unter der Schirmherrschaft von Rektorin Ulrike Sych eine neue jährliche Veranstaltungsreihe zum Internationalen Frauentag. Unter dem programmatischen Titel "Frauen...Leben" werden erstmals systematisch die Lebensrealitäten von Komponistinnen, Musikerinnen und Wissenschaftlerinnen in den Fokus gerückt - ein längst überfälliger Schritt in einer nach wie vor männlich dominierten Branche.

Pionierinnen der Musik endlich im Rampenlicht

Die Veranstaltung beleuchtet das Schaffen bedeutender Frauen der Musikgeschichte, darunter die serbische Komponistin Olga Novakovic, die österreichische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder sowie die kroatische Komponistin Dora Pejačević. Diese Namen stehen stellvertretend für unzählige Frauen, deren Beiträge zur Musikkultur jahrhundertelang übersehen oder marginalisiert wurden.

Rosa Mayreder (1858-1938) war nicht nur eine wichtige Figur der österreichischen Frauenbewegung, sondern auch eine begabte Komponistin und Librettistin. Sie schrieb das Libretto für Hugo Wolfs Oper "Der Corregidor" und komponierte selbst Lieder und Klavierstücke. Ihre theoretischen Schriften zur Geschlechterfrage prägten die feministische Diskussion ihrer Zeit nachhaltig. Mayreder kämpfte für das Frauenstudium und die rechtliche Gleichstellung - Themen, die auch heute noch relevant sind.

Dora Pejačević (1885-1923) gilt als erste professionelle Komponistin Kroatiens und des südosteuropäischen Raums. Ihre Werke umfassen Orchesterstücke, Kammermusik und Lieder, die von der Romantik bis zur Moderne reichen. Trotz ihres frühen Todes hinterließ sie ein beachtliches Œuvre von über 100 Kompositionen. Ihre Musik wurde lange Zeit vernachlässigt und wird erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt.

Strukturelle Benachteiligung in der Musikbranche

Die Initiative der MDW kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Aktuelle Studien zeigen, dass Frauen in der klassischen Musik nach wie vor unterrepräsentiert sind. In österreichischen Orchestern liegt der Frauenanteil bei etwa 40 Prozent, bei den Dirigentinnen jedoch nur bei rund 15 Prozent. Noch dramatischer ist die Situation bei Komponistinnen: Deren Werke machen weniger als fünf Prozent der aufgeführten klassischen Musik aus.

Diese Zahlen spiegeln eine jahrhundertealte Tradition wider, in der Frauen der Zugang zu musikalischer Bildung und öffentlicher Aufführung systematisch verwehrt wurde. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galten komponieren und dirigieren als "unweiblich". Frauen wurden auf die Rolle der Interpretinnen oder Musen reduziert. Die Folgen dieser historischen Ausgrenzung sind bis heute spürbar.

"Die Universität setzt sich bewusst dafür ein, die Leistungen und Perspektiven von Frauen in der Musik zu würdigen und ihre Rolle in Geschichte und Gegenwart sichtbar zu machen", betont Rektorin Ulrike Sych. Diese klare Positionierung zeigt, dass Bildungseinrichtungen eine Schlüsselrolle bei der Korrektur historischer Ungerechtigkeiten spielen können.

Wissenschaft trifft auf künstlerische Praxis

Das Programm des Aktionstags ist bewusst interdisziplinär angelegt. Ab 15 Uhr präsentieren Studierende und Wissenschaftlerinnen der MDW ihre aktuellen Forschungsarbeiten über Komponistinnen und Musikerinnen. Diese wissenschaftliche Auseinandersetzung ist von enormer Bedeutung, da sie dazu beiträgt, vergessene Biografien und Werke zu rekonstruieren und in den musikhistorischen Kanon zu integrieren.

Die Musikwissenschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Erforschung von Komponistinnen gemacht. Initiativen wie das "Archiv Frau und Musik" in Frankfurt oder das "Sophie Drinker Institut" haben systematisch Werke von Komponistinnen gesammelt, ediert und zugänglich gemacht. Diese Pionierarbeit ermöglicht es heute, ein differenzierteres Bild der Musikgeschichte zu zeichnen.

Um 18 Uhr folgt ein Gesprächskonzert, bei dem Studierende verschiedener Institute der MDW auftreten. Dabei werden sowohl Kompositionen von Frauen als auch Musik über Frauen erklingen. Diese Kombination aus Performance und Diskussion ermöglicht es dem Publikum, die theoretischen Erkenntnisse unmittelbar zu erleben und zu reflektieren.

Internationale Vorbilder und österreichische Besonderheiten

Österreich kann bei der Förderung von Frauen in der Musik auf einige positive Entwicklungen verweisen. Das Wiener Konzerthaus hat beispielsweise das Projekt "Donne – Women in Music" ins Leben gerufen, das sich ausschließlich Komponistinnen widmet. Auch die Wiener Symphoniker haben in den letzten Jahren verstärkt Werke von Komponistinnen in ihre Programme aufgenommen.

Im internationalen Vergleich zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede. Skandinavische Länder sind oft Vorreiter bei der Gleichstellung in der Musik. In Schweden liegt der Anteil von Dirigentinnen bei staatlich geförderten Orchestern bereits bei über 25 Prozent. Deutschland hat mit Initiativen wie dem "Internationalen Komponistinnenfestival" wichtige Impulse gesetzt.

Die Schweiz geht mit dem "Schweizerischen Musikrat" innovative Wege und fordert eine Quote für Komponistinnen in öffentlich geförderten Konzerten. Solche strukturellen Maßnahmen könnten auch für Österreich ein Vorbild sein, um die Sichtbarkeit von Frauen in der Musik nachhaltig zu erhöhen.

Auswirkungen auf die nächste Generation

Die neue Veranstaltungsreihe der MDW wird konkrete Auswirkungen auf die Ausbildung junger Musikerinnen haben. Wenn Studentinnen sehen, dass die Leistungen von Komponistinnen gewürdigt und erforscht werden, stärkt das ihr Selbstverständnis als künftige Gestalterinnen der Musikwelt. Role Models sind in allen Bereichen wichtig, aber besonders in traditionell männlich dominierten Feldern.

Für junge Komponistinnen bedeutet die erhöhte Sichtbarkeit ihrer Vorgängerinnen eine wichtige Ermutigung. Sie erfahren, dass sie Teil einer langen, wenn auch oft verborgenen Tradition sind. Diese historische Einbettung kann helfen, das Gefühl der Isolation zu überwinden, das viele Frauen in der Komposition erleben.

Auch männliche Studierende profitieren von einem erweiterten Kanon. Sie lernen eine vielfältigere Musikgeschichte kennen und entwickeln ein differenzierteres Verständnis für die sozialen und kulturellen Bedingungen musikalischen Schaffens. Dies trägt zu einer inklusiveren Musikkultur bei, die allen zugutekommt.

Wirtschaftliche Dimension der Gleichstellung

Die Förderung von Frauen in der Musik hat auch eine wichtige wirtschaftliche Komponente. Studien zeigen, dass gemischte Teams kreativer und innovativer sind. Dies gilt auch für Orchester, Ensembles und Kompositionskollektive. Eine vielfältigere Musiklandschaft kann neue Zielgruppen erschließen und die kulturelle Attraktivität Österreichs als Musiknation stärken.

Die Musikindustrie erkennt zunehmend das wirtschaftliche Potenzial weiblicher Kreativität. Streaming-Dienste berichten von wachsender Nachfrage nach Musik von Komponistinnen. Festivals, die sich auf Werke von Frauen spezialisieren, verzeichnen steigende Besucherzahlen. Diese Entwicklungen zeigen, dass Gleichstellung nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit ist, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Die Rolle der Medien und Kritik

Ein wichtiger Baustein für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Musik ist die Berichterstattung. Musikkritikerinnen und -kritiker haben die Macht, durch ihre Rezensionen und Artikel Aufmerksamkeit zu lenken. Wenn sie verstärkt über Komponistinnen und ihre Werke schreiben, trägt das zur Kanonbildung bei.

Social Media bietet neue Möglichkeiten der Vernetzung und Selbstdarstellung. Komponistinnen können ihre Werke direkt einem interessierten Publikum präsentieren, ohne auf traditionelle Gatekeeper angewiesen zu sein. Plattformen wie YouTube oder SoundCloud demokratisieren den Zugang zur Öffentlichkeit und ermöglichen es auch weniger bekannten Künstlerinnen, Gehör zu finden.

Zukunftsperspektiven und nachhaltige Veränderung

Die Ankündigung, dass die Veranstaltung "Frauen...Leben" den Beginn einer jährlichen Reihe darstellt, signalisiert einen langfristigen Wandel. Nachhaltige Veränderungen in der Musikwelt erfordern kontinuierliche Anstrengungen über viele Jahre hinweg. Einmalige Aktionen verpuffen oft wirkungslos, wenn sie nicht in systematische Programme eingebettet sind.

Die MDW könnte mit ihrer Initiative eine Vorbildrolle für andere Musikhochschulen im deutschsprachigen Raum übernehmen. Wenn ähnliche Veranstaltungen an der Musikhochschule Wien, der Universität Mozarteum Salzburg oder anderen Institutionen stattfinden, entsteht ein Netzwerkeffekt, der die Wirkung potenziert.

Mittelfristig ist zu erwarten, dass sich die Zusammensetzung der Lehrpläne an Musikhochschulen ändern wird. Werke von Komponistinnen werden selbstverständlicher Teil des Unterrichts werden. Studierende werden automatisch mit einer vielfältigeren Musikgeschichte aufwachsen und diese Normalität in ihre spätere berufliche Praxis mitnehmen.

Die Digitalisierung eröffnet weitere Perspektiven. Online-Archive und -Datenbanken machen es einfacher, Werke von Komponistinnen zu finden und aufzuführen. Künstliche Intelligenz kann helfen, Muster in der historischen Marginalisierung von Frauen zu erkennen und gezielte Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Ein wichtiger Schritt zur musikalischen Gerechtigkeit

Die Initiative der MDW zum Internationalen Frauentag 2026 ist mehr als eine symbolische Geste. Sie steht für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit der Musikgeschichte und der Förderung zeitgenössischer Komponistinnen. Unter der Leitung von Melanie Unseld, der renommierten Leiterin des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung, verspricht die Veranstaltung fachlich fundierte Einblicke und neue Erkenntnisse.

Der kostenlose Eintritt im Future Art Lab der MDW am Anton-von-Webern-Platz 1 macht das Angebot für alle interessierten Wienerinnen und Wiener zugänglich. Diese Niedrigschwelligkeit ist wichtig, um auch Menschen zu erreichen, die normalerweise keinen Zugang zur akademischen Musikwelt haben.

Bleibt zu hoffen, dass diese Initiative Schule macht und andere Institutionen ermutigt, ähnliche Programme zu entwickeln. Nur durch koordinierte Anstrengungen auf allen Ebenen kann die jahrhundertealte Ungleichbehandlung von Frauen in der Musik überwunden werden. Die MDW hat mit "Frauen...Leben" einen wichtigen ersten Schritt getan - nun liegt es an der Musikwelt insgesamt, diesen Weg konsequent weiterzugehen.

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