Österreichische Industrie sieht großen Wettbewerbsvorteil durch Freihandelsabkommen mit Südamerika
Das EU-Mercosur-Abkommen soll vorläufig angewendet werden. Die österreichische Industrie begrüßt den besseren Rohstoffzugang und neue Märkte.
Die Europäische Union wird das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten vorläufig anwenden. Diese Entscheidung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stößt bei der österreichischen Industrie auf große Zustimmung. Das Abkommen zwischen der EU und den vier lateinamerikanischen Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay verspricht erhebliche wirtschaftliche Vorteile für den Exportstandort Österreich.
Sigi Menz, Obmann der Bundessparte Industrie der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), wertet die Entscheidung als "Etappensieg der Vernunft und eine klare Absage an den zunehmenden Protektionismus". Seiner Ansicht nach würde eine Abschottungspolitik im Handel gerade einer exportorientierten Wirtschaft wie Österreich besonders schaden. "Handelsabkommen sind daher umso wichtiger", betont Menz die strategische Bedeutung internationaler Handelsbeziehungen.
Das Mercosur-Abkommen, das nach jahrelangen Verhandlungen endlich umgesetzt werden soll, schafft einen der größten Freihandelszonen der Welt. Mit einer Bevölkerung von über 260 Millionen Menschen in den Mercosur-Staaten eröffnet sich für europäische Unternehmen ein enormer Absatzmarkt. Gleichzeitig profitiert die EU vom Zugang zu wichtigen Rohstoffen, die für die digitale und grüne Transformation unerlässlich sind.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Abkommens werden laut WKÖ oft unterschätzt. "Die wirtschaftlichen Vorteile durch den Abbau von Handelshemmnissen, eine bessere Rohstoffversorgung und diversifizierte Lieferketten werden oft unterschätzt. Die Risiken hingegen sind geringer als dargestellt", ist Menz überzeugt. Besonders profitieren sollen Branchen wie der Maschinenbau, die Chemie- und Pharmaindustrie sowie die Automobilindustrie.
Das Abkommen sieht den schrittweisen Abbau von Zöllen vor, wodurch österreichische Produkte auf den südamerikanischen Märkten wettbewerbsfähiger werden. Umgekehrt erhalten österreichische Unternehmen besseren Zugang zu Rohstoffen und Zwischenprodukten aus Lateinamerika. Diese Diversifizierung der Lieferketten gilt als wichtiger Baustein für die Resilienz der europäischen Wirtschaft.
Besonders bedeutsam ist das Abkommen für die Rohstoffversorgung Europas. Die Mercosur-Region verfügt über reiche Vorkommen an Lithium, Kupfer, Niob und anderen Materialien, die für die Energiewende und Digitalisierung unerlässlich sind. "Mercosur stellt unter anderem deshalb eine große Chance für die exportorientierte österreichische Industrie dar, weil es nicht nur einen größeren Absatzmarkt bedeutet. Der Wirtschaftsraum bildet auch die Basis für langfristige Rohstoffpartnerschaften", erklärt Menz die strategische Dimension.
Mit Blick auf die Klimaziele der EU ist dieser bessere Rohstoffzugang von wesentlicher Bedeutung. Lithium wird für Batterien in Elektrofahrzeugen benötigt, Kupfer ist essentiell für erneuerbare Energien und die Elektrifizierung der Wirtschaft. Durch das Mercosur-Abkommen kann Europa seine Abhängigkeit von anderen Rohstofflieferanten reduzieren und die Versorgung diversifizieren.
Ein entscheidender Aspekt des Abkommens ist der zeitliche Vorsprung gegenüber anderen Wirtschaftsmächten. "Die EU ist die erste große integrierte Wirtschaftsregion mit einem umfassenden Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten. Das ist ein großer Wettbewerbsvorteil gegenüber unseren Mitbewerbern", hebt Menz hervor. Während China und die USA noch um Einfluss in Lateinamerika ringen, sichert sich Europa bereits jetzt privilegierten Marktzugang.
Dieser First-Mover-Vorteil könnte sich als entscheidend erweisen, besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. "Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das ein wichtiges und notwendiges Signal für mehr Wachstum und Arbeitsplätze", betont der Industrievertreter die konjunkturellen Effekte des Abkommens.
Trotz der grundsätzlich positiven Bewertung sind auch Schutzmaßnahmen für besonders sensible Bereiche vorgesehen. Insbesondere für die Landwirtschaft wurden Schutzmechanismen vereinbart, um europäische Produzenten vor unfairem Wettbewerb zu schützen. Diese Safeguard-Klauseln sollen verhindern, dass europäische Märkte von billigen Agrarprodukten überschwemmt werden.
Zusätzlich enthält das Abkommen Bestimmungen zu Umwelt- und Sozialstandards, die beide Seiten zur Einhaltung bestimmter Kriterien verpflichten. Diese Nachhaltigkeitskapitel sollen sicherstellen, dass der Handel nicht auf Kosten von Umwelt und Arbeitsrechten erfolgt.
Für Sigi Menz zeigt das Mercosur-Abkommen beispielhaft auf, wie Europa seine wirtschaftliche Zukunft gestalten sollte. "Die Europäische Union kann nur dann eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft haben, wenn es gelingt, Binnen- und Weltmarkt zusammenzudenken und die EU auf zwei Beinen steht: einem starken, effizienten Binnenmarkt und einer gesicherten, wettbewerbsfähigen Position auf dem Weltmarkt", formuliert er die strategische Ausrichtung.
Diese Doppelstrategie aus Binnenmarktintegration und internationaler Öffnung gilt als Schlüssel für Europas wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit im globalen Standortwettbewerb. Das Mercosur-Abkommen könnte dabei als Blaupause für weitere Handelsabkommen mit anderen Weltregionen dienen.
Die vorläufige Anwendung des Abkommens bedeutet, dass die Handelsbestimmungen bereits in Kraft treten können, bevor alle nationalen Parlamente in Europa ihre Zustimmung erteilt haben. Dieser Prozess könnte mehrere Jahre dauern, da das Abkommen in allen EU-Mitgliedsstaaten ratifiziert werden muss.
Für österreichische Unternehmen bedeutet dies, dass sie bereits jetzt von den ersten Vorteilen profitieren können. Gleichzeitig müssen sie sich auf neue Wettbewerbssituationen und veränderte Marktbedingungen einstellen. Die Wirtschaftskammer Österreich plant, ihre Mitglieder über die konkreten Auswirkungen und Möglichkeiten des Abkommens zu informieren und beim Markteintritt in Südamerika zu unterstützen.