Im Alter von 99 Jahren ist Alfred Barton, einer der prägendsten Kommunalpolitiker Wiens, verstorben. Der langjährige Bezirksvorsteher und Bezirksparteivorsitzende von Ottakring hinterlässt ein Erbe...
Im Alter von 99 Jahren ist Alfred Barton, einer der prägendsten Kommunalpolitiker Wiens, verstorben. Der langjährige Bezirksvorsteher und Bezirksparteivorsitzende von Ottakring hinterlässt ein Erbe, das den 16. Bezirk bis heute entscheidend formt. Mit der U3-Verlängerung, der Neugestaltung des Yppenviertels und unzähligen geförderten Wohnbauprojekten schuf Barton die Grundlagen für das moderne Ottakring.
Alfred Barton verkörperte über Jahrzehnte hinweg das Gesicht der Sozialdemokratie in Ottakring. Seine politische Karriere begann in einer Zeit, als der 16. Bezirk noch stark von seiner Arbeitervergangenheit geprägt war. Die Ottakringer Brauerei dominierte das Wirtschaftsleben, während weite Teile des äußeren Bezirks infrastrukturell unterentwickelt waren. Barton erkannte früh, dass nur durch mutige Infrastrukturprojekte eine nachhaltige Aufwertung des Bezirks möglich sein würde.
Als Bezirksvorsteher und Bezirksparteivorsitzender der SPÖ entwickelte er eine Vision für Ottakring, die weit über die damaligen Standards der Wiener Kommunalpolitik hinausging. Seine Handschlagqualität und sein nahbarer Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern machten ihn zu einer respektierten Persönlichkeit weit über Parteigrenzen hinweg. Diese bodenständige Art der Politikausübung wird heute noch in der Bezirksvorstehung geschätzt, wo sich regelmäßig Menschen nach seinem Wohlergehen erkundigten.
Das wohl bedeutendste Projekt in Alfred Bartons politischer Laufbahn war die U3-Verlängerung nach Ottakring. Diese Infrastrukturmaßnahme revolutionierte nicht nur die Verkehrsanbindung des 16. Bezirks, sondern löste eine Entwicklungsdynamik aus, die bis heute anhält. Die U-Bahn-Verlängerung war zu ihrer Zeit ein visionäres Projekt, das erhebliche politische Überzeugungsarbeit und strategisches Geschick erforderte.
Die Verlängerung der U3 bis zur Station Ottakring, die 1998 eröffnet wurde, verkürzte die Fahrzeiten in die Innenstadt dramatisch und machte den äußeren 16. Bezirk zu einem attraktiven Wohnstandort. Immobilienexperten bestätigen, dass die U-Bahn-Anbindung zu einer nachhaltigen Wertsteigerung der Immobilien im gesamten Einzugsbereich geführt hat. Die Station Ottakring entwickelte sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, der täglich von zehntausenden Fahrgästen genutzt wird.
Neben der Verkehrsinfrastruktur prägte Alfred Barton den 16. Bezirk maßgeblich durch seine Wohnbaupolitik. Unter seiner Amtszeit entstanden zahlreiche geförderte Wohnbauprojekte, die bis heute das Stadtbild prägen und erschwinglichen Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten bieten. Diese Projekte folgten dem sozialdemokratischen Ideal des 'Wiener Modells' des sozialen Wohnbaus, das international als Vorbild gilt.
Der geförderte Wohnbau in Wien unterscheidet sich fundamental von den Modellen anderer europäischer Städte. Während in Deutschland oder der Schweiz der soziale Wohnungsbau oft stigmatisiert ist und nur für die ärmsten Bevölkerungsschichten vorgesehen wird, verfolgt Wien einen universellen Ansatz. Etwa 60 Prozent der Wiener Bevölkerung leben in geförderten Wohnungen oder Gemeindewohnungen – ein Modell, das Segregation verhindert und sozialen Zusammenhalt fördert.
Ein weiteres wegweisendes Projekt unter Bartons Ägide war die Neugestaltung des Yppenviertels. Dieses Gebiet rund um den Yppenplatz galt lange Zeit als problematisch und vernachlässigt. Durch gezielte Stadtentwicklungsmaßnahmen, die Aufwertung des öffentlichen Raums und die Ansiedlung von Kulturinitiativen wurde das Yppenviertel zu einem der lebendigsten und kulturell vielfältigsten Stadtteile Wiens transformiert.
Heute ist das Yppenviertel bekannt für seinen multikulturellen Charakter, seine lebendige Gastronomieszene und den berühmten Brunnenmarkt, einen der größten und vielfältigsten Märkte Wiens. Diese Entwicklung war nur durch die weitsichtige Planung möglich, die bereits in den 1970er und 1980er Jahren unter Bartons Führung begonnen wurde. Der Brunnenmarkt entwickelte sich von einem regionalen Markt zu einer touristischen Attraktion, die jährlich hunderttausende Besucher anzieht.
Alfred Barton war auch ein Pionier in der Verkehrsberuhigung. Die Einrichtung der ersten Wohnstraße in Ottakring war ein revolutionärer Schritt, der das Konzept der autogerechten Stadt in Frage stellte. Wohnstraßen sind Verkehrsflächen, in denen Fußgänger und spielende Kinder Vorrang haben und der Autoverkehr nur mit Schrittgeschwindigkeit erlaubt ist.
Dieses Konzept, das heute in ganz Wien Standard ist, war in den 1970er Jahren hochumstritten. Kritiker befürchteten Verkehrschaos und wirtschaftliche Nachteile für Gewerbetreibende. Bartons Mut, neue Wege zu gehen, zahlte sich aus: Studien belegen, dass Wohnstraßen die Lebensqualität signifikant erhöhen, die Verkehrssicherheit verbessern und sogar positive Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft haben können.
Was Alfred Barton von vielen anderen Politikern unterschied, war sein Verständnis von Politik ohne Berührungsängste. Er arbeitete nicht nur für die Ottakringerinnen und Ottakringer, sondern mit ihnen gemeinsam an der Entwicklung des Bezirks. Diese partizipative Herangehensweise war für die damalige Zeit ungewöhnlich und zeugt von einem modernen Demokratieverständnis.
Susanne Haase, die aktuelle Bezirksparteivorsitzende, und Bezirksvorsteherin Stefanie Lamp würdigen diese besondere Art der Politikausübung. Die Bodenständigkeit und Authentizität Bartons machten ihn zu einem Vorbild für nachfolgende Generationen von Kommunalpolitikern. Noch Jahre nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik erkundigten sich regelmäßig Bürgerinnen und Bürger in der Bezirksvorstehung nach seinem Befinden.
Alfred Barton prägte nicht nur durch seine eigenen politischen Projekte, sondern auch durch die Förderung politischer Talente. Christian Oxonitsch, der kürzlich seine Funktion als Bezirksparteivorsitzender zurückgelegt hat, betont die wichtige Rolle, die Barton als Mentor gespielt hat. Die Begleitung junger Politiker in ihren ersten Schritten in der Kommunalpolitik war für Barton eine Herzensangelegenheit.
Diese Art der politischen Nachwuchsförderung ist charakteristisch für die österreichische Sozialdemokratie, die traditionell großen Wert auf innerparteiliche Bildung und Mentorship legt. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, wo politische Karrieren oft über Parteizentralen oder Think Tanks verlaufen, spielt in Österreich die kommunale Ebene eine zentrale Rolle für die politische Sozialisation.
Die SPÖ Ottakring steht heute vor der Herausforderung, das Erbe Alfred Bartons in einer veränderten politischen Landschaft fortzuführen. Der 16. Bezirk hat sich seit den 1970er Jahren dramatisch gewandelt: Aus einem Arbeiterbezirk ist ein multikultureller Stadtteil geworden, der sowohl etablierte Wiener Familien als auch neue Zuwanderer beherbergt.
Die aktuellen politischen Prioritäten umfassen Klimaschutz, leistbares Wohnen in einem angespannten Immobilienmarkt und die Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen. Dabei können die Grundprinzipien, die Alfred Barton verkörperte – Bürgernähe, langfristige Planung und sozialer Zusammenhalt – als Leitlinien dienen.
Der 16. Bezirk Ottakring ist mit etwa 100.000 Einwohnern einer der bevölkerungsreichsten Bezirke Wiens. Seine Entwicklung unter Alfred Bartons Führung steht exemplarisch für die erfolgreiche Transformation von Wiener Außenbezirken. Im Vergleich zu anderen Großstädten zeigt Wien, wie durch vorausschauende Kommunalpolitik Segregation vermieden und sozialer Zusammenhalt gefördert werden kann.
Während in Paris die Banlieues oder in Berlin bestimmte Stadtteile zu sozialen Brennpunkten geworden sind, hat Wien durch das Modell des sozialen Wohnbaus und die Investition in öffentliche Infrastruktur eine andere Entwicklung genommen. Die U3-Verlängerung nach Ottakring ist ein Paradebeispiel für diese Strategie: Durch die Verbesserung der Verkehrsanbindung wurde verhindert, dass sich der äußere 16. Bezirk zu einer peripheren Problemzone entwickelt.
Die von Alfred Barton mitgeprägte Wiener Kommunalpolitik findet international breite Anerkennung. Die UN-Habitat, das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, hebt Wien regelmäßig als Beispiel für nachhaltige Stadtentwicklung hervor. Besonders das Modell des sozialen Wohnbaus und die Integration von Verkehrsplanung und Stadtentwicklung gelten als vorbildlich.
In Deutschland studieren Stadtplaner das Wiener Modell intensiv, um es auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Die Schweiz hat ebenfalls Interesse an den Wiener Erfahrungen gezeigt, insbesondere in Bezug auf die Finanzierung von U-Bahn-Projekten und die Rolle der öffentlichen Hand in der Stadtentwicklung. Diese internationale Aufmerksamkeit unterstreicht die Weitsicht von Politikern wie Alfred Barton, die bereits in den 1970er Jahren Konzepte entwickelten, die heute als zukunftsweisend gelten.
Alfred Bartons 99 Lebensjahre spiegeln auch den demografischen Wandel Österreichs wider. Als er seine politische Laufbahn begann, war Österreich ein anderes Land: Die Lebenserwartung lag deutlich niedriger, die Gesellschaft war homogener, und die Herausforderungen der Urbanisierung standen erst bevor. Sein langes Leben ermöglichte es ihm, die Früchte seiner politischen Arbeit über Jahrzehnte zu verfolgen und zu evaluieren.
Die heutige Altersstruktur in Ottakring zeigt den Erfolg der von Barton initiierten Politik: Der Bezirk ist für alle Altersgruppen attraktiv geblieben, von jungen Familien bis zu Seniorinnen und Senioren. Dies ist keineswegs selbstverständlich, da viele Stadtteile europäischer Großstädte unter Gentrifizierung leiden, die bestimmte Bevölkerungsgruppen verdrängt.
Unter Alfred Bartons Führung wandelte sich auch die Wirtschaftsstruktur Ottakrings grundlegend. War der Bezirk früher stark von der Industrie geprägt – symbolisiert durch die Ottakringer Brauerei – so dominieren heute Dienstleistungen, Handel und Kreativwirtschaft. Diese Transformation gelang ohne die sozialen Verwerfungen, die in anderen Industriestädten zu beobachten waren.
Die Ottakringer Brauerei, ein historisches Wahrzeichen des Bezirks, konnte ihre Position als wichtiger Arbeitgeber behaupten und sich erfolgreich modernisieren. Gleichzeitig siedelten sich neue Unternehmen an, die von der verbesserten Infrastruktur profitieren. Das Yppenviertel entwickelte sich zu einem Zentrum für kleine Gewerbebetriebe und Kulturinitiativen, während entlang der U3-Linie moderne Bürokomplexe entstanden.
Obwohl der Begriff Nachhaltigkeit in den 1970er Jahren noch nicht die heutige Bedeutung hatte, verkörperten viele von Alfred Bartons Projekten bereits nachhaltige Prinzipien. Die Förderung des öffentlichen Verkehrs durch die U3-Verlängerung, die Schaffung von Wohnstraßen zur Verkehrsberuhigung und die kompakte Stadtentwicklung entsprechen heutigen Standards nachhaltiger Stadtplanung.
Die Energieeffizienz der unter Bartons Ägide errichteten Wohnbauten mag nach heutigen Standards verbesserungsfähig sein, doch die urbane Struktur – kurze Wege, öffentlicher Verkehr, soziale Durchmischung – ist ein wesentlicher Baustein für klimafreundliches Wohnen. Studien zeigen, dass Bewohner von dicht bebauten, gut erschlossenen Stadtteilen einen deutlich geringeren CO2-Fußabdruck haben als Menschen in suburbanen oder ländlichen Gebieten.
Alfred Barton erkannte früh die Bedeutung von Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Förderung von Kulturinitiativen im Yppenviertel und die Schaffung von Räumen für kulturelle Aktivitäten trugen wesentlich zur Identität des Bezirks bei. Diese Kulturpolitik war nicht elitär, sondern zielte auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung ab.
Der heutige Ruf Ottakrings als kulturell vielfältiger und lebendiger Bezirk basiert auf den Grundlagen, die in den 1970er und 1980er Jahren gelegt wurden. Kultureinrichtungen wie das Theater am Alsergrund, verschiedene Musikclubs und Galerien, aber auch niederschwellige Angebote in Gemeindezentren und Parks gehen auf diese Zeit zurück.
Die Nachfolgerinnen und Nachfolger Alfred Bartons stehen vor neuen Herausforderungen, die zu seiner Zeit noch nicht absehbar waren. Der Klimawandel erfordert eine Anpassung der städtischen Infrastruktur, von der Gebäudeisolierung bis zur Schaffung von Grünflächen als Kühlinseln. Die Digitalisierung verändert Arbeitswelten und Mobilitätsmuster grundlegend.
Gleichzeitig bringen Migration und kulturelle Vielfalt neue Chancen, aber auch neue Anforderungen an das Zusammenleben mit sich. Die Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen erfordert differenzierte Ansätze, die über die klassischen Instrumente der Sozialpolitik hinausgehen. Hier können die von Barton praktizierten Prinzipien der Bürgernähe und des direkten Dialogs wertvolle Orientierung bieten.
Alfred Bartons Tod markiert das Ende einer Ära in der österreichischen Kommunalpolitik. Seine Generation prägte die Nachkriegszeit und den Aufbau des modernen Österreich maßgeblich mit. Die Kontinuität seiner politischen Arbeit über Jahrzehnte hinweg ist in der heutigen, oft kurzatmigen politischen Landschaft bemerkenswert.
Für die aktuelle Generation von Kommunalpolitikerinnen und -politikern bleibt Bartons Beispiel relevant: Langfristige Visionen zu entwickeln, diese gegen Widerstände durchzusetzen und dabei stets den Dialog mit der Bevölkerung zu suchen. In einer Zeit, in der Politik oft als Spektakel inszeniert wird, zeigt sein Beispiel, dass echte Veränderungen durch beharrliche Arbeit und authentische Bürgernähe entstehen.
Die SPÖ Ottakring und der 16. Bezirk werden Alfred Bartons Vermächtnis in einer veränderten Zeit fortführen müssen. Die Grundprinzipien seiner Politik – sozialer Zusammenhalt, vorausschauende Planung und demokratische Partizipation – bleiben dabei zeitlos aktuell. Seine Vision von einer Stadt, die für alle Menschen lebenswert ist, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status, ist heute aktueller denn je.