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24-Stunden-Betreuung: Experten fordern dringend höhere Förderung

Wiener Berufszweigsprecherin warnt vor Pflegenotstand durch Abwanderung

10. April 2026 um 15:42
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Die staatliche Förderung für 24-Stunden-Betreuung ist seit 2007 kaum gestiegen. Experten fordern eine Erhöhung auf 1.600 Euro monatlich.

Die 24-Stunden-Betreuung in Österreich steht vor einem kritischen Wendepunkt. Während die Nachfrage nach häuslicher Pflege stetig steigt, warnen Branchenvertreter vor einem drohenden Betreuungsnotstand. Der Grund: Die staatliche Förderung hinkt der Kostenentwicklung seit Jahren hinterher.

Massive Unterfinanzierung der häuslichen Betreuung

Marcela Tichanek, Wiener Berufszweigsprecherin der Organisationen von Personenbetreuung, macht auf ein gravierendes Ungleichgewicht aufmerksam: Während der Staat für einen Pflegeheimplatz jährlich rund 36.540 Euro ausgibt, fließen für die 24-Stunden-Betreuung zu Hause nur etwa 8.770 Euro pro Person und Jahr.

"Das Ungleichgewicht muss vor allem in Hinblick auf die Qualitätssicherung rasch geändert werden", erklärt Tichanek. "Alle Maßnahmen, die die Qualität rund um die 24-Stunden-Betreuung absichern, kosten die betreuten Personen Geld."

Allein in Wien versorgen rund 7.400 Betreuungskräfte ihre Klientinnen und Klienten, österreichweit sind es 57.000 Menschen, die auf diese Form der Pflege angewiesen sind. Die 24-Stunden-Betreuung ist damit zu einem unverzichtbaren Baustein des heimischen Sozialsystems geworden.

Gestiegene Anforderungen erfordern mehr Qualitätssicherung

Die Betreuungssettings sind in den vergangenen Jahren deutlich komplexer geworden. Johannes Wallner von der Österreichischen Qualitätszertifizierung für Personenbetreuung (ÖQZ-24) betont: "Da die Betreuungssettings stetig anspruchsvoller geworden sind, ist die Qualität in der Personenbetreuung immer wichtiger."

Diese erhöhten Qualitätsanforderungen spiegeln sich in der notwendigen fachlichen Begleitung durch diplomierte Pflegefachkräfte wider. Was 2007, als die Personenbetreuung gesetzlich geregelt wurde, noch nicht in diesem Ausmaß erforderlich war, ist heute Standard geworden.

Vorteile zertifizierter Agenturen

Familien, die eine 24-Stunden-Betreuung suchen, erhalten bei geprüften Agenturen mit ÖQZ-24 Zertifikat wichtige Sicherheiten:

  • Vermittlung kompetenter Betreuerinnen entsprechend den spezifischen Anforderungen
  • Ersatzstellung binnen drei Tagen bei Ausfall der Betreuerin
  • Qualitätssicherung durch diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen
  • Transparenz in Verträgen und Leistungen
  • Klar definierte Rahmenbedingungen für Personenbetreuerinnen

Forderung nach mehr Mitsprache

Da über 95 Prozent der in Österreich tätigen Personenbetreuerinnen aus dem Ausland kommen, spielen die Organisationen eine wichtige Rolle als Anlaufstelle für bürokratische Fragen. Etwa 40 Prozent der selbständig tätigen Betreuerinnen arbeiten ohne Vermittlung durch Organisationen.

"Wir erheben auch den Anspruch, dass die in der Fachgruppe gewählten Vertreterinnen der Personenbetreuerinnen in all jenen Gremien vertreten sind, die über die Zukunft der 24-Stunden-Betreuung beraten", fordert Tichanek ein Mitspracherecht bei den Reformvorhaben des Sozialministeriums.

Förderung seit 2007 kaum erhöht

Das Kernproblem liegt in der seit Jahren stagnierender staatlichen Förderung. Diese wurde 2007 eingeführt und seitdem nur einmal, im Jahr 2023, von 550 Euro auf 800 Euro monatlich angehoben. "Das geht völlig an der Lebensrealität der betreuten Menschen vorbei", kritisiert Tichanek.

Die tatsächlichen Kosten für Klientinnen und Klienten liegen deutlich höher: Honorare für Betreuerinnen, Kosten für Qualitätssicherung und anteilige Ausgaben wie Verpflegung und Energie summieren sich auf bis zu 4.000 Euro monatlich.

Konkrete Forderung: 1.600 Euro monatlich

"Deshalb ist eine Erhöhung der Förderung auf zumindest 1.600 Euro ein Gebot der Stunde", so Tichanek. Mit einer derartigen Erhöhung könnten sich Klienten faire Honorare für ihre Betreuerinnen und die notwendige Qualitätssicherung durch diplomierte Pflegekräfte leisten.

"Somit liegt der Ball beim Sozialministerium, das für die Höhe der Förderung verantwortlich ist", macht die Expertin den politischen Handlungsbedarf deutlich.

Warnung vor Betreuungsnotstand

Die Folgen ausbleibender Reformen könnten gravierend sein. Tichanek warnt: "Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern, wandern Betreuungskräfte weiter verstärkt in besser bezahlende Nachbarländer wie Deutschland, Italien oder die Schweiz ab."

Bereits seit der Corona-Pandemie haben mehrere tausend Betreuungskräfte Österreich verlassen. Ohne Gegenmaßnahmen steuert das Land "sehenden Auges auf einen Pflege- und Betreuungsnotstand zu", warnt die Expertin eindringlich.

Politisches Bekenntnis gefordert

Die Branchenvertreter sehen die Politik am Zug. Wenn von prekären Bedingungen für Betreuungskräfte gesprochen wird, liege die Ursache in der zu niedrigen staatlichen Förderung, so Tichanek. Ein echtes politisches Bekenntnis zur Qualität in der 24-Stunden-Betreuung müsse sich auch in angemessener finanzieller Unterstützung widerspiegeln.

Die Zeit drängt: Mit einer alternden Gesellschaft steigt der Bedarf an häuslicher Betreuung kontinuierlich. Gleichzeitig wird es ohne strukturelle Verbesserungen immer schwieriger, qualifizierte Betreuungskräfte zu finden und zu halten. Die geforderte Erhöhung der Förderung auf 1.600 Euro monatlich wäre ein wichtiger Schritt, um das System der 24-Stunden-Betreuung zukunftsfähig zu gestalten.

Schlagworte

#24-Stunden-Betreuung#Pflege#Sozialministerium#Förderung#Qualitätssicherung

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