Expert:innen fordern verbindliche Standards und leistbare Qualität in der Personenbetreuung
Das österreichische Qualitätszertifikat für 24-Stunden-Betreuung verstärkt sein Präsidium mit prominenten Vertreter:innen aus Seniorenrat und Pflege.
Die Qualitätssicherung in der 24-Stunden-Betreuung bekommt neue Unterstützung: Das ÖQZ-24, das Österreichische Qualitätszertifikat für Personenbetreuung, hat sein unabhängiges Präsidium erweitert und mit hochrangigen Expert:innen aus verschiedenen Bereichen besetzt. Die Neuzugänge sollen dabei helfen, verbindliche Standards für Vermittlungsagenturen zu etablieren und gleichzeitig leistbare Rahmenbedingungen für Betroffene zu schaffen.
Mit Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbunds, und Birgit Gerstorfer, Präsidentin des Pensionistenverbands Österreich, verstärken zwei hochkarätige Vertreterinnen des Österreichischen Seniorenrats das ÖQZ-24-Präsidium. Diese Erweiterung unterstreicht die zentrale Bedeutung der 24-Stunden-Betreuung als unverzichtbare Säule der häuslichen Versorgung neben stationären und ambulanten Angeboten.
"Das ÖQZ-24 ist aktuell das einzige Regelwerk, welches Vermittlungsagenturen in punkto Qualitätssicherung in die Pflicht nimmt", betonen die beiden Präsidentinnen. "Ziel soll es sein, die ÖQZ-24 Richtlinien generell für alle Vermittlungsagenturen verpflichtend zu machen."
Johannes Wallner, Vorsitzender der ÖQZ-24-Zertifizierungsstelle, begrüßt zwar die aktuelle Diskussion über Qualitätssicherung, die von Bundesministerin Schumann auf die Tagesordnung der Pflegeentwicklungskommission gesetzt wurde. Gleichzeitig warnt er jedoch vor den finanziellen Konsequenzen für die Betroffenen.
"Die Einhaltung höherer Qualitätsstandards bringt jedoch auch höhere Kosten für Klient:innen in der 24-Stunden-Betreuung mit sich, die durch entsprechende Förderungen abgefedert werden müssen", erklärt Wallner. "Betreuungsbedürftige in der 24-Stunden-Betreuung tragen ohnehin schon den Großteil der Kosten selbst und stoßen damit an ihre finanziellen Grenzen."
Die aktuellen Zahlen verdeutlichen das Dilemma: Rund 30.000 betreuungs- und pflegebedürftige Personen werden derzeit zuhause von Personenbetreuer:innen versorgt. Nur etwa 21.000 von ihnen beziehen eine Förderung des Sozialministeriums. Die Anspruchsberechtigung liegt seit 2008 unverändert bei einem monatlichen Einkommen von maximal 2.500 Euro - ein Wert, der die stark gesunkene Zahl der Anspruchsberechtigten erklärt.
Yvonne Heuber, Bundesgeschäftsführerin des Vereins vidahelp, der österreichweit pflegende Angehörige berät, kennt die Probleme aus der Praxis: "Aus der täglichen Beratung wissen wir, wie überfordert viele Familien bei der Organisation der 24-Stunden-Betreuung sind. Darum braucht es transparente Qualitätskriterien und verbindliche Mindeststandards für Vermittlungsagenturen - damit seriöse Angebote gut erkennbar sind."
Diese Forderung wird durch die Tatsache untermauert, dass derzeit nur etwa 7.000 Personen von ÖQZ-zertifizierten Vermittlungsagenturen umfassend begleitet werden - ein Bruchteil aller Betreuungsverhältnisse.
Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Gesundheits- und Krankenpflegeverbands ÖGKV, hebt einen wesentlichen Vorteil ÖQZ-24-zertifizierter Agenturen hervor: die verpflichtende Einbindung der diplomierten Fachpflege. "Nur so kann gewährleistet werden, dass auch pflegerische Tätigkeiten fachgerecht übertragen und durchgeführt werden können. Damit unterstützt das ÖQZ-24 auch die rechtskonforme Umsetzung des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes."
Bibiana Kudziova, gewählte Vertreterin der etwa 10.000 in Wien gemeldeten Betreuer:innen bei der Wirtschaftskammer, ergänzt aus ihrer fast 20-jährigen Erfahrung als Betreuerin: "Damit ist auch gewährleistet, dass die Betreuer:innen bei oft schwierigen Betreuungs- und Pflegeaufgaben die nötige fachliche Anleitung und Unterstützung bekommen."
Das erweiterte Präsidium wird auch von wissenschaftlicher Seite durch Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland und Prof. (FH) Markus Golla, BScN, MScN begleitet. Ihnen liegt besonders eine regelmäßige Evaluierung der Richtlinien und des Zertifizierungsverfahrens am Herzen. Als Repräsentant der Vermittlungsagenturen fungiert Gerhard Lischka von der Wirtschaftskammer Wien, während Karin Steinberger die ÖQZ-24-Zertifizierer:innen vertritt.
Das ÖQZ-24 kann bereits auf eine beachtliche Erfolgsgeschichte zurückblicken: 2018 vom damaligen "Verein zur Förderung der Qualität in der Betreuung älterer Menschen" im Auftrag des Sozialministeriums entwickelt, fand 2019 die erste Zertifikatsverleihung durch die damalige Bundesministerin Dr. Brigitte Zarfl statt.
Mittlerweile wurden 50 Vermittlungsagenturen zertifiziert, die mehr als ein Drittel aller geförderten Betreuungsverhältnisse von Personen umfassen, die über eine Agentur ihre Betreuungskraft vermittelt bekommen. Diese Agenturen müssen strenge Kriterien erfüllen, darunter transparente Verträge, definierte Erreichbarkeiten, Ersatzstellungen bei Ausfall der Betreuungskraft und die verpflichtende Einbindung der Fachpflege.
Die Struktur des Vereins ist klar gegliedert: Das unabhängige Präsidium wacht über die korrekte Abwicklung des Zertifizierungsverfahrens und behandelt strittige Beschwerden. Der Vorstand, bestehend aus privaten und gemeinnützigen Agenturen unter dem Vorsitz eines neutralen Qualitätsexperten, verantwortet die strategische Entwicklung. Den operativen Zertifizierungsbetrieb setzen eigens eingesetzte Koordinator:innen aus den Reihen der Zertifizierer:innen um.
Mit der Erweiterung des Präsidiums um hochrangige Vertreter:innen aus Politik, Pflege und Wissenschaft setzt das ÖQZ-24 ein klares Signal für mehr Qualität in der 24-Stunden-Betreuung. Das Ziel ist ambitioniert: Die ÖQZ-24-Richtlinien sollen für alle Vermittlungsagenturen verpflichtend werden.
Gleichzeitig bleibt die Herausforderung der Finanzierung bestehen. Ohne eine Anpassung der Fördersätze und -kriterien an die gestiegenen Lebenshaltungskosten werden höhere Qualitätsstandards für viele Familien schlicht nicht leistbar bleiben. Die Politik ist gefordert, hier nachhaltige Lösungen zu finden, um qualitativ hochwertige Betreuung für alle zugänglich zu machen.
Die 24-Stunden-Betreuung hat sich als unverzichtbare Stütze der häuslichen Pflege etabliert. Mit den neuen Qualitätsstandards des ÖQZ-24 und der Unterstützung durch das erweiterte Präsidium könnte sie noch besser werden - vorausgesetzt, die Finanzierung stimmt.