Einstimmig haben alle fünf im Wiener Gemeinderat vertretenen Parteien am 25. März 2026 eine deutliche Erhöhung der Förderung für Ordensspitäler beschlossen. Die finanzielle Unterstützung steigt von
Einstimmig haben alle fünf im Wiener Gemeinderat vertretenen Parteien am 25. März 2026 eine deutliche Erhöhung der Förderung für Ordensspitäler beschlossen. Die finanzielle Unterstützung steigt von ursprünglich 131,7 Millionen Euro für 2025 auf 174 Millionen Euro für 2026 – ein Zuwachs von über 32 Prozent, der die zentrale Rolle dieser medizinischen Einrichtungen im Wiener Gesundheitssystem unterstreicht.
Ordensspitäler sind medizinische Einrichtungen, die von katholischen Ordensgemeinschaften betrieben werden und eine jahrhundertelange Tradition in der Krankenversorgung haben. In Wien erfüllen diese sieben Spitäler eine Doppelfunktion: Sie entlasten das öffentliche Gesundheitssystem und bieten gleichzeitig spezialisierte medizinische Leistungen. Zu den bekanntesten Wiener Ordensspitälern zählen das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, das Franziskus Spital, das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz und das Orthopädische Spital Speising.
Diese Einrichtungen unterscheiden sich von rein privatwirtschaftlichen Kliniken durch ihren gemeinnützigen Charakter und ihre christlich-soziale Grundhaltung. Sie sind verpflichtet, auch sozial schwächere Patienten zu behandeln und arbeiten eng mit dem öffentlichen Wiener Gesundheitsverbund zusammen. Ihre Finanzierung erfolgt durch eine Mischung aus Sozialversicherungsleistungen, Privatpatientenerlösen und eben diesen städtischen Förderungen.
Die Geschichte der Ordensspitäler in Wien reicht bis ins Mittelalter zurück. Bereits im 12. Jahrhundert gründeten Ordensgemeinschaften die ersten Hospize für Kranke und Pilger. Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder beispielsweise wurde 1614 gegründet und gilt als eine der ältesten kontinuierlich betriebenen Kliniken Europas.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Ordensspitäler einen enormen Aufschwung. Während das öffentliche Gesundheitssystem wieder aufgebaut wurde, übernahmen sie wichtige Versorgungsaufgaben. In den 1970er und 1980er Jahren modernisierten sie ihre Ausstattung und spezialisierten sich auf bestimmte Fachbereiche. Das Orthopädische Spital Speising entwickelte sich zu einem international anerkannten Zentrum für Bewegungsapparat-Erkrankungen, während andere Häuser Schwerpunkte in der Kardiologie, Onkologie oder Geriatrie setzten.
Die systematische städtische Förderung begann in den 1990er Jahren, als Wien erkannte, dass diese Spitäler einen unverzichtbaren Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten. Seither wurden die Förderbeträge kontinuierlich angepasst und 2010 erstmals eine strukturierte Fördervereinbarung geschlossen, die alle drei Jahre erneuert wird.
Im österreichweiten Vergleich nimmt Wien mit seiner Ordensspital-Förderung eine Vorreiterrolle ein. Während in anderen Bundesländern wie Oberösterreich oder der Steiermark Ordensspitäler hauptsächlich über Leistungsverträge finanziert werden, setzt Wien auf eine kombinierte Strategie aus direkter Förderung und Leistungsabgeltung.
In Deutschland erhalten kirchliche Krankenhäuser zwar ebenfalls öffentliche Unterstützung, jedoch meist nur über die regulären DRG-Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups). Die Schweiz kennt ähnliche Fördermodelle wie Wien, allerdings auf kantonaler Ebene mit deutlich geringeren Pro-Kopf-Beträgen. Mit umgerechnet etwa 90 Euro pro Wiener Einwohner jährlich liegt die Hauptstadt im europäischen Spitzenfeld der Ordensspital-Förderung.
Besonders bemerkenswert ist der parteiübergreifende Konsens in Wien. Während in anderen Städten die Förderung religiöser Einrichtungen oft kontrovers diskutiert wird, herrscht in Wien Einigkeit über den Nutzen dieser Investition. Selbst die FPÖ, die sonst kritisch gegenüber Subventionen steht, unterstützte den Beschluss vollumfänglich.
Die Erhöhung der Förderung hat direkte Auswirkungen auf die medizinische Versorgung der rund 1,9 Millionen Wienerinnen und Wiener. Mit den zusätzlichen 42,3 Millionen Euro können die Ordensspitäler ihre Kapazitäten ausbauen und Wartezeiten verkürzen. Ein konkretes Beispiel: Das Orthopädische Spital Speising kann durch die erhöhte Förderung zusätzliche Operationssäle länger betreiben und somit etwa 2.000 zusätzliche Eingriffe pro Jahr durchführen.
Für Patienten bedeutet dies kürzere Wartezeiten bei planbaren Operationen. Während die durchschnittliche Wartezeit für eine Hüftoperation im öffentlichen System derzeit bei etwa acht Wochen liegt, können Ordensspitäler diese oft auf vier bis sechs Wochen reduzieren. Bei Notfällen arbeiten alle Spitäler ohnehin im 24-Stunden-Betrieb zusammen.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Spezialisierung: Das Franziskus Spital hat sich auf minimal-invasive Chirurgie spezialisiert, das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern auf Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Diese Expertise ergänzt das allgemeine Angebot der städtischen Spitäler perfekt und bietet Patienten Zugang zu hochspezialisierten Behandlungsmethoden.
Auch für das Pflegepersonal bringt die Fördererhöhung Verbesserungen. Die Ordensspitäler können attraktivere Arbeitsbedingungen bieten, zusätzliches Personal einstellen und in die Weiterbildung investieren. Dies hilft dabei, dem allgemeinen Pflegenotstand entgegenzuwirken und die Qualität der Patientenbetreuung zu verbessern.
Die Fördervereinbarung 2026 setzt klare inhaltliche Akzente, die über die reine Finanzierung hinausgehen. Ein Hauptfokus liegt auf der Ausbildung von medizinischem Personal. Die Ordensspitäler verpflichten sich, jährlich mindestens 500 zusätzliche Ausbildungsplätze für Pflegekräfte und 150 Plätze für angehende Ärztinnen und Ärzte anzubieten.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die verstärkte Zusammenarbeit im Wiener Gesundheitsverbund. Konkret bedeutet dies, dass Ordensspitäler ihre elektronischen Patientenakten mit den städtischen Spitälern vernetzen und gemeinsame Behandlungspfade entwickeln. Ein Patient kann beispielsweise seine Voruntersuchung in einem Ordensspital machen und die Operation in einem städtischen Krankenhaus durchführen lassen, ohne dass Informationen verloren gehen.
Zur Verkürzung von Wartezeiten wurde ein innovatives Steuerungssystem entwickelt. Die Ordensspitäler erhalten zusätzliche Mittel, wenn sie Patienten aus überlasteten städtischen Spitälern übernehmen. Dies schafft finanzielle Anreize für eine gleichmäßigere Verteilung der Patientenströme und reduziert Engpässe im Gesamtsystem.
Die 174 Millionen Euro Förderung für 2026 entsprechen etwa 3,5 Prozent des gesamten Wiener Gesundheitsbudgets von rund fünf Milliarden Euro. Diese Investition generiert jedoch einen überproportionalen Nutzen: Studien zeigen, dass jeder in Ordensspitäler investierte Euro etwa 2,80 Euro an gesamtwirtschaftlichem Nutzen schafft.
Die Ordensspitäler beschäftigen zusammen rund 12.000 Menschen und sind damit bedeutende Arbeitgeber in Wien. Ihre jährliche Wirtschaftsleistung beläuft sich auf etwa 800 Millionen Euro, wovon ein Großteil in der Region bleibt. Zusätzlich ziehen sie durch ihre Spezialisierung Patienten aus ganz Österreich und dem Ausland an, was dem Wiener Medizintourismus zugutekommt.
Die städtische Förderung wirkt dabei als Hebel: Sie ermöglicht es den Ordensspitälern, zusätzliche Mittel aus EU-Förderprogrammen, Spenden und Eigenkapital zu mobilisieren. Experten schätzen, dass auf jeden öffentlichen Förder-Euro weitere 1,50 Euro aus privaten Quellen kommen.
Trotz der positiven Entwicklung stehen die Wiener Ordensspitäler vor erheblichen Herausforderungen. Der demografische Wandel führt zu einer steigenden Nachfrage nach medizinischen Leistungen, während gleichzeitig der Fachkräftemangel zunimmt. Bis 2030 wird erwartet, dass Wien etwa 15.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt.
Die Digitalisierung erfordert millionenschwere Investitionen in neue IT-Systeme und Medizintechnik. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenschutz und Cybersicherheit. Die Ordensspitäler müssen ihre jahrhundertealten Traditionen mit modernster Technologie verbinden – eine komplexe Aufgabe, die erhebliche Ressourcen bindet.
Klimaschutz wird ebenfalls zu einem wichtigen Thema. Die Spitäler müssen ihre CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent reduzieren und gleichzeitig ihre Leistungen ausbauen. Dies erfordert Investitionen in energieeffiziente Gebäudetechnik, nachhaltige Mobilität und umweltfreundliche Medizinprodukte.
Langfristig planen die Ordensspitäler den Ausbau ihrer ambulanten Versorgung. Bis 2030 sollen 30 neue Ambulatorien entstehen, die eine wohnortnahe Grundversorgung bieten. Diese dezentrale Struktur soll die großen Spitäler entlasten und die Versorgung in den Außenbezirken verbessern.
Der einstimmige Beschluss aller fünf Gemeinderatsfraktionen – SPÖ, NEOS, GRÜNE, ÖVP und FPÖ – ist in der Wiener Gesundheitspolitik bemerkenswert. Selten herrscht bei einem so großen Finanzvolumen parteiübergreifender Konsens. Dies zeigt, dass die Ordensspitäler über alle politischen Lager hinweg als unverzichtbar angesehen werden.
SPÖ-Gemeinderätin Andrea Mautz, die als Vorsitzende des Ausschusses für Soziales, Gesundheit und Sport den Beschluss federführend begleitet hat, betonte die Bedeutung dieser Geschlossenheit: „Wenn es um die Gesundheit der Wienerinnen und Wiener geht, darf es kein parteipolitisches Hick-Hack geben." Diese Aussage spiegelt einen pragmatischen Zugang zur Gesundheitspolitik wider, der sachliche Notwendigkeiten über ideologische Differenzen stellt.
Der Beschluss sendet auch ein Signal an andere österreichische Städte und Länder. Wien zeigt, dass eine enge Partnerschaft zwischen öffentlichem und kirchlichem Sektor im Gesundheitswesen funktionieren kann, ohne dass weltanschauliche Differenzen die Patientenversorgung beeinträchtigen.
Die erhöhte Förderung ist Teil einer umfassenden Gesundheitsstrategie, die Wien bis 2030 verfolgt. Das Ziel ist ein integriertes Versorgungssystem, das öffentliche, private und konfessionelle Anbieter optimal vernetzt. Die Ordensspitäler spielen dabei eine Schlüsselrolle als Brücke zwischen dem öffentlichen System und der privaten Medizin.
Konkret bedeutet dies, dass Patienten in Zukunft nahtlos zwischen verschiedenen Anbietern wechseln können. Eine elektronische Gesundheitsakte wird alle relevanten Informationen zentral speichern und berechtigten Ärzten zur Verfügung stellen. Terminbuchungen sollen über eine einheitliche Plattform möglich werden, die automatisch den nächstmöglichen Termin beim passenden Anbieter vermittelt.
Auch in der medizinischen Forschung werden die Ordensspitäler stärker eingebunden. Sie sollen mit der Medizinischen Universität Wien und dem AKH gemeinsame Forschungsprojekte durchführen und ihre spezialisierten Patientendaten für wissenschaftliche Studien zur Verfügung stellen – natürlich unter Einhaltung aller Datenschutzbestimmungen.
Die neue Fördervereinbarung schafft somit nicht nur finanzielle Planungssicherheit, sondern legt den Grundstein für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem, das die Stärken aller Akteure optimal nutzt. Wien unterstreicht damit einmal mehr seinen Anspruch, eine der lebenswertesten Städte der Welt zu sein – auch und gerade im Bereich der Gesundheitsversorgung.