Neues Projekt NachbarschaftsKultur bündelt ehrenamtliches Engagement für ältere Menschen über Gemeindegrenzen hinweg
Im Waldviertel schließen sich 31 Gemeinden zusammen, um mit 600 Ehrenamtlichen die Nachbarschaftshilfe für ältere Menschen zu koordinieren und auszubauen.
Ein wegweisendes Projekt für den sozialen Zusammenhalt im ländlichen Raum nimmt im niederösterreichischen Waldviertel Fahrt auf: Mit der Gründung des Vereins NachbarschaftsKultur bündeln 31 Gemeinden ihre Kräfte, um ehrenamtliche Unterstützung für ältere Menschen künftig gemeindeübergreifend zu organisieren. Die offizielle Vertragsunterzeichnung zwischen der Kulturregion Niederösterreich und dem neuen Verein markiert den Startschuss für eine Initiative, die das Miteinander im Waldviertel nachhaltig stärken soll.
Das Besondere an NachbarschaftsKultur: Der Verein führt drei bereits bewährte Projekte unter einem Dach zusammen. In den vergangenen Jahren wurden in den beteiligten Gemeinden die Initiativen "Nachbarschaftshilfe Plus" und "DAVNE" von drei unterschiedlichen Trägervereinen erfolgreich umgesetzt. Diese gewachsenen Strukturen und Erfahrungen fließen nun in die neue Organisation ein, was Synergien schafft und die regionale Zusammenarbeit auf eine neue Qualitätsstufe hebt.
"Durch das Projekt wird nicht nur die Nachbarschaft von Menschen gestärkt, sondern auch das nachbarschaftliche Miteinander der Gemeinden gefördert", erklärt Günter Schalko, der als Obmann den neu gegründeten Verein leitet. Damit spricht er einen wesentlichen Aspekt an: NachbarschaftsKultur überwindet administrative Grenzen und ermöglicht eine flexible Hilfestellung dort, wo sie gebraucht wird – unabhängig davon, in welcher Gemeinde jemand wohnt.
Die Leistungen von NachbarschaftsKultur sind vielfältig und orientieren sich an den tatsächlichen Bedürfnissen älterer Menschen im Waldviertel. Zu den Kernangeboten zählen:
Die Zahlen belegen den Bedarf eindrucksvoll: Durchschnittlich nehmen rund 850 Personen pro Jahr die Angebote in Anspruch. Damit schließt NachbarschaftsKultur wichtige Lücken im bestehenden sozialen Netzwerk – Lücken, die durch den demografischen Wandel und die Ausdünnung von Infrastruktur im ländlichen Raum entstanden sind.
Das Herzstück von NachbarschaftsKultur sind die rund 600 Freiwilligen, die sich derzeit im Verein engagieren. Gemeinsam bewältigen sie mehr als 6.500 Buchungen pro Jahr – wobei ein Einsatz oft mehrere Dienste umfasst. Ein Besuch beim Hausarzt beispielsweise verbindet den Fahrdienst mit Begleitung und manchmal einem anschließenden Kaffeeplausch.
Bemerkenswert ist das Profil der Ehrenamtlichen: Die nachbarschaftlichen Hilfestellungen werden überwiegend von Personen nach dem Erwerbsleben erbracht. Menschen, die selbst Zeit haben und diese sinnvoll einsetzen wollen, engagieren sich für jene, die Unterstützung brauchen. Ein Generationenvertrag der besonderen Art, der auf Gegenseitigkeit und Wertschätzung beruht.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor von NachbarschaftsKultur ist das flexible Engagementmodell. Ehrenamtliche können sich punktgenau entsprechend ihrer eigenen zeitlichen und persönlichen Möglichkeiten einbringen. Wer nur einmal pro Woche Zeit hat, ist ebenso willkommen wie jemand, der mehrere Dienste übernehmen kann. Diese Niederschwelligkeit macht es leichter, den Schritt ins Ehrenamt zu wagen.
Allerdings erfordert diese Flexibilität auch professionelle Koordination. Die Mitarbeiterinnen des Vereins begleiten die Freiwilligen, informieren sie über Einsätze und sorgen dafür, dass Angebot und Nachfrage zusammenfinden. Diese Struktur unterscheidet NachbarschaftsKultur von informeller Nachbarschaftshilfe und macht das Projekt skalierbar.
"Die Dankbarkeit der Menschen ist die größte Motivation für mich, bei NachbarschaftsKultur ehrenamtlich aktiv zu sein", berichtet Christine Steindl aus Waldhausen. Ihre Aussage steht stellvertretend für viele Freiwillige, die im direkten Kontakt mit den Unterstützten eine tiefe Befriedigung finden.
Die Bedeutung von Initiativen wie NachbarschaftsKultur wird auch von der Wissenschaft unterstrichen. Der Altersforscher Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland von der Universität Wien betont: "Gerade im höheren Alter ist es zentral, neue Menschen kennenzulernen. Das ist eine wesentliche Säule, um gesund zu bleiben."
Die Forschung zeigt seit Jahren, dass soziale Isolation im Alter erhebliche gesundheitliche Risiken birgt – vergleichbar mit klassischen Risikofaktoren wie Rauchen oder Bewegungsmangel. Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Initiativen, die ältere Menschen aus der Isolation holen und in soziale Netzwerke einbinden, leisten damit einen direkten Beitrag zur Gesundheitsvorsorge.
NachbarschaftsKultur setzt genau hier an: Die Angebote ermöglichen nicht nur praktische Unterstützung im Alltag, sondern schaffen vor allem Gelegenheiten für menschliche Begegnungen. Der Fahrdienst wird zum Gespräch, der Besuchsdienst zum regelmäßigen sozialen Kontakt, die Veranstaltung zum Ort neuer Bekanntschaften.
Auch die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner würdigt das Projekt als Beispiel für gelebte Solidarität: "NachbarschaftsKultur zeigt, wie viel Kraft im freiwilligen Engagement und in regionaler Zusammenarbeit steckt. Wenn Menschen füreinander da sind und Gemeinden gemeinsam Verantwortung übernehmen, entsteht gelebte Solidarität."
Mikl-Leitner betont dabei besonders den Aspekt des selbstbestimmten Lebens im Alter: "Genau dieses Miteinander brauchen wir, um älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben in ihrer gewohnten Umgebung zu ermöglichen." Damit spricht sie einen Wunsch an, den Umfragen regelmäßig als zentrales Anliegen älterer Menschen identifizieren: So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden und der vertrauten Umgebung bleiben zu können.
Das Waldviertel steht wie viele ländliche Regionen Österreichs vor besonderen demografischen Herausforderungen. Die Bevölkerung altert, junge Menschen ziehen in die Städte, die Infrastruktur wird ausgedünnt. Hausärzte, Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel werden weniger – gleichzeitig steigt der Bedarf an Unterstützung für ältere Menschen.
In diesem Spannungsfeld gewinnen ehrenamtliche Strukturen an Bedeutung. Sie können zwar professionelle Pflege und Betreuung nicht ersetzen, aber sie können eine wichtige Brückenfunktion übernehmen: Sie unterstützen dort, wo professionelle Hilfe noch nicht nötig oder nicht verfügbar ist, und sie entlasten pflegende Angehörige.
Die gemeindeübergreifende Organisation von NachbarschaftsKultur trägt der Realität des ländlichen Raums Rechnung: Nicht jede kleine Gemeinde kann alle Angebote vorhalten, aber gemeinsam lässt sich ein flächendeckendes Netz spannen. Die Bündelung von Ressourcen macht das System effizienter und stabiler.
Mit der Gründung von NachbarschaftsKultur setzt das Waldviertel ein Zeichen, das über die Region hinaus Beachtung finden dürfte. Die Kombination aus ehrenamtlichem Engagement, professioneller Koordination und gemeindeübergreifender Organisation könnte als Modell für andere ländliche Regionen dienen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Entscheidend für den langfristigen Erfolg wird sein, ob es gelingt, kontinuierlich neue Ehrenamtliche zu gewinnen und die professionellen Strukturen dauerhaft zu finanzieren. Auch die Frage, wie das Angebot mit dem steigenden Bedarf einer alternden Bevölkerung Schritt halten kann, wird die Verantwortlichen in den kommenden Jahren beschäftigen.
Für die 31 beteiligten Gemeinden und die Menschen, die von NachbarschaftsKultur profitieren, ist der Start des Vereins jedenfalls ein Grund zur Zuversicht. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt oft als gefährdet gilt, zeigt das Waldviertel, dass Solidarität und Nachbarschaftshilfe keine Relikte der Vergangenheit sind – sondern lebendige Praxis mit Zukunft.