Neue Studie zeigt: 70% aller Volksbefragungen zu Investitionsprojekten scheitern
Seit 2019 lehnen Österreicher in 70% der Volksbefragungen Bauprojekte ab. Nur Windkraft findet mehrheitlich Zustimmung.
Österreichs Bürger zeigen sich bei direktdemokratischen Entscheidungen zu Bauprojekten mehrheitlich ablehnend. Das belegt eine aktuelle Analyse der clavis Kommunikationsberatung GmbH, die 66 Volks- und Bürgerbefragungen zwischen 2019 und 2025 ausgewertet hat. Das Ergebnis ist eindeutig: 46 Entscheidungen – mehr als zwei Drittel – endeten mit einer Ablehnung der vorgeschlagenen Projekte.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Seit 2019 scheiterten 70 Prozent aller Volksbefragungen oder Volksabstimmungen zu Bau- und Investitionsprojekten in Österreich. Nur 20 der 66 analysierten Entscheidungen gingen im Sinne der Projektwerber aus. Diese Entwicklung zeigt eine kontinuierliche Skepsis der österreichischen Bevölkerung gegenüber größeren Infrastruktur- und Bauprojekten.
"Werden komplexe Projekte auf eine Ja/Nein-Entscheidung zugespitzt, führt das zwangsläufig zu Polarisierung und Emotionalisierung", erklärt Ulrich Müller, Geschäftsführer von clavis. "Wer Volksbefragungen als neutrales Legitimationsinstrument versteht, unterschätzt das politische und rechtliche Risiko."
Im vergangenen Jahr 2025 fanden österreichweit acht Volks- und Bürgerbefragungen zu Bauprojekten statt. Fünf davon endeten negativ, drei positiv. Besonders auffällig ist jedoch die Qualität der Zustimmung: Zwei der drei positiven Entscheidungen – beide betrafen Tourismus- und Hotelprojekte in Tirol (Going und Oetz) – wurden nur mit Mehrheiten von knapp über 50 Prozent erzielt.
"Selbst dort, wo Projekte Zustimmung erhalten, ist diese oft politisch fragil. Die Mehrheit ist formell vorhanden, aber gesellschaftlich kaum abgesichert", analysiert Müller diese Entwicklung. Die knappen Ergebnisse zeigen, dass auch erfolgreiche Projekte auf wackligen Beinen stehen und gesellschaftlicher Konsens schwer zu erreichen ist.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die Windkraft: Sie bleibt seit 2019 die einzige Kategorie mit mehrheitlich zustimmenden Ergebnissen. Von insgesamt 23 Windkraft-Befragungen gingen zwölf positiv aus. Damit ist Windkraft das am häufigsten zur Abstimmung gestellte Thema und gleichzeitig das erfolgreichste.
Dennoch ist auch hier ein Wandel erkennbar: Zwei negative Windkraft-Befragungen im Jahr 2025 in Reinbach und Schenkenfelden (beide Oberösterreich) zeigen, dass selbst bei erneuerbaren Energien die Zustimmung nicht mehr automatisch gegeben ist. Andere erneuerbare Energieprojekte – insbesondere Photovoltaik-, Biomasse- und Wasserkraftvorhaben – wurden in den vergangenen Jahren nahezu durchgehend abgelehnt.
Die regionale Verteilung der Volksbefragungen zeigt interessante Muster: Die meisten direktdemokratischen Entscheidungen seit 2019 fanden in Niederösterreich statt – 29 Befragungen, davon 19 Ablehnungen. Das entspricht einer Ablehnungsquote von etwa 66 Prozent.
In Tirol wurden zwölf Befragungen durchgeführt, wobei im vergangenen Jahr erstmals zwei Projekte positiv ausgingen – ein bemerkenswerter Trend für das Bundesland. Oberösterreich weist mit sechs von acht negativen Entscheidungen eine Ablehnungsquote von 75 Prozent auf.
Besonders skeptisch zeigen sich die Bürger in Vorarlberg und Salzburg: Beide Bundesländer weisen seit Beginn der Erhebung eine hundertprozentige Ablehnungsquote bei jeweils drei Volksentscheiden auf. In der Steiermark und im Burgenland endeten jeweils vier von sechs Entscheidungen negativ. Wien fällt aus der Statistik heraus – dort fand seit 2019 keine entsprechende Befragung statt.
Neben der politischen Herausforderung gewinnt auch die rechtliche Unsicherheit an Bedeutung. Mehrere Volksbefragungen wurden in den letzten Jahren vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben, was zusätzliche Komplexität in die ohnehin schwierigen Entscheidungsprozesse bringt.
Prominente Beispiele sind die Abstimmung zum S-Link in Salzburg sowie die Windkraft-Befragung in Kärnten. Auch die Volksbefragung zu Windkraftanlagen in Waidhofen an der Thaya wurde nachträglich als gesetzwidrig beurteilt. Diese rechtlichen Aufhebungen hatten zwar nicht zwingend Auswirkungen auf die konkrete Projektumsetzung, sie verdeutlichen jedoch ein wachsendes Problem.
"Volksbefragungen sind nicht nur politisch konfliktträchtig, sondern zunehmend auch rechtlich angreifbar", warnt Müller vor dieser Entwicklung. Die juristische Unsicherheit erschwert die Planbarkeit von Projekten zusätzlich und kann zu jahrelangen Verzögerungen führen.
Die clavis-Analyse zeigt deutlich auf, dass spät angesetzte Volksbefragungen das Risiko für Projekte erheblich erhöhen. Die Polarisierung, die durch die Zuspitzung auf eine einfache Ja/Nein-Entscheidung entsteht, erschwert sachliche Diskussionen und führt oft zu emotionalisierten Debatten.
Als Alternative empfiehlt das Beratungsunternehmen frühzeitige dialogische Beteiligungsformate. Bürgerforen, kooperative Planungsprozesse oder moderierte Diskussionsrunden können Konflikte bereits in frühen Projektphasen identifizieren und bearbeiten. Solche Formate ermöglichen es, verschiedene Interessen und Bedenken ernst zu nehmen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Für Projektentwickler und politische Entscheidungsträger bedeuten diese Erkenntnisse eine grundlegende Neubewertung ihrer Kommunikationsstrategie. Die hohe Ablehnungsquote zeigt, dass technische Argumente und wirtschaftliche Vorteile allein nicht ausreichen, um die Bevölkerung zu überzeugen.
Vielmehr müssen Ängste und Bedenken der Bürger von Beginn an ernst genommen und in den Planungsprozess einbezogen werden. Transparente Kommunikation, frühzeitige Information und die Möglichkeit zur Mitgestaltung können dazu beitragen, die Akzeptanz für notwendige Infrastrukturprojekte zu erhöhen.
Die Ergebnisse des clavis-Volksbefragungsbarometers werfen grundsätzliche Fragen zur Rolle der Direktdemokratie in Österreich auf. Während demokratische Beteiligung grundsätzlich positiv zu bewerten ist, zeigt die hohe Ablehnungsquote auch die Grenzen von Volksbefragungen bei komplexen technischen Projekten.
Die zunehmenden rechtlichen Anfechtungen verstärken dieses Problem zusätzlich. Sie schaffen Unsicherheit für alle Beteiligten und können dazu führen, dass wichtige Infrastrukturprojekte – etwa im Bereich der erneuerbaren Energien – verzögert oder ganz verhindert werden.
Gleichzeitig zeigen die Tiroler Beispiele, dass positive Entscheidungen möglich sind – allerdings nur mit sehr knappen Mehrheiten. Dies deutet darauf hin, dass eine bessere Einbindung der Bevölkerung in Planungsprozesse und eine verbesserte Kommunikation durchaus Erfolg haben können.
Die Herausforderung für die Zukunft wird darin bestehen, die demokratischen Beteiligungsrechte der Bürger mit der Notwendigkeit wichtiger Infrastrukturprojekte in Einklang zu bringen. Dabei könnten neue Formate der Bürgerbeteiligung eine wichtige Rolle spielen – Formate, die über das einfache Ja oder Nein hinausgehen und echte Mitgestaltung ermöglichen.