Vier Jahre Krieg bedeuten permanenten Ausnahmezustand für das ukrainische Gesundheitssystem
Tägliche Angriffe auf Krankenhäuser, fehlendes Personal und zerstörte Infrastruktur - wie österreichische Hilfe Leben in der Ukraine rettet.
Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine arbeitet das ukrainische Gesundheitssystem im permanenten Krisenmodus. Tägliche Drohnen- und Raketenangriffe treffen nicht nur Wohngebiete und die Energieversorgung, sondern zunehmend auch medizinische Einrichtungen. Stromausfälle, beschädigte Infrastruktur und unterbrochene Lieferketten verschärfen die ohnehin dramatische Lage - besonders während der Wintermonate.
"Vier Jahre Krieg bedeuten vier Jahre Ausnahmezustand für Patientinnen und Patienten ebenso wie für das medizinische Personal. Krankenhäuser operieren unter Beschuss, mit beschädigter Infrastruktur und oft unter extremen Bedingungen. Unsere Aufgabe ist es, genau dort zu unterstützen, wo Hilfe über Leben und Tod entscheidet", erklärt Andreas Balog, Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes Österreichs.
Die Lage des ukrainischen Gesundheitssystems ist dramatisch. Mariia Kravchenko, Ärztin und Gesundheitsbeauftragte des Samariterbundes in der Ukraine, kennt die Situation aus nächster Nähe. Von 2022 bis 2024 lebte sie mit ihrer Tochter in Deutschland, nachdem sie vor den Bombardierungen geflohen war. Als ihre Tochter volljährig wurde, kehrte sie in ihre Heimat zurück. "Ich hielt es nicht aus. Ich wollte wieder helfen. Mein Land braucht mich", erklärt die Medizinerin.
Das ukrainische Gesundheitssystem kämpft mit einem dramatischen Personalmangel, veralteter Ausstattung und fehlenden finanziellen Mitteln. Gleichzeitig hat sich das Krankheitsspektrum massiv verändert: Kriegsverletzungen, komplexe Traumata, stressbedingte Herzinfarkte und zunehmend schwere Erkrankungen bei Kindern bestimmen den Alltag in den Krankenhäusern.
Besonders betroffen sind die Bereiche Notfall- und Intensivmedizin, Chirurgie, Traumatologie, Kardiologie und Onkologie. Auch die Rehabilitation und Betreuung von Menschen mit Behinderungen stehen vor enormen Herausforderungen.
In frontnahen Gebieten bleiben oft nur ein bis zwei Minuten zwischen Luftalarm und Einschlag. Operationssäle haben mit Platten vernagelte Fenster, medizinisches Personal und Patienten sind permanenter Gefahr ausgesetzt. Viele Fachkräfte sind geflüchtet oder stehen an der Front. Dennoch geben die medizinischen Teams nicht auf und kämpfen täglich um das Leben ihrer Patienten.
Die Arbeitsbedingungen sind für europäische Verhältnisse unvorstellbar: Während draußen Raketen einschlagen, führen Chirurgen lebensrettende Operationen durch. Die psychische Belastung für das gesamte medizinische Personal ist enorm, doch die Versorgung der Bevölkerung hat oberste Priorität.
Gemeinsam mit "Nachbar in Not" stellt der Samariterbund seit Kriegsbeginn dringend benötigte medizinische Ausstattung, Rehabilitationsmittel und technische Infrastruktur bereit. Wie konkret diese Unterstützung wirkt, zeigt ein besonders eindrücklicher Fall aus der Ukraine.
Ein 16-jähriger Junge wurde bei einem Drohnenangriff schwer verletzt. Ein Projektil drang durch seinen Oberkörper und blieb nahe der Hauptschlagader stecken. Der chirurgische Eingriff war hochriskant und hätte ohne moderne Ausstattung nicht durchgeführt werden können.
"Möglich wurde die Operation dank der gespendeten modernen Ausstattung - darunter ein neuer OP-Tisch, OP-Lampen mit Monitor- und Aufzeichnungsmodul sowie ein Gerät zur Gefäßversiegelung, das den Blutverlust deutlich reduziert", berichtet Mariia Kravchenko. Der Junge überlebte dank dieser Technologie.
Moderne chirurgische Technik erhöht nicht nur die Überlebensraten, sondern reduziert auch Komplikationen und ermöglicht Diagnosen, die zuvor unmöglich waren. Videotechnologie erlaubt es zudem, während Operationen Expertinnen und Experten aus anderen Krankenhäusern zuzuschalten - ein entscheidender Vorteil in einem Land, in dem viele Spezialisten nicht mehr verfügbar sind.
Neben der Spitalsversorgung ist auch der Rettungsdienst massiv gefordert - besonders in Regionen, in denen die Infrastruktur regelmäßig ausfällt. In der Region Lviv wurde daher ein neues, autarkes Funkkommunikationssystem bereitgestellt.
Das System sorgt für eine zuverlässige Koordination von Rettungseinsätzen - auch bei Stromausfällen, Blackouts oder direkten Angriffen auf die Infrastruktur. Besonders in schwer zugänglichen und ländlichen Regionen verbessert die Technologie die Reaktionszeiten deutlich und erhöht die Sicherheit von Patienten und medizinischem Personal.
Da Mobilfunknetze häufig ausfallen oder gezielt angegriffen werden, ist die stromunabhängige Funkkommunikation oft die einzige stabile Verbindung zwischen Leitstelle und Einsatzkräften. Notrufe können weiterhin rasch weitergeleitet, Standorte präzise bestimmt und lebensrettende Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden.
Ein aktueller Fall aus einem abgelegenen Bergdorf zeigt die Wirkung der neuen Technologie: Trotz ausgefallenem Mobilfunknetz konnte ein Rettungsteam per Funk alarmiert werden und einem Patienten mit akuten Herzproblemen rechtzeitig helfen. Das neue Kommunikationssystem leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur medizinischen Versorgung in besonders gefährdeten Gebieten.
Die österreichische Hilfe kommt gezielt dort an, wo sie am dringendsten benötigt wird. Der Samariterbund unterstützt verschiedene Einrichtungen in der gesamten Ukraine:
Parallel zur Hilfe in der Ukraine kümmert sich der Samariterbund auch um Geflüchtete, die Schutz in Österreich gefunden haben. Aktuell betreut die Organisation rund 450 Menschen aus der Ukraine in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg und Wien.
Diese Menschen, die vor dem Krieg fliehen mussten, finden in Österreich nicht nur Schutz und Sicherheit, sondern auch neue Perspektiven für ihre Zukunft. Die Betreuung umfasst dabei nicht nur die Grundversorgung, sondern auch psychosoziale Unterstützung und Hilfe bei der Integration.
Vier Jahre Krieg haben das ukrainische Gesundheitssystem nachhaltig verändert. Die Schäden sind nicht nur materieller Natur - auch die psychischen Belastungen für Patienten und medizinisches Personal werden noch Jahre nach Kriegsende spürbar sein. Der Wiederaufbau wird eine gewaltige Aufgabe werden, die internationale Solidarität und Unterstützung erfordern wird.
Die Arbeit des Samariterbundes zeigt jedoch, dass auch in scheinbar aussichtslosen Situationen Hilfe möglich ist und Leben gerettet werden können. Jede gespendete Ausrüstung, jedes bereitgestellte Gerät kann den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten - wie der Fall des 16-jährigen Jungen eindrucksvoll beweist.
"Ohne eure Hilfe hätte der Junge nicht überlebt" - diese Worte der ukrainischen Ärztin Mariia Kravchenko machen deutlich, wie wichtig die internationale Solidarität für die Menschen in der Ukraine ist. Auch nach vier Jahren Krieg darf diese Unterstützung nicht nachlassen.