Rund 74.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren gelten in Österreich als NEETs – sie befinden sich weder in Ausbildung noch in Arbeit oder Schulung. Diese erschreckende Zahl der Statistik Aust...
Rund 74.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren gelten in Österreich als NEETs – sie befinden sich weder in Ausbildung noch in Arbeit oder Schulung. Diese erschreckende Zahl der Statistik Austria verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem, das weit über individuelle Schicksale hinausgeht. In Niederösterreich setzt Landesrätin Susanne Rosenkranz nun mit dem Pilotprojekt "Job-In" in Wiener Neustadt neue Akzente in der Jugendarbeitslosigkeit. Das innovative Modellprojekt richtet sich gezielt an junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren, die durch alle Raster gefallen sind und von herkömmlichen Beratungsstellen nicht erreicht werden.
Der Begriff NEET stammt aus dem Englischen und steht für "Not in Education, Employment or Training" – auf Deutsch: nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schulung. Diese Bezeichnung erfasst eine besonders vulnerable Gruppe junger Menschen, die oft aufgrund verschiedener Faktoren wie fehlender Qualifikationen, gesundheitlicher Probleme, sozialer Benachteiligung oder psychischer Belastungen aus dem regulären Bildungs- und Arbeitsmarkt herausgefallen sind. In Österreich betrifft dies etwa 8,2 Prozent der Altersgruppe 15 bis 24 Jahre, wobei der EU-Durchschnitt bei 9,6 Prozent liegt. Besonders problematisch ist dabei die Langzeitperspektive: Jugendliche, die längere Zeit ohne Beschäftigung oder Ausbildung bleiben, haben später deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ein höheres Risiko für Armut und soziale Ausgrenzung.
Experten schätzen, dass jeder NEET dem Staat jährlich zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet – durch entgangene Steuereinnahmen, Sozialleistungen und Folgekosten im Gesundheits- und Justizsystem. Hochgerechnet auf die österreichischen NEETs ergeben sich damit Kosten von über einer Milliarde Euro pro Jahr. Diese Zahlen verdeutlichen, warum präventive Maßnahmen wie das Job-In-Projekt nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sind.
Das von Landesrätin Susanne Rosenkranz initiierte Projekt verfolgt einen radikal anderen Ansatz als klassische Arbeitsmarktmaßnahmen. Statt auf Sanktionen und Druck zu setzen, steht die niederschwellige, vertrauensvolle Beziehungsarbeit im Mittelpunkt. Sozialarbeiter suchen gezielt jene jungen Menschen auf, die von herkömmlichen Beratungsstellen nicht erreicht werden – oft dort, wo sie sich aufhalten: auf öffentlichen Plätzen, in Parks oder in sozialen Brennpunkten.
Das Herzstück von Job-In bildet die intensive sozialpädagogische Betreuung. Dabei geht es zunächst nicht um konkrete Jobvermittlung, sondern um den Aufbau von Vertrauen und Stabilität. Viele der Zielgruppe haben bereits negative Erfahrungen mit Behörden und Institutionen gemacht und begegnen neuen Angeboten mit Misstrauen. Die Sozialarbeiter von Job-In nehmen sich Zeit, um eine tragfähige Beziehung aufzubauen und die individuellen Bedürfnisse und Problemlagen zu verstehen. Erst in einem zweiten Schritt werden gemeinsam realistische Perspektiven für Ausbildung oder Arbeit entwickelt.
Die Wahl von Wiener Neustadt als Standort für das Pilotprojekt ist kein Zufall. Die Stadt mit rund 45.000 Einwohnern gilt als repräsentativ für die Herausforderungen kleinerer Städte in Österreich. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt hier leicht über dem Landesschnitt, gleichzeitig sind die Strukturen überschaubar genug, um innovative Ansätze zu testen. Wiener Neustadt verfügt zudem über ein gut ausgebautes Netzwerk von Bildungseinrichtungen, Unternehmen und sozialen Organisationen, die als Partner für das Projekt gewonnen werden konnten.
Ein entscheidender Baustein von Job-In ist die intensive Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Dazu gehören nicht nur das Arbeitsmarktservice und Bildungsträger, sondern auch Unternehmen, Vereine und Freizeiteinrichtungen. Diese Vernetzung ermöglicht es, für jeden Teilnehmer individuelle Lösungen zu finden – sei es ein Praktikumsplatz, eine Ausbildungsmöglichkeit oder zunächst auch nur die Teilnahme an sinnvollen Freizeitaktivitäten.
Im bundesweiten Vergleich liegt Niederösterreich bei der Jugendarbeitslosigkeit im Mittelfeld. Während Tirol und Salzburg die niedrigsten NEET-Raten aufweisen, kämpfen vor allem Wien und die Steiermark mit höheren Werten. Niederösterreich verzeichnet etwa 7,8 Prozent NEETs in der Altersgruppe 15 bis 24 Jahre, was rund 15.000 jungen Menschen entspricht. Das Job-In-Projekt könnte, bei positivem Verlauf, als Modell für andere Bundesländer dienen.
Ähnliche Programme gibt es bereits in Deutschland und der Schweiz. Das deutsche Programm "Jugend stärken im Quartier" arbeitet ebenfalls mit aufsuchender Sozialarbeit, während die Schweiz mit dem Programm "Chance" auf enge Kooperation zwischen Wirtschaft und Sozialdiensten setzt. Job-In kombiniert Elemente beider Ansätze und ergänzt sie um österreichische Spezifika wie die enge Einbindung der Gemeinden.
Für die Teilnehmer von Job-In bedeutet das Programm oft den ersten Schritt aus der Isolation zurück in die Gesellschaft. Viele haben durch lange Phasen der Arbeitslosigkeit das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren und sind von Zukunftsängsten geplagt. Das strukturierte, aber flexible Angebot von Job-In hilft dabei, wieder eine Tagesstruktur zu entwickeln und soziale Kontakte aufzubauen. Gleichzeitig profitiert die Gesellschaft von der Reintegration dieser jungen Menschen: Sie werden von Kostenverursachern zu Beitragszahlern und bringen ihre oft brachliegenden Potenziale ein.
Langzeitarbeitslosigkeit in jungen Jahren erhöht nachweislich das Risiko für verschiedene Folgeprobleme: psychische Erkrankungen, Suchtprobleme, Kriminalität und soziale Isolation. Programme wie Job-In können diese Entwicklungen durchbrechen und damit langfristig erhebliche Folgekosten vermeiden. Studien zeigen, dass jeder in Jugendprogramme investierte Euro später das Drei- bis Fünffache an eingesparten Sozialkosten bringen kann.
Trotz der positiven Ansätze steht Job-In auch vor Herausforderungen. Die Arbeit mit schwer erreichbaren Zielgruppen ist ressourcenintensiv und erfordert hochqualifizierte Fachkräfte. Erfolge lassen sich oft erst nach längeren Zeiträumen messen, was politischen Druck erzeugen kann. Kritiker bemängeln zudem, dass präventive Programme oft zu spät ansetzen und bereits in der Pflichtschule mehr getan werden müsste.
Als Pilotprojekt ist Job-In zunächst auf drei Jahre angelegt. Die Finanzierung erfolgt über das Land Niederösterreich, EU-Fördermittel und lokale Partner. Für eine dauerhafte Etablierung müssen nachhaltige Finanzierungsmodelle entwickelt werden. Hier setzt Landesrätin Rosenkranz auf eine Kombination aus öffentlichen Mitteln und Beiträgen der Wirtschaft, die von gut ausgebildeten Fachkräften profitiert.
Bei positiver Evaluation des Pilotprojekts ist eine schrittweise Ausweitung auf andere Regionen Niederösterreichs geplant. Besonders in strukturschwächeren Gebieten des Waldviertels oder in Gemeinden mit hoher Jugendabwanderung könnte Job-In wichtige Impulse setzen. Die Landesregierung prüft bereits mögliche Standorte und Kooperationspartner für eine Expansion ab 2025.
Für die Zukunft sind auch digitale Ergänzungen geplant. Eine App könnte es Teilnehmern ermöglichen, niederschwellig Kontakt zu ihren Betreuern zu halten und sich über Angebote zu informieren. Virtual-Reality-Training könnte bei der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche helfen, während Online-Lernmodule flexibles Nachholen von Bildungsabschlüssen ermöglichen.
Das Projekt Job-In in Wiener Neustadt zeigt, dass innovative Ansätze in der Jugendarbeitslosigkeit durchaus Früchte tragen können. Wenn es gelingt, das Vertrauen junger Menschen zu gewinnen und ihnen realistische Perspektiven zu eröffnen, profitieren alle Beteiligten. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich der neue Weg bewährt und als Modell für ganz Österreich dienen kann. Fest steht bereits jetzt: Wegschauen ist keine Option, wenn es um die Zukunft einer ganzen Generation geht.