Europäischer Radiologiekongress in Wien zeigt neue Wege zur Verbesserung der Überlebensraten auf
Innovative Diagnoseverfahren wie MRT, CT und PET-CT verbessern die Behandlung von Kopf-Hals-Tumoren erheblich und steigern die Überlebenschancen.
Kopf-Hals-Tumore gehören weltweit zu den tödlichsten Krebserkrankungen. Mit 500.000 Neuerkrankungen jährlich stehen sie auf Platz sechs der häufigsten Krebsarten, doch ihre Überlebensrate liegt bei fortgeschrittenen Tumoren unter erschreckenden 35 Prozent. Diese düstere Statistik könnte sich jedoch dank revolutionärer Fortschritte in der medizinischen Bildgebung grundlegend wandeln.
Vom 4. bis 8. März findet im Austria Center Vienna der europäische Radiologiekongress ECR statt, bei dem Experten aus aller Welt die neuesten Entwicklungen in der Krebsdiagnostik präsentieren. Im Fokus stehen dabei innovative Ansätze, die von der reinen anatomischen Darstellung zu funktioneller und quantitativer Bildgebung übergehen – ein Paradigmenwechsel, der bereits heute Leben rettet.
Die Zahlen sind alarmierend: Allein in Österreich erkranken jährlich etwa 1.300 Menschen an Kopf-Hals-Tumoren, im gesamten deutschsprachigen Raum sind es 22.800 Neuerkrankungen pro Jahr. Besonders betroffen sind Männer und ältere Menschen. "Krebserkrankungen im Kopf-Hals-Bereich haben in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen", warnt Prof. Dr. Minerva Becker, Ordinaria am Universitätsspital Genf und Präsidentin der European Society of Radiology.
Während Tumore im Frühstadium noch eine gute Prognose mit 70 bis 90 Prozent Fünf-Jahres-Überlebensrate aufweisen, sinken die Chancen bei fortgeschrittenen Erkrankungen dramatisch. Dennoch gibt es Hoffnung: "Fortschritte bei der Diagnose und der Behandlung haben die Prognose jedoch vor allem bei Mandel-, Zungen- und Mundhöhlenkrebs verbessert", betont die Expertin.
Mit etwa 90 Prozent aller Fälle stellen Plattenepithelkarzinome die häufigste Form der Kopf-Hals-Tumore dar. Diese bösartigen Geschwülste entstehen aus der obersten Zellschicht von Körperoberflächen und Schleimhäuten und umfassen Kehlkopfkrebs, Rachenkarzinome und Mundhöhlenkrebs.
Die Hauptverursacher sind bekannt und größtenteils vermeidbar: Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum, insbesondere in Kombination, schädigen die Schleimhäute direkt. "Hier schädigt das Rauchen direkt die Schleimhäute und der Alkohol verstärkt die Wirkung", erklärt Becker die fatale Synergie.
Unabhängig von Nikotin und Alkohol spielen HPV-Viren (Humanes Papilloma Virus), insbesondere das HPV16, eine zunehmend wichtige Rolle bei der Tumorentstehung im mittleren Rachenraum. Die gute Nachricht: Die HPV-Schutzimpfung bietet hier wirksamen Schutz vor späteren Krebserkrankungen.
Weitere Risikofaktoren umfassen schlechte Mundhygiene, Schadstoffe wie Asbest und Holzstaub sowie das Epstein-Barr-Virus (EBV). Diese Vielfalt der Auslöser macht deutlich, warum eine präzise Diagnostik so entscheidend ist.
"Jede erfolgreiche ärztliche Behandlung beginnt mit einer korrekten Diagnose", betont Prof. Becker. Bei Kopf-Hals-Tumoren spielt die Radiologie dabei eine zentrale, oft unterschätzte Rolle. Die Kombination aus Magnetresonanztherapie (MRT) und Computertomographie (CT) bildet das Fundament der modernen Tumordiagnostik.
Die MRT punktet durch ihren außergewöhnlich hohen Weichteilkontrast. "Tumor, Muskel, Speicheldrüsen, Schleimhaut, Fett und Nerven lassen sich damit besonders gut voneinander abgrenzen", erläutert die Radiologin. Gerade im anatomisch komplexen Kopf-Hals-Bereich ist diese Präzision entscheidend, um Tumorausdehnungen und Infiltrationen in Zunge, Rachenwand, Kehlkopfknorpel sowie Gefäß- und Nervenscheideräume exakt zu erkennen.
Die CT-Untersuchung ergänzt die MRT optimal durch ihre Fähigkeit zur schnellen Basisdiagnostik und präzisen Darstellung von Knochenstrukturen. "Das ist gerade im Kopf-Hals-Bereich wichtig, um einen Tumorbefall von Unterkiefer, Schädelbasis und der knöchernen Strukturen der Nasennebenhöhlen erkennen zu können", erklärt Becker.
Die überlagerungsfreien, präzisen Schnittbilder der CT ermöglichen eine dreidimensionale Darstellung von Tumorausdehnungen, Atemwegen und Nachbarschaftsbeziehungen – essentiell für die präzise Operationsplanung und zielgenaue Bestrahlung.
Das PET-CT (Positronen-Emissions-Tomographie kombiniert mit Computertomographie) fungiert als "Joker" bei unklaren Befunden. Seine revolutionäre Stärke liegt darin, den Tumorstoffwechsel sichtbar zu machen und diesen mit anatomischen CT-Lokalisationen zu kombinieren.
"Dadurch können Lymphknoten- und Fernmetastasen besser erkannt werden. Das hilft sehr bei der Suche nach unbekannten Primärtumoren und unterstützt zur kompletten Stadieneinteilung", betont die Expertin. In der Nachsorge erweist sich das PET-CT als unschätzbar wertvoll, da es Narben- und Entzündungsreaktionen zuverlässig von Krebsrückfällen unterscheiden kann.
Der Wechsel von reiner anatomischer zu funktioneller und quantitativer Bildgebung markiert einen Meilenstein in der Radiologie. "Multiparametrische MRT liefern zusätzliche Informationen zur Gewebscharakterisierung und zur Beurteilung des Therapieansprechens. Hybridverfahren wie PET/MR machen die Diagnostik noch präziser", erklärt Prof. Becker die jüngsten Entwicklungen.
Auf CT-Seite gewinnen Dual-Energy und spektrale CTs mit Jodkarten sowie Photon-Counting-CTs zunehmend an Bedeutung. Parallel dazu entwickeln sich Radiomics und Künstliche Intelligenz als wichtige Bausteine für Prognose- und Response-Modelle. Die MR-geführte adaptive Radiotherapie eröffnet völlig neue Behandlungsmöglichkeiten.
Trotz aller technischen Fortschritte steht die Radiologie vor einer großen Herausforderung: dem Mangel an qualifizierten Fachkräften. "Die sehr starke Zunahme der modernen radiologischen Schnittbilduntersuchungen in Europa und weltweit hat zu einem Mangel an qualifizierten Radiologen geführt", warnt Prof. Becker.
Die European Society of Radiology appelliert daher eindringlich, nicht nur die Kosten moderner Bildgebung zu betrachten, sondern auch die Folgekosten unvollständiger oder falscher Diagnosen. "Eine europaweite, moderne und qualitativ hochstehende medizinische Aus- und Weiterbildung der Radiologen ist im Dienste der Patientinnen und Patienten essenziell", betont die Kongress-Präsidentin.
Der europäische Radiologiekongress ECR, der seit 1991 jährlich im Austria Center Vienna stattfindet, hat sich zu einem der wichtigsten medizinischen Kongresse weltweit entwickelt. Mit über 20.000 Teilnehmenden gilt er als größter europäischer und zweitgrößter internationaler Kongress im Bereich der Radiologie.
"Der europäische Radiologiekongress ECR leistet als einer der größten medizinischen Kongresse weltweit einen Beitrag zur Aus- und Weiterbildung", unterstreicht Prof. Becker die Bedeutung der Veranstaltung für die Patientenversorgung.
Neben den technologischen Fortschritten bleibt die Prävention der wichtigste Baustein im Kampf gegen Kopf-Hals-Tumore. Der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum, die HPV-Schutzimpfung und eine gute Mundhygiene können das Erkrankungsrisiko erheblich senken.
Die Kombination aus verbesserter Prävention, präziserer Diagnostik und zielgerichteterer Therapie lässt hoffen, dass die erschreckend niedrigen Überlebensraten bei Kopf-Hals-Tumoren der Vergangenheit angehören werden. Die Radiologie spielt dabei eine zentrale Rolle – vorausgesetzt, es gelingt, genügend qualifizierte Fachkräfte auszubilden, um die technologischen Möglichkeiten optimal zu nutzen.
Mit jedem Jahr, in dem die Bildgebungstechnologie weitere Fortschritte macht, wächst die Hoffnung für die betroffenen Patienten. Der Weg von einer Überlebensrate unter 35 Prozent zu deutlich besseren Prognosen ist dank moderner Radiologie bereits eingeschlagen – nun gilt es, ihn konsequent weiterzugehen.