Neue Studie zeigt massive Missstände bei der Lehrausbildung – von Ausbeutung bis sexueller Belästigung
Der 6. Österreichische Lehrlingsmonitor deckt auf: Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten und mangelnde Betreuung prägen den Alltag vieler Lehrlinge.
Die duale Ausbildung gilt seit Jahrzehnten als Erfolgsmodell der österreichischen Wirtschaft. Doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich eine beunruhigende Realität: Der 6. Österreichische Lehrlingsmonitor, der am 23. Februar 2026 in Wien präsentiert wird, zeichnet ein ernüchterndes Bild der Lehrausbildung in Österreich. Die umfassende Befragung von mehr als 6.000 Lehrlingen offenbart systematische Missstände, die junge Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung behindern und sie nicht selten aus ihren Berufen vertreiben.
Während Unternehmen quer durch alle Branchen händeringend nach qualifizierten Fachkräften suchen, ist die Zahl der Lehrstellen in den vergangenen Jahren massiv zurückgegangen. Ein Paradoxon, das die österreichische Wirtschaft vor große Herausforderungen stellt. Denn gute Lehrausbildung, so die zentrale Erkenntnis der aktuellen Studie, ist kein Selbstläufer. Sie erfordert Engagement, Ressourcen und vor allem die Bereitschaft der Betriebe, junge Menschen tatsächlich als zukünftige Fachkräfte zu fördern – und nicht als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen.
Die Untersuchung wurde vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung im Auftrag von Arbeiterkammer (AK), Österreichischem Gewerkschaftsbund (ÖGB) und Österreichischer Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) durchgeführt. Für den aktuellen Monitor wurden 6.102 Lehrlinge in der Endphase ihrer Ausbildung befragt – ein repräsentativer Querschnitt, der valide Aussagen über die tatsächliche Situation in Österreichs Lehrbetrieben ermöglicht.
Eines der gravierendsten Probleme, das der Lehrlingsmonitor aufzeigt, betrifft die Qualität der Ausbildung selbst. Viele Lehrlinge berichten, dass sie regelmäßig zu Tätigkeiten herangezogen werden, die mit ihrer eigentlichen Ausbildung nichts zu tun haben. Statt die im Berufsbild vorgesehenen Fertigkeiten zu erlernen, werden sie für Hilfsarbeiten eingesetzt, müssen Botengänge erledigen oder werden als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte verheizt.
Diese Praxis hat weitreichende Konsequenzen: Die betroffenen Lehrlinge sind auf die Lehrabschlussprüfung schlecht vorbereitet, haben Wissenslücken und starten mit erheblichen Nachteilen in ihr Berufsleben. Manche scheitern an der Prüfung, andere verlassen frustriert die Branche und wechseln in völlig andere Tätigkeitsfelder. Für die Unternehmen, die sich über den Fachkräftemangel beklagen, ist dies ein klassisches Eigentor.
Ein weiterer Problembereich betrifft die Arbeitszeiten. Obwohl für jugendliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer strenge gesetzliche Regelungen gelten, berichten viele Lehrlinge von regelmäßigen Überstunden. Besonders betroffen sind Branchen wie die Gastronomie, der Handel und das Handwerk, wo lange Arbeitszeiten zur Unternehmenskultur gehören und Lehrlinge oft unter Druck gesetzt werden, diese zu akzeptieren.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Lehrlinge keine angemessene Betreuung erhalten. Ausbilderinnen und Ausbilder haben häufig nicht genügend Zeit, sich um ihre Schützlinge zu kümmern, oder verfügen nicht über die notwendigen pädagogischen Kompetenzen. In manchen Betrieben gibt es gar keine klar definierten Ansprechpersonen, sodass die Lehrlinge mit ihren Fragen und Problemen allein gelassen werden.
Der Lehrlingsmonitor dokumentiert auch, dass viele junge Menschen in ihren Ausbildungsbetrieben mit respektlosem Verhalten konfrontiert sind. Von herablassenden Bemerkungen über öffentliche Bloßstellung bis hin zu systematischem Mobbing reicht das Spektrum der berichteten Erfahrungen. Für Jugendliche, die sich in einer ohnehin vulnerablen Lebensphase befinden und oft zum ersten Mal in die Arbeitswelt eintreten, können solche Erlebnisse traumatisierend sein.
Besonders alarmierend sind die Berichte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Obwohl das Ausmaß dieses Problems in der Presseaussendung nicht quantifiziert wird, macht die explizite Erwähnung deutlich, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Für die Betroffenen bedeutet dies nicht nur eine massive psychische Belastung, sondern oft auch ein abruptes Ende ihrer beruflichen Laufbahn in der gewählten Branche.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die mangelhafte Digitalisierung der Lehrausbildung. Während die Arbeitswelt sich in rasantem Tempo transformiert und digitale Kompetenzen in praktisch allen Berufen an Bedeutung gewinnen, hinken viele Ausbildungsbetriebe dieser Entwicklung hinterher. Lehrlinge werden an veralteten Maschinen und mit überholten Methoden ausgebildet, was sie schlecht auf die Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes vorbereitet.
Dieser Rückstand in der digitalen Ausbildung ist nicht nur ein Problem für die einzelnen Lehrlinge, sondern gefährdet langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft. Wenn junge Fachkräfte nicht mit den neuesten Technologien und Arbeitsweisen vertraut sind, wird es für heimische Unternehmen immer schwieriger, im internationalen Wettbewerb zu bestehen.
Die Lehrabschlussprüfung (LAP) markiert das Ende der Ausbildung und den Eintritt in das Berufsleben als vollwertige Fachkraft. Doch viele Lehrlinge fühlen sich auf diesen entscheidenden Moment schlecht vorbereitet. Die Gründe dafür sind vielfältig: ausbildungsfremde Tätigkeiten, die zu Lasten des Kompetenzerwerbs gehen, mangelnde theoretische Unterweisung, fehlende Übungsmöglichkeiten und nicht zuletzt Ausbilderinnen und Ausbilder, die selbst nicht mehr auf dem aktuellen Stand ihres Faches sind.
Eine hohe Durchfallquote bei der Lehrabschlussprüfung bedeutet nicht nur persönliches Scheitern für die Betroffenen, sondern auch volkswirtschaftliche Kosten durch verlorene Ausbildungsinvestitionen und verzögerten Eintritt in den Arbeitsmarkt. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie fehlende Qualität in der Ausbildung alle Beteiligten – Lehrlinge, Betriebe und Gesellschaft – teuer zu stehen kommt.
Die zentrale Botschaft des Lehrlingsmonitors ist eindeutig: Die Qualität der Ausbildung entscheidet über die Motivation der Lehrlinge, ihre Zukunftsperspektiven und letztlich darüber, ob junge Menschen in ihren erlernten Berufen bleiben oder sie frustriert verlassen. Betriebe, die ihre Lehrlinge gut behandeln, professionell ausbilden und als wertvolle Mitglieder des Teams betrachten, haben kaum Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden und langfristig zu binden.
Umgekehrt verstärken jene Betriebe, die Lehrlinge als billige Arbeitskräfte ausbeuten und in ihrer Entwicklung vernachlässigen, den Fachkräftemangel selbst. Sie produzieren frustrierte junge Menschen, die der Branche den Rücken kehren und potenzielle Bewerberinnen und Bewerber durch negative Mundpropaganda abschrecken. Es ist ein Teufelskreis, der nur durch einen fundamentalen Wandel in der Ausbildungskultur durchbrochen werden kann.
Für die Präsentation der Studienergebnisse haben ÖGB, AK und ÖGJ hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aufgeboten. ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian und AK-Präsidentin Renate Anderl werden gemeinsam mit Laura Zandonella, der stellvertretenden ÖGB- und PRO-GE-Bundesjugendvorsitzenden, sowie Norbert Lachmayr vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung die Ergebnisse präsentieren und Forderungen an Politik und Wirtschaft formulieren.
Es ist davon auszugehen, dass die Arbeitnehmervertretungen verstärkte Kontrollen in den Ausbildungsbetrieben, höhere Anforderungen an die Qualifikation von Ausbilderinnen und Ausbildern sowie bessere Beschwerdemöglichkeiten für Lehrlinge fordern werden. Auch die Frage einer angemessenen Entlohnung dürfte auf der Agenda stehen, ebenso wie Maßnahmen zur Modernisierung der Ausbildungsinhalte und zur Integration digitaler Kompetenzen.
Der 6. Österreichische Lehrlingsmonitor ist mehr als eine Bestandsaufnahme – er ist ein Weckruf. Die duale Ausbildung, einst Vorbild für viele andere Länder, droht ihre Strahlkraft zu verlieren, wenn die dokumentierten Missstände nicht konsequent angegangen werden. Junge Menschen haben heute mehr Optionen als je zuvor: Sie können studieren, ins Ausland gehen oder alternative Bildungswege einschlagen. Wenn die Lehre mit Ausbeutung, schlechter Behandlung und mangelnden Perspektiven assoziiert wird, werden sich immer weniger für diesen Weg entscheiden.
Für die österreichische Wirtschaft wäre dies fatal. Ohne qualifizierte Fachkräfte können Aufträge nicht abgearbeitet, Innovationen nicht umgesetzt und Wachstumspotenziale nicht gehoben werden. Der Fachkräftemangel, über den heute schon alle Branchen klagen, würde sich weiter verschärfen – mit spürbaren Folgen für Wohlstand und Lebensqualität in Österreich.
Die Pressekonferenz am 23. Februar 2026 in der ÖGB-Zentrale Catamaran in Wien wird die detaillierten Ergebnisse des Lehrlingsmonitors öffentlich machen und die Diskussion über notwendige Reformen anstoßen. Interessierte können die Veranstaltung auch via Livestream verfolgen, was die Reichweite der Botschaft über die Grenzen des Saales hinaus erweitert.
Es bleibt abzuwarten, wie Politik und Wirtschaft auf die Ergebnisse reagieren werden. Die Daten sind eindeutig, die Handlungsnotwendigkeit ist gegeben. Ob daraus konkrete Maßnahmen folgen oder ob die Studie in den Schubladen verschwindet, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Für die mehr als 100.000 Lehrlinge in Österreich, die täglich ihre Ausbildung absolvieren, bleibt zu hoffen, dass der Lehrlingsmonitor 2026 den Anstoß für eine echte Qualitätsoffensive gibt.