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Krötenwanderung in Wien: Osterregen rettet seltene Amphibien

7. April 2026 um 10:03
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Der lang ersehnte Osterregen in Wien hat Hunderte von Amphibien zu ihrer alljährlichen Wanderung animiert. Am Hanslteich in Hernals konnten Freiwillige des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) über 300...

Der lang ersehnte Osterregen in Wien hat Hunderte von Amphibien zu ihrer alljährlichen Wanderung animiert. Am Hanslteich in Hernals konnten Freiwillige des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) über 300 Erdkröten, Feuersalamander, Molche und Braunfrösche sicher über die gefährliche Straße bringen. Besonders spektakulär: Zwei Exemplare des äußerst seltenen Alpenkammmolchs wurden dabei dokumentiert – ein Hoffnungsschimmer für den Artenschutz in der Bundeshauptstadt.

Amphibienschutz in Wien: Ein Kampf gegen die Zeit

Seit sieben Jahren betreibt der VGT am Hanslteich in Wien-Hernals einen Amphibienschutzzaun nach der bewährten Zaun-Kübel-Methode. Diese Schutzmaßnahme ist längst nicht nur eine symbolische Geste, sondern überlebenswichtig für die bedrohten Lurche. Amphibien sind wechselwarme Tiere, die auf bestimmte Temperaturen und Feuchtigkeitsbedingungen angewiesen sind, um ihre Wanderung zu den Laichgewässern zu beginnen. Der warme Osterregen bot heuer die perfekten Bedingungen für die Massenwanderung.

Die Zaun-Kübel-Methode funktioniert nach einem einfachen, aber effektiven Prinzip: Ein temporärer Zaun wird entlang der Wanderroute errichtet, der die Tiere davon abhält, direkt auf die Straße zu laufen. Stattdessen fallen sie in eingegrabene Kübel, aus denen sie von Freiwilligen gesammelt und sicher auf die andere Straßenseite gebracht werden. Diese Methode hat sich österreichweit bewährt und wird von Naturschutzorganisationen in allen Bundesländern angewendet.

Alpenkammmolch: Ein seltener Gast kehrt zurück

Der Alpenkammmolch (Triturus carnifex) gilt als eine der seltensten Amphibienarten Österreichs und ist streng geschützt. Sein Auftauchen am Hanslteich ist ein wichtiges Zeichen für die Qualität des Lebensraums. Diese bis zu 18 Zentimeter großen Molche sind an ihrem charakteristischen Rückenkamm zu erkennen, der bei den Männchen während der Paarungszeit besonders ausgeprägt ist. Ursprünglich in den Alpenregionen beheimatet, haben sich kleine Populationen auch in städtischen Gebieten erhalten – allerdings nur dort, wo geeignete Laichgewässer und Landlebensräume in unmittelbarer Nähe zueinander liegen.

Der Alpenkammmolch benötigt saubere, fischfreie Gewässer mit reichlich Wasserpflanzen für die Fortpflanzung. Die Weibchen legen ihre Eier einzeln an Wasserpflanzen ab und umhüllen sie dabei sorgfältig mit Blättern. Die Entwicklung der Larven dauert mehrere Monate, und erst nach der Metamorphose verlassen die Jungtiere das Wasser. In Wien sind nur wenige stabile Populationen bekannt, weshalb jedes dokumentierte Exemplar von großer Bedeutung für die Arterhaltung ist.

Infrastruktur-Lösungen: Tunnel statt temporäre Zäune

Die Stadt Wien plant eine nachhaltige Lösung für das Amphibienproblem: Bezirksvorsteher Peter Jagsch kündigte Ende Februar an, dass sowohl am Schottenhof als auch am Hanslteich noch in diesem Jahr permanente Amphibientunnel mit fixen Leitsystemen errichtet werden sollen. Diese Ankündigung erfolgte nach einer Demonstration des VGT vor der Bezirksvertretungssitzung in Hernals.

Amphibientunnel sind eine bewährte Infrastrukturmaßnahme, die in vielen europäischen Ländern erfolgreich eingesetzt wird. Die Tunnel bestehen aus Betonröhren oder speziellen Kunststoffelementen, die unter der Straße verlaufen und den Tieren eine sichere Querungsmöglichkeit bieten. Entscheidend ist das Leitsystem, das die Amphibien zu den Tunneleingängen führt. Ohne diese Leiteinrichtungen würden die Tiere die Tunnel nicht finden und weiterhin versuchen, die Straße direkt zu überqueren.

In Österreich gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für solche Tunnelsysteme. In Salzburg wurden entlang der Bundesstraße B158 mehrere Amphibientunnel errichtet, die die Mortalität um über 90 Prozent reduzierten. Ähnliche Projekte in Tirol und der Steiermark zeigen vergleichbare Erfolge. Die Kosten für einen Amphibientunnel liegen zwischen 20.000 und 50.000 Euro, je nach Länge und Ausstattung – eine Investition, die sich angesichts des Artenschutzes und der reduzierten jährlichen Betreuungskosten langfristig auszahlt.

Bedrohung durch menschliche Aktivitäten

Während Straßenverkehr die offensichtlichste Gefahr für wandernde Amphibien darstellt, lauern in Privatgärten oft unterschätzte Bedrohungen. Pestizide stellen die größte Gefahr dar, da Amphibien diese Chemikalien über ihre durchlässige Haut aufnehmen. Bereits geringe Konzentrationen können zu Verhaltensänderungen, Fortpflanzungsstörungen oder dem Tod führen. Glyphosat, das häufigste Herbizid in österreichischen Gärten, kann bei Amphibien zu Missbildungen und erhöhter Sterblichkeit führen.

Mähroboter haben sich in den letzten Jahren zu einer neuen Bedrohung entwickelt. Diese automatischen Geräte sind oft nachts in Betrieb – genau zu der Zeit, wenn Amphibien, aber auch Igel und andere Kleintiere aktiv sind. Die Roboter erkennen die langsamen Tiere nicht rechtzeitig und verursachen schwere Verletzungen. Studien aus Deutschland zeigen, dass bis zu 30 Prozent der in Gärten gefundenen verletzten Igel Opfer von Mährobotern sind. Ähnliche Daten für Amphibien liegen noch nicht vor, aber Tierschutzorganisationen berichten von zunehmenden Fällen.

Rechtliche Bestimmungen und Strafen

Das mutwillige Töten oder Verletzen von Amphibien ist in Österreich strengstens verboten und kann mit empfindlichen Geldstrafen geahndet werden. Nach dem Naturschutzgesetz können Verstöße mit Strafen bis zu 7.260 Euro belegt werden. Besonders geschützte Arten wie der Alpenkammmolch fallen unter noch strengere Bestimmungen. Das Entfernen von Laich aus Gartenteichen oder das "Entsorgen" von Amphibien in der freien Natur stellt eine Verwaltungsübertretung dar und wird von den Behörden verfolgt.

Ökologische Bedeutung von Amphibien

Amphibien spielen eine zentrale Rolle in heimischen Ökosystemen und sind wichtige Indikatoren für Umweltqualität. Ein einziger erwachsener Salamander kann pro Nacht bis zu 100 Schnecken fressen und leistet damit einen wertvollen Beitrag zur biologischen Schädlingsbekämpfung. Kröten und Frösche dezimieren Gelsenpopulationen erheblich – sowohl die erwachsenen Tiere durch das Fressen von Mücken als auch ihre Kaulquappen durch das Vertilgen von Gelsenlarven in stehenden Gewässern.

Die Erdkröte, die häufigste Art am Hanslteich, ist ein besonders nützlicher Gartenhelfer. Während ihrer nächtlichen Aktivität vertilgt sie große Mengen an Schnecken, Würmern und Insekten. Tagsüber versteckt sie sich unter Steinen, in Komposthaufen oder anderen geschützten Bereichen. Ihre Ansprüche sind gering – sie benötigt lediglich Versteckmöglichkeiten und Zugang zu einem geeigneten Laichgewässer.

Situation in anderen Bundesländern

Wien ist nicht das einzige Bundesland, das mit Amphibienwanderungen zu kämpfen hat. In Niederösterreich betreibt der Naturschutzbund über 40 Schutzzäune, die jährlich von mehr als 300 Freiwilligen betreut werden. Oberösterreich hat in den letzten Jahren mehrere permanente Leiteinrichtungen errichtet, darunter eine besonders erfolgreiche Anlage bei Gmunden am Traunsee.

Die Steiermark geht einen anderen Weg und setzt verstärkt auf die Zusammenarbeit mit Straßenbaubehörden. Bereits in der Planungsphase neuer Straßen werden potenzielle Amphibienwanderrouten berücksichtigt und entsprechende Schutzmaßnahmen eingeplant. Tirol hat ein landesweites Monitoring-System etabliert, das die Entwicklung der Amphibienbestände langfristig dokumentiert und als Grundlage für Schutzmaßnahmen dient.

Internationale Vergleiche

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht Österreich beim Amphibienschutz gut da, aber es gibt noch Verbesserungspotenzial. Die Schweiz gilt als Vorreiter mit einem flächendeckenden Netz von Amphibienschutzanlagen und einer konsequenten Umsetzung von Schutzmaßnahmen bei Straßenbauprojekten. Deutschland hat in den letzten Jahren massive Investitionen in den Amphibienschutz getätigt und dabei innovative Technologien wie automatische Leitsysteme und beheizbare Tunnel entwickelt.

Klimawandel als zusätzliche Herausforderung

Der Klimawandel stellt Amphibien vor zusätzliche Herausforderungen. Längere Trockenperioden führen zum Austrocknen von Laichgewässern, während extreme Wetterereignisse die ohnehin gestressten Populationen weiter schwächen. Die warmen Temperaturen können auch zu zeitlichen Verschiebungen der Wanderungen führen, was die Koordination von Schutzmaßnahmen erschwert.

Gleichzeitig bieten sich aber auch neue Möglichkeiten: Städtische Wärmeinseln können Amphibien frühere Aktivitätsphasen ermöglichen, und neue Gewässer in urbanen Bereichen schaffen zusätzliche Lebensräume. Entscheidend ist eine adaptive Herangehensweise, die sowohl auf kurzfristige Witterungsbedingungen als auch auf langfristige Klimatrends reagiert.

Freiwilligenarbeit als Stütze des Naturschutzes

Der Erfolg der Amphibienschutzprojekte in Wien und ganz Österreich basiert maßgeblich auf dem Engagement von Freiwilligen. Allein am Hanslteich sind jährlich etwa 20 bis 30 Personen in die Betreuung des Schutzzauns eingebunden. Diese Freiwilligen müssen bei jedem Wetter – oft in den frühen Morgenstunden oder späten Abendstunden – die Sammeleimer kontrollieren und die Tiere sicher über die Straße bringen.

Die Arbeit ist körperlich anspruchsvoll und erfordert Fachwissen über die verschiedenen Amphibienarten. Verwechslungen können fatale Folgen haben, da verschiedene Arten unterschiedliche Ansprüche an ihre Lebensräume haben. Der VGT bietet daher regelmäßige Schulungen für neue Freiwillige an und stellt umfangreiches Informationsmaterial zur Verfügung.

Zukunftsperspektiven für Wiens Amphibien

Die geplanten Amphibientunnel in Hernals könnten einen Wendepunkt für den städtischen Amphibienschutz darstellen. Wenn sich diese Investition bewährt, ist mit einer Ausweitung auf andere Problemstellen in Wien zu rechnen. Potenzielle Standorte gibt es genug – überall dort, wo Wanderrouten auf stark befahrene Straßen treffen.

Parallel dazu entwickelt sich ein Bewusstsein für die Bedeutung urbaner Biodiversität. Immer mehr Wiener Gartenbesitzer gestalten ihre Grünflächen amphibienfreundlich und verzichten auf schädliche Pestizide. Schulprojekte und Umweltbildungsmaßnahmen tragen dazu bei, das Verständnis für die Bedürfnisse dieser besonderen Tiere zu fördern.

Die Rückkehr des Alpenkammmolchs zum Hanslteich zeigt, dass sich Naturschutzmaßnahmen langfristig auszahlen. Mit der richtigen Kombination aus Infrastruktur, Freiwilligenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit können auch seltene Arten in der Großstadt überleben und sich möglicherweise sogar wieder ausbreiten.

Der VGT wird den Amphibienschutzzaun noch bis Anfang Mai betreuen, wenn die Wanderungsaison zu Ende geht. Doch die Arbeit für den Artenschutz geht weiter – und jeder kann einen Beitrag leisten, indem er seinen Garten amphibienfreundlich gestaltet und achtsam mit diesen faszinierenden Geschöpfen umgeht.

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