Deloitte-Studie zeigt Rückschritte bei Gleichstellung in Österreich
Neue Umfrage zeigt: Gleichstellung verliert in heimischen Unternehmen an Bedeutung. 49% der Frauen berichten von geschlechtsbezogener Benachteiligung.
Die Gleichstellung von Frauen und Männern in der österreichischen Arbeitswelt macht nicht nur keine Fortschritte mehr - sie geht sogar rückwärts. Das zeigt eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Deloitte Österreich, für die rund 600 Unternehmensvertreterinnen und -vertreter befragt wurden. Die Ergebnisse sind alarmierend: Jede zweite Frau (49 Prozent) gibt an, mindestens einmal aufgrund ihres Geschlechts im Berufsleben Benachteiligung erlebt zu haben.
Die jährlich zum Weltfrauentag durchgeführte Erhebung offenbart einen besorgniserregenden Trend: Das Thema Gleichstellung wird in Österreichs Unternehmen mehr und mehr zur Randnotiz. Knapp ein Fünftel der befragten Unternehmen ist aktuell mit anderen Themen beschäftigt, ein Viertel verfolgt weder Gleichstellungsziele noch eine Gesamtstrategie.
"Wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Spannungen und politische Umbrüche verschieben die Prioritäten in den österreichischen Unternehmen", erklärt Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich. "Das ist besorgniserregend, denn der wirtschaftliche Mehrwert von Gleichstellung ist evident."
Die Expertin betont, dass sich gerade in unsicheren Zeiten Unternehmen jeden Wettbewerbsvorteil zunutze machen sollten, um ihre langfristige wirtschaftliche Beständigkeit abzusichern. Gleichstellung sei nicht nur ein gesellschaftlicher Auftrag, sondern eine Voraussetzung für zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg.
Besonders deutlich wird die aktuelle Zurückhaltung bei den Karrierechancen für Frauen. Die Fortschritte der vergangenen Jahre sind teilweise wieder verloren gegangen. Nur noch 45 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Frauen und Männer unabhängig vom Beschäftigungsausmaß über gleiche Aufstiegschancen verfügen - im Vorjahr waren es immerhin noch 50 Prozent.
Gleichzeitig ist ein Drittel (33 Prozent) der Ansicht, dass gleiche Chancen für berufliches Weiterkommen für Frauen weiterhin an eine Vollzeitbeschäftigung geknüpft sind. Diese Entwicklung zeigt, wie sich strukturelle Ungleichgewichte in der Praxis auswirken.
"Viele Fortschritte der letzten Jahre in Sachen Gleichstellung kehren sich wieder um - das ist problematisch", betont Aichinger. Es gelte dringend Rahmenbedingungen zu schaffen, die insbesondere unbewusste Vorurteile frühzeitig beseitigen und berufliche Weiterentwicklung trotz privater Verpflichtungen in allen Lebensphasen ermöglichen.
Auch bei den Führungspositionen zeigt sich wenig Bewegung. Die berüchtigte "gläserne Decke" hält sich hartnäckig. Zwar ist im Jahresvergleich ein leichter Anstieg von Frauen in Führungspositionen zu verzeichnen, eine nachhaltige Entwicklung ist aber nicht erkennbar.
Für die Zukunft zeichnet sich kaum Verbesserung ab: Fast die Hälfte der Unternehmen (46 Prozent) plant keine Erhöhung des Frauenanteils im Top-Management. Die Gründe dafür sind laut den Befragten vielfältig:
"Die meisten Unternehmen sehen generell das Fehlen ausreichend qualifizierter Kandidatinnen als wesentliche Ursache", erklärt Elisabeth Hornberger, Diversity-Expertin bei Deloitte Österreich. "Wenn man bedenkt, dass seit Jahren mehr Frauen als Männer hierzulande Universitäten abschließen, ist das objektiv nicht nachvollziehbar."
Vielmehr zeigten sich strukturelle Barrieren, insbesondere in der Rekrutierung und Karriereentwicklung von Frauen. "Karrieresprünge für Frauen sollten im Jahr 2026 nicht mehr an den Rahmenbedingungen scheitern. Der Fokus sollte auf Qualifikation und Potenzial gelegt werden", so Hornberger.
Die Studie unterstreicht nicht nur die gesellschaftliche Relevanz von Geschlechtergerechtigkeit, sondern auch deren wirtschaftliche Bedeutung. Unternehmen, die auf Diversität und Gleichstellung setzen, haben nachweislich bessere Chancen am Markt.
Studien zeigen, dass diverse Teams bessere Entscheidungen treffen und innovativer sind. In Zeiten des Fachkräftemangels können es sich Unternehmen nicht leisten, auf die Hälfte des Talentpools zu verzichten.
Die Deloitte-Studie macht deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Unternehmen müssen konkrete Maßnahmen ergreifen:
Die Ergebnisse der Deloitte-Studie sind ein Weckruf für die österreichische Wirtschaft. Während andere Länder bei der Gleichstellung vorpreschen, droht Österreich den Anschluss zu verlieren. Das hat nicht nur negative Auswirkungen auf die betroffenen Frauen, sondern schadet der gesamten Wirtschaft.
Die Politik, aber auch jedes einzelne Unternehmen sind gefordert, das Thema Gleichstellung wieder stärker zu priorisieren. Nur so kann Österreich sein wirtschaftliches Potenzial voll ausschöpfen und gleichzeitig seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden.
Die vollständige Studie steht zum Download auf der Website von Deloitte Österreich zur Verfügung und liefert detaillierte Einblicke in die aktuelle Situation der Geschlechtergleichstellung in der österreichischen Arbeitswelt.