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Am 4. März, dem Internationalen HPV-Tag, schlagen drei einflussreiche Jugendorganisationen Alarm: Die kostenlose HPV-Impfung für junge Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren droht zu einem teuren Privatvergnügen zu werden. Während derzeit noch bis Juni 2026 eine Nachholaktion läuft, fehlt danach eine langfristige Lösung – mit potenziell fatalen Folgen für die Krebsprävention in Österreich.
Die Bundesjugendvertretung (BJV), der Verein "HPV-Impfung jetzt!" und die Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH) fordern gemeinsam, dass die HPV-Impfung dauerhaft ins kostenlose Impfprogramm für unter 30-Jährige aufgenommen wird. Nach dem Auslaufen der aktuellen Aktion würde eine Komplettimpfung je nach Bundesland mehrere hundert Euro kosten – ein Betrag, der für viele junge Menschen unerschwinglich ist.
Humane Papillomaviren (HPV) sind eine Gruppe von über 200 verschiedenen Virustypen, die hauptsächlich durch sexuellen Kontakt übertragen werden. Diese mikroskopisch kleinen Krankheitserreger sind weit verbreitet: Mehr als 80 Prozent aller sexuell aktiven Menschen kommen im Laufe ihres Lebens mit HPV in Berührung. Während viele HPV-Infektionen vom Immunsystem unbemerkt bekämpft werden, können bestimmte Hochrisiko-Typen – insbesondere HPV 16 und 18 – schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben.
Die HPV-Impfung, wissenschaftlich als HPV-Vakzine bezeichnet, ist derzeit die einzige verfügbare Impfung, die nachweislich vor bestimmten Krebsarten schützen kann. Sie wirkt präventiv gegen Gebärmutterhalskrebs, Vulva- und Vaginalkrebs bei Frauen, Peniskrebs bei Männern sowie Anal- und Rachenkrebs bei beiden Geschlechtern. Die Impfung ist am wirksamsten, wenn sie vor dem ersten sexuellen Kontakt verabreicht wird, zeigt aber auch bei bereits sexuell aktiven Personen noch deutliche Schutzwirkung.
In Österreich wird die HPV-Impfung seit 2014 für Kinder und Jugendliche zwischen neun und zwölf Jahren kostenlos angeboten. Diese Altersgruppe erreicht Durchimpfungsraten von etwa 80 Prozent. Bei den 21- bis 30-Jährigen liegt die Durchimpfungsrate jedoch bei nur 23 Prozent – weit entfernt vom WHO-Ziel von 90 Prozent.
Die seit 2025 laufende Nachholaktion für 21- bis 30-Jährige hat bereits beeindruckende Ergebnisse gezeigt. Florian Boschek, Vorsitzender des Vereins "HPV-Impfung jetzt!", berichtet von einer mehr als Verdoppelung der Durchimpfungsrate für die zweite Teilimpfung im Vergleich zum Vorjahr. Diese Entwicklung belegt eindrucksvoll, dass der Bedarf an kostenlosen HPV-Impfungen in dieser Altersgruppe vorhanden ist und nur durch finanzielle Barrieren gehemmt wurde.
Die HPV-Impfung erfolgt in einem Zwei-Dosen-Schema mit einem Abstand von mindestens sechs Monaten zwischen den Impfungen. Personen, die 2025 ihre erste Impfung erhalten haben, können die zweite Dosis noch bis zum 30. Juni 2026 kostenlos nachholen. Danach endet die Nachholaktion, und die Kosten fallen wieder auf die Versicherten zurück.
Die Kosten für eine HPV-Impfung variieren erheblich zwischen den österreichischen Bundesländern. In Wien beispielsweise kostet eine Komplettimpfung etwa 400 bis 500 Euro, in ländlichen Gebieten können die Preise sogar noch höher liegen. Diese regionalen Unterschiede verstärken die bereits bestehende gesundheitliche Ungleichheit zwischen Stadt und Land.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hinkt Österreich bei der HPV-Impfung hinterher. Deutschland hat die kostenlose HPV-Impfung bereits bis zum 26. Lebensjahr ausgeweitet, während in der Schweiz kantonal unterschiedliche Regelungen gelten, die teilweise bis zum 26. Lebensjahr reichen. Australien gilt als Vorreiter und hat durch ein umfassendes nationales HPV-Impfprogramm bereits dramatische Rückgänge bei HPV-bedingten Krebserkrankungen verzeichnet.
Für Studierende und junge Berufstätige stellen mehrere hundert Euro für eine Impfung eine erhebliche finanzielle Hürde dar. Das ÖH-Vorsitzteam, bestehend aus Selina Wienerroither, Viktoria Kudrna und Umut Ovat, macht auf diese Problematik aufmerksam: "Gerade Studierende oder junge Menschen am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn können mehrere hundert Euro für eine Impfung oft nicht bezahlen."
Diese Aussage spiegelt die wirtschaftliche Realität vieler junger Österreicherinnen und Österreicher wider. Nach Angaben der Statistik Austria verfügten Studienabsolventen 2023 im ersten Berufsjahr über ein durchschnittliches Bruttojahreseinkommen von 35.000 Euro. Bei einem Nettoeinkommen von etwa 2.000 Euro monatlich stellen 400 bis 500 Euro für eine Impfung eine erhebliche Belastung dar – besonders in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten.
Die aktuelle Teuerungswelle verstärkt diese Problematik zusätzlich. Junge Menschen müssen bereits für Miete, Lebensmittel und Bildungskosten tiefer in die Tasche greifen. Präventive Gesundheitsmaßnahmen wie die HPV-Impfung werden dann oft als "Luxus" betrachtet und verschoben – mit möglicherweise lebenslangen Konsequenzen.
Die HPV-bedingte Krebsprävention hat nicht nur individuelle, sondern auch volkswirtschaftliche Bedeutung. Gebärmutterhalskrebs ist in Österreich die vierthäufigste Krebsart bei Frauen unter 35 Jahren. Jährlich erkranken etwa 400 Frauen neu daran, 130 sterben an den Folgen. Die Behandlungskosten für HPV-bedingte Krebserkrankungen belaufen sich auf Millionen von Euro pro Jahr – Kosten, die durch präventive Impfungen drastisch reduziert werden könnten.
Studien aus anderen Ländern zeigen, dass jeder in die HPV-Impfung investierte Euro langfristig das Drei- bis Fünffache an Behandlungskosten einsparen kann. Australien beispielsweise konnte durch sein umfassendes HPV-Impfprogramm die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs so stark reduzieren, dass Experten eine vollständige Elimination dieser Krebsart bis 2028 für möglich halten.
Neben den direkten medizinischen Kosten entstehen auch indirekte gesellschaftliche Kosten durch Produktivitätsverluste, Arbeitsausfälle und die psychosoziale Belastung der Betroffenen und ihrer Familien. Eine flächendeckende HPV-Impfung könnte diese Belastungen erheblich reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität von Tausenden Menschen verbessern.
Deutschland hat 2018 die HPV-Impfempfehlung auf Jungen ausgeweitet und die Kostenübernahme bis zum 26. Lebensjahr erweitert. Diese Entscheidung führte zu einem deutlichen Anstieg der Durchimpfungsraten und wird als Modell für andere europäische Länder diskutiert. In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die vollständigen Kosten für die HPV-Impfung, was eine wichtige Barriere für junge Menschen beseitigt hat.
Die Schweiz verfolgt einen kantonalen Ansatz, bei dem einzelne Kantone eigene Programme zur kostenlosen HPV-Impfung bis zum 26. Lebensjahr anbieten. Dieser föderalistische Ansatz ermöglicht es, regional angepasste Lösungen zu entwickeln, führt aber auch zu Ungleichheiten zwischen den Kantonen.
Besonders bemerkenswert ist das Beispiel Ruandas, das trotz begrenzter finanzieller Ressourcen ein nationales HPV-Impfprogramm eingeführt hat und Durchimpfungsraten von über 90 Prozent erreicht. Dies zeigt, dass politischer Wille und systematische Umsetzung auch in ressourcenbegrenzten Umgebungen zu hervorragenden Ergebnissen führen können.
BJV-Vorsitzender Ahmed Naief bringt die Kernforderung der drei Organisationen auf den Punkt: "Es darf nicht vom Wohnort oder vom Einkommen abhängen, ob junge Menschen geschützt sind und gesund bleiben." Diese Aussage unterstreicht das Prinzip der gesundheitlichen Chancengleichheit, das ein Grundpfeiler des österreichischen Gesundheitssystems sein sollte.
Die Organisationen argumentieren, dass eine befristete Nachholaktion keine nachhaltige Lösung für ein systematisches Gesundheitsproblem darstellt. Stattdessen fordern sie die dauerhafte Aufnahme der HPV-Impfung für alle unter 30-Jährigen ins kostenlose Impfprogramm. Dies würde nicht nur die aktuelle Lücke schließen, sondern auch zukünftigen Generationen zugutekommen.
Die Forderung geht über die reine Kostenübernahme hinaus. Die Organisationen plädieren für eine umfassende Aufklärungs- und Informationskampagne, die das Bewusstsein für HPV und die Bedeutung der Impfung schärft. Viele junge Menschen sind sich nicht bewusst, dass HPV-Infektionen zu Krebs führen können und dass eine effektive Prävention verfügbar ist.
Die Entscheidung über die Ausweitung des kostenlosen HPV-Impfprogramms liegt letztendlich bei den politischen Entscheidungsträgern auf Bundes- und Landesebene. Das österreichische Gesundheitssystem ist föderal organisiert, was bedeutet, dass sowohl der Bund als auch die Länder in die Finanzierung und Organisation von Impfprogrammen eingebunden sind.
Das Nationale Impfgremium (NIG) hat bereits mehrfach die Bedeutung der HPV-Impfung betont und Empfehlungen für eine Ausweitung ausgesprochen. Auch die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie andere Fachgesellschaften unterstützen eine Ausweitung des kostenlosen Impfprogramms.
Die Finanzierung einer dauerhaften Lösung würde Schätzungen zufolge etwa 15 bis 20 Millionen Euro pro Jahr kosten – ein Betrag, der angesichts der langfristigen Einsparungen bei Behandlungskosten als Investition in die Volksgesundheit betrachtet werden sollte.
Die Entwicklung der HPV-Impfung steht vor weiteren wichtigen Meilensteinen. Neue Impfstoffgenerationen befinden sich in der Entwicklung, die möglicherweise gegen noch mehr HPV-Typen schützen werden. Gleichzeitig arbeiten Forscher an alternativen Verabreichungsformen, die eine noch breitere Akzeptanz ermöglichen könnten.
International zeichnet sich ein klarer Trend zur Ausweitung von HPV-Impfprogrammen ab. Die Weltgesundheitsorganisation hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, Gebärmutterhalskrebs als Volkskrankheit bis 2030 zu eliminieren. Dieses Ziel kann nur durch umfassende Impfprogramme, verbesserte Vorsorgeuntersuchungen und bessere Behandlungsmöglichkeiten erreicht werden.
Für Österreich bedeutet dies, dass eine Entscheidung gegen die Ausweitung des kostenlosen HPV-Impfprogramms nicht nur gesundheitspolitische, sondern auch internationale Auswirkungen hätte. Das Land riskiert, bei einem wichtigen Bereich der Krebsprävention ins Hintertreffen zu geraten und seine Vorreiterrolle in der Gesundheitsversorgung zu verlieren.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die politischen Entscheidungsträger den Appellen der Jugendorganisationen folgen werden. Die Zeit drängt, da die aktuelle Nachholaktion bereits 2026 ausläuft und eine Übergangszeit für die Implementierung einer dauerhaften Lösung benötigt wird. Die Gesundheit einer ganzen Generation steht auf dem Spiel – und damit die Chance, HPV-bedingte Krebserkrankungen in Österreich drastisch zu reduzieren oder sogar zu eliminieren.