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Anlässlich des Welt-HPV-Tages am 4. März schlägt die Österreichische Ärztekammer Alarm: Trotz der nachweislich hohen Wirksamkeit der HPV-Impfung gegen verschiedene Krebsarten sind die Durchimpfungsraten in Österreich noch immer viel zu niedrig. Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Ärztekammer, warnt vor einer Stagnation auf niedrigem Niveau und fordert dringend Verbesserungen beim Zugang zur lebensrettenden Impfung.
Humane Papillomaviren, kurz HPV, bilden eine große Familie von über 200 verschiedenen Virustypen, die sowohl Männer als auch Frauen betreffen können. Diese mikroskopisch kleinen Erreger befallen gezielt die Haut und Schleimhäute des menschlichen Körpers und werden hauptsächlich durch direkten Hautkontakt übertragen - wobei sexueller Kontakt der häufigste Übertragungsweg darstellt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass etwa 80 Prozent aller sexuell aktiven Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit HPV in Kontakt kommen.
Während viele HPV-Infektionen völlig harmlos verlaufen und vom körpereigenen Immunsystem innerhalb von ein bis zwei Jahren erfolgreich bekämpft werden, können bestimmte Hochrisiko-Typen wie HPV 16 und HPV 18 langfristig zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen. Diese persistierenden Infektionen können über Jahre hinweg Zellveränderungen verursachen, die sich zu Krebsvorstufen und schließlich zu bösartigen Tumoren entwickeln können.
Die durch HPV verursachten Krebsarten sind deutlich vielfältiger, als viele Menschen annehmen. Neben dem bekannten Gebärmutterhalskrebs, der zu nahezu 100 Prozent durch HPV verursacht wird, können die Viren auch Vaginal-, Vulva-, Penis- und Analkarzinome auslösen. Besonders besorgniserregend ist der deutliche Anstieg von HPV-assoziierten Tumoren im Mund- und Rachenraum, der in den vergangenen Jahren vor allem bei Männern zu beobachten ist.
Das österreichische Nationale Impfgremium empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Buben im Alter von neun bis elf Jahren im Rahmen des kostenlosen Kinderimpfprogramms. In diesem Alter ist die Immunantwort optimal, da das Immunsystem noch besonders lernfähig ist und langanhaltende Antikörper produziert. Zudem erfolgt der Schutz vor den ersten sexuellen Kontakten und somit meist vor einem möglichen Kontakt mit HPV.
Die Realität zeigt jedoch ein ernüchterndes Bild: Die Durchimpfungsraten in der empfohlenen Altersgruppe stagnieren auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Während beispielsweise in Deutschland die HPV-Durchimpfungsrate bei 15-jährigen Mädchen mittlerweile bei etwa 55 Prozent liegt, hinkt Österreich deutlich hinterher. Besonders problematisch ist der große Unterschied zwischen den Geschlechtern - Buben werden noch seltener geimpft als Mädchen, obwohl sie ebenfalls von HPV-bedingten Krebsarten betroffen sein können.
Ein Blick auf die verschiedenen Bundesländer zeigt erhebliche regionale Unterschiede bei der HPV-Impfversorgung. Während einige Bundesländer wie Wien und Tirol relativ gut organisierte Impfprogramme an Schulen anbieten, gibt es in anderen Regionen deutliche Lücken im Angebot. Diese Ungleichverteilung führt dazu, dass der Zugang zur Impfung stark vom Wohnort abhängt - ein Zustand, der aus gesundheitspolitischer Sicht nicht hinnehmbar ist.
Ein besonders kritischer Punkt in der aktuellen Impfstrategie ist die unzureichende Berücksichtigung von Buben und jungen Männern. Lange Zeit wurde die HPV-Impfung primär als "Mädchenimpfung" zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs betrachtet. Diese Sichtweise ist jedoch medizinisch überholt und gefährlich unvollständig.
Männer können nicht nur als Überträger fungieren, sondern selbst schwer an HPV-bedingten Krebsarten erkranken. Penis- und Analkarzinome, sowie die bereits erwähnten Tumore im Mund- und Rachenbereich, nehmen bei Männern kontinuierlich zu. Zusätzlich können HPV-Infektionen bei Männern zu Genitalwarzen führen, die zwar nicht lebensbedrohlich sind, aber die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können.
Länder wie Australien, das bereits 2013 ein geschlechtsunabhängiges HPV-Impfprogramm einführte, verzeichnen bereits dramatische Rückgänge bei HPV-bedingten Erkrankungen. Die australischen Gesundheitsbehörden prognostizieren sogar die nahezu vollständige Eliminierung von Gebärmutterhalskrebs bis 2035. Diese Erfolge basieren auf hohen Durchimpfungsraten bei beiden Geschlechtern und einem niedrigschwelligen Zugang zur Impfung.
Die niedrigen Durchimpfungsraten in Österreich sind nicht ausschließlich auf Impfskepsis zurückzuführen, sondern haben oft praktische Ursachen. Viele Eltern wissen schlichtweg nicht, dass die Impfung kostenlos verfügbar ist, oder haben Schwierigkeiten, einen Impftermin zu organisieren. Besonders in ländlichen Gebieten ist der Zugang zu niedergelassenen Pädiatern eingeschränkt.
Schmitzberger fordert daher konkrete strukturelle Verbesserungen: Die Impfung muss in allen Bundesländern flächendeckend bei niedergelassenen Kinderärzten verfügbar sein. Gleichzeitig müssen die Lücken in den schulischen Impfprogrammen geschlossen werden. Schulimpfungen haben den Vorteil, dass sie einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen und alle Kinder einer Altersgruppe erreichen können, unabhängig vom sozioökonomischen Status der Familie.
Neben den strukturellen Verbesserungen ist eine umfassende Aufklärungs- und Informationskampagne notwendig. Viele Eltern sind unsicher, weil sie nicht ausreichend über die Sicherheit und Wirksamkeit der HPV-Impfung informiert sind. Hier müssen Ärzte, Schulen und Gesundheitsbehörden gemeinsam aufklären und Vertrauen schaffen.
Ein Hoffnungsschimmer in der österreichischen HPV-Impfstrategie ist die im Juli 2024 gestartete kostenlose Catch-up-Impfaktion für 21- bis 30-Jährige. Diese Initiative, die bis Ende Juni 2025 läuft, konnte bereits deutliche Erfolge verzeichnen und die Durchimpfungsrate in dieser Altersgruppe spürbar erhöhen.
Das Programm richtet sich an junge Erwachsene, die in ihrer Kindheit noch keine Möglichkeit zur HPV-Impfung hatten oder diese versäumt haben. Auch in diesem Alter kann die Impfung noch wirksam sein, besonders bei Personen, die noch keine HPV-Infektion durchgemacht haben oder nur mit wenigen HPV-Typen in Kontakt gekommen sind.
Schmitzberger appelliert eindringlich an alle Personen, die ihre erste HPV-Impfung im Rahmen der Catch-up-Aktion erhalten haben: "Damit der Schutz vollständig ist, sollten sich alle Personen, die ihre erste HPV-Impfung zwischen ihrem 21. und 30. Geburtstag bis spätestens 31. Dezember 2025 erhalten haben, die zweite Teilimpfung bis 30. Juni 2026 holen." Nur mit beiden Impfdosen kann der optimale Schutz gewährleistet werden.
Parallel zur Impfstrategie fordert die Ärztekammer auch Verbesserungen bei der Früherkennung. Für Frauen über 30 Jahren sollten HPV-Tests standardmäßig im Rahmen der jährlichen gynäkologischen Untersuchung durchgeführt und von den Krankenkassen erstattet werden.
Derzeit wird ein HPV-Test nur dann von der Krankenkasse übernommen, wenn der routinemäßige PAP-Abstrich bereits positive Befunde zeigt. Diese Praxis ist aus medizinischer Sicht nicht optimal, da HPV-Tests deutlich sensitiver sind und Infektionen früher erkennen können als der herkömmliche PAP-Test.
Die regelmäßige HPV-Testung für alle Frauen über 30 würde zwar zunächst höhere Kosten für das Gesundheitssystem bedeuten, langfristig aber erhebliche Einsparungen bringen. Die Behandlung von fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs ist nicht nur für die betroffenen Frauen belastend, sondern auch deutlich kostenintensiver als Präventionsmaßnahmen.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Länder mit gut organisierten HPV-Impfprogrammen bereits beeindruckende Erfolge verzeichnen können. Schweden beispielsweise konnte durch sein systematisches Impfprogramm die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs bei jungen Frauen um über 60 Prozent reduzieren.
Auch Deutschland hat in den vergangenen Jahren seine HPV-Impfstrategie deutlich verbessert und die Empfehlung auf Jungen ausgeweitet. Die dortigen Erfahrungen zeigen, dass eine konsequente Umsetzung und gute Aufklärung zu messbaren Verbesserungen der Durchimpfungsraten führen können.
Die Weltgesundheitsorganisation hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, Gebärmutterhalskrebs als öffentliches Gesundheitsproblem bis 2030 zu eliminieren. Dafür sind Durchimpfungsraten von mindestens 90 Prozent bei Mädchen bis zum 15. Lebensjahr erforderlich. Österreich ist von diesem Ziel noch weit entfernt, aber mit den richtigen Maßnahmen durchaus erreichbar.
Eltern von Kindern im entsprechenden Alter sollten sich aktiv über die HPV-Impfung informieren und das kostenlose Angebot im Rahmen des Kinderimpfprogramms nutzen. Der ideale Zeitpunkt für die Impfung liegt zwischen dem neunten und elften Lebensjahr, kann aber auch später noch sinnvoll sein.
Junge Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren haben noch bis Ende Juni 2025 die Möglichkeit, sich im Rahmen der Catch-up-Aktion kostenlos impfen zu lassen. Diese Chance sollte unbedingt genutzt werden, auch von Männern, die bisher oft nicht als Zielgruppe gesehen wurden.
Der Welt-HPV-Tag am 4. März dient als wichtiger Erinnerungstag, um das Bewusstsein für diese vermeidbare Krebsart zu schärfen. Mit einer konsequenten Impfstrategie, verbesserter Früherkennung und umfassender Aufklärung können HPV-bedingte Krebsarten in Österreich deutlich reduziert oder sogar eliminiert werden. Es liegt an Politik, Ärzteschaft und Gesellschaft, diese Chance zu nutzen.