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Gender Pay Gap: NÖ Frauen verdienen 15,9% weniger trotz Vollzeit

6. März 2026 um 08:40
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Zum Internationalen Frauentag 2026 präsentiert die Arbeiterkammer Niederösterreich ernüchternde Zahlen: Trotz ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung verdienen Frauen in Niederösterreich um 15,9 Prozent...

Zum Internationalen Frauentag 2026 präsentiert die Arbeiterkammer Niederösterreich ernüchternde Zahlen: Trotz ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung verdienen Frauen in Niederösterreich um 15,9 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Bei Teilzeitbeschäftigung – der Realität vieler niederösterreichischer Arbeitnehmerinnen – verdoppelt sich dieser Unterschied sogar. Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Kampf um Lohngleichheit auch 2026 längst nicht gewonnen ist.

Das teure Dilemma der Kinderbetreuung in Niederösterreich

Eine aktuelle Erhebung der AK Niederösterreich deckt die prekäre Situation berufstätiger Mütter auf: Eine Handelsangestellte mit zwei kleinen Kindern kann ihre Arbeitszeit von 25 auf 35 Wochenstunden aufstocken und verdient dadurch 444 Euro netto mehr. Doch die Realität sieht anders aus: Die Kosten für die Nachmittagsbetreuung inklusive Mittagessen verschlingen 404 Euro (2 x 202 Euro), sodass der Mutter nach Abzug aller Betreuungskosten lediglich 40 Euro mehr bleiben.

Diese Rechnung verdeutlicht ein strukturelles Problem: Kinderbetreuung in Niederösterreich ist zu teuer und nicht flächendeckend verfügbar. Der Gender Pay Gap – die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen – wird durch diese zusätzlichen finanziellen Belastungen noch verstärkt. Viele Frauen sehen sich gezwungen, in Teilzeit zu arbeiten oder ihre Berufstätigkeit ganz aufzugeben, was langfristig ihre finanzielle Unabhängigkeit und Pensionsansprüche gefährdet.

Kinderbetreuung als Schlüssel zur Gleichberechtigung

Didem Strebinger, Frauenvorsitzende des ÖGB Niederösterreich, bringt die Lösung auf den Punkt: "Wer ernsthaft will, dass Frauen mehr arbeiten können, dass Frauen existenzsichernde Einkommen haben, und dass Frauen mit ihrer Arbeit sozial abgesichert sind, der muss in Kinderbildung und -betreuung investieren." Sie fordert eine flächendeckende, vollzeittaugliche, qualitativ hochwertige und kostenlose Kinderbetreuung – ohne Alternative.

In anderen österreichischen Bundesländern zeigen sich unterschiedliche Ansätze: Wien bietet bereits seit Jahren kostenlose Kindergartenplätze, während in ländlichen Gebieten oft noch Betreuungslücken bestehen. Deutschland hat mit dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem ersten Lebensjahr einen wichtigen Schritt gesetzt, kämpft aber ebenfalls mit Personalmangel und unzureichenden Öffnungszeiten. Die Schweiz hingegen hat eines der teuersten Kinderbetreuungssysteme Europas, was dort zu ähnlichen Problemen führt.

Sexuelle Belästigung als Barriere in Männerdomänen

Ein weiterer Aspekt der Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsplatz zeigt sich in männerdominierten Branchen. Eine von der AK Niederösterreich beauftragte Studie enthüllt erschreckende Zahlen: Sechs von zehn befragten Frauen in den Branchen Industrie, Gewerbe und Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) geben an, geschlechtsbezogene Belästigung zu erleben. Noch gravierender: 57 Prozent der befragten Frauen waren von sexueller Belästigung betroffen.

Diese Zahlen stellen die oft propagierte Lösung infrage, Frauen verstärkt in technischen und handwerklichen Berufen zu etablieren. Ohne entsprechende Schutzmaßnahmen und Präventionskonzepte werden qualifizierte Frauen diese Branchen meiden oder wieder verlassen. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist nicht nur ein individuelles Trauma, sondern ein strukturelles Problem, das die gesamte Arbeitswelt betrifft.

Fürsorgepflicht der Arbeitgeber

Betriebe haben eine rechtliche und moralische Fürsorgepflicht gegenüber ihren Beschäftigten. Diese umfasst den Schutz vor Diskriminierung und Belästigung durch präventive Maßnahmen, klare Beschwerdewege und konsequente Ahndung von Verstößen. Erfolgreiche Präventionskonzepte beinhalten Schulungen für Führungskräfte, anonyme Meldestellen und eine null-Toleranz-Politik gegenüber sexueller Belästigung.

In der Praxis bedeutet dies: Unternehmen müssen ihre Unternehmenskultur aktiv gestalten und ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich alle Beschäftigten – unabhängig vom Geschlecht – sicher und respektiert fühlen. Nur so können die erheblichen Potentiale weiblicher Fachkräfte in technischen Bereichen genutzt werden.

EU-Lohntransparenzrichtlinie als Hoffnungsträger

Ein Lichtblick am Horizont ist die bevorstehende Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie. Diese europäische Gesetzgebung soll mehr Transparenz bei der Entlohnung schaffen und damit Lohndiskriminierung bekämpfen. Markus Wieser, AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB Niederösterreich-Vorsitzender, hofft auf eine Maximalvariante der nationalen Umsetzung.

Die Richtlinie verpflichtet Arbeitgeber dazu, Gehaltsstrukturen offenzulegen und bei unerklärbaren Lohnunterschieden Begründungen zu liefern. Berechnungen der Statistik Austria legen nahe, dass etwa zwei Drittel der bestehenden Einkommenslücke auf geschlechtsbezogene Entgeltdiskriminierung zurückzuführen sind. Das bedeutet: Ein Großteil des Gender Pay Gaps ist nicht durch unterschiedliche Qualifikationen oder Arbeitszeiten erklärbar, sondern durch systematische Benachteiligung.

Internationale Erfahrungen mit Lohntransparenz

Island gilt als Vorreiter bei der Lohntransparenz und hat bereits 2018 ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen dazu verpflichtet, gleiche Löhne für gleiche Arbeit zu zahlen. Die Erfahrungen sind positiv: Der Gender Pay Gap konnte deutlich reduziert werden. Großbritannien führte bereits 2017 eine Berichtspflicht für größere Unternehmen ein, mit messbaren Erfolgen bei der Bewusstseinsschaffung.

In Deutschland trat 2017 das Entgelttransparenzgesetz in Kraft, das jedoch in der Praxis nur begrenzte Wirkung zeigt, da es zu viele Ausnahmen gibt und die Durchsetzung schwierig ist. Die österreichische Umsetzung sollte aus diesen Erfahrungen lernen und wirksamere Mechanismen schaffen.

Aufwertung typischer Frauenbranchen als gesellschaftliche Aufgabe

Ein strukturelles Problem liegt in der gesellschaftlichen und finanziellen Bewertung von Care-Arbeit und anderen typischen Frauenbranchen. Pflege, Erziehung, Sozialarbeit und Einzelhandel werden trotz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung deutlich schlechter entlohnt als technische oder kaufmännische Berufe. Diese Bewertung spiegelt historische Machtstrukturen wider und perpetuiert die Einkommensungleichheit.

Der Pflegenotstand in Österreich verdeutlicht die Dringlichkeit einer umfassenden Aufwertung: Bis 2030 werden in Niederösterreich zusätzlich 15.000 Pflegekräfte benötigt. Ohne bessere Bezahlung, Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung wird dieser Bedarf nicht zu decken sein. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie systemrelevant diese Berufe sind – diese Erkenntnis muss sich auch in der Entlohnung niederschlagen.

Männer in Frauenbranchen: Ein Paradigmenwechsel

Markus Wieser plädiert dafür, mehr Männer für typische Frauenbranchen zu gewinnen. Dies könnte einen doppelten Effekt haben: Zum einen würde mehr Personal zur Verfügung stehen, zum anderen könnte die Präsenz von Männern zu einer gesellschaftlichen Aufwertung dieser Berufe beitragen. Historisch betrachtet führt eine stärkere männliche Beteiligung oft zu besserer Bezahlung und höherem Status – ein Phänomen, das als "Upgrading-Effekt" bekannt ist.

Beispiele aus anderen Ländern zeigen: In Norwegen sind etwa 40 Prozent der Krankenpfleger männlich, was zu einer insgesamt besseren gesellschaftlichen Stellung des Berufs beiträgt. In Finnland arbeiten überdurchschnittlich viele Männer im Bildungsbereich, was dort mit höherer Bezahlung und besserer Reputation einhergeht.

Wirtschaftliche Dimension der Gleichberechtigung

Die Gender-Equality ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Wieser betont: "Menschen sind wertvoll – sie sind nicht nur wertvolle Arbeitskräfte, sie zahlen Steuern, konsumieren und kaufen ein." Studien zeigen, dass eine gleichberechtigte Erwerbsteilnahme von Frauen das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 12 Prozent steigern könnte.

In Niederösterreich mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern bedeutet dies ein erhebliches wirtschaftliches Potential. Wenn mehr Frauen vollzeitbeschäftigt wären, würde dies nicht nur ihre individuelle finanzielle Situation verbessern, sondern auch zu höheren Steuereinnahmen, verstärktem Konsum und einer besseren Finanzierung der Sozialversicherung führen.

Demografischer Wandel als Verstärker

Der demografische Wandel verschärft die Problematik zusätzlich: Mit einer alternden Gesellschaft wird jede Arbeitskraft wichtiger. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Betreuungs- und Pflegeleistungen. Ohne eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen für erwerbstätige Frauen wird Niederösterreich seine wirtschaftliche Entwicklung gefährden.

Die Geburtenrate in Niederösterreich liegt bei 1,4 Kindern pro Frau – deutlich unter dem bestandserhaltenden Niveau von 2,1. Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf könnte sowohl die Geburtenrate als auch die Erwerbsquote von Frauen positiv beeinflussen.

Politische Handlungsfelder und Zukunftsperspektiven

Die Lösung des Gender Pay Gaps erfordert politisches Handeln auf mehreren Ebenen. Neben der Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie sind strukturelle Reformen notwendig: Der Ausbau der Kinderbetreuung, die Aufwertung von Care-Berufen, bessere Schutzmaßnahmen gegen Diskriminierung und eine Reform des Steuersystems, das derzeit Zweitverdienste – meist von Frauen – überproportional belastet.

Das österreichische Familienpaket und die geplante Steuerreform könnten erste Schritte in die richtige Richtung sein. Entscheidend wird jedoch die konkrete Ausgestaltung sein. Internationale Beispiele zeigen: Länder mit fortschrittlicher Familienpolitik wie Schweden oder Dänemark haben deutlich geringere Gender Pay Gaps.

Bis 2030 sollte Niederösterreich das Ziel haben, den Gender Pay Gap auf unter 10 Prozent zu reduzieren. Dies erfordert koordinierte Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Alternative – eine weitere Verschärfung der demografischen und wirtschaftlichen Probleme – ist für ein modernes Bundesland wie Niederösterreich nicht akzeptabel.

Der Internationale Frauentag 2026 zeigt deutlich: Es wartet noch viel Arbeit, aber die Richtung ist klar. Nur mit entschlossenen Maßnahmen kann die Gleichberechtigung von einer Vision zur Realität werden. Die Zeit des Wartens ist vorbei – jetzt müssen Taten folgen, damit künftige Generationen in einer gerechteren Arbeitswelt aufwachsen können.

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