Die Elektro- und Elektronikindustrie steht vor einem entscheidenden Frühjahr: Am 5. März 2025 haben die Gewerkschaften PRO-GE und GPA die Kollektivvertragsverhandlungen für rund 60.000 Beschäftigte
Die Elektro- und Elektronikindustrie steht vor einem entscheidenden Frühjahr: Am 5. März 2025 haben die Gewerkschaften PRO-GE und GPA die Kollektivvertragsverhandlungen für rund 60.000 Beschäftigte in Österreich eröffnet. Was auf den ersten Blick wie eine routinemäßige Verhandlungsrunde aussieht, könnte weitreichende Folgen für eine der wichtigsten Industriebranchen des Landes haben. Die Verhandlungsführer machen bereits deutlich: „Es geht vor allem ums Geld" – ein klares Signal in Zeiten, in denen die Teuerungskrise noch immer spürbar ist.
Die Elektro- und Elektronikindustrie (EEI) zählt zu den bedeutendsten Industriezweigen Österreichs und beschäftigt etwa 60.000 Menschen. Diese Branche umfasst Unternehmen, die elektronische Bauteile, Haushaltsgeräte, Industrieanlagen, Kommunikationstechnik und Automatisierungslösungen produzieren. Zu den bekanntesten österreichischen Vertretern gehören Unternehmen wie AKG Acoustics, AVL List, Frequentis oder Zumtobel Group.
Der Sektor hat sich in den vergangenen Jahren als besonders innovativ und exportorientiert erwiesen. Mehr als 70 Prozent der in Österreich produzierten Elektro- und Elektronikprodukte gehen in den Export, was die Branche zu einem wichtigen Devisenbringer macht. Die Wertschöpfung beläuft sich auf über 8 Milliarden Euro jährlich, was etwa 2,5 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts entspricht.
Die Elektro- und Elektronikindustrie ist nicht gleichmäßig über Österreich verteilt. Schwerpunkte liegen in der Steiermark (Graz-Umgebung), Oberösterreich (Linz-Wels-Region), Wien und Niederösterreich sowie Tirol (Innsbruck-Umgebung). In diesen Regionen haben sich über Jahrzehnte gewachsene Cluster gebildet, die von Forschungseinrichtungen wie der TU Graz oder der Johannes Kepler Universität Linz profitieren.
Nach den Herausforderungen der Corona-Pandemie und den Lieferkettenproblemen der vergangenen Jahre zeigt die Elektro- und Elektronikindustrie wieder positive Signale. Die Verhandlungsführer Reinhold Binder (PRO-GE) und Eva Scherz (GPA) verweisen auf „sehr erfreuliche Ergebnisse" und einen deutlichen „Aufwärtstrend". Diese Einschätzung deckt sich mit aktuellen Branchendaten: Die Auftragseingänge sind in den ersten Monaten 2025 um durchschnittlich 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen.
Besonders profitiert die Branche von der steigenden Nachfrage nach Automatisierungslösungen, erneuerbaren Energietechnologien und digitalen Infrastrukturen. Die Transformation hin zur Industrie 4.0 und der European Green Deal schaffen zusätzliche Wachstumschancen. Allerdings ist die Branche nach wie vor abhängig von internationalen Lieferketten und globalen Technologiezyklen, was eine gewisse Volatilität mit sich bringt.
Im Vergleich zu anderen österreichischen Industriebranchen steht die Elektro- und Elektronikindustrie relativ gut da. Während die Stahlindustrie noch mit strukturellen Herausforderungen kämpft und die Automobilzulieferindustrie unter dem Wandel zur Elektromobilität leidet, profitiert die EEI von Megatrends wie Digitalisierung und Klimaschutz. Die Beschäftigungszahlen sind in den vergangenen zwei Jahren stabil geblieben, während andere Industriezweige teilweise Arbeitsplätze abbauten.
Die Forderungen der Gewerkschaften gehen weit über einfache Lohn- und Gehaltserhöhungen hinaus. Im Fokus stehen mehrere Kernbereiche, die die Arbeitsrealität der 60.000 Beschäftigten direkt betreffen.
Ein zentraler Punkt betrifft die Zulagen für Schichtarbeit. Die Gewerkschaften fordern eine Erhöhung der Zulage für die zweite Schicht auf 1,50 Euro pro Stunde und für die dritte Schicht auf fünf Euro pro Stunde. Diese Forderung ist durchaus berechtigt: Schichtarbeit belastet nachweislich die Gesundheit der Arbeitnehmer und erschwert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erheblich.
Aktuelle arbeitsmedizinische Studien zeigen, dass Nachtschichtarbeiter ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Zudem leiden sie häufiger unter Schlafstörungen, Magen-Darm-Problemen und psychischen Belastungen. Die bessere finanzielle Abgeltung dieser Mehrbelastung ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein wichtiger Baustein zur Gesundheitsvorsorge.
Ein weiterer wichtiger Verhandlungspunkt betrifft die Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche. Derzeit müssen Arbeitnehmer ohne anrechenbare Zeiten 25 Dienstjahre beim gleichen Arbeitgeber vorweisen, um Anspruch auf sechs Wochen Urlaub zu haben. Die Gewerkschaften fordern hier Erleichterungen, was angesichts der gestiegenen Jobmobilität durchaus zeitgemäß wäre.
In Deutschland beispielsweise haben Arbeitnehmer bereits nach 15 Jahren Betriebszugehörigkeit oder ab dem 50. Lebensjahr Anspruch auf eine zusätzliche Urlaubswoche. Die Schweiz kennt sogar eine noch großzügigere Regelung mit fünf Wochen Mindestunlauf für alle Arbeitnehmer über 20 Jahre.
Ein besonders sozialer Aspekt der Verhandlungen betrifft die zusätzliche Pflegefreistellung für Eltern von Kindern mit Behinderung. Diese Forderung spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wider, bei dem Unternehmen zunehmend soziale Verantwortung übernehmen müssen, um als attraktive Arbeitgeber zu gelten.
Familien mit behinderten Kindern sind besonderen Belastungen ausgesetzt. Sie benötigen häufig mehr Zeit für Arzttermine, Therapien und andere unterstützende Maßnahmen. Eine zusätzliche Pflegefreistellung würde diesen Familien helfen und gleichzeitig signalisieren, dass die Industrie ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt.
Die Verhandlungen des vergangenen Jahres lassen erahnen, was die Beteiligten in den kommenden Wochen erwartet. Elf Wochen dauerten die Gespräche, fünf Verhandlungsrunden waren nötig, und erst Betriebsversammlungen brachten schließlich den Durchbruch. Das Ergebnis war ein Kompromiss: Die Kollektivvertragslöhne und Mindestgrundgehälter stiegen um 3 Prozent, die Ist-Löhne und -Gehälter um 2,75 Prozent beziehungsweise maximal 115 Euro.
Diese Zahlen spiegeln die damalige wirtschaftliche Situation wider: Die Inflation lag 2024 noch deutlich über den gewährten Erhöhungen, was für viele Arbeitnehmer real einen Kaufkraftverlust bedeutete. Gleichzeitig kämpften viele Unternehmen noch mit den Nachwirkungen der Energiekrise und unsicheren Absatzmärkten.
Im Branchenvergleich lagen die Abschlüsse in der Elektro- und Elektronikindustrie 2024 im mittleren Bereich. Die Metallindustrie erreichte ähnliche Werte, während etwa die Chemiebranche mit 3,5 Prozent etwas besser abschnitt. Der öffentliche Dienst blieb mit 2,3 Prozent deutlich darunter, was die unterschiedliche Verhandlungsmacht der Sozialpartner widerspiegelt.
Die Verhandlungsergebnisse in der Elektro- und Elektronikindustrie haben durchaus gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Die 60.000 Beschäftigten verdienen überdurchschnittlich gut – das mittlere Bruttoeinkommen liegt bei etwa 3.800 Euro monatlich. Lohnerhöhungen in dieser Größenordnung stärken daher die Kaufkraft erheblich.
Rechnet man mit einer durchschnittlichen Erhöhung von 3 Prozent, würde dies zusätzliche Kaufkraft von etwa 82 Millionen Euro jährlich bedeuten. Dieser Betrag fließt größtenteils in den privaten Konsum und stützt damit die heimische Konjunktur. Besonders profitieren davon der Einzelhandel und Dienstleistungssektor in den Industrieregionen.
Die wirtschaftlichen Effekte sind regional unterschiedlich spürbar. In der Steiermark, wo etwa 18.000 Beschäftigte der Elektro- und Elektronikindustrie arbeiten, sind Lohnerhöhungen besonders konjunkturstimulierend. Ähnliches gilt für Oberösterreich mit rund 16.000 Beschäftigten. In Wien hingegen, wo viele Beschäftigte in Entwicklung und Verwaltung tätig sind, sind die Effekte weniger konzentriert spürbar.
Blickt man über die Grenzen, zeigt sich ein gemischtes Bild bei den Lohnentwicklungen in der Elektro- und Elektronikindustrie. In Deutschland führten die IG Metall und andere Gewerkschaften zuletzt härtere Verhandlungen, erreichten aber ähnliche Abschlüsse wie in Österreich. Die Schweizer Kollegen profitierten von der stabilen Wirtschaftslage und erzielten Erhöhungen von durchschnittlich 2,8 Prozent bei deutlich niedrigerer Inflation.
Interessant ist der Vergleich mit den osteuropäischen Nachbarländern: In Tschechien und der Slowakei, wo ebenfalls bedeutende Elektronikindustrien angesiedelt sind, lagen die Lohnsteigerungen 2024 bei 8 bis 12 Prozent. Allerdings starteten diese von einem deutlich niedrigeren Niveau, sodass österreichische Fachkräfte weiterhin zu den bestbezahlten in der Region gehören.
Die kommenden Verhandlungen finden in einem komplexen Umfeld statt. Einerseits zeigt die Konjunktur wieder aufwärts, andererseits bestehen strukturelle Herausforderungen fort. Der Fachkräftemangel wird immer spürbarer – besonders bei Ingenieuren, Technikern und qualifizierten Facharbeitern herrscht akuter Mangel.
Gleichzeitig bringt die Digitalisierung massive Veränderungen mit sich. Viele traditionelle Arbeitsplätze verschwinden, während neue, oft höher qualifizierte Stellen entstehen. Diese Transformation erfordert massive Investitionen in Weiterbildung und Qualifizierung, was sich auch in den Kollektivvertragsverhandlungen niederschlagen könnte.
Ein zunehmend wichtiger Faktor in den Verhandlungen ist die Nachhaltigkeit. Immer mehr Beschäftigte legen Wert darauf, dass ihr Arbeitgeber ökologisch und sozial verantwortlich handelt. Dies könnte sich in Zukunft auch in den Kollektivverträgen niederschlagen – etwa durch Anreize für umweltfreundliches Verhalten oder zusätzliche Sozialleistungen.
Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 9. April 2025 angesetzt. Bis dahin werden beide Seiten ihre Positionen weiter ausarbeiten und intern abstimmen. Der neue Kollektivvertrag soll mit 1. Mai 2026 in Kraft treten, was den Verhandlungsführern ausreichend Zeit für intensive Gespräche gibt.
Erfahrungsgemäß sind die ersten Runden eher von grundsätzlichen Positionen geprägt. Die eigentlichen Kompromisse entstehen meist erst in späteren Verhandlungsrunden, wenn der Druck auf beide Seiten steigt. Sollten sich die Verhandlungen wie im Vorjahr über mehrere Monate hinziehen, könnten auch Betriebsversammlungen und andere Druckmittel zum Einsatz kommen.
Für die 60.000 Beschäftigten der Elektro- und Elektronikindustrie stehen wichtige Wochen bevor. Die Verhandlungsergebnisse werden nicht nur ihre persönliche finanzielle Situation beeinflussen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Branche prägen. In einer Zeit des rasanten technologischen Wandels ist ein fairer Interessensausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wichtiger denn je – sowohl für die Beschäftigten als auch für den Wirtschaftsstandort Österreich.