Neue Untersuchung zeigt weitverzweigte Netzwerke der Organisation, die auch in Österreich aktiv ist
Die Dokumentationsstelle Politischer Islam analysiert erstmals umfassend die Finanzstrukturen der Hisbollah in Europa und deren Aktivitäten in Österreich.
Eine neue Studie der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) beleuchtet die komplexen Finanzierungsnetzwerke der schiitisch-islamistischen Hisbollah in Europa. Die Untersuchung wurde unter der Leitung von Lina Khatib, Associate Fellow bei Chatham House in London, erstellt und von Anrike Visser, Expertin für Finanzkriminalität und Terrorfinanzierung, unterstützt.
Die Analyse stützt sich auf öffentlich zugängliche Quellen wie Gerichtsakten, Unternehmensregister und Regierungsberichte. Sie legt sowohl die Verbindungen zu global agierenden Unternehmen offen als auch die Verflechtung mit legalen und illegalen Geschäftsmodellen.
Ein zentraler Aspekt der Hisbollah-Aktivitäten in Europa ist die unterschiedliche rechtliche Einstufung in den EU-Staaten. Während Deutschland, die Schweiz und die Niederlande die gesamte Organisation als Terrororganisation listen, stufen die meisten EU-Länder, einschließlich Österreich, lediglich den militärischen Flügel als terroristisch ein.
Diese rechtliche Spaltung ermöglicht es dem politischen Arm der Hisbollah, in zahlreichen europäischen Ländern legal Geschäfte zu tätigen und Spenden über gemeinnützige oder religiöse Organisationen zu sammeln. Nach US-Regierungsberichten finanziert sich die Hisbollah zu rund einem Drittel über kriminelle Tätigkeiten weltweit, wobei Europa eine wichtige Rolle einnimmt.
Die Organisation ist unter anderem im Handel mit Drogen, Kunstwerken und Blutdiamanten sowie im Öl-Schmuggel und in der Geldwäsche verstrickt. Zunehmend laufen die Finanzgeschäfte über Kryptowährungen, um Transaktionen anonymer und schneller durchführen zu können.
Die Studie dokumentiert mehrere Hisbollah-Operationen in Österreich. Ein prominenter Fall betrifft einen libanesischen Staatsbürger, der 2020 und 2021 in Klagenfurt zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er seit 2006 der Hisbollah angehörte, rund 250 Jugendliche und Männer anwarb und an ideologischen Schulungen sowie militärischen Ausbildungen beteiligt war. Zudem wirkte er über viele Jahre in Österreich an der Finanzierung der Organisation mit.
Ein weiteres Beispiel ist die erfolgreiche Aufdeckung eines Schmuggelnetzwerks durch österreichische Behörden. Die Tätergruppe schleuste große Mengen Captagon und Kokain nach Saudi-Arabien. Die im Libanon hergestellten Drogen wurden in Geräten wie Pizzaöfen oder Waschmaschinen versteckt und über Belgien und Österreich nach Italien geschmuggelt. Eine Pizzeria in einem Salzburger Ort diente als Tarnung. Der Drogenring wurde 2021 im Rahmen der "Operation El Capta" zerschlagen.
"Europa ist für die Hisbollah eine wichtige Drehscheibe für verschiedenste Geschäftsaktivitäten, wie die aufgebauten und weitverzweigten Strukturen zeigen", erklärt Studienautorin Lina Khatib. "Die Kooperation mit kriminellen Netzwerken über europäische Staaten hinaus, etwa mit Drogenkartellen, führen auch die globale Dimension der Hisbollah-Finanzierung vor Augen."
Die Studie macht deutlich, dass es neben einer einheitlichen rechtlichen Position der EU eine konsequentere Zusammenarbeit auf internationaler Ebene braucht. Die DPI-Publikation "The Financial Operations of Hezbollah in Europe" steht auf der Website der Dokumentationsstelle zum kostenfreien Download zur Verfügung.