Gewerkschaft vida macht zum Tag des Notrufs auf schwierige Arbeitsbedingungen aufmerksam
Sanitäter:innen arbeiten unter enormem Druck, doch ihre Ausbildung ist veraltet. Die Gewerkschaft vida fordert dringend Verbesserungen.
Jeden Tag retten sie Leben, arbeiten unter extremem Zeitdruck und sind mit emotionalen Ausnahmesituationen konfrontiert: Rettungs- und Notfallsanitäter:innen in Österreich. Doch ihre wichtige Arbeit wird oft unterschätzt, und die Arbeitsbedingungen entsprechen nicht den gestiegenen Anforderungen. Anlässlich des Tags des Notrufs am 14. April macht die Gewerkschaft vida auf diese Problematik aufmerksam und fordert dringende Verbesserungen.
"Der Rettungsdienst und Krankentransport ist ein hochprofessioneller Bereich mit enormer Verantwortung. Trotzdem wird oft unterschätzt, was Sanitäter:innen leisten – und unter welchen Bedingungen sie arbeiten", erklärt Sylvia Gassner, Vorsitzende des vida-Fachbereichs Soziale Dienste und selbst Rettungssanitäterin.
Ein zentrales Problem liegt in der Diskrepanz zwischen den modernen Anforderungen im Rettungsdienst und der veralteten Ausbildung. Während sich die technische Ausstattung und die medizinischen Anforderungen in den letzten Jahren drastisch verändert haben, blieb die Ausbildung weitgehend unverändert. Ein Beispiel dafür ist der Defibrillator, der vom Ausnahmegerät zum Standard im Rettungsdienst wurde.
"Die technische Entwicklung ist rasant, die Ausbildung aber nicht mitgewachsen. Das passt nicht mehr zusammen", kritisiert Gassner. Diese Situation belastet nicht nur die Sanitäter:innen selbst, sondern kann auch die Qualität der Patientenversorgung beeinträchtigen.
Neben den körperlichen Anforderungen ist der Beruf auch psychisch äußerst fordernd. Besonders Einsätze bei schweren Unfällen oder mit Kindern hinterlassen oft tiefe Spuren bei den Einsatzkräften. Viele Beschäftigte berichten, dass sie traumatische Erlebnisse aus dem Dienst mit nach Hause nehmen.
"Wer täglich mit Notfällen konfrontiert ist, braucht auch Möglichkeiten, um das zu verarbeiten. Das ist keine Schwäche, sondern Teil dieses Berufs", betont Gassner. Doch professionelle psychologische Betreuung und Nachsorge sind oft nicht ausreichend vorhanden oder zugänglich.
Ein wachsendes Problem im Arbeitsalltag der Rettungskräfte sind Behinderungen während ihrer Einsätze. Fehlende Rettungsgassen, Beschimpfungen durch Passanten oder sogar das Filmen von Unfallstellen und Einsätzen durch Schaulustige erschweren die ohnehin schon herausfordernde Arbeit zusätzlich.
"Wenn wir auf dem Weg zum Einsatz behindert werden, geht wertvolle Zeit verloren. Dabei zählt oft jede Minute", erklärt Gassner die dramatischen Auswirkungen solcher Störungen. In Notfallsituationen kann jede Verzögerung über Leben und Tod entscheiden.
Ein weiteres Problem liegt in den oft unrealistischen Erwartungen der Bevölkerung an die Kompetenzen von Sanitäter:innen. Viele Menschen haben durch Filme und Fernsehen ein verzerrtes Bild von den tatsächlichen Möglichkeiten der Rettungskräfte.
"Nicht selten glauben die Menschen, dass wir im Rettungswagen Operationen durchführen können, aber das übersteigt weit unseren Verantwortungsbereich. Wir brauchen hier klare Kompetenzabgrenzungen und realistische Erwartungen", stellt Gassner klar.
Sanitäter:innen leisten Erste Hilfe, stabilisieren Patient:innen und unterstützen Ärzt:innen – sie können und dürfen diese aber nicht ersetzen. Eine klare Abgrenzung der Kompetenzen würde nicht nur die Arbeit erleichtern, sondern auch rechtliche Sicherheit schaffen.
Auch der Bereich des Krankentransports erfordert hochqualifiziertes Personal. Viele Patient:innen sind in ihrer Mobilität stark eingeschränkt oder gesundheitlich instabil. Ihr Zustand kann sich während der Fahrt jederzeit verschlechtern, weshalb gut ausgebildetes Personal im Ernstfall sofort reagieren können muss.
Doch oft wird beim Krankentransport aus Kostengründen gespart, was zu Lasten der Qualität und Sicherheit geht. Dies gefährdet nicht nur die Patient:innen, sondern setzt auch das Personal unter zusätzlichen Druck.
Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, startete die Gewerkschaft vida zum Tag des Notrufs eine umfassende Aufklärkampagne. In fünf Videos sprachen Sanitäter:innen verschiedener Rettungsorganisationen über ihren Arbeitsalltag und ihre Anliegen.
Ein begleitendes Gewinnspiel, bei dem mehrere Erste-Hilfe-Kurse sowie das Buch "Notfall, ist das ein Vorschlag?" von Bernd Kuttin verlost wurden, stieß auf großes Interesse. Hunderte Menschen in ganz Österreich nahmen daran teil.
"Der Erfolg der Kampagne verdeutlicht: es gibt noch Aufholbedarf beim allgemeinen Wissensstand über den Beruf der Sanitäter:innen. Als Gewerkschaft sehen wir es daher weiter als unsere Aufgabe, die Themen und Probleme der Beschäftigten aufzuzeigen", resümiert Gassner.
Basierend auf den Erfahrungen und Rückmeldungen der Beschäftigten hat die Gewerkschaft vida konkrete Forderungen entwickelt, um die Situation der Rettungskräfte zu verbessern:
Die Herausforderungen im österreichischen Rettungsdienst sind vielfältig und komplex. Der demografische Wandel führt zu einer älter werdenden Gesellschaft mit entsprechend steigenden Anforderungen an das Gesundheitssystem. Gleichzeitig nehmen psychische Erkrankungen zu, was neue Kompetenzen von den Rettungskräften verlangt.
Die Corona-Pandemie hat zusätzlich gezeigt, wie wichtig ein funktionierender Rettungsdienst für die Gesellschaft ist, aber auch wie schnell das System an seine Grenzen stoßen kann. Umso wichtiger ist es, jetzt die Weichen für eine zukunftsfähige Gestaltung des Rettungsdienstes zu stellen.
"Der Rettungsdienst funktioniert nur mit den Menschen, die darin arbeiten. Um den Beruf bestmöglich ausüben zu können, brauchen sie moderne Ausbildung, gute Arbeitsbedingungen und Respekt", fasst Gassner abschließend zusammen.
Die Forderungen der Gewerkschaft vida sind nicht nur berechtigt, sondern notwendig, um die Qualität der Notfallversorgung in Österreich langfristig zu sichern. Es liegt nun an Politik und Gesellschaft, die nötigen Verbesserungen umzusetzen und den Rettungskräften die Wertschätzung entgegenzubringen, die sie verdienen.