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Parkinson-Therapie: Innovative Behandlungen zu selten eingesetzt

Umfrage zeigt gravierende Unterversorgung bei 20.000 Betroffenen in Österreich

26. März 2026 um 09:11
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56% der Parkinson-Patient:innen leiden bereits an fortgeschrittener Erkrankung, doch nur 11% erhalten moderne gerätegestützte Therapien.

Eine aktuelle Umfrage zum Welt-Parkinson-Tag 2026 offenbart alarmierende Zahlen zur Versorgungssituation von Parkinson-Patient:innen in Österreich. Von den rund 20.000 Betroffenen im Land befinden sich bereits 56 Prozent in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium – dennoch erhalten nur 11 Prozent eine gerätegestützte Therapie, die ihre Lebensqualität erheblich verbessern könnte.

Drastische Unterversorgung bei fortgeschrittener Erkrankung

Die vom Marktforschungsinstitut Integral durchgeführte Umfrage im Auftrag von AbbVie befragte 353 Parkinson-Patient:innen österreichweit. Das Ergebnis ist besorgniserregend: Mehr als jeder zweite Betroffene leidet bereits an fortgeschrittenem Parkinson, identifiziert durch die "5 oder 2 oder 1"-Regel. Diese besagt, dass Patient:innen entweder fünf oder mehr Levodopa-Tabletten täglich einnehmen müssen, mindestens zwei Stunden in unbeweglichen OFF-Phasen verbringen oder eine Stunde am Tag unter unwillkürlichen Bewegungen leiden.

Besonders betroffen sind das Burgenland, Tirol und Oberösterreich, wo der Anteil an Patient:innen mit fortgeschrittenem Parkinson überdurchschnittlich hoch ist. Trotz dieser alarmierenden Zahlen nehmen 79 Prozent der Befragten ausschließlich Tabletten ein, obwohl gerätegestützte Therapien wie Pumpentherapien oder Tiefe Hirnstimulation deutlich mehr Lebensqualität bieten könnten.

Mangelnde Aufklärung über moderne Therapieoptionen

Dr. Michaela Steffelbauer, Neurologin und Präsidentin der Parkinson Selbsthilfe Oberösterreich, sieht in dieser Diskrepanz ein gravierendes Versorgungsproblem: "Diese Zahlen zeigen, dass viele Patient:innen nicht die Therapie erhalten, die sie eigentlich bräuchten."

Die Umfrage deckt auch ein Informationsdefizit auf: Während 88 Prozent der Befragten Parkinson-Medikamente in Tablettenform kennen, haben nur 38 Prozent von gerätegestützten Therapien gehört. Noch dramatischer: Lediglich 20 Prozent haben mit ihrem behandelnden Arzt über diese Möglichkeiten gesprochen.

"Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf", betont Steffelbauer. "Die Erfahrung zeigt, dass rechtzeitige und wiederholte Gespräche sowie der Austausch in Selbsthilfegruppen helfen, Ängste und Vorbehalte abzubauen."

Ängste hemmen optimale Behandlung

Die größten Bedenken der Patient:innen gegen gerätegestützte Therapien sind Angst vor Komplikationen bei eventuell notwendigen Operationen, Sorgen um die Handhabung im Alltag sowie mögliche Nebenwirkungen. Diese Ängste erweisen sich jedoch oft als unbegründet: Von jenen Patient:innen, die bereits eine gerätegestützte Therapie erhalten, sind 46 Prozent sehr zufrieden – bei reiner Tablettentherapie sind es nur 30 Prozent.

Besonders aussagekräftig ist ein weiteres Umfrageergebnis: 65 Prozent der Patient:innen mit gerätegestützter Therapie meinen im Nachhinein, es wäre besser gewesen, sich früher dafür entschieden zu haben. "Die Patient:innen können einen absoluten Zugewinn an Lebensqualität erleben", berichtet Steffelbauer aus ihrer Praxis.

Timing entscheidet über Therapieerfolg

Paradoxerweise wünscht sich dennoch jeder zweite Befragte (56 Prozent), "so spät wie möglich" mit einer gerätegestützten Therapie behandelt zu werden. Ein fataler Denkfehler, wie Experten betonen. "Der ideale Zeitpunkt ist, wenn die optimierte orale Therapie nicht mehr ausreicht – idealerweise bereits VOR einer Verschlechterung der Lebensqualität, da sonst wertvolle Lebenszeit in gutem Zustand verloren gehen kann", erklärt Steffelbauer.

Parkinson gilt als weltweit am schnellsten wachsende neurologische Erkrankung, was die Dringlichkeit einer verbesserten Versorgung unterstreicht. Frühe Intervention mit modernen Therapien kann nicht nur die Lebensqualität erhalten, sondern auch die Selbständigkeit der Erkrankten länger bewahren.

Massive Belastungen im Alltag

Die Umfrage zeigt auch die dramatischen Auswirkungen der Erkrankung auf das tägliche Leben: 82 Prozent der Betroffenen benötigen Unterstützung, meist von Ehe- oder Lebenspartnern. Fast alle Befragten (97 Prozent) leiden unter Tagesmüdigkeit, 91 Prozent haben Probleme beim Durchschlafen.

Besonders belastend ist die Situation für berufstätige Patient:innen: 47 Prozent berichten von verminderter Leistungsfähigkeit, 33 Prozent müssen ihre Arbeitszeit reduzieren. Im Durchschnitt sind Betroffene rund 18 Tage pro Jahr krankgeschrieben – ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor sowohl für die Betroffenen als auch das Gesundheitssystem.

Psychische Belastungen verstärken Leiden

Neben den körperlichen Symptomen leiden 91 Prozent der Befragten unter emotionalen Beeinträchtigungen wie Grübeln, Angst oder Depression. Diese psychischen Aspekte verstärken oft die körperlichen Symptome und verschlechtern die Gesamtprognose.

Finanzielle Hürden belasten Familien

Die Erkrankung bringt auch erhebliche finanzielle Belastungen mit sich: 35 Prozent der Patient:innen müssen Wahlarztbesuche vollständig selbst finanzieren, 21 Prozent tragen die Kosten für notwendige Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie aus eigener Tasche.

Bereits 35 Prozent der Befragten haben eine Pflegestufe erhalten, was die fortschreitende Verschlechterung und den steigenden Betreuungsbedarf unterstreicht. Diese Zahlen verdeutlichen auch die volkswirtschaftlichen Kosten der Unterversorgung: Frühere, angemessene Therapien könnten Pflegebedürftigkeit hinauszögern und Kosten reduzieren.

Aufklärung und Vernetzung als Schlüssel

Um die Versorgungssituation zu verbessern, sind mehrere Ansätze notwendig: Bessere Aufklärung von Ärzten und Patient:innen über moderne Therapieoptionen, frühzeitige Gespräche über gerätegestützte Therapien und verstärkte Vernetzung zwischen Behandlern und Selbsthilfegruppen.

Veranstaltungen wie die kostenlose Informationsveranstaltung der Österreichischen Parkinson-Gesellschaft am 10. April 2026 im Neuen Rathaus in Linz oder die 10. Niederösterreichischen Parkinson-Infotage im Juni in St. Peter in der Au tragen zur wichtigen Aufklärungsarbeit bei.

Dringende Reformen erforderlich

Die Umfrageergebnisse machen deutlich: Österreichs Gesundheitssystem muss seine Herangehensweise an die Parkinson-Therapie grundlegend überdenken. Zu lange wird mit veralteten Therapiekonzepten gearbeitet, während moderne, effektive Behandlungsmöglichkeiten ungenutzt bleiben.

"Ein früheres Umdenken in der Therapie ist dringend notwendig", fordert Steffelbauer. "Eine angepasste Behandlung kann die Selbständigkeit der Erkrankten wesentlich länger aufrechterhalten und damit auch die Belastung für Angehörige und das Gesundheitssystem reduzieren."

Die Zeit drängt: Mit Parkinson als am schnellsten wachsender neurologischer Erkrankung werden die Versorgungsprobleme ohne strukturelle Reformen weiter zunehmen. Betroffene, Angehörige und das gesamte Gesundheitssystem würden von einem Paradigmenwechsel hin zu frühzeitiger, moderner Therapie profitieren.

Schlagworte

#Parkinson#Gesundheit#Therapie#Österreich#Medizin

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