Geopolitische Spannungen verstärken Diskussion um heimische Stromproduktion
Steigende Gaspreise durch Nahost-Krise zeigen erneut Österreichs Abhängigkeit von Energieimporten auf. Windkraft-Branche sieht sich als Lösung.
Die aktuellen geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und deren Auswirkungen auf die Energiemärkte haben die Diskussion um Österreichs Energieunabhängigkeit erneut befeuert. Bei der 23. Branchenplattform Windenergie in der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien machten Branchenvertreter deutlich: Die Zeit für einen massiven Ausbau der heimischen Windkraft ist gekommen.
Obwohl die E-Control derzeit noch keine akute Energiekrise verzeichnet, zeigen sich bereits erste Warnsignale: Die Gaspreise steigen wieder, und die Energieeinspeisung für den kommenden Winter wird teurer und kritischer. "Das Problem fossiler Abhängigkeit kehrt in erwartbarer Regelmäßigkeit wieder", warnt Josef Plank, Präsident der IG Windkraft Österreich.
Vier Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine geraten die internationalen Energiemärkte aufgrund der Eskalationen im Iran erneut unter Druck. Diese Entwicklung verdeutlicht einmal mehr Österreichs Verwundbarkeit durch die starke Importabhängigkeit bei Energie. "Gas setzt uns und auch den Wirtschaftsstandort in Zeiten wie diesen unter Druck – sicher ist oft nur die nächste Krise", so Plank weiter.
Die heimische Windkraft-Branche sieht sich als Teil der Lösung für diese wiederkehrenden Energiekrisen. Aktuell stehen 3.500 Megawatt an heimischer Windenergie bereit, um sicheren, regionalen Strom für Österreich zu erzeugen. "Jede Kilowattstunde an sauberem, regional in Österreich erzeugten und verbrauchten Strom macht das Land ein Stück weit unabhängiger, resilienter und sicherer", erklärt Plank die strategische Bedeutung.
Die Windkraft hat sich bereits zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt: Mit einem Anteil am Stromverbrauch, der sich der 20-Prozent-Marke nähert, versorgen heimische Windräder bereits rund 2,6 Millionen Haushalte mit Strom. Die Branche beschäftigt etwa 8.000 Menschen in rund 180 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Auch der Finanzsektor signalisiert Bereitschaft für den Ausbau der Windenergie. Reinhard Karl, Generaldirektor-Stellvertreter der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien und Gastgeber der Veranstaltung, betont: "Heimische Projekte bedeuten auch heimische Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort in den jeweiligen Bundesländern und Regionen des Landes."
Die Windbranche kann in den nächsten vier Jahren rund sechs Milliarden Euro investieren – ein wichtiges Signal gerade in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit. Diese Investitionen würden nicht nur die Energiewende vorantreiben, sondern auch den heimischen Wirtschaftsstandort stärken. Das Rückgrat bilden dabei kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die regional verankert sind.
Damit dieses Investitionspotenzial tatsächlich gehoben werden kann, fordert die Branche jedoch verstärkte politische Planbarkeit. "In einem politisch hochgradig beeinflussten Sektor wie der Energiewirtschaft sind verlässliche politische Rahmenbedingungen und langfristige Planungssicherheit notwendig", so Josef Plank.
Die Unsicherheit über künftige energiepolitische Weichenstellungen hemmt derzeit Investitionsentscheidungen. Dabei wären die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen raschen Ausbau der Windkraft gegeben.
Aus europäischer Sicht unterstützt Robert Lange, Senior Policy Expert bei der European Renewable Energies Federation (EREF) in Brüssel, diese Einschätzung. "Gas nimmt Europa zunehmend die eigene Freiheit und hat das Potential, in diesem Abhängigkeitsverhältnis den Wirtschaftsstandort Europa – wie wohl auch Österreich – immer stärker unter Druck zu setzen."
Der EREF-Vertreter, dessen Organisation nationale Vereinigungen erneuerbarer Energien aus verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten vertritt, sieht im zügigen Ausbau heimischer, erneuerbarer Energien einen "Schutzschirm" gegen geopolitische Verwerfungen.
Die wachsende Diversifizierung der Energiequellen und die Förderung von Autarkie gewinnen in Zeiten geopolitischer Umbrüche an immenser Bedeutung. Die aktuelle "Epochenwende" macht deutlich, wie wichtig es ist, nicht von einzelnen Energielieferanten oder -regionen abhängig zu sein.
Die österreichische Windkraft-Branche hat in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt 1,2 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet und durch Milliarden-Investitionen den heimischen Wirtschaftsstandort gestärkt. Diese Erfolgsgeschichte könnte bei entsprechenden politischen Rahmenbedingungen fortgeschrieben werden.
Rückenwind erhält die Branche durch die österreichische Bevölkerung: Nach einer aktuellen, repräsentativen Umfrage befürworten 83 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher den Ausbau der Windenergie. Diese breite gesellschaftliche Unterstützung bildet eine solide Basis für politische Entscheidungen zugunsten der Windkraft.
"Die Windkraft steht bereit, um hier konsens- und zukunftsorientiert ein Teil der Lösung zu sein", fasst Josef Plank die Position der Branche zusammen. Angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen und der damit verbundenen Energiemarkt-Verwerfungen dürfte diese Botschaft auf offene Ohren in der Politik stoßen.
Die 23. Branchenplattform Windenergie hat jedenfalls deutlich gemacht: Die technischen Möglichkeiten und das Finanzierungspotenzial für einen massiven Ausbau der heimischen Windkraft sind vorhanden. Was fehlt, ist die politische Entschlossenheit für langfristige, verlässliche Rahmenbedingungen.