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Wiens Grüngürtel wird größer: Kooperation für mehr Grünraum

4. April 2026 um 08:02
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Wien macht einen bedeutenden Schritt in der Stadtentwicklung: Erstmals arbeiten drei Wiener Bezirke mit fünf niederösterreichischen Gemeinden zusammen, um den Grünraum im Süden der Bundeshauptstadt...

Wien macht einen bedeutenden Schritt in der Stadtentwicklung: Erstmals arbeiten drei Wiener Bezirke mit fünf niederösterreichischen Gemeinden zusammen, um den Grünraum im Süden der Bundeshauptstadt nachhaltig zu sichern und auszubauen. Die Initiative "Landschaftsbogen 5plus3" verbindet die Bezirke Favoriten, Simmering und Liesing mit den Umlandgemeinden Schwechat, Lanzendorf, Leopoldsdorf, Hennersdorf und Vösendorf zu einem gemeinsamen Grünraumkonzept, das über Gemeinde- und Ländergrenzen hinweg wirken soll.

Historische Kooperation für Wiens Zukunft

Die Zusammenarbeit zwischen Wien und den niederösterreichischen Nachbargemeinden ist kein Zufall, sondern eine strategische Notwendigkeit. Seit 1905 existiert mit dem Wiener Wald- und Wiesengürtel bereits ein über 100 Jahre altes Konzept zum Erhalt der wertvollen Grünräume in und um Wien. Was damals als visionärer Beschluss gefasst wurde, erweist sich heute als weitsichtige Entscheidung für die Lebensqualität einer wachsenden Metropolregion.

Der Begriff "Grüngürtel" bezeichnet zusammenhängende Grünflächen, die eine Stadt umschließen und sowohl ökologische als auch erholungsrelevante Funktionen erfüllen. Diese Flächen dienen als natürliche Klimaanlagen, Erholungsräume und ökologische Korridore für Tiere und Pflanzen. In einer Zeit des Klimawandels und zunehmender Urbanisierung gewinnen solche Grünräume exponentiell an Bedeutung.

Bevölkerungswachstum als Herausforderung

Die Attraktivität der südlichen Wiener Region führt zu einem kontinuierlichen Bevölkerungswachstum, das besondere Herausforderungen mit sich bringt. In Rothneusiedl entsteht ein Pionier-Stadtteil für über 20.000 Bewohnerinnen und Bewohner, der als Modellprojekt für Klimaschutz und Klimawandel-Anpassung konzipiert ist. Gleichzeitig wachsen auch die Umlandgemeinden stetig, was den Druck auf die vorhandenen Grünflächen erhöht.

Diese Entwicklung ist charakteristisch für europäische Metropolregionen: Während die Kernstädte verdichtet werden, dehnt sich das Wachstum auf das Umland aus. Die Herausforderung besteht darin, dieses Wachstum so zu steuern, dass wertvolle Grünräume erhalten bleiben und gleichzeitig die Lebensqualität für alle Bewohnerinnen und Bewohner gesichert wird.

Konkrete Maßnahmen für die Naherholung

Das Konzept "Landschaftsbogen 5plus3" setzt auf verschiedene konkrete Projekte, die bereits in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen. Entlang der Liesing, einem wichtigen Fluss im Süden Wiens, entsteht eine "Naherholungs-Perlenkette" – eine Serie von Aufenthaltsflächen und renaturierten Bereichen, die die bereits beliebte Naherholungsachse weiter stärken sollen.

Der Begriff "Renaturierung" beschreibt die Wiederherstellung natürlicher oder naturnaher Lebensräume, die durch menschliche Eingriffe verändert oder zerstört wurden. Bei Fließgewässern wie der Liesing bedeutet dies oft die Rückführung begradigter Flussläufe in einen mäandernden Zustand, die Schaffung von Überschwemmungsflächen und die Etablierung naturnaher Uferzonen.

Grünraum als soziales Projekt

Besonders innovativ ist die geplante Kooperation bei der Anlage einer Streuobstwiese in der Gemeinde Lanzendorf, die in Zusammenarbeit mit einer karitativen Organisation entstehen soll. Streuobstwiesen sind traditionelle landwirtschaftliche Nutzungsformen, bei denen hochstämmige Obstbäume in weiten Abständen auf Grünland stehen. Sie gelten als besonders biodiversitätsfördernd und bieten Lebensraum für über 5.000 Tierarten.

Im Stadtentwicklungsgebiet Weichseltalweg ist die Schaffung eines großzügigen Quartiersfreiraums geplant, der sich von Norden nach Süden erstreckt. Solche Quartiersfeiräume fungieren als grüne Lungen in dicht bebauten Gebieten und bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern direkten Zugang zu Erholungsflächen.

Mobilität und Verkehrsberuhigung im Fokus

Ein wesentlicher Baustein des Konzepts ist die Verbesserung der Alltagsverbindungen für Fußgängerinnen, Fußgänger und Radfahrende. Im Bereich des Verschiebebahnhofs in Favoriten soll der Kfz-Transitverkehr unterbunden und bessere Bedingungen für nachhaltige Mobilität geschaffen werden.

Transitverkehr bezeichnet den Durchgangsverkehr, der ein Gebiet nur durchquert, ohne dort zu beginnen oder zu enden. Dieser Verkehr belastet Wohngebiete erheblich durch Lärm, Abgase und Unfallrisiko, ohne dass die betroffenen Gemeinden einen direkten Nutzen davon haben.

Die Goldberg-Erholungsachse

Durch die Verkehrsberuhigung soll der landwirtschaftlich geprägte Erholungsraum "Goldberg" aufgewertet werden. Diese Maßnahme schafft die Voraussetzung für eine attraktive Erholungsachse, die sich von der Liesing über den 2024 geschaffenen Tangentenpark bis zum Hauptbahnhof erstreckt. Eine solche Grünachse durch die Stadt ermöglicht es den Menschen, auf natürlichen Wegen von einem Erholungsgebiet zum anderen zu gelangen, ohne stark befahrene Straßen überqueren zu müssen.

Bewusstseinsbildung und Besucherlenkung

Das Konzept legt großen Wert auf die Sensibilisierung der Nutzerinnen und Nutzer durch Themenwege und Themenspaziergänge. Besonders die Bewusstseinsschaffung für die Landwirtschaft und ihre Erfordernisse steht im Mittelpunkt. Diese Bildungsarbeit ist essentiell, da viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner den Kontakt zur landwirtschaftlichen Produktion verloren haben.

Themenwege sind speziell gestaltete Wanderrouten, die entlang ihrer Strecke Informationen zu bestimmten Aspekten der Landschaft, Geschichte oder Ökologie vermitteln. Sie dienen sowohl der Bildung als auch der Besucherlenkung, indem sie Menschen auf gewünschte Routen führen und gleichzeitig sensible Bereiche schützen.

Infrastrukturverbesserungen in Schwechat

Auch praktische Verbesserungen sind geplant: In Schwechat soll die Beleuchtung des Radwegs verbessert werden, was sowohl die Alltagsmobilität als auch die Erholungsinfrastruktur stärkt. Gute Beleuchtung von Radwegen ist ein wichtiger Sicherheitsfaktor und ermöglicht die Nutzung auch in den Wintermonaten oder zu späteren Tageszeiten.

Rothneusiedl als Modellstadtteil

Im neuen Stadtteil Rothneusiedl entstehen 25 Hektar öffentlicher Grünraum – eine beachtliche Fläche, die allen Bewohnerinnen und Bewohnern zur Verfügung steht. Zum Vergleich: 25 Hektar entsprechen etwa der Größe von 35 Fußballfeldern oder der halben Fläche des Wiener Stadtparks.

Rothneusiedl wird als Pionier-Stadtteil für Klimaschutz und Klimawandel-Anpassung entwickelt. Das bedeutet, dass von der Planung bis zur Umsetzung klimarelevante Aspekte berücksichtigt werden: energieeffiziente Gebäude, Regenwassermanagement, Hitzeinseln-Vermeidung durch ausreichend Grünflächen und nachhaltige Mobilitätskonzepte.

Internationale Vorbilder und Vergleiche

Wiens Ansatz einer grenzüberschreitenden Grünraumkooperation ist international durchaus fortschrittlich. In Deutschland arbeitet beispielsweise die Metropolregion Frankfurt RheinMain ähnlich zusammen, allerdings meist beschränkt auf ein Bundesland. In der Schweiz kooperieren die Kantone Basel-Stadt und Basel-Land erfolgreich in der Grünraumentwicklung.

Besonders bemerkenswert ist der Ansatz Wiens, nicht nur zu planen, sondern auch konkrete Umsetzungsschritte zu definieren. Während viele europäische Städte noch in der Konzeptionsphase verharren, werden hier bereits messbare Projekte angegangen.

Erfolgreiche Vorläuferprojekte

Der Regionalpark DreiAnger an der nordöstlichen Stadtgrenze zeigt bereits, wie erfolgreich solche Kooperationen sein können. Dieses erste Kooperationsprojekt zwischen Wien (Bezirke Floridsdorf und Donaustadt), Niederösterreich und der Umlandgemeinde Gerasdorf dient als Blaupause für den neuen "Landschaftsbogen 5plus3".

Auch größere Projekte wie der Biosphärenpark Wienerwald und der Nationalpark Donau-Auen beweisen, dass grenzüberschreitende Naturschutzkooperationen langfristig erfolgreich sein können. Diese Großschutzgebiete verbinden nicht nur Wien mit dem Umland, sondern bilden auch zentrale Lebensgrundlagen für alle Bewohnerinnen und Bewohner der Region.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Die Umsetzung des "Landschaftsbogen 5plus3" steht vor verschiedenen Herausforderungen. Die Koordination zwischen verschiedenen Verwaltungsebenen – Wiener Bezirke, Niederösterreichische Gemeinden, Landes- und Bundesebene – erfordert intensive Abstimmungsprozesse. Unterschiedliche Planungszyklen, Budgets und politische Prioritäten müssen in Einklang gebracht werden.

Ein besonderer Knackpunkt ist die Finanzierung grenzüberschreitender Projekte. Während jede Gemeinde und jeder Bezirk zunächst die eigenen Bürgerinnen und Bürger im Fokus hat, profitieren von Grünraumprojekten oft alle Beteiligten – die Kostenverteilung gestaltet sich jedoch komplex.

Klimawandel als Treiber

Der Klimawandel verstärkt die Notwendigkeit solcher Projekte erheblich. Städte heizen sich durch den sogenannten "Urban Heat Island Effect" stärker auf als das Umland. Grünflächen wirken als natürliche Klimaanlagen und können Temperaturen um mehrere Grad senken. In heißen Sommern können solche Temperaturunterschiede über Gesundheit und Lebensqualität entscheiden.

Gleichzeitig führt der Klimawandel zu häufigeren Extremwetterereignissen wie Starkregen. Grünflächen und renaturierte Flussbereiche fungieren als natürliche Wasserspeicher und können Überschwemmungen verhindern oder abmildern.

Auswirkungen auf die Bürgerinnen und Bürger

Für die Menschen in der Region bedeutet der "Landschaftsbogen 5plus3" konkrete Verbesserungen im Alltag. Familien erhalten mehr wohnortnahe Erholungsflächen, was besonders für Kinder wichtig ist. Studien zeigen, dass Kinder, die in der Nähe von Grünflächen aufwachsen, seltener unter Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität leiden.

Für Pendlerinnen und Pendler entstehen attraktivere Rad- und Gehwege, die das Auto als Alternative ersetzen können. Dies reduziert nicht nur die Umweltbelastung, sondern auch die individuellen Mobilitätskosten. Ein Arbeitsweg mit dem Fahrrad durch grüne Korridore wird zum Erholungsmoment statt zum Stressfaktor.

Ältere Menschen profitieren von barrierefreien Erholungswegen in der Nähe ihres Wohnorts. Regelmäßige Bewegung in der Natur trägt nachweislich zur Gesundheit bei und kann die Lebensqualität im Alter erheblich steigern.

Wirtschaftliche Effekte

Grünräume haben auch positive wirtschaftliche Effekte: Immobilien in der Nähe von Parks und Grünflächen erzielen höhere Preise und sind stabiler in der Wertentwicklung. Für die Gemeinden bedeutet dies höhere Steuereinnahmen bei gleichzeitig gesteigerter Attraktivität als Wohnstandort.

Der Tourismus profitiert ebenfalls von attraktiven Grünräumen. Themenwege und Erholungsgebiete ziehen Tagesgäste an, die in lokalen Geschäften und Gaststätten Geld ausgeben. Sanfter Tourismus wird zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor, der gleichzeitig umweltverträglich ist.

Ausblick und nächste Schritte

Die Planungsstadträtin Ulli Sima betonte die Bedeutung dieser grenzüberschreitenden Zusammenarbeit als "Erbe an die nächste Generation". Diese Formulierung macht deutlich, dass es sich nicht um kurzfristige politische Projekte handelt, sondern um langfristige Investitionen in die Lebensqualität zukünftiger Generationen.

Die ersten konkreten Umsetzungsschritte sollen bereits in den kommenden Monaten beginnen. Die Renaturierung entlang der Liesing und die Anlage der Streuobstwiese in Lanzendorf sind als Pilotprojekte vorgesehen, die zeigen sollen, wie erfolgreich die Kooperation funktioniert.

Langfristig könnte der "Landschaftsbogen 5plus3" als Modell für weitere grenzüberschreitende Kooperationen in anderen Bereichen Wiens dienen. Die westlichen und nördlichen Stadtgrenzen bieten ähnliche Potentiale für gemeinsame Grünraumentwicklung mit niederösterreichischen Nachbargemeinden.

Entscheidend für den Erfolg wird die kontinuierliche Einbindung der Bevölkerung sein. Nur wenn die Menschen die neuen Grünräume annehmen und verantwortungsvoll nutzen, können die ehrgeizigen Ziele des Projekts erreicht werden. Die geplanten Themenwege und Bewusstseinsbildungsmaßnahmen sind daher nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern essentiell für den langfristigen Erfolg dieser visionären Initiative, die Wien zu einer noch grüneren und lebenswerteren Metropole machen soll.

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