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Wiener Pionierprojekt: Erste zirkuläre Bestandssanierung spart Tonnen Bauschutt

14. April 2026 um 10:09
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In der Van-der-Nüll-Gasse 22 in Wien entsteht derzeit etwas völlig Neues: Die erste Bestandssanierung Österreichs, die konsequent nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft durchgeführt wird. Die ...

In der Van-der-Nüll-Gasse 22 in Wien entsteht derzeit etwas völlig Neues: Die erste Bestandssanierung Österreichs, die konsequent nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft durchgeführt wird. Die Sedlak Unternehmensgruppe zeigt mit diesem Pionierprojekt, wie alte Gebäude zur Materialquelle für ihre eigene Sanierung werden können – ein Ansatz, der die Baubranche revolutionieren könnte.

Kreislaufwirtschaft im Bau: Revolution gegen die Wegwerfmentalität

Die Baubranche ist einer der größten Verursacher von Abfall in Österreich. Jährlich entstehen hierzulande rund 22 Millionen Tonnen Baurestmassen und Bodenaushub – das entspricht etwa 70 Prozent des gesamten Abfallaufkommens. In Wien allein fallen pro Jahr etwa 2,5 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Gleichzeitig werden täglich Millionen von Tonnen neuer Baumaterialien produziert, was enormen Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen verursacht.

Die Kreislaufwirtschaft, auch Circular Economy genannt, verfolgt das Ziel, Materialien so lange wie möglich im Wirtschaftskreislauf zu halten. Statt des linearen Prinzips "Produzieren – Nutzen – Entsorgen" wird ein geschlossener Kreislauf angestrebt: "Produzieren – Nutzen – Wiederverwenden – Recyceln". Im Bauwesen bedeutet das, dass Gebäude nicht mehr als Endpunkt ihrer Materialien gesehen werden, sondern als temporäre Lager für wertvolle Ressourcen.

Das Wiener Vorzeigeprojekt: Van-der-Nüll-Gasse 22

Seit Februar 2026 läuft die Sanierung des Gebäudes in der Van-der-Nüll-Gasse 22. Projektleiterin DI Margarete Berl und ihr Team bei Sedlak haben dabei einen völlig neuen Ansatz gewählt: Bevor auch nur ein Hammer geschwungen wurde, analysierten Experten minutiös, welche Materialien im Bestand vorhanden sind und wie sie wiederverwendet werden können.

"Wenn man den Bestand konsequent als Materialquelle versteht, verändert sich der gesamte Umgang mit dem Gebäude. Vieles, was bisher als Abfall galt, kann direkt weiterverwendet werden", erklärt Berl die Philosophie hinter dem Projekt. Diese Herangehensweise erfordert eine völlig neue Planungsmentalität: Statt standardisierte Lösungen zu implementieren, müssen Architekten und Planer flexibel auf das vorhandene Material eingehen.

Innovative Wiederverwendung von Fensterglas

Ein besonders innovativer Aspekt des Projekts ist die Wiederverwertung von Fensterverglasungen. Herkömmlich werden alte Fenster bei Sanierungen komplett entsorgt – ein enormer Verlust wertvoller Ressourcen. Im Van-der-Nüll-Projekt werden die bestehenden Fenster jedoch sorgfältig ausgebaut und jede Glasscheibe einzeln geprüft.

Gemeinsam mit dem Partnerunternehmen Urban Matter, einem Spezialisten für Materialkreisläufe im Bauwesen, werden geeignete Glasscheiben zwischengelagert und aufbereitet. Das aufbereitete Glas wird dann als Mittelscheibe in neue dreifache Isolierverglasungen wieder eingesetzt. Dieses Verfahren spart nicht nur Rohstoffe, sondern auch die energieintensive Glasproduktion.

Die Glasindustrie ist extrem energie- und rohstoffintensiv. Für die Herstellung einer Tonne Glas werden etwa 1,2 Tonnen Rohstoffe benötigt, darunter Quarzsand, Soda und Kalk. Der Schmelzprozess erfolgt bei Temperaturen über 1500 Grad Celsius, was enormen Energieaufwand bedeutet. Durch die Wiederverwertung bestehender Glasscheiben können sowohl der Rohstoffverbrauch als auch die CO2-Emissionen erheblich reduziert werden.

Gipskartonplatten: Vom Abfall zum Wertstoff

Ein weiteres Beispiel für innovative Materialwiederverwertung sind die Gipskartonplatten. Diese werden normalerweise bei Renovierungen einfach entsorgt, obwohl Gips ein wertvoller und endlicher Rohstoff ist. In Österreich werden jährlich etwa 200.000 Tonnen Gipskartonplatten verbaut, wovon der Großteil nach der Nutzungsdauer auf Deponien landet.

Im Van-der-Nüll-Projekt werden die Gipskartonplatten sorgfältig rückgebaut und für den späteren Wiedereinbau aufbereitet. Die Platten werden direkt auf der Baustelle zwischengelagert und später in neuen Trennwänden wiederverwendet. Dieses Vorgehen eliminiert Transportwege und spart sowohl Kosten als auch CO2-Emissionen.

Gips ist ein besonders interessanter Baustoff für die Kreislaufwirtschaft, da er theoretisch unbegrenzt recycelbar ist. Allerdings ist die Wiederverwertung von Gipskartonplatten bisher kaum etabliert, da die meisten Platten mit anderen Materialien wie Tapeten, Farben oder Kleber verunreinigt sind. Das Sedlak-Projekt zeigt, wie durch sorgfältigen Rückbau und Aufbereitung hochwertige Gipskartonplatten wiedergewonnen werden können.

Ziegelmauerwerk: Handwerk trifft Nachhaltigkeit

Besonders beeindruckend ist die Wiederverwertung von Ziegeln aus rückgebauten Wandbereichen. Die Ziegel werden händisch gesäubert, sortiert und direkt wieder vermauert. Dieses arbeitsintensive Verfahren zeigt, dass Nachhaltigkeit oft auch eine Renaissance traditioneller Handwerkstechniken bedeutet.

Ziegel sind seit Jahrtausenden ein bewährter Baustoff und grundsätzlich sehr langlebig. Historische Ziegel aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert weisen oft eine höhere Qualität auf als moderne Massenprodukte. Durch die Wiederverwertung alter Ziegel bleiben nicht nur wertvolle Rohstoffe erhalten, sondern auch das handwerkliche Wissen um traditionelle Bautechniken.

Die Ziegelproduktion ist extrem energieintensiv: Für die Herstellung einer Tonne Ziegel werden etwa 150-200 Kilogramm Kohle oder äquivalente Energiemengen benötigt. Der Brennvorgang erfolgt bei Temperaturen zwischen 900 und 1200 Grad Celsius. Durch die Wiederverwertung bestehender Ziegel können diese Umweltbelastungen vollständig vermieden werden.

Demontierbare Systeme: Bauplanung für die Zukunft

Neben der Wiederverwertung bestehender Materialien setzt das Projekt auch auf neue Systeme, die von vornherein für die spätere Demontage und Wiederverwertung konzipiert sind. Abgehängte Decken und Installationslösungen werden so eingebaut, dass sie später vollständig demontiert und erneut verwendet werden können, ohne die umliegende Bausubstanz zu beschädigen.

Dieses Prinzip des "Design for Disassembly" (Planung für die Demontage) ist ein Grundpfeiler der zirkulären Bauweise. Statt unlösbare Verbindungen zu schaffen, werden mechanische Verbindungen wie Schrauben oder Klemmverbindungen bevorzugt. Auch die Wahl der Materialien erfolgt unter dem Gesichtspunkt der späteren Trennbarkeit: Verbundwerkstoffe, die nicht sortenrein getrennt werden können, werden vermieden.

Österreich im europäischen Vergleich

Österreich nimmt in Europa eine Vorreiterrolle bei nachhaltigen Baupraktiken ein, hinkt aber bei der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen noch hinterher. Während die Recyclingquote bei Baurestmassen in Österreich bereits bei über 80 Prozent liegt, handelt es sich dabei meist um minderwertiges Downcycling zu Schotter oder Füllmaterial.

Die Niederlande sind Europas Vorreiter bei der zirkulären Bauweise. Dort ist seit 2023 ein Materialpass für neue Gebäude verpflichtend, der alle verbauten Materialien dokumentiert und ihre spätere Wiederverwertung ermöglicht. Deutschland hat ähnliche Regelungen angekündigt, Österreich diskutiert noch über entsprechende Gesetze.

Die EU hat mit dem Green Deal und der Circular Economy Action Plan ehrgeizige Ziele formuliert: Bis 2030 soll die Recyclingquote für Bau- und Abbruchabfälle auf 70 Prozent steigen, bis 2050 soll eine vollständig zirkuläre Wirtschaft erreicht werden. Das bedeutet, dass Projekte wie das der Sedlak-Gruppe nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch regulatorisch zukunftssicher sind.

Wirtschaftliche Aspekte der Kreislaufwirtschaft

Lange Zeit galt die Wiederverwertung von Baumaterialien als unwirtschaftlich. Die stark gestiegenen Rohstoffpreise und strengeren Umweltauflagen ändern diese Rechnung jedoch fundamental. Die Preise für Baustoffe sind in Österreich seit 2020 um durchschnittlich 40 Prozent gestiegen, bei manchen Materialien sogar um über 100 Prozent.

Gleichzeitig werden Deponiegebühren und CO2-Steuern kontinuierlich erhöht. In Wien kostet die Deponierung einer Tonne Bauschutt derzeit etwa 25 Euro, Tendenz steigend. Bei größeren Sanierungsprojekten können so schnell Entsorgungskosten von mehreren hunderttausend Euro entstehen.

Die Wiederverwendung von Materialien kann diese Kosten erheblich reduzieren. Zwar ist der Arbeitsaufwand für Rückbau und Aufbereitung höher, aber die Einsparungen bei Materialkosten und Entsorgungsgebühren kompensieren dies oft. Zudem profitieren Unternehmen von einem positiven Image und können sich bei öffentlichen Ausschreibungen Vorteile verschaffen, da Nachhaltigkeit zunehmend als Vergabekriterium berücksichtigt wird.

Herausforderungen und Hindernisse

Trotz der positiven Entwicklungen stehen zirkuläre Bauprojekte vor erheblichen Herausforderungen. Ein Hauptproblem sind fehlende Standards und Normen für wiederverwendete Baumaterialien. Während Neumaterialien klaren Qualitätsnormen unterliegen, gibt es für recycelte Materialien oft keine entsprechenden Richtlinien.

Auch die Haftungsfrage ist ungeklärt: Wer haftet, wenn wiederverwendete Materialien Schäden verursachen? Diese Rechtsunsicherheit schreckt viele Bauherren ab. Hier sind sowohl die Politik als auch die Versicherungsbranche gefordert, entsprechende Lösungen zu entwickeln.

Ein weiteres Hindernis sind die etablierten Lieferketten der Baubranche. Baufirmen sind auf zuverlässige, standardisierte Materiallieferungen angewiesen. Die Verfügbarkeit wiederverwerteter Materialien ist jedoch oft unplanbar und schwankt in Qualität und Menge. Dies erfordert flexiblere Planungsprozesse und neue Logistikkonzepte.

Auswirkungen auf Mieter und Bewohner

Für die künftigen Bewohner der sanierten Immobilie in der Van-der-Nüll-Gasse bringt die zirkuläre Sanierung mehrere Vorteile: Zum einen profitieren sie von niedrigeren Nebenkosten, da die eingesparten Materialkosten teilweise an die Mieter weitergegeben werden können. Zum anderen leben sie in einem Gebäude mit deutlich besserer Umweltbilanz.

Die Wohnqualität leidet keineswegs unter der Verwendung wiederverwerteter Materialien – im Gegenteil: Viele historische Baustoffe weisen eine höhere Qualität auf als moderne Massenprodukte. Alte Ziegel haben oft bessere dämmende Eigenschaften und ein angenehmeres Raumklima.

Auch gesundheitlich können sich Vorteile ergeben: Wiederverwertete Materialien sind meist bereits "ausgelüftet" und emittieren weniger Schadstoffe als frisch produzierte Baustoffe. Zudem werden bei der zirkulären Bauweise oft natürliche, schadstoffarme Materialien bevorzugt.

Zukunftsperspektiven und Skalierung

Das Projekt in der Van-der-Nüll-Gasse ist nur der Anfang einer größeren Bewegung. Die Sedlak-Gruppe plant bereits weitere zirkuläre Bauprojekte und will die gewonnenen Erkenntnisse systematisch anwenden. Dabei geht es nicht nur um einzelne Vorzeigeprojekte, sondern um die Etablierung neuer Standards in der gesamten Branche.

Experten erwarten, dass zirkuläre Bauweisen in den nächsten zehn Jahren zum Standard werden. Treiber sind neben den steigenden Materialkosten auch verschärfte Umweltauflagen und wachsendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Die EU arbeitet an einheitlichen Standards für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen, die ab 2030 schrittweise verpflichtend werden sollen.

Besonders bei Bürogebäuden und öffentlichen Bauten ist mit einem schnellen Wandel zu rechnen. Hier sind die Bauherren oft große Unternehmen oder Institutionen, die Nachhaltigkeit als strategisches Ziel verfolgen. Im Wohnbau wird die Entwicklung langsamer verlaufen, da hier Kostenaspekte noch stärker im Vordergrund stehen.

Digitale Technologien werden den Wandel beschleunigen: Building Information Modeling (BIM) ermöglicht es, alle Materialien eines Gebäudes digital zu erfassen und ihre Wiederverwertung zu planen. Blockchain-Technologie könnte künftig die Rückverfolgbarkeit von Baumaterialien gewährleisten und Materialpässe fälschungssicher machen.

Das Ende der Wegwerfbaustelle

Die erste zirkuläre Bestandssanierung Wiens zeigt eindrucksvoll, dass eine nachhaltige Bauweise nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich darstellbar ist. Das Projekt der Sedlak-Gruppe könnte zum Vorbild für eine ganze Branche werden und den Weg zu einer Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ebnen.

Die Erkenntnisse aus der Van-der-Nüll-Gasse werden sorgfältig dokumentiert und sollen anderen Unternehmen als Leitfaden dienen. Nur durch eine breite Anwendung dieser Prinzipien kann die Baubranche ihren enormen ökologischen Fußabdruck reduzieren und einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Revolution hat begonnen – Baustelle für Baustelle, Ziegel für Ziegel.

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