In Wien-Landstraße entsteht gerade ein Paradebeispiel für nachhaltiges Bauen: Das ehemalige ÖBB-Bürogebäude an der Erdberger Lände wird nicht abgerissen, sondern bekommt ein zweites Leben. Unter de...
In Wien-Landstraße entsteht gerade ein Paradebeispiel für nachhaltiges Bauen: Das ehemalige ÖBB-Bürogebäude an der Erdberger Lände wird nicht abgerissen, sondern bekommt ein zweites Leben. Unter dem Namen "enna" zeigt die Revitalisierung des 40 Jahre alten Betonbaus, wie Ressourcenschonung und Klimaschutz Hand in Hand gehen können. Die Zahlen sprechen für sich: Knapp 10.000 Tonnen CO₂-Äquivalent werden durch den Erhalt der Bausubstanz eingespart – das entspricht etwa 40 Prozent der Emissionen, die bei einem kompletten Neubau entstanden wären.
Die Geschichte des Standorts reicht weit zurück: Bereits im 19. Jahrhundert befand sich hier ein Gaswerk, was heute als Altlast im Boden dokumentiert ist. 1984 plante Architekt Heinz Neumann an dieser Stelle ein funktionales Bürogebäude für die Österreichischen Bundesbahnen. Fast vier Jahrzehnte später beweist das Bauwerk seine Zukunftsfähigkeit: Anstatt es abzureißen, entschied sich der neue Eigentümer Art-Invest Real Estate für eine umfassende Modernisierung nach Plänen des renommierten Architekturbüros Hohensinn Architektur.
Das Konzept überzeugt bereits vor Fertigstellung: 85 Prozent der rund 23.000 Quadratmeter Bürofläche sind bereits vermietet. Zu den künftigen Mietern zählt auch das Umweltbundesamt – eine symbolträchtige Wahl für ein Projekt, das Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt. Mark Leiter, Geschäftsführer von Art-Invest Real Estate, erklärt die Entscheidung: "Die nachgewiesen gute Substanz des Gebäudes und die attraktive Lage an der Waterfront Erdberger Lände haben uns überzeugt. Wir haben bereits bei mehreren Projekten positive Erfahrungen mit dem Re-Use von Bürogebäuden gemacht."
Der Begriff Betonskelettbau beschreibt eine Konstruktionsweise, bei der das tragende Gerüst des Gebäudes aus Stahlbeton besteht. Dabei übernehmen Stützen und Träger aus Beton die statischen Lasten, während die Wände nur als raumtrennende Elemente fungieren und jederzeit verändert werden können. Diese Bauweise bietet maximale Flexibilität für spätere Umnutzungen und Modernisierungen. Die Grundstruktur bleibt über Jahrzehnte hinweg stabil und anpassungsfähig – ein entscheidender Vorteil für die Nachhaltigkeit von Gebäuden. Im Fall des "enna"-Gebäudes ermöglichte der Betonskelettbau aus den 1980er-Jahren eine vollständige Neukonzeption der Innenräume ohne Eingriffe in die tragende Struktur.
Das Projekt "enna" steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Bauwirtschaft. Während in Deutschland und der Schweiz bereits seit Jahren verstärkt auf Bestandserhaltung gesetzt wird, holt Österreich nun auf. Die Zahlen der Statistik Austria zeigen: Jährlich werden in Österreich rund 50 Millionen Tonnen Baumaterial verbraucht, gleichzeitig entstehen etwa 10 Millionen Tonnen Bauabfälle. Eine Kreislaufwirtschaft im Bausektor könnte diese Mengen drastisch reduzieren.
Brigitte Karigl, Leiterin des Bereichs Kreislaufwirtschaft im Umweltbundesamt, betont die gesellschaftliche Dimension: "Die Bauwirtschaft befindet sich zunehmend im Wandel hin zu einer Kreislaufwirtschaft, in der Ressourceneffizienz, Wiederverwendung von Bauteilen und der Einsatz von Sekundärrohstoffen eine Schlüsselrolle spielen." Das Umweltbundesamt wird übrigens selbst Mieter im revitalisierten Gebäude – ein starkes Signal für die Glaubwürdigkeit des Nachhaltigkeitskonzepts.
Während Wien mit Projekten wie "enna" vorangeht, zeigen auch andere österreichische Bundesländer verstärkt Interesse an nachhaltigen Bauprojekten. In Oberösterreich entstehen derzeit mehrere Pilotprojekte für zirkuläres Bauen, Tirol setzt bei öffentlichen Ausschreibungen zunehmend auf Nachhaltigkeitskriterien. Salzburg hat bereits 2023 ein Förderprogramm für Gebäuderevitalisierungen aufgelegt. Im Vergleich zu Deutschland hinkt Österreich allerdings noch hinterher: Dort werden bereits 40 Prozent aller Bauvorhaben als Sanierungen oder Umnutzungen realisiert, in Österreich liegt dieser Anteil bei nur 25 Prozent. Die Schweiz ist mit 45 Prozent europaweit Spitzenreiter bei der Bestandserhaltung.
Die Modernisierung des "enna"-Gebäudes zeigt eindrucksvoll, wie sich historische Bausubstanz mit modernster Gebäudetechnik verbinden lässt. Besonders innovativ sind die neuen Deckenpaneele zur Heizung und Kühlung, die direkt an den sichtbaren Originalbetondecken befestigt werden. Diese Flächenheizungs- und Kühlsysteme arbeiten mit Fernwärme und sind deutlich energieeffizienter als herkömmliche Klimaanlagen.
Rund 60 Prozent der bestehenden Materialien konnten wiederverwendet werden. Die Aluminium-Fassadenplatten erhielten eine neue Beschichtung und zusätzliche Dämmung. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sorgt für regenerative Energiegewinnung. Karlheinz Boiger von Hohensinn Architektur erklärt das Konzept: "Gerade im urbanen Raum lohnt es sich, Bestandsgebäude, die gut an die lokale Infrastruktur angebunden sind, zu erhalten und möglichst lange zu nutzen. Die Revitalisierung bestehender Strukturen ist oft der nachhaltigste Beitrag, den wir als Planer leisten können."
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat ein standardisiertes Verfahren zur Berechnung von Ökobilanzen entwickelt, das den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet. Dabei werden alle Umweltauswirkungen von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung und Nutzung bis hin zum Rückbau erfasst. Bei der Berechnung für das "enna"-Projekt wurden sowohl die eingesparten Materialien als auch die vermiedenen Abbrucharbeiten berücksichtigt. Das Ergebnis: Durch die Weiternutzung der Betonstruktur werden 9.800 Tonnen CO₂-Äquivalent eingespart. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Österreicher verursacht pro Jahr etwa 8 Tonnen CO₂-Emissionen. Die Einsparung entspricht also dem Jahresausstoß von mehr als 1.200 Menschen.
Das "enna"-Projekt bringt konkrete Vorteile für die Wiener Bevölkerung mit sich. Durch die Öffnung des Erdgeschosses mit Gastronomie- und Sportflächen entsteht ein neuer Treffpunkt im Bezirk. Die begrünten Dächer und Innenhöfe verbessern das Mikroklima und schaffen zusätzliche Erholungsflächen in der dicht bebauten Stadt. Rund 2.000 Arbeitsplätze entstehen in dem modernisierten Gebäude, davon profitiert die lokale Wirtschaft durch erhöhte Kaufkraft und Frequenz.
Für Immobilieneigentümer in Wien zeigt das Projekt neue Perspektiven auf. Anstatt alte Bürogebäude kostenteilig abzureißen, können durchdachte Revitalisierungen deutlich wirtschaftlicher sein. Art-Invest Real Estate investierte rund 50 Millionen Euro in die Modernisierung – weniger als die Hälfte der Kosten eines vergleichbaren Neubaus. Die angestrebte ÖGNI Gold-Zertifizierung der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft verspricht langfristig höhere Mieteinnahmen und stabile Wertsteigerungen.
Ein Aspekt, der oft übersehen wird, sind die rechtlichen Hürden bei Gebäuderevitalisierungen. Haftungsfragen müssen neu bewertet, Bewilligungen für veränderte Nutzungen eingeholt werden. Im Fall von "enna" bestätigten aufwendige Gutachten die Tragfähigkeit der 40 Jahre alten Betonstruktur. Dennoch mussten einzelne Bereiche im Zuge des Umbaus angepasst werden, um heutigen Sicherheitsstandards zu entsprechen. Diese Mehraufwände schrecken viele Investoren ab – zu Unrecht, wie das Wiener Beispiel zeigt.
Die Rolle von Beton in nachhaltigen Bauprojekten wird oft unterschätzt. Claudia Dankl, Vorstandsmitglied von Beton Dialog Österreich, räumt mit Vorurteilen auf: "Planung, Konstruktion und Materialwahl bestimmen, wie nachhaltig sich ein Gebäude nutzen lässt und ob es sich künftig als Materiallager fürs Um- und Weiterbauen eignet. Langlebige Betongebäude mit anpassungsfähigen Strukturen können auf lange Sicht dazu beitragen, Ressourcen zu schonen und Emissionen im Gebäudesektor einzusparen."
Moderne Betontechnologien ermöglichen bereits heute den Einsatz von bis zu 30 Prozent recyceltem Material. In Zukunft sollen es 50 Prozent oder mehr werden. Gleichzeitig arbeitet die Betonbranche an CO₂-neutralen Zementarten und innovativen Produktionsverfahren. Das "enna"-Projekt zeigt, dass schon heute verfügbare Technologien ausreichen, um nachhaltig zu bauen – wenn der Wille zur Veränderung da ist.
International gibt es bereits zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Gebäuderevitalisierungen. In den Niederlanden werden 60 Prozent aller Bauvorhaben als Umnutzungen realisiert, Dänemark hat steuerliche Anreize für Bestandserhaltung geschaffen. Auch in Deutschland entstehen immer mehr "Urban Mining"-Projekte, bei denen Gebäude als Rohstofflager betrachtet werden. Österreich hat durch seine kompakte Siedlungsstruktur und den hohen Anteil an Betonbauten aus den 1970er und 1980er-Jahren beste Voraussetzungen, von diesem Trend zu profitieren.
Das "enna"-Projekt könnte zum Katalysator für eine neue Baupolitik in Österreich werden. Experten schätzen, dass allein in Wien rund 500 Bürogebäude aus den 1980er und 1990er-Jahren für ähnliche Revitalisierungen geeignet wären. Das Potenzial für CO₂-Einsparungen ist enorm: Bei einer Umsetzung ähnlicher Projekte könnten jährlich mehrere Millionen Tonnen Treibhausgase vermieden werden.
Die österreichische Bundesregierung hat bereits angekündigt, die Förderungen für Gebäudesanierungen zu erweitern. Ab 2025 sollen Revitalisierungsprojekte mit nachgewiesenen Nachhaltigkeitskriterien bevorzugt behandelt werden. Auch die EU-Taxonomie für nachhaltige Investitionen begünstigt zunehmend Bestandserhaltung gegenüber Neubauten.
Für die Zukunft zeichnen sich weitere Trends ab: Modulare Bauweisen, die spätere Umnutzungen erleichtern, werden Standard. Building Information Modeling (BIM) ermöglicht präzise Planungen für Revitalisierungen. Und neue Finanzierungsmodelle machen nachhaltige Bauvorhaben auch für kleinere Investoren attraktiv. Wien könnte mit Projekten wie "enna" zum Vorreiter einer neuen, ressourcenschonenden Baukultur werden – ein Schritt, der nicht nur dem Klima, sondern auch der Wirtschaft und den Bürgern zugutekommt.