Am 27. April verwandelt sich das Wiener Schottentor in eine Feiermeile für die älteste und umweltfreundlichste Form der Fortbewegung. Der österreichweite "Tag des Zu-Fuß-Gehens" lockt mit einem bun...
Am 27. April verwandelt sich das Wiener Schottentor in eine Feiermeile für die älteste und umweltfreundlichste Form der Fortbewegung. Der österreichweite "Tag des Zu-Fuß-Gehens" lockt mit einem bunten Programm und kündigt gleichzeitig eine Revolution für Wiens Prachtstraße an: Die Ringstraße wird grundlegend neugestaltet, um Fußgängern mehr Platz und Komfort zu bieten.
Der "Tag des Zu-Fuß-Gehens" ist keine spontane Wiener Erfindung, sondern Teil einer bundesweiten Bewegung der Initiative "Österreich zu Fuß". Diese Organisation, unterstützt von allen neun Bundesländern, zahlreichen Gemeinden und Unternehmen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein für Fußverkehr als vollwertige Mobilitätsform zu schärfen. Während in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark Fußgängerfreundlichkeit bereits seit Jahrzehnten selbstverständlich ist, hinkt Österreich hier noch hinterher.
Die Mobilitätsagentur Wien, eine 2018 gegründete städtische Organisation, koordiniert in der Hauptstadt alle Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Verkehrsmittel. Petra Jens, die seit 2020 als Fußgängerbeauftragte fungiert, erklärt die Bedeutung solcher Aktionstage: "Das Zu-Fuß-Gehen ist das demokratischste Verkehrsmittel überhaupt. Jeder kann es, es kostet nichts und schadet niemandem."
Von 15.00 bis 18.00 Uhr verwandelt sich der Bereich um das Schottentor in eine interaktive Erlebniszone. Das Programm spricht bewusst alle Altersgruppen an: Ein Salsa-Street-Workshop bringt lateinamerikanisches Flair auf die Wiener Ringstraße, während kostenloses Coffee-to-go für den nötigen Energieschub sorgt. Der traditionelle "Silly-Walk-Contest", inspiriert vom legendären Monty Python-Sketch, verspricht humorvolle Unterhaltung und zeigt, dass Gehen auch Spaß machen kann.
Ein Glücksrad mit Goodies der Initiative "Wien zu Fuß" rundet das Angebot ab. Diese Preise sind nicht nur symbolische Gesten, sondern praktische Hilfsmittel: Schrittzähler, reflektierende Accessoires für bessere Sichtbarkeit oder Stadtpläne mit den schönsten Gehrouten Wiens.
Parallel zum Wiener Event startet eine ambitionierte österreichweite Challenge: 100 Millionen Schritte sollen bis 27. Mai 2026 gesammelt werden. Diese Zahl entspricht einer 25-fachen Umrundung Österreichs – eine beeindruckende Demonstration kollektiver Gehkraft. Die "Wien zu Fuß" App, entwickelt in Kooperation mit der österreichweiten Plattform "Walk15", dokumentiert jeden Schritt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
"Walk15" basiert auf dem Konzept der 15-Minuten-Stadt, einem Stadtplanungsmodell, bei dem alle wichtigen Alltagsziele binnen 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein sollen. Dieses Konzept, ursprünglich von der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo populär gemacht, findet auch in österreichischen Städten zunehmend Beachtung. Wien hat bereits große Fortschritte in diese Richtung gemacht: In den meisten Bezirken sind Schulen, Ärzte, Apotheken und Lebensmittelgeschäfte fußläufig erreichbar.
Medizinische Studien belegen eindeutig: Regelmäßiges Gehen reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 35 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche – ein Ziel, das durch tägliche Spaziergänge von 20 bis 30 Minuten problemlos erreicht werden kann. Für die österreichische Bevölkerung, bei der laut Statistik Austria 17 Prozent der Erwachsenen als adipös gelten, könnte mehr Fußverkehr einen wichtigen Beitrag zur Volksgesundheit leisten.
Darüber hinaus stärkt Gehen nachweislich das Immunsystem, verbessert die Knochendichte und kann sogar Depressionen lindern. Eine Studie der Medizinischen Universität Wien aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Menschen, die täglich mindestens 30 Minuten zu Fuß gehen, eine um 23 Prozent niedrigere Sterblichkeitsrate aufweisen als Bewegungsmuffel.
Der Aktionstag dient auch als Auftakt für ein ambitioniertes Infrastrukturprojekt: Die komplette Neugestaltung der Geh- und Radwege auf der Wiener Ringstraße. Diese 1865 eröffnete Prachtstraße, einst Symbol für Wiens Aufbruch in die Moderne, soll nun erneut zum Vorreiter werden – diesmal für nachhaltige Mobilität.
Bisher mussten sich Fußgänger und Radfahrer auf der schattigen Allee zwischen den Bäumen den ohnehin knappen Platz teilen. Diese unbefriedigende Situation führte regelmäßig zu Konflikten und gefährlichen Situationen. Die geplante Umgestaltung schafft klare Verhältnisse: Die Allee wird zur reinen Fußgängerzone, während die bisherigen Nebenfahrbahnen zu Radwegen umfunktioniert werden.
Besonders spektakulär sind die Pläne für den Schottenring: Hier entstehen 900 Quadratmeter zusätzliche Grünfläche mit schattenspendenden Sitzbänken. Diese Fläche entspricht etwa der Größe eines Fußballplatzes und zeigt, welches Potenzial in der Neuverteilung des öffentlichen Raums steckt. Die Gehsteige entlang der historischen Gebäude werden mit hochwertigem Pflaster ausgestattet und durch Begrünung aufgewertet.
Diese Maßnahmen kommen nicht nur Fußgängern zugute, sondern verbessern auch das Stadtklima. Mehr Grünflächen bedeuten weniger Hitzeinseln, bessere Luftqualität und höhere Lebensqualität für alle Wienerinnen und Wiener. Studien aus anderen europäischen Hauptstädten zeigen, dass jeder zusätzliche Baum die Umgebungstemperatur um bis zu zwei Grad senken kann.
Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Ländern steht Österreich beim Fußverkehr noch nicht optimal da. Während in der Schweiz durchschnittlich 22 Prozent aller Wege zu Fuß zurückgelegt werden, sind es in Österreich nur 18 Prozent. Deutschland liegt mit 19 Prozent dazwischen. Spitzenreiter in Europa sind skandinavische Länder: In Kopenhagen gehen die Menschen für 27 Prozent ihrer Wege zu Fuß.
Diese Unterschiede liegen nicht nur an klimatischen Bedingungen, sondern vor allem an der Infrastruktur. Während österreichische Städte in den vergangenen Jahrzehnten stark auf den motorisierten Verkehr ausgerichtet wurden, investierten andere Länder kontinuierlich in fußgängerfreundliche Gestaltung. Die Stadt Wien holt diesen Rückstand nun systematisch auf.
Fußgängerfreundliche Gestaltung zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Studien aus deutschen Städten belegen, dass Geschäfte in Fußgängerzonen im Durchschnitt 40 Prozent höhere Umsätze erzielen als solche an stark befahrenen Straßen. Fußgänger verweilen länger, entdecken spontan interessante Läden und kehren häufiger zurück. Für die Wiener Innenstadt, die bereits jetzt Österreichs wichtigste Einkaufsmeile ist, könnte die Aufwertung der Ringstraße weitere positive Impulse bringen.
Gleichzeitig sinken die gesellschaftlichen Kosten: Jeder Kilometer, der zu Fuß statt mit dem Auto zurückgelegt wird, spart der Allgemeinheit etwa 18 Cent an externen Kosten für Umwelt, Gesundheit und Infrastruktur. Bei den täglich in Wien zurückgelegten Millionen von Kilometern summiert sich das zu beträchtlichen Beträgen.
Trotz aller positiven Entwicklungen bleiben Herausforderungen: Der demografische Wandel führt zu einer alternden Gesellschaft, die besondere Ansprüche an barrierefreie Gestaltung stellt. Gleichzeitig nimmt die Urbanisierung zu – bis 2050 werden voraussichtlich 75 Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher in Städten leben. Diese Entwicklung macht effiziente und nachhaltige Mobilität noch wichtiger.
Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten: Apps können optimale Routen berechnen, vor Baustellen warnen oder zu interessanten Zielen führen. Augmented Reality könnte in Zukunft historische Informationen direkt ins Sichtfeld einblenden und Spaziergänge zu interaktiven Erlebnissen machen.
Jeder zu Fuß zurückgelegte Kilometer vermeidet durchschnittlich 271 Gramm CO2-Emissionen gegenüber der Fahrt mit dem Auto. Bei den österreichweit angestrebten 100 Millionen zusätzlichen Schritten entspricht das einer CO2-Einsparung von etwa 200 Tonnen. Diese Zahlen mögen klein erscheinen, doch sie zeigen das Potenzial systematischer Verhaltensänderungen.
Wien hat sich das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Der Verkehrssektor, der derzeit für etwa 15 Prozent der städtischen Emissionen verantwortlich ist, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Mehr Fußverkehr ist ein wichtiger Baustein dieses ambitionierten Plans.
Internationale Beispiele zeigen, was möglich ist: Madrid hat 2019 seine Innenstadt weitgehend autofrei gemacht und dabei Luftqualität und Lebensqualität dramatisch verbessert. Paris investiert Milliarden in fußgängerfreundliche Umgestaltung und will bis 2030 eine echte 15-Minuten-Stadt werden. Selbst autoaffine Städte wie Los Angeles entdecken den Fußverkehr neu und bauen ihr Wegenetz systematisch aus.
Auch in Österreich gibt es Erfolgsgeschichten: Graz wurde 2003 zur ersten UNESCO-Welterbe-Altstadt, die komplett verkehrsberuhigt wurde. Salzburg hat seine historische Innenstadt schrittweise für Fußgänger zurückerobert. Diese Städte zeigen: Was politisch gewollt ist, lässt sich auch umsetzen.
Der "Tag des Zu-Fuß-Gehens" am 27. April ist mehr als nur ein Aktionstag. Er markiert einen Paradigmenwechsel hin zu einer menschengerechteren Stadt, die Gesundheit, Umwelt und Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt. Die geplante Neugestaltung der Ringstraße wird zeigen, ob Wien den Anspruch als lebenswerteste Stadt der Welt auch in Sachen nachhaltiger Mobilität untermauern kann. Fest steht: Die Zukunft gehört den Füßen, nicht den Motoren.