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Wien benennt Hermann-Gmeiner-Park in Börsepark um - Einstimmiger Beschluss

8. April 2026 um 05:16
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Eine einstimmige Entscheidung über alle Parteigrenzen hinweg: Der Wiener Gemeinderatsausschuss für Kultur und Wissenschaft hat die Umbenennung des Hermann-Gmeiner-Parks im 1. Bezirk beschlossen. Kü...

Eine einstimmige Entscheidung über alle Parteigrenzen hinweg: Der Wiener Gemeinderatsausschuss für Kultur und Wissenschaft hat die Umbenennung des Hermann-Gmeiner-Parks im 1. Bezirk beschlossen. Künftig trägt die Anlage den Namen "Börsepark" - eine Reaktion auf neue Erkenntnisse und schwerwiegende Vorwürfe zur Person des SOS-Kinderdorf-Gründers. Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler sprach von einem konsequenten Handeln in sensiblen Fragen des öffentlichen Raums.

Wer war Hermann Gmeiner und warum die Umbenennung?

Hermann Gmeiner (1919-1986) galt jahrzehntelang als Vorbild im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Der gebürtige Vorarlberger gründete 1949 das erste SOS-Kinderdorf in Imst, Tirol, und entwickelte ein weltweit anerkanntes Konzept der Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Seine Idee der "SOS-Kinderdorf-Familie" mit einer Kinderdorf-Mutter, die eine kleine Gruppe von Kindern in einem familienähnlichen Umfeld betreut, revolutionierte die damalige Heimerziehung. Über 570 SOS-Kinderdörfer in 135 Ländern entstanden nach seinem Konzept.

In Österreich wurde Gmeiner mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Er erhielt das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, wurde Ehrenbürger mehrerer Gemeinden und erhielt internationale Auszeichnungen wie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1985. Parks, Straßen und Plätze in ganz Österreich trugen seinen Namen - bis neue Erkenntnisse sein Bild grundlegend veränderten.

Die Vorwürfe gegen Gmeiner umfassen Berichte über Misshandlungen und Missbrauch in den von ihm gegründeten Einrichtungen. Eine 2019 veröffentlichte Studie der Universität Innsbruck dokumentierte systematische Gewalt in SOS-Kinderdörfern zwischen 1950 und 1990. Betroffen waren demnach sowohl Kinder als auch Mitarbeiterinnen. Die Aufarbeitung dieser Zeit führte zu einer grundlegenden Neubewertung der Person Gmeiners und seiner Methoden.

Der Hermann-Gmeiner-Park: Lage und Geschichte der Benennung

Der nun umbenannte Park liegt im Herzen Wiens, im 1. Bezirk Innere Stadt, in unmittelbarer Nähe zur Wiener Börse. Die kleine Grünanlage zwischen Schottenring und Börsenplatz wurde ursprünglich nach Hermann Gmeiner benannt, um dessen vermeintliche Verdienste um das Kinderwohl zu würdigen. In der Parkanlage stand bis vor kurzem auch eine Büste des SOS-Kinderdorf-Gründers, die bereits im Zuge der Neubewertung entfernt wurde.

Die geografische Lage des Parks macht den neuen Namen "Börsepark" besonders naheliegend. Er orientiert sich am stadträumlichen Kontext und ermöglicht eine klare Zuordnung im Wiener Stadtgefüge. Diese pragmatische Lösung fand bereits auf Bezirksebene breite Zustimmung und konnte ohne langwierige Diskussionen umgesetzt werden.

Bedeutung der Wiener Börse für den Standort

Die Wiener Börse, nach der der Park nun benannt ist, gehört zu den ältesten Börsen der Welt. Sie wurde 1771 von Kaiserin Maria Theresia gegründet und hat ihren Sitz seit 1877 im prächtigen Börsengebäude am Schottenring. Als wichtiger Finanzplatz Mitteleuropas prägt die Börse das wirtschaftliche Leben der Region und macht den neuen Parknamen zu einer logischen geografischen Referenz.

Verfahren der Straßen- und Parkbenennung in Wien

Die Umbenennung von öffentlichen Flächen in Wien folgt einem strukturierten, mehrstufigen Verfahren, das demokratische Partizipation und fachliche Expertise sicherstellt. Zunächst werden Vorschläge auf Bezirksebene eingebracht und diskutiert. Der jeweilige Bezirk führt eine erste Bewertung durch und berücksichtigt dabei lokale Gegebenheiten, historische Zusammenhänge und die Meinung der Bezirksbevölkerung.

Im zweiten Schritt prüfen die zuständigen Fachdienststellen der Stadt Wien den Vorschlag. Dabei werden rechtliche Aspekte, stadtplanerische Überlegungen und die Vereinbarkeit mit bestehenden Benennungen untersucht. Der Unterausschuss für Verkehrsflächenbenennung berät anschließend über den Vorschlag und gibt seine Empfehlung ab.

Den formalen Abschluss bildet der Gemeinderatsausschuss für Kultur und Wissenschaft, der die endgültige Entscheidung über die Benennung trifft. Dieses Verfahren gewährleistet, dass Umbenennungen nicht vorschnell oder aus politischen Motiven erfolgen, sondern nach sorgfältiger Prüfung und breiter demokratischer Zustimmung.

Vergleich mit anderen österreichischen Städten

Auch andere österreichische Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen bei der Neubewertung historischer Benennungen. In Salzburg wurde bereits 2020 der Hermann-Gmeiner-Platz umbenannt, in Linz erfolgte 2021 die Umbenennung der Hermann-Gmeiner-Straße. Graz diskutiert noch über den Umgang mit Hermann-Gmeiner-Benennungen, während Innsbruck als Gründungsort des ersten SOS-Kinderdorfs besonders sensibel mit dieser Thematik umgeht.

Im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz zeigt sich Österreich bei der Aufarbeitung problematischer Benennungen eher zurückhaltend, aber konsequent. Während in deutschen Städten teilweise jahrelange Diskussionen über Straßenumbenennungen geführt werden, setzt Wien auf einen strukturierten Prozess mit klaren Verfahrensregeln.

Auswirkungen auf Anrainer und Nutzer des Parks

Für die direkten Anrainer und regelmäßigen Nutzer des Parks bringt die Umbenennung praktische Veränderungen mit sich. Neue Parkbeschilderung muss angebracht werden, und Menschen, die den Park als Orientierungspunkt nutzen, müssen sich an den neuen Namen gewöhnen. Die meisten Wienerinnen und Wiener dürften jedoch wenig Probleme mit der Anpassung haben, da der neue Name "Börsepark" intuitiv verständlich ist und sich an der geografischen Lage orientiert.

Für Unternehmen oder Institutionen, die ihre Adresse mit Bezug zum Park angeben, entstehen möglicherweise administrative Aufwendungen für die Aktualisierung von Briefköpfen, Webseiten und anderen Geschäftsunterlagen. Diese Kosten sind jedoch überschaubar und werden durch die gesellschaftliche Bedeutung der Umbenennung gerechtfertigt.

Besonders wichtig ist die symbolische Wirkung der Entscheidung. Sie signalisiert, dass Wien auch bei bereits etablierten Benennungen bereit ist, neue Erkenntnisse ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln. Dies stärkt das Vertrauen in die städtische Politik und zeigt, dass Erinnerungskultur als lebendiger Prozess verstanden wird.

Erinnerungskultur und gesellschaftliche Verantwortung

Die Umbenennung des Hermann-Gmeiner-Parks steht exemplarisch für den Umgang mit schwierigen Kapiteln der Geschichte. Stadträtin Kaup-Hasler betonte die Bedeutung eines "verantwortungsvollen und sensiblen Zugangs" bei Fragen der Erinnerungskultur. Dabei gehe es auch darum, "unsere Gesellschaft so zu gestalten, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen konsequent mitgedacht wird".

Diese Aussage verdeutlicht einen wichtigen Paradigmenwechsel: Historische Persönlichkeiten werden nicht mehr nur nach ihren offiziell anerkannten Leistungen beurteilt, sondern ihr gesamtes Wirken wird in den Blick genommen. Dies entspricht einem modernen Verständnis von Geschichtsbewusstsein, das auch dunkle Seiten und problematische Aspekte einbezieht.

Der Kinderschutz rückt dabei ins Zentrum der Betrachtung. Gerade bei Personen, die im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätig waren, ist dieser Aspekt von besonderer Bedeutung. Die Gesellschaft hat heute ein schärferes Bewusstsein für Machtmissbrauch und institutionelle Gewalt entwickelt, was eine Neubewertung historischer Figuren notwendig macht.

Internationale Perspektive auf SOS-Kinderdorf

Die Problematik beschränkt sich nicht auf Österreich. SOS-Kinderdorf International hat in den vergangenen Jahren Vorwürfe von Missbrauch und Vernachlässigung in verschiedenen Ländern untersucht. Berichte aus Afrika, Asien und Lateinamerika dokumentieren systematische Probleme in einzelnen Einrichtungen. Die Organisation hat daraufhin ihre Strukturen und Kontrollmechanismen grundlegend überarbeitet und ein neues Kinderschutzkonzept implementiert.

Politische Einordnung der einstimmigen Entscheidung

Dass der Beschluss zur Umbenennung einstimmig "über die Fraktionsgrenzen hinweg" gefällt wurde, ist bemerkenswert und zeigt die Tragweite der zugrundeliegenden Erkenntnisse. In politisch polarisierten Zeiten sind solche einhelligen Entscheidungen selten und unterstreichen die Ernsthaftigkeit der Situation.

Die SPÖ-Stadträtin Kaup-Hasler konnte offensichtlich auch die Opposition von der Notwendigkeit der Umbenennung überzeugen. Dies gelang vermutlich durch die transparente Kommunikation der neuen Erkenntnisse und die pragmatische Lösung mit dem neuen Namen "Börsepark". Statt einer ideologischen Debatte über Geschichtspolitik stand der Sachaspekt im Vordergrund.

Für die Wiener Stadtpolitik ist dies ein positives Signal der Handlungsfähigkeit und des Konsenses in wichtigen gesellschaftlichen Fragen. Es zeigt, dass auch in kontroversen Themen Lösungen möglich sind, wenn alle Beteiligten den Kinderschutz und gesellschaftliche Verantwortung über parteipolitische Interessen stellen.

Ausblick und weitere Entwicklungen

Die Umbenennung des Hermann-Gmeiner-Parks könnte erst der Anfang einer umfassenderen Neubewertung problematischer Benennungen in Wien sein. Die Stadt hat mit diesem Fall gezeigt, dass sie bereit ist, auch bei etablierten Namen zu handeln, wenn neue Erkenntnisse dies erfordern. Dies könnte Signalwirkung für andere umstrittene Benennungen haben.

Gleichzeitig wird die Aufarbeitung der SOS-Kinderdorf-Geschichte weitergehen. Die Organisation selbst hat angekündigt, die historische Aufarbeitung fortzusetzen und transparenter über die Vergangenheit zu informieren. Dies könnte zu weiteren Erkenntnissen führen, die auch andere Ehrungen und Benennungen betreffen.

Für die Erinnerungskultur in Österreich setzt die Entscheidung einen wichtigen Präzedenzfall. Sie zeigt, dass Geschichtsbewusstsein ein dynamischer Prozess ist, der neue Erkenntnisse integriert und entsprechende Konsequenzen zieht. Dies stärkt das gesellschaftliche Vertrauen in die Bereitschaft zur Aufarbeitung schwieriger Kapitel der Vergangenheit.

Die neue Parkbeschilderung soll in den kommenden Wochen angebracht werden. Damit ist ein wichtiger Schritt in der Neubewertung der Erinnerungskultur vollzogen - ein Schritt, der zeigt, dass Wien bereit ist, auch unbequeme Wahrheiten anzuerkennen und daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

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