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Strompreiskompensation für Industrie: WKÖ fordert höheres Budget

12. April 2026 um 08:43
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Nach jahrelangen Diskussionen und anhaltend hohen Energiekosten kommt nun endlich Bewegung in die österreichische Energiepolitik. Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) begrüßt die vom Wirtschaftsm...

Nach jahrelangen Diskussionen und anhaltend hohen Energiekosten kommt nun endlich Bewegung in die österreichische Energiepolitik. Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) begrüßt die vom Wirtschaftsministerium vorangetriebene Strompreiskompensation, fordert aber gleichzeitig deutliche Nachbesserungen für die Zukunft. WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger sieht in der Maßnahme zwar einen wichtigen ersten Schritt, warnt aber vor unzureichender Dotierung und zu enger Ausgestaltung.

Energieintensive Betriebe unter massivem Kostendruck

Die österreichische Industrie kämpft seit der Energiekrise 2021/2022 mit beispiellosen Herausforderungen. Während die Strompreise für Haushalte durch verschiedene Unterstützungsmaßnahmen abgefedert wurden, sahen sich energieintensive Produktionsbetriebe oft mit Kostensteigerungen von mehreren hundert Prozent konfrontiert. Besonders betroffen sind Unternehmen aus der Stahl-, Aluminium-, Papier- und Chemiebranche, die teilweise bis zu 30 Prozent ihrer Gesamtkosten für Energie aufwenden müssen.

Die Strompreiskompensation, auch als Industriestrombonus bekannt, soll diese Unternehmen gezielt entlasten. Das Prinzip dahinter ist einfach: Betriebe, die besonders viel Strom verbrauchen und deren internationale Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiekosten gefährdet ist, erhalten finanzielle Unterstützung. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer von der ÖVP hat nun angekündigt, die Umsetzung zu beschleunigen.

Wie funktioniert die Strompreiskompensation?

Bei der Strompreiskompensation handelt es sich um ein gezieltes Fördersystem für energieintensive Industriebetriebe. Unternehmen, die bestimmte Kriterien erfüllen, erhalten einen finanziellen Ausgleich für einen Teil ihrer Stromkosten. Die Kompensation orientiert sich dabei meist an einem Referenzpreis, der die normale Marktentwicklung widerspiegelt. Steigen die tatsächlichen Stromkosten über diesen Referenzwert hinaus, greift die staatliche Unterstützung.

In anderen europäischen Ländern haben sich ähnliche Modelle bereits bewährt. Deutschland beispielsweise verfügt über den sogenannten Strompreiskompensationsmechanismus, der energieintensive Unternehmen seit Jahren entlastet. Frankreich hat ebenfalls entsprechende Programme aufgelegt, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie zu sichern. Österreich hinkt in diesem Bereich bislang hinterher, obwohl die heimische Industrie aufgrund der Topografie und des hohen Anteils erneuerbarer Energien eigentlich günstige Voraussetzungen hätte.

Kritische Stimmen aus der Wirtschaft

Trotz der grundsätzlich positiven Bewertung durch die WKÖ gibt es auch kritische Stimmen. Viele Unternehmer befürchten, dass die geplante Kompensation zu spät kommt und zu begrenzt ausgestaltet ist. "Wir haben bereits mehrere Betriebe gesehen, die ihre Produktion nach Deutschland oder in andere Länder verlegt haben, weil die Energiekosten hier einfach nicht mehr tragbar waren", berichtet ein Industrievertreter, der anonym bleiben möchte.

Vergleich mit anderen Bundesländern und Nachbarstaaten

Die Situation in Österreich unterscheidet sich deutlich von anderen Regionen. Während Bayern und Baden-Württemberg von der deutschen Strompreiskompensation profitieren, kämpfen österreichische Betriebe weiterhin mit Wettbewerbsnachteilen. Besonders prekär ist die Situation in energieintensiven Regionen wie der Steiermark und Oberösterreich, wo traditionell viel Schwerindustrie angesiedelt ist.

Die Schweiz hat bereits 2023 ein umfassendes Entlastungspaket für ihre Industrie beschlossen, das deutlich über das österreichische Vorhaben hinausgeht. Dort werden nicht nur die direkten Stromkosten kompensiert, sondern auch indirekte Energiekosten in der Wertschöpfungskette berücksichtigt. Diese umfassendere Herangehensweise führt dazu, dass schweizerische Unternehmen trotz höherer Grundkosten international wettbewerbsfähig bleiben.

Konkrete Auswirkungen auf österreichische Betriebe

Die anhaltend hohen Energiepreise haben bereits spürbare Folgen für die österreichische Wirtschaft. Nach Angaben der Statistik Austria ist die Industrieproduktion in energieintensiven Bereichen 2023 um durchschnittlich 8,5 Prozent zurückgegangen. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in der Stahlindustrie, wo einige Betriebe ihre Produktion bereits gedrosselt oder temporär eingestellt haben.

Ein konkretes Beispiel liefert die Papierindustrie: Ein mittelständischer Betrieb in Niederösterreich mit 200 Mitarbeitern musste seine monatlichen Energiekosten von 150.000 Euro auf über 500.000 Euro anpassen. "Das entspricht fast unserer gesamten Lohnsumme", erklärt der Geschäftsführer. "Ohne Unterstützung können wir das nicht lange durchhalten."

Ähnliche Geschichten gibt es in der Aluminiumindustrie, wo die Energiekosten oft 40 Prozent der Produktionskosten ausmachen. Hier führten die hohen Strompreise bereits zu Produktionsstillständen und Kurzarbeit. Die versprochene Kompensation könnte für viele dieser Betriebe den Unterschied zwischen Weiterbetrieb und Schließung bedeuten.

Langfristige Perspektiven und Herausforderungen

Jochen Danninger von der WKÖ macht deutlich, dass die aktuelle Maßnahme nur ein erster Schritt sein kann. "Für die nächsten Jahre braucht es ein deutlich höheres Budget und eine Ausweitung auf weitere Sektoren", betont er. Experten schätzen, dass das aktuelle Volumen der geplanten Kompensation bei weitem nicht ausreicht, um alle betroffenen Betriebe angemessen zu unterstützen.

Die Herausforderung liegt nicht nur in der finanziellen Ausstattung, sondern auch in der Ausgestaltung des Systems. Während die EU-Beihilferichtlinien strikte Grenzen setzen, müssen gleichzeitig die Besonderheiten des österreichischen Energiemarktes berücksichtigt werden. Der hohe Anteil erneuerbarer Energien könnte theoretisch für niedrige Strompreise sorgen, doch die Netzentgelte und verschiedene Umlagen treiben die Kosten in die Höhe.

Technologische Innovationen als Ausweg

Parallel zur staatlichen Unterstützung setzen viele Unternehmen auf technologische Innovationen, um ihre Energieeffizienz zu steigern. Investitionen in moderne Produktionsanlagen, Wärmerückgewinnung und eigene Stromerzeugung sollen langfristig die Abhängigkeit von externen Energielieferanten reduzieren. Doch auch hier sind hohe Vorinvestitionen nötig, die ohne stabile Rahmenbedingungen schwer zu stemmen sind.

Politische Dimension und EU-Kontext

Die Strompreiskompensation steht auch im Kontext der europäischen Energiepolitik. Der EU-Green Deal und die damit verbundenen CO2-Preise verstärken den Kostendruck auf die Industrie zusätzlich. Österreich muss daher eine Balance finden zwischen Klimazielen und der Erhaltung einer wettbewerbsfähigen Industrielandschaft.

Minister Hattmannsdorfer steht dabei unter erheblichem Zeitdruck. Die nächste EU-Beihilfeprüfung steht bevor, und viele Betriebe können nicht mehr lange auf Entlastung warten. Die Implementierung der Kompensation muss daher zügig und unbürokratisch erfolgen, um maximale Wirkung zu entfalten.

Gleichzeitig wächst der Druck aus den Bundesländern. Besonders die Landeshauptleute von Oberösterreich und der Steiermark fordern seit Monaten konkrete Maßnahmen für ihre energieintensive Industrie. Die Arbeitsplätze von zehntausenden Beschäftigten hängen direkt oder indirekt von diesen Betrieben ab.

Ausblick: Was kommt als Nächstes?

Die Wirtschaftskammer Österreich hat bereits eine Roadmap für die Weiterentwicklung der Strompreiskompensation vorgelegt. Neben der Erhöhung des Budgets fordert sie eine Ausweitung auf mittelständische Betriebe und eine Vereinfachung der Antragsverfahren. Auch die Einbeziehung von Gaspreisen in die Kompensation steht zur Diskussion, da viele Industriebetriebe auf beide Energieträger angewiesen sind.

Experten gehen davon aus, dass die aktuelle Maßnahme als Pilotprojekt fungiert und bei Erfolg entsprechend ausgebaut wird. Die ersten Erfahrungen sollen bereits Mitte 2024 vorliegen und als Grundlage für weitere politische Entscheidungen dienen. Dabei wird besonders die Wirksamkeit in Bezug auf Arbeitsplatzerhalt und Investitionsförderung bewertet.

Die österreichische Industrie hofft nun auf eine schnelle und unkomplizierte Umsetzung der versprochenen Unterstützung. Nach Jahren der Unsicherheit und steigender Kosten könnte die Strompreiskompensation den dringend benötigten Aufschub verschaffen, um langfristige Strategien zu entwickeln und Investitionen zu planen. Ob die Maßnahme allerdings ausreicht, um Österreich als Industriestandort langfristig zu sichern, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die WKÖ hat jedenfalls klargemacht: Dies ist nur der Anfang eines längeren Reformprozesses.

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