Während die Welt über Klimaziele debattiert, macht Österreich bei der industriellen Dekarbonisierung Nägel mit Köpfen. Bei den prestigeträchtigen "Mission Innovation Net-Zero Industries Awards" räu...
Während die Welt über Klimaziele debattiert, macht Österreich bei der industriellen Dekarbonisierung Nägel mit Köpfen. Bei den prestigeträchtigen "Mission Innovation Net-Zero Industries Awards" räumten heimische Innovatoren gleich drei Hauptpreise ab - ein deutliches Signal für die Innovationskraft der österreichischen Industrie. Die Auszeichnungen wurden heute im Rahmen des International Vienna Energy and Climate Forum in der Wiener Hofburg vergeben und unterstreichen Österreichs Position als Vorreiter bei klimaneutralen Industrielösungen.
Die Net-Zero Industries Mission, eine 2022 gegründete globale Initiative unter der gemeinsamen Leitung Österreichs und Australiens, zeichnet jährlich herausragende Projekte und Persönlichkeiten aus, die die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien vorantreiben. In allen drei Kategorien - "Outstanding Project", "Female Innovator" und "Young Talent" - konnten österreichische Kandidaten überzeugen.
Den Hauptpreis in der Kategorie "Outstanding Project" gewann das NEFI GreenBricks-Projekt von Wienerberger. Das Unternehmen entwickelt am Standort Uttendorf eine vollständig CO₂-neutrale Ziegelei. "Das ist ein Meilenstein für die gesamte Bauindustrie", erklärt Innovationsminister Peter Hanke. "Die heute ausgezeichneten Projekte beweisen, dass die Transformation der Industrie keine Zukunftsvision mehr ist, sondern bereits stattfindet."
Die Ziegelproduktion gilt traditionell als energieintensive Branche. Bei Temperaturen von über 1000 Grad Celsius werden Tonmaterialien zu Ziegeln gebrannt - ein Prozess, der bislang massive Mengen an CO₂ freisetzt. Das NEFI GreenBricks-Projekt revolutioniert diese jahrtausendealte Produktionsmethode durch den Einsatz erneuerbarer Energien, innovativer Prozessführung und intelligenter Systemintegration.
"Wir sprechen hier von einer fundamentalen Neuausrichtung der Ziegelproduktion", erläutert ein Branchenexperte. "Bislang entstehen bei der Herstellung einer Tonne Ziegel etwa 200 Kilogramm CO₂-Emissionen. Mit dem neuen Verfahren sollen diese Emissionen auf null reduziert werden." Das Projekt zeigt exemplarisch, wie industrielle Kernprozesse erfolgreich dekarbonisiert und gleichzeitig wirtschaftlich betrieben werden können.
Die Bedeutung dieser Innovation reicht weit über Österreich hinaus. Deutschland produziert jährlich etwa 2,8 Milliarden Ziegel, die Schweiz rund 400 Millionen Stück. Wenn sich das österreichische Modell durchsetzt, könnten allein in der DACH-Region Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden. "Innovationen 'Made in Austria' finden international Anerkennung", betont Bernd Vogl, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds.
Den Award in der Kategorie "Female Innovator" erhielt Dr. Sara Vecchiato vom Institut für Umweltbiotechnologie (IFA) der Universität für Bodenkultur Wien in Tulln. Ihre Forschung konzentriert sich auf die innovative Nutzung biogener Ressourcen und die Reduktion industrieller Emissionen durch biotechnologische Verfahren.
"Biogene Ressourcen" bezeichnet organische Materialien pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, die als nachhaltige Alternative zu fossilen Rohstoffen in industriellen Prozessen eingesetzt werden können. Dazu gehören Holzreste, Stroh, Algen oder organische Abfälle, die durch biotechnologische Verfahren zu wertvollen Industriechemikalien umgewandelt werden.
Dr. Vecchiatos Arbeit verbindet wissenschaftliche Exzellenz mit hoher Anwendungsorientierung. "Sie trägt wesentlich dazu bei, neue Wege für eine klimafreundliche Industrie zu eröffnen", heißt es in der Begründung der Jury. Ihre Forschung könnte besonders für die chemische Industrie revolutionär sein, die bislang stark auf erdölbasierte Grundstoffe angewiesen ist.
In Österreich sind nur etwa 30 Prozent der Forschenden in den MINT-Fächern weiblich. Die Auszeichnung von Dr. Vecchiato setzt ein wichtiges Signal für mehr Diversität in der Wissenschaft. "Frauen bringen oft andere Perspektiven in die Forschung ein, was zu innovativeren Lösungen führt", erklärt eine Expertin für Wissenschaftspolitik.
Als "Young Talent" wurde Rene Baumann von AEE Intec ausgezeichnet. Das Unternehmen mit Sitz in Gleisdorf, Steiermark, ist eine führende Forschungseinrichtung für nachhaltige Energietechnologien. Baumann fokussiert sich auf die Integration erneuerbarer Energien und die Optimierung industrieller Prozesse.
"Industrielle Energiesysteme" umfassen alle Anlagen und Verfahren, die in der Produktion Energie bereitstellen, umwandeln oder nutzen. Dazu gehören Dampferzeugung, Druckluftversorgung, Kühlung und Heizung sowie die elektrische Energieversorgung. Die Optimierung dieser Systeme kann den Energieverbrauch um 20 bis 40 Prozent reduzieren.
Baumanns Arbeit trägt zur Entwicklung effizienter und nachhaltiger Energiesystemlösungen für die Industrie von morgen bei. "Es geht darum, erneuerbare Energien intelligent in bestehende Industrieprozesse zu integrieren", erklärt er. Dies ist besonders relevant, da die österreichische Industrie etwa ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs des Landes ausmacht.
Die Erfolge bei den Net-Zero Industries Awards unterstreichen Österreichs Position im internationalen Wettbewerb um klimaneutrale Industrielösungen. Während Deutschland mit seinem 8-Milliarden-Euro-Klimafonds für die Industrie punktet und die Schweiz mit ihrer Energiestrategie 2050 ambitionierte Ziele verfolgt, setzt Österreich auf gezielte Innovationsförderung und internationale Kooperationen.
"Die Net-Zero Industries Mission, gemeinsam von Österreich und Australien geleitet, ist eine globale Initiative, die den Übergang energieintensiver Industrien zur Klimaneutralität beschleunigt", betont Mission Director Urban Peyker. "Die diesjährigen Preisträger:innen verbinden technologische Exzellenz mit konkreter Umsetzbarkeit."
Im europäischen Vergleich zeigt sich Österreichs Stärke besonders bei der praktischen Umsetzung von Klimatechnologien. Während andere Länder noch in der Planungsphase stecken, werden hierzulande bereits konkrete Projekte realisiert. Die Ziegelei in Uttendorf soll bereits 2026 in Betrieb gehen und als Blaupause für weitere Standorte dienen.
Die ausgezeichneten Projekte haben direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben der Österreicherinnen und Österreicher. Klimaneutral produzierte Ziegel bedeuten nicht nur weniger CO₂-Emissionen, sondern auch stabilere Preise bei Bauprojekten. "Durch die Reduktion der Energiekosten können wir die Mehrkosten für neue Technologien kompensieren", erklärt ein Bauindustrie-Vertreter.
Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Bereichen. Die Umstellung auf grüne Produktionsverfahren erfordert spezialisierte Fachkräfte für Wasserstofftechnologie, digitale Prozesssteuerung und erneuerbare Energiesysteme. "Wir rechnen mit 5.000 bis 8.000 neuen Jobs in der grünen Industrie bis 2030", schätzt ein Arbeitsmarktexperte.
Für Hausbesitzer bedeuten klimaneutral produzierte Baumaterialien einen wichtigen Schritt zu CO₂-neutralem Wohnen. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus verursacht durch seine Baumaterialien etwa 40 Tonnen CO₂-Emissionen. Mit grün produzierten Ziegeln könnte dieser Wert um bis zu 30 Prozent reduziert werden.
Die Dekarbonisierung der Industrie ist ein relativ junges Phänomen. Während Umweltschutz bereits in den 1970er Jahren zum Thema wurde, rückte die CO₂-Reduktion in der Industrie erst mit dem Kyoto-Protokoll 1997 in den Fokus. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 verstärkte den Druck auf energieintensive Branchen erheblich.
In Österreich begann die systematische Förderung klimaneutraler Industrietechnologien 2011 mit der Gründung des Klima- und Energiefonds. Seither wurden über 1.500 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 1,2 Milliarden Euro gefördert. "Wir haben früh erkannt, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum Hand in Hand gehen können", erklärt Geschäftsführer Bernd Vogl.
Die Net-Zero Industries Mission, gegründet 2022, markiert einen neuen Meilenstein in der internationalen Zusammenarbeit. Erstmals arbeiten 24 Länder gezielt an der Dekarbonisierung energieintensiver Industrien zusammen. Das jährliche Budget beträgt 500 Millionen Euro, wobei Österreich etwa 15 Millionen Euro beisteuert.
Die Skalierbarkeit der ausgezeichneten Technologien ist entscheidend für ihren Erfolg. "In der Industrie braucht es skalierbare Lösungen, die Emissionen nachhaltig reduzieren und wirtschaftlich tragfähig sind", betont Klima- und Energiefonds-Chef Vogl. Das Wienerberger-Projekt zeigt beispielhaft, wie eine lokale Innovation globale Auswirkungen haben kann.
Wasserstofftechnologie spielt dabei eine Schlüsselrolle. Grüner Wasserstoff, produziert durch Elektrolyse mit Strom aus erneuerbaren Quellen, kann fossile Brennstoffe in vielen Industrieprozessen ersetzen. Die Kosten sind jedoch noch hoch: Ein Kilogramm grüner Wasserstoff kostet derzeit etwa 8 bis 12 Euro, verglichen mit 2 Euro für grauen Wasserstoff aus Erdgas.
Die biotechnologischen Ansätze von Dr. Vecchiato bieten eine Alternative zu wasserstoffbasierten Verfahren. "Biobasierte Chemikalien können kostengünstiger produziert werden und sind oft direkter ersetzbar", erklärt ein Biotechnologie-Experte. Der globale Markt für biobasierte Chemikalien soll bis 2030 auf 180 Milliarden Euro wachsen.
Die österreichischen Erfolge bei den Net-Zero Industries Awards haben internationale Aufmerksamkeit erregt. Bereits jetzt zeigen Unternehmen aus Deutschland, Italien und Frankreich Interesse an den entwickelten Technologien. "Österreichische Umwelttechnik hat einen ausgezeichneten Ruf", bestätigt ein Außenwirtschaftsexperte.
Das Exportpotential ist beträchtlich. Die globale Ziegelproduktion beträgt jährlich etwa 1,4 Billionen Stück, hauptsächlich in China und Indien. Wenn sich österreichische Technologien in diesen Märkten durchsetzen, könnten heimische Unternehmen erheblich profitieren. "Wir sprechen von einem Marktvolumen von mehreren Milliarden Euro", schätzt ein Marktanalyst.
Die EU-Taxonomie für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten verstärkt die Nachfrage nach grünen Industrietechnologien zusätzlich. Ab 2025 müssen große Unternehmen detailliert über ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten berichten, was den Druck auf klimaneutrale Produktionsverfahren erhöht.
Trotz der Erfolge bleiben Herausforderungen bestehen. Die hohen Investitionskosten für neue Technologien belasten besonders kleinere Unternehmen. Eine klimaneutrale Ziegelei erfordert Investitionen von 50 bis 100 Millionen Euro - ein Betrag, der viele Familienbetriebe überfordert.
Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff ist ein weiterer Engpass. Österreich produziert derzeit nur etwa 1.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr, benötigt aber mindestens 20.000 Tonnen für die vollständige Dekarbonisierung der energieintensiven Industrie. Große Investitionen in Elektrolyseanlagen sind daher unerlässlich.
Bis 2030 soll der österreichische Anteil an den globalen Exporten von Umwelttechnologien von derzeit 1,2 auf 2,5 Prozent steigen. Dafür sind weitere Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie die Skalierung erfolgreicher Projekte notwendig. "Wir haben das Potential, Österreich zu einem führenden Exporteur grüner Industrietechnologien zu machen", zeigt sich Innovationsminister Hanke optimistisch.
Die Net-Zero Industries Awards 2025 haben gezeigt, dass Österreich bei der industriellen Dekarbonisierung auf dem richtigen Weg ist. Mit innovativen Unternehmen, exzellenter Forschung und gezielter Förderung kann das Land seine Position als Vorreiter bei klimaneutralen Industrielösungen weiter ausbauen. Die Transformation der Industrie ist nicht mehr nur Vision, sondern bereits Realität - made in Austria.