Neuer EU-Verhütungsatlas zeigt Defizite bei kostenloser Beratung und Kostenübernahme
Der neue Verhütungspolitik-Atlas bewertet 47 europäische Länder. Österreich schneidet trotz Steuerbefreiung unterdurchschnittlich ab.
Der aktuelle Verhütungspolitik-Atlas des European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) zeichnet ein ernüchterndes Bild für Österreich. Bei der Bewertung von 47 europäischen Ländern hinsichtlich des Zugangs zu moderner Verhütung schneidet die Alpenrepublik erneut unterdurchschnittlich ab und rutscht im Ranking sogar weiter nach unten.
Diese Entwicklung ist besonders bedenklich, da andere europäische Staaten deutliche Fortschritte in der Verhütungspolitik gemacht haben. Während Länder wie Frankreich, das Vereinigte Königreich, Belgien, Luxemburg und Portugal umfassende Modelle entwickelt haben, hinkt Österreich trotz einzelner Verbesserungen hinterher.
Zwar hat Österreich in den vergangenen Jahren die Steuerbefreiung auf Verhütungsmittel und Hygieneprodukte eingeführt – ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch diese Maßnahme allein kann die bestehenden strukturellen Probleme nicht lösen. Die Analyse des EPF zeigt deutlich: Es fehlt weiterhin an kostenloser Verhütungsberatung sowie an einer systematischen Kostenübernahme für Verhütungsmittel.
"Der gute Zugang zu Online-Informationen kann diese Versorgungslücken nicht ausgleichen", stellt die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) klar. Besonders problematisch ist dies für einkommensschwache Haushalte und junge Menschen, die oft vor der Wahl zwischen notwendigen Verhütungsmitteln und anderen Ausgaben stehen.
Der Blick auf andere europäische Länder zeigt, dass umfassende Verhütungspolitik durchaus realisierbar ist. Frankreich beispielsweise bietet eine vollständige Kostenübernahme für Verhütungsmittel inklusive Langzeit- und Notfallverhütung. Das System umfasst gezielte Unterstützung für junge Menschen und vulnerable Gruppen sowie klare Leitlinien zur postpartalen Versorgung.
Auch das Vereinigte Königreich, Belgien, Luxemburg und Portugal haben erfolgreiche Modelle entwickelt, die zeigen: Eine evidenzbasierte Verhütungspolitik ist nicht nur möglich, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoll. Diese Länder verzeichnen deutlich niedrigere Raten ungewollter Schwangerschaften und damit verbundener sozialer Kosten.
Studien belegen, dass jeder Euro, der in die Verhütung investiert wird, langfristig mehrere Euro an Folgekosten einspart. Ungewollte Schwangerschaften führen nicht nur zu individuellen Belastungen, sondern auch zu erheblichen gesellschaftlichen Kosten im Gesundheits- und Sozialsystem. Eine vorausschauende Verhütungspolitik ist daher auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll.
Die aktuellen Ergebnisse des Verhütungspolitik-Atlas verdeutlichen den dringenden politischen Handlungsbedarf in Österreich. Eine evidenzbasierte Verhütungspolitik trägt maßgeblich zur Reduktion ungewollter Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche bei – Ziele, die parteiübergreifend unterstützt werden sollten.
Die schlechte Bewertung Österreichs im europäischen Vergleich ist besonders bemerkenswert, da das Land in anderen Bereichen der Gesundheitspolitik durchaus als fortschrittlich gilt. Dies zeigt, dass die Verhütungspolitik bislang nicht die notwendige politische Priorität erhalten hat.
Angesichts der ernüchternden Ergebnisse hat die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) konkrete Forderungen formuliert, die eine deutliche Verbesserung der Situation bewirken könnten:
Die ÖGF fordert eine umfassende Kostenübernahme von Verhütungsberatung und Verhütungsmitteln. Dies sollte nicht nur die Anschaffung der Mittel selbst umfassen, sondern auch die professionelle Beratung durch qualifizierte Fachkräfte. Eine kostenlose Verhütungsberatung würde sicherstellen, dass Menschen die für sie geeignete Verhütungsmethode wählen können, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die evidenzbasierte Qualitätssicherung sexualpädagogischer Inhalte. Viele junge Menschen erhalten noch immer unzureichende oder sogar falsche Informationen über Verhütung und Sexualität. Eine standardisierte, wissenschaftlich fundierte Sexualpädagogik könnte hier Abhilfe schaffen.
Die verbindliche Verankerung sexueller Bildung in der pädagogischen Ausbildung ist ein weiterer wichtiger Baustein. Lehrkräfte und Pädagogen müssen entsprechend ausgebildet werden, um kompetent über diese Themen sprechen zu können. Nur so kann gewährleistet werden, dass alle jungen Menschen Zugang zu qualitativ hochwertiger Aufklärung erhalten.
Schließlich fordert die ÖGF einen legalen, sicheren und kostenfreien Zugang zum Schwangerschaftsabbruch. Dies ist ein wichtiger Baustein einer umfassenden reproduktiven Gesundheitspolitik und steht im Einklang mit internationalen Menschenrechtsstandards.
Die Forderungen der ÖGF stehen im Einklang mit internationalen Empfehlungen von Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den Vereinten Nationen. Der Zugang zu Verhütungsmitteln und reproduktiver Gesundheitsversorgung wird zunehmend als Menschenrecht anerkannt.
Österreich, das sich als moderner europäischer Staat positioniert, sollte auch in der Verhütungspolitik eine Vorreiterrolle einnehmen. Die aktuellen Defizite stehen im Widerspruch zu diesem Anspruch und dem hohen Lebensstandard des Landes.
Die Ergebnisse des Verhütungspolitik-Atlas 2026 bieten eine Chance für politische Reformen in Österreich. Die Beispiele anderer europäischer Länder zeigen, dass umfassende Verbesserungen möglich sind. Es bedarf jedoch des politischen Willens und der entsprechenden Ressourcen.
Bürgerinnen und Bürger können durch politisches Engagement und die Unterstützung entsprechender Initiativen Druck auf die Politik ausüben. Auch die Sensibilisierung für diese Themen in der Öffentlichkeit ist wichtig, um das Bewusstsein für die Bedeutung einer modernen Verhütungspolitik zu schärfen.
Die Zeit für Reformen ist gekommen. Österreich hat die Möglichkeit, sich von einem Nachzügler zu einem Vorbild in der europäischen Verhütungspolitik zu entwickeln. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben – es fehlt nur noch die politische Umsetzung.