Ärztekammer warnt vor Sicherheitsrisiken bei geplanten Regierungsmaßnahmen
Die Österreichische Ärztekammer kritisiert scharf die Pläne, Impfungen in Apotheken zu ermöglichen und fordert stattdessen One-Stop-Konzept in Arztpraxen.
Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) positioniert sich klar gegen die von der Regierung angekündigten Pläne, Impfungen künftig auch in Apotheken durchführen zu lassen. In einer deutlichen Stellungnahme warnt die Standesvertretung vor möglichen Risiken für die Patientensicherheit und plädiert stattdessen für alternative Lösungsansätze.
"Impfen ist aus gutem Grund eine ärztliche Leistung", betont Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, in seiner Kritik an den kolportierten Regierungsplänen. Der ÖÄK-Präsident unterstreicht dabei die Komplexität des Impfvorgangs: "Impfungen sind mehr als nur ein Stich, sie sind ein komplexer Prozess, in dem nur die Ausbildung, die Expertise und die Erfahrung in jeder Situation von Ärztinnen und Ärzten die maximale Patientensicherheit garantiert."
Steinhart macht deutlich, dass die jahrelange medizinische Ausbildung nicht durch kurze Fortbildungsmaßnahmen kompensiert werden könne: "Zwölf Jahre harte Ausbildung können nicht mit einem Wochenendkurs aufgewogen werden." Die Ärztekammer sieht in der geplanten Maßnahme eine potenzielle Gefährdung der Behandlungsqualität, da nur Ärztinnen und Ärzte die beste medizinische Beratung und Versorgung von Patienten leisten könnten.
Edgar Wutscher, Vizepräsident der ÖÄK und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, hinterfragt grundsätzlich die Notwendigkeit der geplanten Maßnahme. "Österreich verfügt im internationalen Vergleich über einen gut ausgebauten niedergelassenen Bereich mit ausreichend Impfmöglichkeiten in den Ordinationen", stellt Wutscher fest.
Diese strukturellen Gegebenheiten unterscheiden Österreich laut Wutscher grundlegend von anderen Ländern, die aufgrund mangelnder ärztlicher Infrastruktur auf Impfungen in Apotheken angewiesen seien. Statt neue Strukturen zu schaffen, sollten bestehende Systeme optimiert werden.
Um die Impfraten in der österreichischen Bevölkerung zu erhöhen, schlägt Wutscher konkrete Verbesserungsmaßnahmen vor: "Zur Erhöhung der Impfraten sollten besser das Beschaffungs- und Bestellwesen der Impfstoffe optimiert werden." Diese Maßnahme würde die bestehenden ärztlichen Strukturen stärken, anstatt neue, aus Sicht der Ärztekammer problematische Wege zu beschreiten.
Als Alternative zu den Regierungsplänen präsentiert die Ärztekammer ein eigenes Konzept zur Verbesserung der Patientenversorgung. Naghme Kamaleyan-Schmied, Obmann-Stellvertreterin in der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer, erläutert den Vorschlag: "Wenn Patientinnen und Patienten Impfstoffe und Medikamente im Sinne eines One-Stop-Konzepts direkt vom Arzt oder von der Ärztin in den Ordinationen bzw. beim Hausbesuch bekommen, ersparen sie sich den zusätzlichen Weg in die Apotheke."
Das von der Ärztekammer vorgeschlagene Modell bietet laut Kamaleyan-Schmied mehrere Vorteile für die Patienten. Organisatorisch und zeitlich würde es eine große Entlastung bedeuten, da zusätzliche Wege entfallen. Gleichzeitig könnten Patienten sicher sein, "dass sie nur jene Medikamente bekommen, die sie auch tatsächlich brauchen – ohne aktiven Zusatzverkauf in der Apotheke."
Ein weiterer wichtiger Aspekt des One-Stop-Konzepts liegt in der Verantwortungsstruktur: "So bleibt die medizinische Verantwortung dort, wo sie hingehört: Bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt", betont Kamaleyan-Schmied.
Die Österreichische Ärztekammer macht deutlich, dass bei allen Diskussionen um neue Versorgungsformen die Patientensicherheit oberste Priorität haben müsse. Die jahrelange medizinische Ausbildung von Ärzten umfasst nicht nur das technische Know-how für Impfungen, sondern auch die Kompetenz zur Beurteilung von Kontraindikationen, zur Behandlung möglicher Komplikationen und zur umfassenden Aufklärung der Patienten.
Während andere Länder aufgrund struktureller Defizite im Gesundheitswesen auf Impfungen in Apotheken setzen müssen, sieht die ÖÄK für Österreich keine entsprechende Notwendigkeit. Das gut ausgebaute Netz niedergelassener Ärzte ermögliche bereits jetzt eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Impfversorgung.
Besonders kritisch bewertet die Ärztekammer die vorgesehenen Ausbildungszeiten für Apotheker, die Impfungen durchführen sollen. Die Gegenüberstellung von zwölf Jahren medizinischer Ausbildung mit einem "Wochenendkurs" verdeutlicht aus Sicht der ÖÄK die Diskrepanz zwischen den Anforderungen und der geplanten Vorbereitung.
Diese Kritik bezieht sich nicht nur auf die technische Durchführung der Impfung selbst, sondern auf das gesamte Spektrum medizinischer Kompetenzen, die für eine sichere und verantwortungsvolle Impfung erforderlich sind.
Ein weiterer Kritikpunkt der Ärztekammer bezieht sich auf mögliche kommerzielle Interessen in Apotheken. Die Befürchtung eines "aktiven Zusatzverkaufs" steht im Gegensatz zur rein medizinisch motivierten Verschreibung durch Ärzte. Das One-Stop-Konzept in Arztpraxen würde diese problematische Komponente ausschließen.
Die Österreichische Ärztekammer fordert die Regierung auf, von den Plänen für Impfungen in Apotheken Abstand zu nehmen und stattdessen die bewährten Strukturen zu stärken. Die Optimierung des Beschaffungswesens und die Implementierung von One-Stop-Konzepten in Arztpraxen würden aus Sicht der Standesvertretung zu besseren Ergebnissen führen, ohne die Patientensicherheit zu gefährden.
Die klare Positionierung der ÖÄK zeigt, dass die Debatte um neue Versorgungsformen im österreichischen Gesundheitswesen kontrovers geführt wird. Während die Regierung offenbar auf eine Ausweitung der Impfmöglichkeiten setzt, beharrt die Ärzteschaft auf bewährten Standards und warnt vor möglichen Risiken für die Patientensicherheit.