Am Internationalen Frauentag richtet der Österreichische Familienbund einen klaren Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Die Lohnschere zwischen Männern und Frauen muss endlich geschlosse...
Am Internationalen Frauentag richtet der Österreichische Familienbund einen klaren Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Die Lohnschere zwischen Männern und Frauen muss endlich geschlossen werden. Familienbund-Präsidentin Johanna Jachs macht deutlich, dass echte Wahlfreiheit für Familien nur entstehen kann, wenn beide Elternteile die gleichen Rechte haben und Verantwortung partnerschaftlich teilen. Ihre Forderungen treffen den Nerv einer gesellschaftlichen Debatte, die in Österreich längst überfällig ist.
Die Lohnschere zwischen Frauen und Männern bezeichnet den systematischen Unterschied in der Bezahlung zwischen den Geschlechtern. In Österreich verdienen Frauen im Durchschnitt noch immer rund 19,9 Prozent weniger als Männer – ein Wert, der die Alpenrepublik im EU-Vergleich auf einen der hinteren Plätze verweist. Diese Differenz, auch Gender Pay Gap genannt, setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, sind öfter in geringer entlohnten Branchen tätig und übernehmen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit in der Familie.
Der Begriff Care-Arbeit umfasst dabei alle Tätigkeiten der Betreuung, Pflege und Fürsorge – von der Kinderbetreuung über die Haushaltsführung bis zur Pflege älterer Familienangehöriger. Diese Arbeiten werden gesellschaftlich als weniger wertvoll eingestuft und meist unbezahlt von Frauen übernommen. Studien zeigen, dass Österreicherinnen pro Tag etwa 4,5 Stunden unbezahlte Care-Arbeit leisten, während es bei Männern nur 2,7 Stunden sind.
Die Geschichte der Frauenrechte in Österreich ist geprägt von jahrhundertelangen Kämpfen um Gleichberechtigung. Erst 1918 erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht, 1975 wurde die Familienrechtsreform durchgesetzt, die Frauen rechtlich gleichstellte. Das Gleichbehandlungsgesetz von 1979 verbot erstmals Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund des Geschlechts.
Dennoch zeigen aktuelle Zahlen, dass die rechtliche Gleichstellung noch nicht zu faktischer Gleichberechtigung geführt hat. Während 1971 nur 44,9 Prozent der Frauen erwerbstätig waren, liegt die Erwerbsquote heute bei 69,4 Prozent. Allerdings arbeiten 47,8 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, verglichen mit nur 11,2 Prozent der Männer. Diese Entwicklung zeigt, dass strukturelle Hindernisse nach wie vor bestehen.
Ein Meilenstein war die Einführung des Kinderbetreuungsgeldes 2002, das erstmals auch Vätern die Möglichkeit gab, länger bei ihren Kindern zu bleiben. Doch die Inanspruchnahme durch Männer bleibt gering: Nur etwa 20 Prozent der Väter nehmen Karenz, und wenn, dann meist nur für den Mindestbezugszeitraum von zwei Monaten.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Österreich bei der Schließung der Lohnschere noch Nachholbedarf hat. Island führt das Ranking der geschlechtergerechtesten Länder an und hat bereits 2018 ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern verpflichtet, eine Zertifizierung für gleiche Bezahlung zu erhalten. Die Lohnschere beträgt dort nur noch 4,9 Prozent.
Deutschland liegt mit einer Lohnschere von 18 Prozent leicht unter dem österreichischen Wert, hat aber mit dem Entgelttransparenzgesetz 2017 einen wichtigen Schritt gesetzt. Beschäftigte haben dort das Recht zu erfahren, was Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen. Die Schweiz wiederum kämpft mit ähnlichen Herausforderungen wie Österreich, hat aber 2020 neue Bestimmungen zur Lohngleichheit eingeführt, die Unternehmen ab 100 Mitarbeitern zu regelmäßigen Analysen verpflichten.
Besonders erfolgreich sind die nordischen Länder: Schweden und Norwegen haben durch progressive Familienpolitik, großzügige Elternzeit für Väter und flächendeckende Kinderbetreuung die Erwerbsquoten von Frauen deutlich erhöht und die Lohnschere verringert. In Schweden sind 90 Prozent der Väter in Elternkarenz, allerdings meist nur für kurze Zeit.
Die Folgen der Lohnschere treffen Familien in Österreich direkt und langfristig. Eine Durchschnittsfamilie verliert durch die ungleiche Bezahlung über das gesamte Erwerbsleben gerechnet mehrere hunderttausend Euro an Einkommen. Besonders dramatisch wird dies bei Scheidungen oder dem Tod des Partners sichtbar: Frauen stehen dann oft mit niedrigen Pensionsansprüchen da – die Pensionslücke zwischen Männern und Frauen beträgt in Österreich erschreckende 42,8 Prozent.
Familie Müller aus Wien illustriert diese Problematik exemplarisch: Nach der Geburt ihres zweiten Kindes reduzierte die 34-jährige Buchhalterin ihre Arbeitszeit auf 25 Stunden, während ihr Mann Vollzeit als Ingenieur arbeitet. Obwohl beide die gleiche Ausbildungsdauer haben, verdient sie nun nicht nur weniger Stunden, sondern auch pro Stunde weniger – eine doppelte Benachteiligung. Bei einer Scheidung würde sie mit einem Teilzeiteinkommen von 1.200 Euro netto und geringen Pensionsansprüchen dastehen.
Für Kinder bedeutet die traditionelle Rollenverteilung oft, dass sie hauptsächlich die Mutter als Bezugsperson erleben. Studien belegen, dass Kinder von einer gleichberechtigteren Aufteilung der Elternrollen profitieren: Sie entwickeln flexiblere Geschlechterbilder und sind später selbst eher bereit, partnerschaftliche Beziehungen zu führen. Söhne von aktiven Vätern übernehmen später häufiger Hausarbeit und Kinderbetreuung, Töchter entwickeln stärkere Karriereambitionen.
Unternehmen spielen eine Schlüsselrolle bei der Schließung der Lohnschere. Transparente Gehaltsstrukturen sind dabei ein wesentlicher Baustein. Viele österreichische Betriebe praktizieren noch immer intransparente Lohnsysteme, in denen Gehälter individuell verhandelt werden. Dies benachteiligt oft Frauen, die statistisch weniger aggressiv verhandeln oder aufgrund von Teilzeit weniger Verhandlungsmacht haben.
Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass es auch anders geht: Der Technologiekonzern SAP hat bereits vor Jahren alle Gehälter transparent gemacht und regelmäßige Lohnanalysen eingeführt. Das Ergebnis: Die Lohnschere konnte deutlich reduziert werden. Auch österreichische Unternehmen wie die Erste Bank oder die Telekom Austria setzen auf strukturierte Gehaltssysteme und haben ihre Lohnlücken verringert.
Flexible Arbeitsmodelle sind ein weiterer wichtiger Hebel. Home-Office, Jobsharing und flexible Arbeitszeiten ermöglichen es beiden Elternteilen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Unternehmen, die solche Modelle anbieten, berichten von höherer Mitarbeiterzufriedenheit und geringerer Fluktuation. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass viele Tätigkeiten auch von zu Hause aus effizient erledigt werden können.
Die Politik steht vor der Aufgabe, strukturelle Veränderungen zu schaffen, die echte Gleichberechtigung ermöglichen. Der Ausbau der Kinderbetreuung ist dabei zentral: Österreich hat zwar in den letzten Jahren massiv in Kindergärten und Krippen investiert, doch besonders bei der Betreuung von unter Dreijährigen und bei den Öffnungszeiten gibt es noch Defizite. In ländlichen Gebieten fehlen oft ganztägige Betreuungsplätze, was Frauen zwingt, in Teilzeit zu arbeiten.
Das Kinderbetreuungsgeld könnte reformiert werden, um mehr Anreize für eine partnerschaftliche Aufteilung zu schaffen. Während das aktuelle System theoretisch beide Elternteile gleichberechtigt, nutzen es faktisch hauptsächlich Frauen. Länder wie Deutschland haben mit dem "Elterngeld Plus" Modelle entwickelt, die beide Partner ermutigen, sich die Betreuung zu teilen.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Einführung einer Lohntransparenz-Regelung nach deutschem Vorbild. Beschäftigte würden damit das Recht erhalten, die Gehälter von Kollegen in vergleichbaren Positionen zu erfahren. Dies würde Lohndiskriminierung sichtbar machen und Verhandlungsgrundlagen schaffen.
Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Österreich den Sprung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit schafft. Demografische Entwicklungen wie der Fachkräftemangel könnten dabei helfen: Unternehmen sind zunehmend auf qualifizierte Frauen angewiesen und müssen daher familienfreundlichere Arbeitsbedingungen schaffen.
Die Generation Z, die jetzt ins Berufsleben einsteigt, hat andere Erwartungen an die Work-Life-Balance. Junge Männer sind eher bereit, für die Familie beruflich zurückzustecken, während junge Frauen selbstbewusster ihre Karriereambitionen verfolgen. Diese Einstellungsänderung könnte zu einer natürlicheren Umverteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit führen.
Technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz und Automatisierung könnten die Arbeitswelt so verändern, dass traditionelle Vollzeitmodelle an Bedeutung verlieren. Wenn flexible, projektorientierte Arbeitsformen zunehmen, könnte dies beiden Geschlechtern helfen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.
Experten prognostizieren, dass sich die Lohnschere in Österreich bis 2030 auf unter 15 Prozent reduzieren könnte, wenn konsequente Maßnahmen ergriffen werden. Dies würde nicht nur Frauen helfen, sondern auch Männern mehr Freiheiten in der Lebensgestaltung ermöglichen und letztendlich der gesamten Gesellschaft zugutekommen.
Ein Blick auf internationale Erfolgsgeschichten zeigt, welche Maßnahmen wirksam sind. Island hat mit seinem radikalen Ansatz zur Lohngleichheit Maßstäbe gesetzt: Unternehmen müssen nicht nur gleiche Löhne nachweisen, sondern zahlen Strafen, wenn sie dies nicht tun. Das Ergebnis ist beeindruckend – die Lohnschere ist dort praktisch verschwunden.
Frankreich hat 2018 einen Gleichstellungsindex für Unternehmen eingeführt, der jährlich veröffentlicht werden muss. Firmen werden dabei in fünf Kategorien bewertet, von der Lohngleichheit bis zur Rückkehr aus der Elternzeit. Unternehmen mit schlechten Werten müssen innerhalb von drei Jahren Verbesserungen nachweisen oder Strafen zahlen.
Diese Beispiele zeigen, dass verbindliche Regelungen und Transparenz entscheidende Faktoren für den Erfolg sind. Österreich könnte von diesen Erfahrungen lernen und ähnliche Instrumente entwickeln, die an die nationalen Gegebenheiten angepasst sind.