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Kollektivvertragsverhandlungen Tourismus gescheitert: Branche am Limit

12. März 2026 um 17:48
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Die Kollektivvertragsverhandlungen für das österreichische Hotel- und Gastgewerbe sind am 20. Dezember 2024 ohne Ergebnis vertagt worden. Die Wirtschaftskammer Österreich bezeichnet die gewerkschaf...

Die Kollektivvertragsverhandlungen für das österreichische Hotel- und Gastgewerbe sind am 20. Dezember 2024 ohne Ergebnis vertagt worden. Die Wirtschaftskammer Österreich bezeichnet die gewerkschaftlichen Forderungen als unrealistisch und warnt vor einem wirtschaftlichen Kollaps der bereits schwer angeschlagenen Branche. Die geplatzte Einigung wirft ein Schlaglicht auf die prekäre Lage des österreichischen Tourismus, der trotz hoher Auslastung um sein wirtschaftliches Überleben kämpft.

Gewerkschaftsforderungen stoßen auf erbitterten Widerstand

Die Gewerkschaft vida hatte eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 3,6 Prozent gefordert. Zusätzlich verlangen die Arbeitnehmervertreter die Einführung einer bezahlten Mittagspause, was einer weiteren Lohnerhöhung von rund 6 Prozent entsprechen würde. Insgesamt würden sich die Personalkosten damit um fast 10 Prozent erhöhen. "Was wirtschaftlich nicht machbar ist, kann auch nicht vereinbart werden", erklärten die Obmänner und Chefverhandler der gastgewerblichen Fachverbände Georg Imlauer und Alois Rainer kategorisch.

Ein Kollektivvertrag ist ein rechtlich bindender Vertrag zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen, der Mindestlöhne, Arbeitszeiten und andere Arbeitsbedingungen für ganze Branchen festlegt. In Österreich decken Kollektivverträge etwa 95 Prozent aller Beschäftigten ab - ein europäischer Spitzenwert. Die jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen im Tourismus gelten als besonders konfliktreich, da die Branche mit niedrigen Margen, hoher Saisonalität und intensivem Wettbewerb kämpft.

Dramatische Kostenentwicklung belastet Betriebe massiv

Die Arbeitgeberseite verweist auf eine dramatische Entwicklung der letzten Jahre: In nur vier Jahren stiegen die Mindestlöhne und -gehälter um 27,1 Prozent - deutlich über der Inflationsrate. Der letztjährige Abschluss lag mit 3,9 Prozent erheblich über der Jahresinflation von 2,9 Prozent. "Viele unserer Mitgliedsbetriebe haben hier große Verantwortung übernommen - für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie für die Zukunft der Branche", betont Imlauer.

Besonders belastend wirkt sich der neue Rahmenkollektivvertrag aus, der seit November 2024 gilt. Dieser brachte zahlreiche Verbesserungen für die Beschäftigten: Sonderzahlungen auf Ist-Lohn-Basis statt auf Mindestlohn-Basis, Vordienstzeitenanrechnung, garantierte freie Wochenenden, längere Kündigungsfristen, einen einheitlichen Nachtarbeitszuschlag sowie einen Lehrabschlussbonus. Diese Maßnahmen führten zu erheblichen zusätzlichen Belastungen für die Unternehmen.

Konkrete Auswirkungen auf Gastronomiebetriebe

  • Ein typisches Restaurant mit 10 Mitarbeitern muss bei den geforderten Erhöhungen mit jährlichen Mehrkosten von etwa 25.000 bis 30.000 Euro rechnen
  • Hotels mit 50 Beschäftigten würden zusätzliche Personalkosten von 120.000 bis 150.000 Euro pro Jahr stemmen müssen
  • Kleinbetriebe mit weniger als 5 Mitarbeitern stehen vor Mehrkosten von 12.000 bis 15.000 Euro jährlich

Österreichischer Tourismus im internationalen Vergleich unter Druck

Während deutsche Hotels und Restaurants ähnliche Herausforderungen bewältigen müssen, zeigt sich die Situation in der Schweiz entspannter. Dort können höhere Löhne durch entsprechend höhere Preise kompensiert werden, was in Österreich aufgrund der internationalen Konkurrenz nur begrenzt möglich ist. In Deutschland führten ähnliche Kostensteigerungen bereits zu einer Pleitewelle kleinerer Gastronomiebetriebe, besonders in ländlichen Gebieten.

Die österreichische Tourismusbranche beschäftigt rund 350.000 Menschen direkt und weitere 200.000 indirekt. Sie trägt etwa 7,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und ist damit ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Besonders in ländlichen Regionen wie Tirol, Salzburg oder der Steiermark ist der Tourismus oft der wichtigste Arbeitgeber. Ein Kollaps der Branche hätte daher weitreichende volkswirtschaftliche Folgen.

Betriebsergebnisse stagnieren trotz hoher Auslastung

Paradoxerweise kämpfen viele Tourismusbetriebe trotz guter Auslastung und stabiler Nachfrage mit stagnierenden oder sogar rückläufigen Gewinnen. Der "Fitness-Check 2025" der österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT) bestätigt diese besorgniserregende Entwicklung. Seit 2019 sind die Betriebsergebnisse in der Gastronomie über alle Betriebsarten hinweg kontinuierlich rückläufig.

Branchenumfragen zeigen ein dramatisches Bild: Für neun von zehn Betrieben ist eine vollständige Weitergabe der gestiegenen Kosten über Preisanpassungen nicht möglich. Die Gäste reagieren zunehmend preissensibel, während gleichzeitig die Kosten für Energie, Lebensmittel und Personal explodieren. "Dass selbst bei gut ausgelasteten Betrieben die Ergebnisse massiv unter Druck stehen, zeigt, wie angespannt die Situation ist", warnt Imlauer.

Kostenfaktoren belasten Tourismusbetriebe

  • Energiekosten stiegen seit 2019 um durchschnittlich 180 Prozent
  • Lebensmittelpreise erhöhten sich um 45 bis 60 Prozent
  • Personalkosten wuchsen durch Kollektivvertragsabschlüsse um 27,1 Prozent
  • Zinsen für Betriebskredite verdreifachten sich teilweise

Diese Kostenexplosion trifft eine Branche, die traditionell mit niedrigen Gewinnmargen arbeitet. Während andere Wirtschaftszweige Gewinnmargen von 10 bis 20 Prozent erzielen, bewegen sich Hotels und Restaurants oft im Bereich von 2 bis 5 Prozent. Jede zusätzliche Kostenbelastung kann daher schnell existenzbedrohend werden.

Politische Forderungen der Branche verhallen ungehört

Die Tourismusvertreter richten eindringliche Appelle an die Politik und fordern strukturelle Reformen zur Entlastung der Branche. "Niedrigere Lohnnebenkosten, kürzere Abschreibungsdauern und echter Bürokratieabbau" stehen ganz oben auf der Wunschliste, so Rainer und Imlauer. Auch Maßnahmen wie Steuerfreiheit für Überstunden und eine generelle steuerliche Entlastung des Faktors Arbeit würden sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber spürbar entlasten.

In Österreich betragen die Lohnnebenkosten etwa 30 Prozent des Bruttolohns, während sie in der Schweiz bei nur 20 Prozent liegen. Bürokratische Auflagen kosten österreichische Gastronomiebetriebe durchschnittlich 15 bis 20 Prozent ihrer Arbeitszeit, die für administrative Tätigkeiten statt für den Gästeservice verwendet werden muss. "All dies deutet auf grundlegende strukturelle Probleme des österreichischen Wirtschaftsstandortes hin", fassen die beiden Verhandlungsführer zusammen.

Historische Entwicklung der Kollektivvertragsverhandlungen

Die Kollektivvertragsverhandlungen im österreichischen Tourismus haben eine lange und konfliktreiche Geschichte. Bereits in den 1970er Jahren führten unterschiedliche Vorstellungen über angemessene Löhne zu wochenlangen Verhandlungen. Damals kämpfte die Branche mit dem Image schlecht bezahlter Arbeitsplätze und hoher Fluktuation.

In den 1990er Jahren wurden die ersten strukturellen Verbesserungen eingeführt, um die Attraktivität der Tourismusberufe zu steigern. Die Einführung von Mindestlöhnen, geregelten Arbeitszeiten und bezahltem Urlaub markierte einen Wendepunkt. Die 2000er Jahre brachten weitere Verbesserungen, aber auch erste Warnungen vor Überforderung der Betriebe.

Die Corona-Pandemie 2020 bis 2022 stellte die Branche vor existenzielle Herausforderungen. Staatliche Hilfen wie Kurzarbeit und Fixkostenzuschüsse retteten viele Betriebe vor dem Konkurs, hinterließen aber eine geschwächte Branche mit hohen Schulden. Der aktuelle Konflikt ist vor diesem Hintergrund besonders brisant, da viele Unternehmen noch mit den Pandemie-Folgen kämpfen.

Auswirkungen auf Arbeitnehmer und Gäste

Für die etwa 350.000 Beschäftigten im österreichischen Tourismus bedeutet das Scheitern der Verhandlungen zunächst, dass ihre Löhne vorerst nicht erhöht werden. Viele Mitarbeiter hatten auf eine deutliche Verbesserung ihrer Einkommenssituation gehofft, um den gestiegenen Lebenshaltungskosten zu begegnen. Ein Kellner in Wien verdient derzeit zwischen 1.800 und 2.200 Euro brutto monatlich, eine Zimmermaid in einem Tiroler Hotel erhält etwa 1.600 bis 1.900 Euro brutto.

Gleichzeitig befürchten Branchenkenner, dass weitere Kostensteigerungen zu Betriebsschließungen und Arbeitsplatzverlusten führen könnten. Bereits jetzt verzeichnet die Branche einen Rückgang kleinerer Familienbetriebe, die den wirtschaftlichen Druck nicht mehr stemmen können. Für die Gäste könnte dies mittelfristig weniger Auswahl und höhere Preise bedeuten.

Regionale Unterschiede in Österreich

  • Tirol: Höchste Tourismusdichte, aber auch höchste Kosten
  • Salzburg: Starke Abhängigkeit vom Städtetourismus
  • Wien: Fokus auf Geschäfts- und Kongresstourismus
  • Steiermark: Thermentourismus mit speziellen Anforderungen
  • Kärnten: Saisonal schwankende Beschäftigung

Europäischer Vergleich zeigt unterschiedliche Ansätze

Ein Blick auf andere europäische Länder offenbart unterschiedliche Lösungsansätze für ähnliche Probleme. In Deutschland setzten Gewerkschaften und Arbeitgeber verstärkt auf flexible Arbeitsmodelle und leistungsbezogene Entlohnung. Schweizer Tourismusbetriebe profitieren von höheren Preisen und einer weniger preissensiblen Kundschaft, können daher höhere Löhne zahlen.

In Italien führten ähnliche Konflikte zu einer Zwei-Klassen-Struktur: Große Hotelketten können höhere Löhne zahlen, während kleine Familienbetriebe oft unter den Kollektivvertragslöhnen operieren. Frankreich setzte auf staatliche Subventionen für Tourismusarbeitsplätze, was jedoch zu Abhängigkeiten und Marktverzerrungen führte.

Technologische Herausforderungen verstärken den Druck

Neben den Lohnkosten setzt die Digitalisierung die Branche zusätzlich unter Druck. Online-Buchungsplattformen wie Booking.com oder Airbnb verlangen hohe Provisionen, während gleichzeitig Investitionen in digitale Infrastruktur nötig werden. Ein mittelständisches Hotel muss heute zwischen 50.000 und 100.000 Euro jährlich für Online-Marketing, Buchungssysteme und digitale Services aufwenden.

Gleichzeitig verändern sich die Gästeerwartungen: Kontaktloses Check-in, digitale Services und personalisierte Angebote werden zunehmend Standard. Diese Innovationen erfordern zusätzliche Investitionen, während die Personalkosten weiter steigen. Viele Betriebe sehen sich in einer Zwickmühle zwischen notwendigen Modernisierungen und steigenden Lohnkosten.

Zukunftsperspektiven für den österreichischen Tourismus

Die nächsten Jahre werden entscheidend für die Zukunft des österreichischen Tourismus sein. Branchenexperten warnen vor einem strukturellen Wandel, der viele kleinere Betriebe nicht überleben könnten. Gleichzeitig entstehen neue Chancen durch nachhaltigen Tourismus, Premium-Angebote und innovative Geschäftsmodelle.

Erfolgreich werden voraussichtlich jene Betriebe sein, die es schaffen, Effizienz zu steigern und gleichzeitig attraktive Arbeitsplätze anzubieten. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Weiterbildungsmöglichkeiten und eine wertschätzende Unternehmenskultur. Die Automatisierung bestimmter Bereiche könnte helfen, Personalkosten zu optimieren, ohne die Servicequalität zu beeinträchtigen.

Mittelfristig könnte sich die Branche zu weniger, aber dafür stärkeren und professionelleren Unternehmen entwickeln. Dieser Konzentrationsprozess ist bereits in anderen europäischen Ländern zu beobachten und könnte auch in Österreich die traditionelle Struktur vieler kleiner Familienbetriebe verändern.

Ausblick auf weitere Verhandlungen

Beide Seiten haben sich grundsätzlich bereit erklärt, die Gespräche wieder aufzunehmen. Wann der nächste Verhandlungstermin stattfinden wird, ist jedoch noch offen. Die Wirtschaftskammer fordert von der Gewerkschaft mehr Realismus, während die Arbeitnehmervertreter auf ihren Forderungen beharren.

Möglich erscheint ein Kompromiss, der die Lohnerhöhung zeitlich streckt oder an betriebswirtschaftliche Kennzahlen koppelt. Auch eine Differenzierung nach Betriebsgröße oder regionalen Gegebenheiten könnte einen Ausweg bieten. Entscheidend wird sein, ob beide Seiten bereit sind, von ihren Maximalforderungen abzurücken.

Sollten die Verhandlungen auch 2025 scheitern, drohen Arbeitskampfmaßnahmen, die der bereits angeschlagenen Branche weiteren Schaden zufügen könnten. Ein konstruktiver Dialog wird daher nicht nur für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern für den gesamten Wirtschaftsstandort Österreich von entscheidender Bedeutung sein. Die Zeit drängt, denn die Tourismusbranche braucht Planungssicherheit für die kommende Saison.

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