Ein 29-jähriger Mann wird seit Monaten in einem iranischen Gefängnis systematisch gefoltert. Borna Naimi, Angehöriger der Bahá'í-Religionsgemeinschaft, erleidet in Kerman Elektroschocks, die schwer...
Ein 29-jähriger Mann wird seit Monaten in einem iranischen Gefängnis systematisch gefoltert. Borna Naimi, Angehöriger der Bahá'í-Religionsgemeinschaft, erleidet in Kerman Elektroschocks, die schwere Verbrennungen verursachen. Immer wieder wird er in die sogenannte "Todes-Suite" gebracht – einen Gefängnistrakt für Todeskandidaten in ihren letzten 48 Lebensstunden. Dort simulieren die Wächter seine Hinrichtung, um ihn psychisch zu brechen. Die Folter zeigt Wirkung: Unter Androhung von Gewalt gegen seine dreijährige Tochter unterschreibt Naimi schließlich ein falsches Geständnis.
Der Fall Naimi ist kein Einzelschicksal, sondern Teil einer systematischen Verfolgungskampagne gegen die größte nicht-muslimische Minderheit im Iran. Die Bahá'í-Religionsgemeinschaft in Österreich schlägt Alarm und dokumentiert eine besorgniserregende Eskalation der Gewalt gegen etwa 300.000 Bahá'í im Iran.
Die Methoden, die gegen Borna Naimi angewendet werden, offenbaren die Brutalität des iranischen Justizsystems. Seit seiner Festnahme am 1. März wird der 29-Jährige in einem etwa zwei mal zwei Meter großen Raum festgehalten. Ohne Tageslicht, ohne Kontakt zur Außenwelt. Die sogenannte "Todes-Suite" ist speziell für Gefangene konzipiert, die ihre letzten 48 Stunden vor der Hinrichtung verbringen sollen.
Scheinhinrichtungen gelten laut internationalen Menschenrechtsorganisationen als eine der grausamsten Formen psychologischer Folter. Die Vereinten Nationen klassifizieren sie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bei dieser Praktik wird dem Opfer vorgetäuscht, es werde hingerichtet. Die psychischen Folgeschäden sind oft schwerwiegender als körperliche Misshandlungen, da sie das Urvertrauen in das Leben selbst zerstören.
Zusätzlich zu den simulierten Hinrichtungen werden Elektroschocks eingesetzt, die bei Naimi zu schweren Verbrennungen führten. Diese Kombination aus physischer und psychischer Gewalt folgt einem bewährten Schema: Das Opfer soll vollständig gebrochen werden, um es zu falschen Geständnissen zu zwingen.
Besonders perfide ist die Einbeziehung von Naimis Familie in die Folterung. Die iranischen Behörden drohen explizit mit Gewalt gegen seine Ehefrau und seine dreijährige Tochter. Diese Form der familiären Erpressung ist ein bewährtes Mittel autoritärer Regime, um auch stärkste Persönlichkeiten zu brechen.
Unter diesem enormen Druck unterschreibt Naimi schließlich eine bereits vorbereitete Erklärung. In diesem erzwungenen "Geständnis" beschuldigt er sich selbst und seinen Cousin Peyvand Naimi des Mordes an Basij-Sicherheitskräften während der Proteste vom 8. Januar. Ein absurder Vorwurf: Peyvand befand sich zum Tatzeitpunkt bereits in Haft – allein aufgrund seines Glaubens. Borna war nachweislich bei seiner Familie.
Um die aktuelle Eskalation zu verstehen, muss man die Geschichte der Bahá'í im Iran betrachten. Die Religionsgemeinschaft entstand im 19. Jahrhundert in Persien und zählt weltweit etwa sechs Millionen Anhänger. Im Iran leben schätzungsweise 300.000 Bahá'í, was sie zur größten nicht-muslimischen religiösen Minderheit des Landes macht.
Seit der Islamischen Revolution von 1979 werden Bahá'í systematisch verfolgt. Ihre Religion wird vom iranischen Staat nicht anerkannt, da sie nach dem Islam entstanden ist – was aus Sicht der schiitischen Staatsideologie unmöglich sein kann, gilt Mohammad doch als "Siegel der Propheten". Diese theologische Ablehnung dient als Rechtfertigung für umfassende Diskriminierung.
Bahá'í dürfen keine Universitäten besuchen, keine staatlichen Ämter bekleiden und ihre religiösen Praktiken nur eingeschränkt ausüben. Ihre heiligen Stätten wurden zerstört, ihr Eigentum konfisziert. Tausende wurden inhaftiert, Hunderte hingerichtet. Die Verfolgung folgt einem klaren Muster: totale gesellschaftliche Isolation und schrittweise Vernichtung der Gemeinde.
Seit den landesweiten Protesten, die nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im September 2022 begannen, hat sich die Lage der Bahá'í dramatisch verschlechtert. Das Regime sucht nach Sündenböcken für die anhaltende Krise und instrumentalisiert dabei bewährte antisemitische und antiminoritäre Verschwörungstheorien.
Die Bahá'í werden als ausländische Agenten dargestellt, die angeblich im Auftrag Israels und des Westens gegen die Islamische Republik arbeiten. Diese Propaganda knüpft an historische antisemitische Muster an und macht die friedliche Religionsgemeinschaft zum Blitzableiter für gesellschaftliche Spannungen.
Die erzwungenen Geständnisse werden seit dem 1. Februar wiederholt im iranischen Staatsfernsehen ausgestrahlt. Diese Propaganda-Kampagne löst international wachsende Empörung aus. Hollywood-Schauspieler wie Penn Badgley, Rainn Wilson und Mark Ruffalo nutzen ihre Reichweite, um auf die Verfolgung aufmerksam zu machen.
Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch dokumentieren systematisch die Übergriffe und fordern die sofortige Freilassung aller inhaftierten Bahá'í. Die Organisation betont, dass die aktuellen Fälle Teil einer bewussten Strategie seien, religiöse Minderheiten als Sündenböcke für die innenpolitischen Probleme des Regimes zu missbrauchen.
Auch aus Österreich kommt deutliche Kritik. Petra Bayr, Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des Nationalrats und Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, verurteilte die willkürliche Inhaftierung scharf. Sie forderte die "sofortige, bedingungslose Freilassung" von Peyvand Naimi.
Nationalrat Robert Laimer bezeichnete den Fall als "klaren Beleg für die systematische Verfolgung". Er betonte, dass unter diesen Umständen kein faires Verfahren möglich sei. Der Europaabgeordnete Helmut Brandstätter sprach sich ebenfalls "mit klaren und unmissverständlichen Worten" für die sofortige Freilassung aus.
Diese parteiübergreifende Unterstützung ist bemerkenswert und zeigt, wie sehr die Brutalität der iranischen Behörden auch österreichische Politiker aller Couleurs empört. Im UN-Menschenrechtsrat haben österreichische Vertreter am 16. März in zwei Stellungnahmen explizit auf die Verfolgung der Bahá'í hingewiesen.
"All diese Stellungnahmen sind für die Bahá'í im Iran ein wichtiges Zeichen der Unterstützung und Hoffnung", betont Isma Forghani, Menschenrechtsbeauftragte der Bahá'í-Religionsgemeinschaft in Österreich. Die internationale Aufmerksamkeit könne Leben retten, da das Regime auf sein Image bedacht sei.
Die wöchentlichen "Bahá'í Iran News Bulletins" dokumentieren eine stetig wachsende Zahl von Verfolgungsfällen. Allein in Kerman, wo die Brüder Naimi inhaftiert sind, befinden sich mindestens zwei weitere junge Bahá'í in Haft: Shakila Ghasemi und Adib Shahbazpour. Sie wurden im Zuge derselben Kampagne verhaftet.
Besonders tragisch ist, dass oft ganze Familien gleichzeitig inhaftiert werden. Ehepaare, Eltern mit ihren Kindern – das Regime scheut sich nicht, auch Minderjährige als Druckmittel einzusetzen. Die wenigen Telefonanrufe, die Angehörige gelegentlich erhalten, offenbaren das ganze Ausmaß der Brutalität.
Experten gehen davon aus, dass die dokumentierten Fälle nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Viele Übergriffe werden nie öffentlich bekannt, da die Betroffenen aus Angst vor weiteren Repressalien schweigen. Die tatsächliche Zahl der Verfolgten dürfte deutlich höher liegen.
Die Strategie des iranischen Regimes geht weit über einzelne Verhaftungen hinaus. Es handelt sich um eine Form psychologischer Kriegsführung gegen die gesamte Bahá'í-Gemeinde. Jede Familie muss fürchten, dass ihre Angehörigen als nächste verschwinden könnten.
Diese Atmosphäre der Angst und Unsicherheit soll die Gemeinde von innen heraus zerstören. Viele Bahá'í verlassen das Land, andere gehen in den Untergrund. Die Strategie der schleichenden Vernichtung zeigt bereits Wirkung: Die einst blühende Gemeinde schrumpft kontinuierlich.
Trotz der systematischen Unterdrückung gibt es auch Zeichen der Hoffnung. Die Grazer Schriftstellerin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi thematisierte kürzlich in einer Kolumne die Scheinhinrichtungen von Peyvand Naimi. "Die Angst seiner Familie, die unzähliger iranischer Familien um ihre Liebsten, kann ich mir kaum ausmalen", schrieb sie.
Solche Stimmen sind wichtig, weil sie das Schweigen durchbrechen und die Verfolgung sichtbar machen. Ebrahimi, selbst iranischer Herkunft, nutzt ihre Plattform, um auf das Leid aufmerksam zu machen – ein Akt der Courage in Zeiten, da viele wegschauen.
Simin Fahandej, Vertreterin der Bahá'í International Community bei den Vereinten Nationen in Genf, findet trotz aller Brutalität Worte der Würdigung: "Die Geschichte wird sich nicht nur an die erbarmungslosen Verbrechen der Islamischen Republik Iran erinnern, sondern auch an den Mut und die Tapferkeit jener jungen Menschen, die – allein gestützt auf ihre inneren Überzeugungen und ihren Glauben – standhaft geblieben sind."
Diese Standhaftigkeit ist bemerkenswert und zeigt die spirituelle Stärke der verfolgten Gemeinde. Trotz Folter, Scheinhinrichtungen und Todesdrohungen geben viele Bahá'í ihre Überzeugungen nicht auf. Sie zahlen den höchsten Preis für ihre religiöse Identität, weichen aber nicht zurück.
Diese Haltung irritiert das iranische Regime, das gewohnt ist, durch Gewalt jeden Widerstand zu brechen. Die Bahá'í beweisen, dass es Werte gibt, die stärker sind als staatliche Macht – eine Erkenntnis, die das Fundament autoritärer Herrschaft erschüttert.
Die österreichischen Reaktionen zeigen, dass die Verfolgung der Bahá'í nicht unbemerkt bleibt. Doch symbolische Proteste allein reichen nicht aus. Experten fordern konkrete Maßnahmen: verschärfte Sanktionen gegen verantwortliche Funktionäre, Einreiseverbote, das Einfrieren von Vermögenswerten.
Gleichzeitig müsse die EU ihre diplomatischen Kanäle nutzen, um Druck auszuüben. Jede Verhandlung mit dem Iran sollte die Menschenrechtslage thematisieren. Wirtschaftliche Beziehungen müssten an Fortschritte bei den Grundrechten geknüpft werden.
Zivilgesellschaftliche Organisationen können durch Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit helfen. Jeder bekannt gewordene Fall erhöht den internationalen Druck auf das Regime. Die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen wie der Bahá'í International Community ist daher von unschätzbarem Wert.
Medien spielen eine Schlüsselrolle bei der Aufdeckung systematischer Menschenrechtsverletzungen. Durch kontinuierliche Berichterstattung können sie verhindern, dass die Verfolgung im Schatten der Weltöffentlichkeit stattfindet. Die internationale Aufmerksamkeit ist oft der einzige Schutz für die Betroffenen.
Gleichzeitig müssen Journalisten aufpassen, nicht der iranischen Propaganda aufzusitzen. Die erzwungenen Geständnisse dürfen nicht unkritisch wiedergegeben werden. Stattdessen muss der Kontext erklärt und die Glaubwürdigkeit der Aussagen hinterfragt werden.
Die Bahá'í-Verfolgung im Iran ist ein Paradebeispiel dafür, wie religiöse Minderheiten als Sündenböcke für gesellschaftliche Probleme missbraucht werden. Die Fälle von Borna und Peyvand Naimi zeigen die ganze Brutalität dieses Systems auf. Ihre erzwungenen Geständnisse sind das Ergebnis systematischer Folter – und dürfen niemals als glaubwürdige Beweise behandelt werden.
Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, nicht nur zu protestieren, sondern konkret zu handeln. Jeder Tag, an dem Borna Naimi in der "Todes-Suite" von Kerman verbringt, ist ein Tag zu viel. Seine Geschichte steht stellvertretend für Tausende andere, deren Namen wir nie erfahren werden.