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Hotel- und Gastgewerbe: Kollektivvertragsverhandlungen scheitern

7. April 2026 um 17:23
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Die Kollektivvertragsverhandlungen für Österreichs Hotel- und Gastgewerbe sind am 10. Dezember 2024 ohne Einigung zu Ende gegangen. Während die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) mit einem Angebot ...

Die Kollektivvertragsverhandlungen für Österreichs Hotel- und Gastgewerbe sind am 10. Dezember 2024 ohne Einigung zu Ende gegangen. Während die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) mit einem Angebot von durchschnittlich drei Prozent Lohnerhöhung an die Gewerkschaften herangetreten ist, konnte keine Einigung erzielt werden. Die gescheiterten Verhandlungen werfen ein Schlaglicht auf die angespannte wirtschaftliche Situation einer Branche, die trotz steigender Nächtigungszahlen mit massiven Kostensteigerungen und sinkenden Betriebsergebnissen kämpft.

Wirtschaftskrise im Gastgewerbe verstärkt sich

Die aktuelle Situation im österreichischen Hotel- und Gastgewerbe ist von einem Paradoxon geprägt: Während die Nächtigungszahlen steigen und auch die nominellen Umsätze wachsen, verschlechtert sich die reale wirtschaftliche Lage der Betriebe kontinuierlich. Alois Rainer und Georg Imlauer, die Obmänner und Chefverhandler der gastgewerblichen Fachverbände in der WKÖ, warnen eindringlich vor den Folgen dieser Entwicklung.

Das Kollektivvertragssystem in Österreich basiert auf dem Prinzip der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Kollektivverträge sind rechtlich bindende Vereinbarungen, die Mindestlöhne, Arbeitszeiten, Urlaubsansprüche und andere Arbeitsbedingungen für ganze Branchen regeln. Anders als in anderen europäischen Ländern haben österreichische Kollektivverträge eine sehr hohe Abdeckung – über 95 Prozent aller Beschäftigten fallen unter einen Kollektivvertrag. Dies macht die jährlichen Verhandlungen zu einem entscheidenden wirtschaftspolitischen Ereignis.

Besonders gravierend ist die Entwicklung der Betriebsergebnisse: Seit 2019 stagnieren diese sowohl in der Gastronomie als auch in der Hotellerie oder sind sogar rückläufig. Die reale Bruttowertschöpfung – ein wichtiger volkswirtschaftlicher Indikator – ist 2024 um 0,3 Prozent gesunken. Für 2025 prognostizieren Experten einen weiteren Rückgang um 0,6 Prozent.

Kostendruck durch Inflation und Energiekrise

Die Hauptursache für diese Misere liegt in den massiv gestiegenen Betriebskosten. Energie, Lebensmittel und Personalkosten haben in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Besonders problematisch ist dabei, dass nur etwa zehn Prozent der Betriebe diese Kostensteigerungen über höhere Preise an ihre Kunden weitergeben können. Der Konkurrenzdruck im Tourismus und die Preissensibilität der Gäste begrenzen die Möglichkeiten der Unternehmen erheblich.

Die Energiekrise, ausgelöst durch den Ukraine-Krieg und die damit verbundenen geopolitischen Spannungen, trifft das energie-intensive Gastgewerbe besonders hart. Hotels und Restaurants verbrauchen nicht nur für Heizung und Klimatisierung große Mengen Energie, sondern auch für Küchen, Wäschereien und andere betriebsnotwendige Einrichtungen. Eine Entspannung bei den Energiekosten ist aufgrund der anhaltenden geopolitischen Lage nicht in Sicht.

Österreich im europäischen Vergleich

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht Österreichs Gastgewerbe vor ähnlichen Herausforderungen, jedoch mit regionalen Besonderheiten. Deutschland kämpft ebenfalls mit hohen Energiekosten und Personalmangel, während die Schweiz aufgrund des stärkeren Frankens und höherer Löhne eine andere Ausgangslage hat. In Deutschland führten ähnliche Verhandlungen im Gastgewerbe zu Abschlüssen zwischen 2,5 und 3,5 Prozent, je nach Region.

Österreichs Tourismusbranche ist traditionell stark exportorientiert und abhängig von deutschen, italienischen und anderen internationalen Gästen. Diese Abhängigkeit macht die Branche besonders verwundbar für wirtschaftliche Schwankungen in den Herkunftsmärkten. Während die Schweizer Tourismusbranche von ihrer Premium-Positionierung profitiert und höhere Preise durchsetzen kann, konkurriert Österreich stärker im mittleren Preissegment.

Strukturelle Reformen der letzten Jahre

Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage hat die Branche in den vergangenen Jahren erhebliche Verbesserungen für die Beschäftigten umgesetzt. Die Mindestlöhne und -gehälter wurden im Vorjahr deutlich – um einen Prozentpunkt – über der Inflationsrate angehoben. Insgesamt betrug die Steigerung der Mindestlöhne in den letzten vier Jahren 27,1 Prozent und lag damit deutlich über der Inflation von etwa 20 Prozent im gleichen Zeitraum.

Ein neuer Rahmenkollektivvertrag, der in den letzten beiden Jahren stufenweise in Kraft getreten ist, brachte zusätzliche Verbesserungen: erhöhte Sonderzahlungen, ausgeweitete Nachtarbeitszuschläge und die Anrechnung von Vordienstzeiten. Diese strukturellen Verbesserungen bedeuteten für viele Betriebe zusätzliche Kosten in Millionenhöhe, die in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit besonders belastend wirken.

Auswirkungen auf Beschäftigte und Betriebe

Die gescheiterten Verhandlungen haben konkrete Auswirkungen auf beide Seiten. Für die rund 230.000 Beschäftigten im österreichischen Hotel- und Gastgewerbe bedeutet dies zunächst Unsicherheit über ihre künftige Einkommensentwicklung. Viele Arbeitnehmer in der Branche arbeiten bereits jetzt zu relativ niedrigen Löhnen und sind auf regelmäßige Anpassungen angewiesen, um den steigenden Lebenshaltungskosten gerecht zu werden.

Für die Betriebe verschärft sich das Dilemma zwischen notwendigen Lohnsteigerungen zur Mitarbeiterbindung und der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Viele kleinere Familienbetriebe, die das Rückgrat der österreichischen Tourismusbranche bilden, stehen vor existenziellen Herausforderungen. Sie müssen einerseits attraktive Arbeitsbedingungen bieten, um qualifizierte Mitarbeiter zu finden und zu halten, andererseits aber auch ihre Rentabilität sicherstellen.

Fachkräftemangel als zusätzlicher Belastungsfaktor

Der bereits seit Jahren bestehende Fachkräftemangel im Gastgewerbe verschärft die Situation zusätzlich. Österreichweit sind derzeit über 15.000 offene Stellen in der Branche unbesetzt. Dies führt nicht nur zu höheren Personalkosten durch Überstunden und Zeitarbeit, sondern auch zu einer Qualitätsminderung des Service, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe beeinträchtigt.

Die Corona-Pandemie hat dieses Problem noch verstärkt, da viele erfahrene Mitarbeiter die Branche dauerhaft verlassen haben und in andere Wirtschaftszweige gewechselt sind. Die oft unregelmäßigen Arbeitszeiten, die Arbeit an Wochenenden und Feiertagen sowie die teilweise saisonale Beschäftigung machen das Gastgewerbe für potenzielle Arbeitskräfte weniger attraktiv als andere Branchen.

Regionale Unterschiede innerhalb Österreichs

Die wirtschaftliche Situation im Hotel- und Gastgewerbe variiert erheblich zwischen den österreichischen Bundesländern. Während Tirol und Salzburg als etablierte Tourismusregionen trotz aller Herausforderungen noch relativ stabile Zahlen vorweisen können, kämpfen urbane Gastronomie-Betriebe in Wien oder Graz mit anderen Problemen. Die Stadthotellerie leidet noch immer unter den reduzierten Geschäftsreisen, während die alpine Tourismusregionen von der gestiegenen Nachfrage nach Inlandstourismus profitieren konnten.

Besonders schwierig ist die Situation in grenznahen Regionen, wo die Konkurrenz aus Nachbarländern zusätzlichen Druck ausübt. Betriebe im Burgenland oder in Kärnten müssen nicht nur mit den österreichischen Herausforderungen fertig werden, sondern auch mit der Konkurrenz aus Ungarn, Slowenien oder Italien, wo die Lohnkosten teilweise deutlich niedriger sind.

Digitalisierung als Chance und Herausforderung

Die Digitalisierung bietet der Branche sowohl Chancen als auch neue Herausforderungen. Online-Buchungsplattformen haben die Vermarktung revolutioniert, gleichzeitig aber auch die Provisionskosten erhöht. Viele Betriebe zahlen heute zwischen 15 und 25 Prozent Provision an internationale Buchungsplattformen – Kosten, die früher nicht existierten.

Gleichzeitig ermöglichen digitale Lösungen in der Verwaltung, beim Check-in oder in der Küchenorganisation Effizienzsteigerungen, die helfen können, den Personalmangel teilweise zu kompensieren. Jedoch erfordern diese Investitionen in neue Technologien zusätzliche finanzielle Mittel, die viele kleinere Betriebe nicht aufbringen können.

Zukunftsperspektiven und mögliche Lösungsansätze

Die weitere Entwicklung der Kollektivvertragsverhandlungen wird entscheidend für die Zukunft der österreichischen Tourismusbranche sein. Experten sehen verschiedene Szenarien: Eine schnelle Einigung könnte das Vertrauen stabilisieren und Planungssicherheit schaffen. Eine länger andauernde Blockade hingegen könnte zu weiteren Betriebsschließungen und einem Exodus qualifizierter Arbeitskräfte führen.

Mögliche Kompromisslösungen könnten gestufte Lohnerhöhungen über mehrere Jahre oder regionale Differenzierungen umfassen. Auch die Einführung von leistungsbezogenen Vergütungskomponenten oder flexiblere Arbeitszeitmodelle stehen zur Diskussion. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die unterschiedlichen Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Einklang zu bringen.

Langfristig wird die Branche nicht um strukturelle Reformen herumkommen. Dazu gehört eine stärkere Fokussierung auf Qualitätstourismus, der höhere Margen ermöglicht, sowie Investitionen in Ausbildung und Digitalisierung. Auch die Politik ist gefordert, durch gezielte Fördermaßnahmen und steuerliche Entlastungen die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Internationale Trends und Best Practices

Ein Blick auf internationale Best Practices zeigt mögliche Lösungswege auf. In Skandinavien haben viele Länder erfolgreich auf Qualitätstourismus gesetzt und können dadurch höhere Löhne zahlen. Frankreich hat mit staatlichen Förderprogrammen die Modernisierung kleinerer Betriebe unterstützt. Deutschland experimentiert mit flexibleren Arbeitszeitmodellen, die die Work-Life-Balance in der Branche verbessern sollen.

Die Schweiz zeigt, wie durch konsequente Positionierung im Premiumsegment auch hohe Lohnkosten kompensiert werden können. Allerdings sind die Voraussetzungen dort aufgrund der geografischen Lage und der etablierten Markenbildung anders als in Österreich.

Fazit: Branche am Scheideweg

Das österreichische Hotel- und Gastgewerbe steht an einem kritischen Wendepunkt. Die gescheiterten Kollektivvertragsverhandlungen sind nur ein Symptom für tiefer liegende strukturelle Probleme, die eine umfassende Neuausrichtung der Branche erforderlich machen. Ohne eine ausgewogene Lösung, die sowohl die berechtigten Interessen der Arbeitnehmer als auch die wirtschaftlichen Realitäten der Betriebe berücksichtigt, droht eine weitere Verschärfung der Krise.

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Sozialpartner zu einer Einigung finden können, die der gesamten Branche eine positive Zukunftsperspektive eröffnet. Dabei geht es um weit mehr als nur um Lohnprozente – es geht um die Zukunftsfähigkeit einer der wichtigsten Wirtschaftsbranchen Österreichs und um die Arbeitsplätze von hunderttausenden Menschen.

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