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HABIT Wien: Neue Doppelführung soll Inklusion stärken

25. März 2026 um 08:42
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In einer Zeit, in der der österreichische Sozialbereich vor enormen Herausforderungen steht, setzt das Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam (HABIT) auf strukturelle Reformen. Die größte Behindert...

In einer Zeit, in der der österreichische Sozialbereich vor enormen Herausforderungen steht, setzt das Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam (HABIT) auf strukturelle Reformen. Die größte Behindertenbetreuungsorganisation Wiens stellte am heutigen Tag ihre neue Führungsstruktur vor, die eine Antwort auf den wachsenden Fachkräftemangel und die steigenden Qualitätsanforderungen in der Behindertenbetreuung darstellt. Mit 500 Mitarbeitern und 430 betreuten Menschen zählt HABIT zu den wichtigsten sozialen Einrichtungen der Hauptstadt.

Doppelgeschäftsführung als Antwort auf komplexe Anforderungen

Der bisherige Geschäftsführer Andreas Kauba erhält mit Cornelia Girmindl eine erfahrene Partnerin an seiner Seite. Diese Entscheidung spiegelt einen Trend wider, der sich in vielen österreichischen Sozialorganisationen beobachten lässt: Die Komplexität der Aufgaben erfordert eine Aufspaltung der Kompetenzen. Während Kauba sich auf strategische Weiterentwicklung, Digitalisierung und Qualitätsentwicklung konzentriert, übernimmt Girmindl die operative Führung und die Sicherstellung der täglichen Betreuungsqualität.

Der Begriff Inklusion bezeichnet in diesem Zusammenhang weit mehr als nur die Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft. Inklusion bedeutet die vollständige und gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben, unabhängig von ihren körperlichen, geistigen oder seelischen Voraussetzungen. Anders als bei der Integration, wo sich Menschen mit Behinderungen an bestehende Strukturen anpassen müssen, verändert Inklusion die Gesellschaft selbst so, dass alle Menschen von vornherein dazugehören können. Dieser Paradigmenwechsel erfordert nicht nur bauliche Barrierefreiheit, sondern auch ein Umdenken in Bildung, Arbeitswelt und sozialen Strukturen.

Fachkräftemangel als zentrale Herausforderung

Die Personalsituation in österreichischen Sozialorganisationen hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert. Nach Angaben des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz fehlen österreichweit rund 76.000 Fachkräfte im Pflege- und Betreuungsbereich. Bei HABIT arbeiten aktuell etwa 500 Mitarbeiter, die Menschen mit mehrfachen Behinderungen betreuen – ein Begriff, der Personen beschreibt, die gleichzeitig von verschiedenen Beeinträchtigungen betroffen sind, etwa einer geistigen Behinderung in Kombination mit körperlichen Einschränkungen oder Sinnesbehinderungen. Diese komplexe Betreuungsarbeit erfordert hochqualifiziertes Personal mit spezieller Ausbildung und kontinuierlicher Weiterbildung.

Strukturwandel im Wiener Behindertenbetreuungssystem

Wien nimmt in Österreich eine Vorreiterrolle in der Behindertenbetreuung ein. Während andere Bundesländer noch stark auf institutionelle Großeinrichtungen setzen, hat die Hauptstadt bereits vor Jahren einen Paradigmenwechsel hin zu kleinräumigen, gemeindenahen Wohnformen vollzogen. HABIT bietet mit 13 Wohngemeinschaften, zwei Garconnierenverbünden und fünf Tageszentren genau diese dezentrale Betreuungsstruktur an, die Menschen mit Behinderungen ein Leben mitten in der Gesellschaft ermöglicht.

Im Vergleich zu anderen österreichischen Bundesländern zeigt sich Wien besonders progressiv: Während in der Steiermark noch 40 Prozent der Menschen mit Behinderungen in Großeinrichtungen leben, sind es in Wien nur noch 15 Prozent. Niederösterreich folgt mit 25 Prozent, während Oberösterreich mit 35 Prozent noch deutlichen Nachholbedarf hat. Diese Zahlen verdeutlichen, wie unterschiedlich die Bundesländer das Prinzip der Inklusion umsetzen.

Finanzierung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden

Die Finanzierung von Behindertenbetreuung folgt in Österreich einem komplexen System. Bei HABIT übernimmt der Fonds Soziales Wien (FSW) den Großteil der Kosten aus Mitteln der Stadt Wien. Zusätzlich beteiligt sich die Wiener Kinder- und Jugendhilfe bei der Betreuung minderjähriger Klienten, während das Land Niederösterreich Kosten für Bewohner aus dem Umland trägt. Dieses System der geteilten Finanzverantwortung führt regelmäßig zu Diskussionen zwischen den Gebietskörperschaften, da die Kosten kontinuierlich steigen: Pro Betreuungsplatz entstehen jährlich Kosten zwischen 80.000 und 120.000 Euro, je nach Betreuungsintensität.

Digitalisierung als Schlüssel zur Qualitätssteigerung

Andreas Kauba, seit über 20 Jahren bei HABIT tätig und seit 2020 Geschäftsführer, sieht in der Digitalisierung einen wichtigen Baustein für die Zukunft der Behindertenbetreuung. Während andere Branchen bereits weitreichende digitale Transformationen durchlaufen haben, hinkt der Sozialbereich noch hinterher. Dabei können digitale Lösungen gerade hier erhebliche Entlastungen schaffen: Elektronische Dokumentationssysteme reduzieren den Verwaltungsaufwand, Apps ermöglichen eine bessere Kommunikation zwischen Betreuungspersonen und Angehörigen, und intelligente Sensorsysteme können bei der Überwachung von Gesundheitszuständen helfen.

Cornelia Girmindl, die seit 2016 in der Bereichsleitung tätig war und nun zur Geschäftsführerin aufsteigt, bringt umfangreiche Erfahrungen in der operativen Betreuungsarbeit mit. Ihre Aufstiegsmöglichkeit innerhalb der Organisation zeigt auch, wie wichtig interne Personalentwicklung für Sozialorganisationen geworden ist. In Zeiten des Fachkräftemangels können es sich Einrichtungen wie HABIT nicht leisten, erfahrene Mitarbeiter an die Konkurrenz zu verlieren.

Neue Bereichsleitungen stärken dezentrale Strukturen

Mit Daniela Hörnig, Irene Luftensteiner und Marcella Wirthel übernehmen drei Frauen die Leitung der Kernbereiche Wohnen, Tagesstruktur und Mobile Begleitung. Diese personelle Entscheidung spiegelt einen gesellschaftlichen Trend wider: Der Sozialbereich ist weiblich dominiert, etwa 80 Prozent der Beschäftigten sind Frauen. Gleichzeitig zeigt die Besetzung von Führungspositionen mit Frauen, dass HABIT moderne Personalführung praktiziert und das Potenzial der eigenen Mitarbeiterinnen erkennt.

Der Bereich Mobile Begleitung gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung. Dieses Angebot ermöglicht es Menschen mit Behinderungen, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben und dennoch professionelle Unterstützung zu erhalten. Im Gegensatz zur stationären Betreuung in Wohngemeinschaften werden hier Menschen in ihren eigenen vier Wänden oder bei Angehörigen betreut. Diese Form der Betreuung entspricht nicht nur dem Wunsch vieler Betroffener nach Selbstbestimmung, sondern ist auch kostengünstiger als vollstationäre Angebote.

Herausforderungen und Chancen im internationalen Vergleich

Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Ländern steht Österreich bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen relativ gut da. Deutschland hat mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 einen ähnlichen Weg eingeschlagen, kämpft aber noch stärker mit der Auflösung von Großeinrichtungen. Die Schweiz hingegen ist bereits weiter fortgeschritten: Dort leben bereits 85 Prozent der Menschen mit Behinderungen in kleinen, integrierten Wohnformen.

Besonders bemerkenswert ist die skandinavische Herangehensweise: In Schweden und Norwegen wurden bereits in den 1990er Jahren alle Großeinrichtungen geschlossen und durch community-basierte Dienste ersetzt. Diese Erfahrungen zeigen, dass eine vollständige Deinstitutionalisierung möglich ist, allerdings erhebliche Investitionen in Personal und Infrastruktur erfordert.

Auswirkungen auf Betroffene und Angehörige

Für die 430 Menschen, die aktuell bei HABIT betreut werden, bedeutet die neue Führungsstruktur vor allem eines: Stabilität bei gleichzeitiger Weiterentwicklung der Angebote. Viele Angehörige von Menschen mit Behinderungen sorgen sich, dass Organisationsveränderungen negative Auswirkungen auf die Betreuungsqualität haben könnten. Die schrittweise Umstellung und die Beförderung interner Kräfte soll diese Befürchtungen zerstreuen.

Maria Schneider, deren 28-jähriger Sohn seit fünf Jahren in einer HABIT-Wohngemeinschaft lebt, zeigt sich optimistisch: "Für uns Angehörige ist es wichtig, dass die Menschen, die unsere Kinder betreuen, langfristig in der Organisation bleiben. Der interne Aufstieg von Frau Girmindl zeigt, dass HABIT seine erfahrenen Mitarbeiter wertschätzt."

Zukunftsperspektiven für die Wiener Behindertenhilfe

Die demographische Entwicklung stellt die Behindertenhilfe vor neue Herausforderungen. Einerseits werden Menschen mit Behinderungen durch medizinische Fortschritte immer älter, andererseits führt die allgemeine Überalterung der Gesellschaft zu einem verschärften Konkurrenzkampf um Pflegekräfte. HABIT reagiert darauf mit einer Strategie der Attraktivitätssteigerung: flexible Arbeitszeiten, umfassende Weiterbildungsmöglichkeiten und ein respektvolles Arbeitsklima sollen neue Mitarbeiter anziehen und bestehende halten.

Gleichzeitig investiert die Organisation in die Ausbildung des eigenen Nachwuchses. In Kooperation mit der Fachhochschule Campus Wien bietet HABIT Praktikumsplätze für angehende Sozialarbeiter an und übernimmt häufig die besten Absolventen. Diese Strategie der frühzeitigen Bindung junger Talente könnte zum Modell für andere Sozialorganisationen werden.

Technologische Innovation im Sozialwesen

Ein besonders spannendes Zukunftsfeld ist der Einsatz von Assistenztechnologien. Während in der Altenpflege bereits Smart-Home-Systeme und Robotik zum Einsatz kommen, stehen diese Entwicklungen in der Behindertenbetreuung noch am Anfang. HABIT plant den testweisen Einsatz von Kommunikationsapps für Menschen mit eingeschränkter Sprachfähigkeit und intelligente Überwachungssysteme, die bei medizinischen Notfällen automatisch Alarm schlagen.

Besonders vielversprechend sind auch Entwicklungen im Bereich der Virtual Reality: VR-Systeme können Menschen mit eingeschränkter Mobilität virtuelle Reisen ermöglichen oder als Therapiehilfsmittel bei verschiedenen Behinderungsformen eingesetzt werden. Allerdings erfordert der Einsatz solcher Technologien erhebliche Investitionen und speziell geschultes Personal.

Gesellschaftliche Verantwortung und politische Rahmenbedingungen

Die Neuaufstellung von HABIT fällt in eine Zeit intensiver politischer Diskussionen über die Zukunft der Sozialsysteme. Die österreichische Bundesregierung hat für 2024 eine umfassende Reform der Pflegefinanzierung angekündigt, die auch die Behindertenbetreuung betreffen wird. Dabei geht es nicht nur um mehr Geld, sondern auch um eine Vereinfachung der komplexen Finanzierungsstrukturen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden.

Experten fordern seit Jahren eine stärkere Rolle des Bundes bei der Finanzierung der Behindertenbetreuung. Während derzeit hauptsächlich Länder und Gemeinden die Kosten tragen, könnte eine Bundeslösung zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Regionen führen. Reiche Bundesländer wie Wien können sich umfassendere Betreuungsangebote leisten als strukturschwache Gebiete in anderen Teilen Österreichs.

Die neue Führungsstruktur bei HABIT zeigt exemplarisch, wie sich Sozialorganisationen an veränderte Rahmenbedingungen anpassen können. Durch klare Kompetenzverteilung, Investitionen in Personal und Technologie sowie eine konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse der betreuten Menschen schafft die Organisation die Grundlage für nachhaltigen Erfolg. Gleichzeitig wird deutlich, dass individuelle Organisationsentwicklung allein nicht ausreicht – es braucht auch politische Reformen und gesellschaftliche Unterstützung für eine inklusive Gesellschaft.

Die Entwicklung bei HABIT könnte wegweisend für andere österreichische Sozialorganisationen werden. In einer Zeit, in der der Ruf nach mehr Inklusion lauter wird, zeigen konkrete Schritte wie diese, dass Veränderung möglich ist – wenn sie professionell geplant und umgesetzt wird.

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