Umweltorganisation befürchtet demokratiepolitischen Skandal durch vorläufige Anwendung
Greenpeace kritisiert mögliche vorläufige Anwendung des EU-Mercosur-Abkommens ohne Zustimmung des Europäischen Parlaments als demokratischen Skandal.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schlägt Alarm: Das umstrittene Handelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten könnte bereits in Kürze vorläufig in Kraft treten - und das ohne vorherige Zustimmung des Europäischen Parlaments. Nach aktuellen Medienberichten steht der argentinische Senat kurz vor der Ratifizierung des Abkommens, was den Weg für eine vorläufige Anwendung ebnen würde.
Laut einem Bericht der argentinischen Zeitung Infobae könnte der argentinische Senat bereits heute den Handelspakt ratifizieren. Damit würde Argentinien unter Präsident Javier Milei das erste Land der Region werden, das dem umstrittenen Abkommen zustimmt. Sobald diese Ratifizierung offiziell an die EU gemeldet wird, hätte die Europäische Kommission die Möglichkeit, das EU-Mercosur-Abkommen vorläufig anzuwenden - noch bevor die gewählten Vertreter im Europäischen Parlament darüber abstimmen konnten.
"Die EU-Kommission will eines der größten und umstrittensten Abkommen der Geschichte vorläufig anwenden – ohne dass auch nur ein einziger gewählter EU-Parlamentarier darüber abgestimmt hat. Das wäre ein brandgefährlicher Präzedenzfall", warnt Melanie Ebner, Sprecherin von Greenpeace Österreich, vor den demokratiepolitischen Konsequenzen.
Der Grund für die mögliche Umgehung des Parlaments liegt in einem komplexen rechtlichen Verfahren. Das Europäische Parlament muss derzeit abwarten, bis der Europäische Gerichtshof (EuGH) eine Stellungnahme dazu abgibt, ob das EU-Mercosur-Abkommen rechtswidrig ist. Erst nach dieser rechtlichen Klärung können die Abgeordneten über das Abkommen abstimmen.
Diese Verzögerung eröffnet der EU-Kommission jedoch ein rechtliches Schlupfloch: Sie könnte das Abkommen vorläufig in Kraft setzen, bevor die demokratisch legitimierte Kontrolle durch das Parlament stattgefunden hat. Für Greenpeace ist dies ein inakzeptables Vorgehen, das die demokratischen Grundprinzipien der EU untergräbt.
Das EU-Mercosur-Abkommen ist eines der größten Handelsabkommen der Geschichte und würde einen gemeinsamen Markt von über 780 Millionen Menschen schaffen. Die Mercosur-Staaten - Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay - sind wichtige Exporteure von Agrarprodukten, während die EU hauptsächlich Industriegüter und Dienstleistungen liefern würde.
Umweltschützer befürchten jedoch massive negative Auswirkungen: Das Abkommen könnte die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes weiter vorantreiben, da europäische Importe von Soja und Rindfleisch aus Südamerika zunehmen würden. Zudem sehen Kritiker die europäische Landwirtschaft durch billige Importe bedroht, was zu einem Strukturwandel mit unabsehbaren sozialen und ökologischen Folgen führen könnte.
Neben den Umweltauswirkungen stehen auch Menschenrechtsaspekte im Zentrum der Kritik. Indigene Gemeinschaften in Südamerika könnten durch die verstärkte Landwirtschaft und den Bergbau unter Druck geraten. Greenpeace und andere Organisationen argumentieren, dass das Abkommen internationale Klimaziele gefährden und zu einer Verschlechterung der Menschenrechtssituation in den betroffenen Regionen führen könnte.
"Gerade bei einem Abkommen mit massiven Folgen für Klima, Umwelt, Landwirtschaft und Menschenrechte braucht es volle demokratische Kontrolle statt politischer Tricks", betont Greenpeace-Sprecherin Ebner. Die Organisation fordert daher eine transparente und umfassende Prüfung aller Aspekte des Abkommens durch die demokratisch gewählten Vertreter.
Greenpeace richtet sich nun direkt an die österreichische Bundesregierung und fordert Bundeskanzler Andreas Stocker auf, sich auf europäischer Ebene gegen eine vorläufige Anwendung des Abkommens einzusetzen. Österreich könnte als EU-Mitgliedstaat Einfluss auf die Entscheidung der Kommission nehmen und sich für ein ordnungsgemäßes demokratisches Verfahren einsetzen.
"Bundeskanzler Stocker muss sich in Brüssel klar gegen eine vorläufige Anwendung positionieren", so die Forderung der Umweltorganisation. Ein solches Vorgehen würde nicht nur die demokratischen Grundsätze der EU stärken, sondern auch sicherstellen, dass alle Aspekte des weitreichenden Handelsabkommens ordnungsgemäß geprüft werden.
Der Widerstand gegen das EU-Mercosur-Abkommen beschränkt sich nicht nur auf Umweltorganisationen. Auch Bauernverbände, Gewerkschaften und Teile der Politik äußern Bedenken. In Frankreich und anderen EU-Staaten gingen bereits Landwirte auf die Straße, um gegen das Abkommen zu protestieren. Sie befürchten unfaire Konkurrenz durch Produkte, die unter anderen Umwelt- und Sozialstandards hergestellt werden.
Befürworter des Abkommens argumentieren hingegen mit den wirtschaftlichen Vorteilen: Europäische Unternehmen würden besseren Zugang zu den südamerikanischen Märkten erhalten, während Verbraucher von günstigeren Preisen profitieren könnten. Zudem könne das Abkommen helfen, die wirtschaftlichen Beziehungen zu einer wichtigen Weltregion zu stärken und die Abhängigkeit von anderen Handelspartnern zu reduzieren.
Die mögliche vorläufige Anwendung des EU-Mercosur-Abkommens könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Sollte die EU-Kommission diesen Weg einschlagen, könnte dies die Rolle des Europäischen Parlaments bei zukünftigen Handelsabkommen schwächen. Demokratische Kontrolle und Bürgerbeteiligung würden zugunsten schneller politischer Entscheidungen geopfert.
Für Greenpeace und andere Kritiker steht daher weit mehr auf dem Spiel als nur ein einzelnes Handelsabkommen. Es geht um die Frage, wie demokratische Entscheidungsprozesse in der EU gestaltet werden und welchen Stellenwert Umwelt- und Sozialstandards in der internationalen Handelspolitik haben.
Die Entwicklung in den kommenden Tagen und Wochen wird zeigen, ob die Befürchtungen von Greenpeace berechtigt sind. Sollte Argentinien tatsächlich ratifizieren und die EU-Kommission eine vorläufige Anwendung beschließen, würde das EU-Mercosur-Abkommen ohne parlamentarische Zustimmung in Kraft treten. Dies würde nicht nur die demokratischen Grundsätze der EU in Frage stellen, sondern auch weitreichende Konsequenzen für Umwelt, Landwirtschaft und Menschenrechte haben.
Die Forderung nach demokratischer Kontrolle und transparenten Entscheidungsprozessen wird damit zu einem zentralen Thema in der europäischen Politik. Es bleibt abzuwarten, ob sich genügend politischer Widerstand formiert, um eine vorläufige Anwendung zu verhindern und das ordnungsgemäße demokratische Verfahren sicherzustellen.