41. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin bringt WHO und internationale Experten nach Osnabrück
Über ein Drittel der Europäer bewegt sich zu wenig. Der GOTS-Kongress 2026 sucht Lösungen – mit WHO-Beteiligung und Fokus auf KI in der Sportmedizin.
Die Zahlen sind alarmierend: Rund 36 Prozent der erwachsenen Europäer zwischen 18 und 64 Jahren gelten als körperlich inaktiv. Nur etwa ein Viertel der Frauen und gut ein Drittel der Männer erreichen die Mindestempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation für körperliche Aktivität. Vor diesem Hintergrund gewinnt der 41. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) besondere Bedeutung – nicht zuletzt durch die erstmalige Beteiligung der WHO.
Unter dem programmatischen Motto "MOVE – Weil Bewegung Leben heißt" versammelt die GOTS vom 13. bis 15. Juni 2026 Hunderte Fachleute aus Medizin, Sportwissenschaft und Therapie in der OsnabrückHalle. Die Beteiligung der Weltgesundheitsorganisation unterstreicht die internationale Dimension der Veranstaltung und die wachsende Bedeutung von Bewegungsförderung als globales Gesundheitsthema.
Als größter Zusammenschluss von Sportorthopäden in Europa bringt die GOTS damit nicht nur medizinisches Fachwissen zusammen, sondern positioniert sich als wichtiger Akteur im Kampf gegen die grassierende Bewegungsarmut. Die Wahl der selbsternannten "Friedensstadt" Osnabrück als Veranstaltungsort mag symbolisch sein – der Kongress selbst verfolgt jedoch handfeste Ziele.
Die WHO-Empfehlungen sind eigentlich überschaubar: Mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche – oder alternativ 75 Minuten intensive Bewegung – plus Krafttraining an mindestens zwei Tagen. Dennoch verfehlt die Mehrheit der europäischen Bevölkerung diese Vorgaben deutlich.
Die Konsequenzen sind weitreichend und belasten die Gesundheitssysteme massiv. Bewegungsmangel gilt als einer der Hauptrisikofaktoren für chronische Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedene Krebsarten. Hinzu kommen psychische Auswirkungen: Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt nachweislich präventiv gegen Depressionen und Angststörungen.
Für Österreich zeigen die Zahlen ein ähnlich besorgniserregendes Bild. Trotz der Alpenrepublik-Klischees von wanderfreudigen und skibegeisterten Einwohnern kämpft auch hierzulande ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit zu wenig Bewegung im Alltag – besonders in städtischen Gebieten und bei Berufstätigen mit sitzenden Tätigkeiten.
Das dreitägige Programm in der hochmodernen OsnabrückHalle spannt einen weiten Bogen aktueller sportmedizinischer Themen. Die Schwerpunkte reflektieren dabei sowohl technologische Entwicklungen als auch gesellschaftliche Herausforderungen:
Die Digitalisierung hat längst auch die Sportmedizin erreicht. Fitness-Tracker, Smartwatches und spezialisierte Sensoren liefern heute Datenmengen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Der Kongress widmet sich der Frage, wie diese Informationsflut sinnvoll für Diagnostik, Therapie und Prävention genutzt werden kann. Künstliche Intelligenz verspricht dabei, Muster zu erkennen, die menschlichen Experten möglicherweise entgehen – etwa bei der Vorhersage von Verletzungsrisiken oder der Optimierung von Trainingsplänen.
Wann kann ein verletzter Sportler wieder ins Training einsteigen? Diese Frage beschäftigt Athleten, Trainer und Mediziner gleichermaßen. Zu frühe Rückkehr riskiert Folgeverletzungen, zu späte kostet wertvolle Zeit und kann psychologisch belastend sein. Moderne Funktionsdiagnostik soll hier objektivere Entscheidungsgrundlagen liefern und den oft emotionsgeladenen Return-to-Sport-Prozess rationaler gestalten.
Die Bewegungsgewohnheiten werden früh geprägt – und genau hier liegt ein zentrales Problem. Kinder und Jugendliche verbringen zunehmend Zeit vor Bildschirmen, während die Stunden für freies Spielen und Sport abnehmen. Der Kongress thematisiert Strategien, um junge Menschen wieder mehr in Bewegung zu bringen, ohne dabei den Spaßfaktor zu vernachlässigen.
Wie organisieren andere Länder ihren Breiten- und Leistungssport? Was können europäische Nationen voneinander lernen? Der internationale Vergleich soll Anregungen liefern, wie Bewegungsförderung systematischer und effektiver gestaltet werden kann.
Wenn Prävention versagt und Verletzungen eintreten, kommt die operative Sportmedizin ins Spiel. Minimalinvasive Verfahren, verbesserte Implantate und optimierte Nachbehandlungskonzepte verkürzen heute die Ausfallzeiten erheblich – ein Thema, das nicht nur Profisportler interessiert.
Jeder GOTS-Kongress widmet sich bestimmten Sportarten besonders intensiv. 2026 stehen Wassersportarten wie Surfen und Wellenreiten im Mittelpunkt. Diese Disziplinen haben in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebt – nicht zuletzt durch die Aufnahme des Surfens ins olympische Programm.
Mit der steigenden Popularität wachsen auch die medizinischen Herausforderungen. Surfverletzungen betreffen häufig Schultern, Knie und Wirbelsäule. Die Kombination aus Kraftausdauer, Balance und der Exposition gegenüber wechselhaften Umweltbedingungen macht den Sport aus sportmedizinischer Sicht besonders interessant.
Für österreichische Teilnehmer mag das Thema auf den ersten Blick exotisch erscheinen. Doch die wachsende Surfbegeisterung – ob an künstlichen Wellen in Wien oder bei Reisen ans Meer – macht auch hierzulande Expertise auf diesem Gebiet relevant.
Ein Charakteristikum des GOTS-Kongresses ist die konsequente Vernetzung unterschiedlicher Berufsgruppen. Neben klassischen Vorträgen und Paneldiskussionen bieten zahlreiche Workshops Gelegenheit zum praktischen Erfahrungsaustausch. Orthopäden treffen auf Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler diskutieren mit Trainern, und auch Vertreter der Medizintechnik-Industrie sind eingebunden.
Dieser interdisziplinäre Ansatz trägt der Realität moderner Sportbetreuung Rechnung. Die Zeiten, in denen ein einzelner Arzt alle Aspekte der Sportmedizin abdecken konnte, sind vorbei. Erfolgreiche Prävention und Behandlung erfordert heute die Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten – koordiniert und auf Augenhöhe.
Die GOTS versteht ihre Mission breit gefächert. Es geht nicht nur um die Versorgung verletzter Leistungssportler, sondern um die gesamte Bandbreite körperlicher Aktivität – vom gelegentlichen Freizeitsport über den organisierten Vereinssport bis zum Profitum.
Für Spitzenathleten steht die Frage im Vordergrund, wie sie ihren Beruf möglichst lange und ohne gravierende Unterbrechungen ausüben können. Karrierebeendende Verletzungen oder chronische Beschwerden sollen durch intelligente Trainingssteuerung und frühzeitige Intervention vermieden werden.
Im Breitensport geht es um andere Ziele: Menschen sollen ihr Leben lang Freude an Bewegung haben und ihr Aktivitätslevel halten können. Überlastungsschäden durch falsches Training, Unfälle durch mangelnde Vorbereitung – all das lässt sich durch geeignete Präventionsprogramme reduzieren.
Österreich gilt gemeinhin als sportbegeisterte Nation. Skifahren, Wandern und Radfahren gehören zum kulturellen Selbstverständnis. Doch auch hierzulande zeigen sich die Auswirkungen veränderter Lebensgewohnheiten. Homeoffice, Streaming-Dienste und die Verlockungen der digitalen Welt konkurrieren zunehmend mit körperlicher Aktivität.
Die Erkenntnisse des GOTS-Kongresses sind daher auch für österreichische Mediziner, Therapeuten und Sportwissenschaftler von direkter Relevanz. Wie lassen sich Menschen aller Altersgruppen zu mehr Bewegung motivieren? Welche Rolle können Technologien dabei spielen? Und wie verhindert man, dass gut gemeinter Sporteifer in Überlastung und Verletzung mündet?
Der GOTS-Kongress 2026 kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Bewusstsein für die gesundheitliche Bedeutung körperlicher Aktivität wächst – gleichzeitig aber die tatsächliche Bewegung in der Bevölkerung abnimmt. Dieses Paradox aufzulösen, ist eine der großen Herausforderungen für Gesundheitssysteme weltweit.
Die Beteiligung der WHO signalisiert, dass Bewegungsförderung längst als globales Public-Health-Thema erkannt ist. Es geht nicht mehr nur um individuelle Fitness-Entscheidungen, sondern um gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Bewegung erleichtern oder erschweren.
Die Sportmedizin wandelt sich dabei vom reparativen Fach zur präventiven Disziplin. Nicht erst einzugreifen, wenn der Schaden eingetreten ist, sondern Verletzungen und Erkrankungen von vornherein zu verhindern – das ist das Ziel moderner sportmedizinischer Arbeit.
Der 41. GOTS-Kongress in Osnabrück verspricht, diese Entwicklung mit wissenschaftlicher Tiefe und praktischer Relevanz voranzutreiben. Für alle, die sich beruflich mit der Gesunderhaltung bewegungsfreudiger – und bewegungsunfreudiger – Menschen beschäftigen, dürfte die Veranstaltung im Juni 2026 zum Pflichttermin werden.