Eine neue Ära in der Behandlung von Adipositas hat begonnen: GLP-1-Medikamente, ursprünglich für Diabetes entwickelt, zeigen bei schwer übergewichtigen Patienten Gewichtsverluste von bis zu 23 Prozent.
Eine neue Ära in der Behandlung von Adipositas hat begonnen: GLP-1-Medikamente, ursprünglich für Diabetes entwickelt, zeigen bei schwer übergewichtigen Patienten Gewichtsverluste von bis zu 23 Prozent. Doch Expertinnen warnen vor übertriebenen Hoffnungen – die „Abnehmspritze" ist kein Wundermittel und löst nicht die strukturellen Probleme der Adipositas-Epidemie. Dies wurde beim Business Breakfast des forum. ernährung heute in Wien deutlich, wo Fachleute über Chancen und Grenzen der neuen Therapieansätze diskutierten.
GLP-1 steht für „Glucagon-like Peptide-1" – ein Darmhormon, das natürlicherweise im Körper vorkommt und den Blutzucker reguliert. Die nachahmenden Wirkstoffe beeinflussen Hunger- und Sättigungsgefühle und verändern nachweislich auch Präferenzen im Essverhalten.
Neue medikamentöse Therapien rund um GLP-1 und GIP bringen in Phase-3-Studien deutliche Gewichtsreduktionen von bis zu 23 % innerhalb eines Jahres, ehe sich ein Plateau einstellt. In einer großen Studie mit rund 7.000 Patientinnen und Patienten ohne Typ-2-Diabetes, aber mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde gezeigt, dass eine Therapie neben der Gewichtsreduktion auch zu einer Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse und Todesfälle um etwa 20 % führt.
Die Expertinnen stellen fest: Die Zahl der Betroffenen von Adipositas steigt stetig. Es braucht daher eine umfassende Ernährungs- und Verbraucherbildung als Vorsorgemaßnahme sowie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit der Erkrankung. GLP-1 ist ein Gamechanger bei der individuellen Therapie für Menschen mit Adipositas, aber nicht für das System als Ganzes. Hier bedarf es einer integrierten Sichtweise, um multifaktorielle Ursachen ganzheitlich zu adressieren.
Die sogenannte Set-Point-Theorie erklärt, warum nachhaltige Gewichtsreduktion selten funktioniert. Mit jeder Erreichung eines neuen Höchstgewichtes wird vom Körper ein neues Sollgewicht geeicht. Er arbeitet also aktiv gegen Gewichtsverlust. Diese Mechanismen führen dazu, dass klassische Diäten langfristig häufig scheitern und sich Gewichtsschwankungen wiederholen.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer deutlicher: So groß die medizinischen Erfolge sind, so wenig lösen diese Therapien das zugrundeliegende Problem. Die Effekte sind in der Regel nicht dauerhaft. Wird die Therapie beendet, geht das Gewicht nach oben und auch andere Gesundheitsparameter verschlechtern sich wieder. Diese Erkenntnis unterstreicht den chronischen Charakter der Erkrankung und die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Betreuung. Daraus ergibt sich auch eine gesundheitspolitische Herausforderung, da die kurzfristigen Kosten der Behandlung langfristigen Einsparungen gegenüberstehen, die jedoch schwer messbar sind.
Aktuell gewinnt die Diskussion um die Nutzung dieser Medikamente außerhalb der medizinischen Indikation an Dynamik. Für die Anwendung außerhalb der medizinischen Indikation gibt es derzeit aber keine ausreichenden Daten. Die Expertinnen betonen, dass diese Therapien primär medizinisch eingesetzt werden sollten und keine Abkürzung für eine nachhaltige Lebensstilveränderung darstellen. "Diese Medikamente sind keine Wundermittel. Sie wirken als Unterstützung, eine Art Krücke, um notwendige Lebensstiländerungen überhaupt umsetzen zu können. Die Basis bleibt die Lebensstiländerung," so Johanna Brix.
Auch aus wirtschaftlicher Perspektive lassen sich erste Effekte beobachten. Der Markt reagiert, wenn auch weniger dramatisch als vielfach angenommen, so Cordula Cerha: Analysen zeigen, dass sich das Konsumverhalten verändert, insbesondere in Richtung gesünderer, proteinreicher sowie ballaststoffreicher Produkte, während gleichzeitig bestimmte Kategorien leicht rückläufig sind. Besonders im Bereich Fast Moving Consumer Goods entstehen neue Dynamiken, etwa durch funktionelle Lebensmittel, angepasste Portionsgrößen und gesundheitsbezogene Angaben. Produkte, die ausschließlich auf gesundheitliche Vorteile setzen, ohne sensorisch zu überzeugen, stoßen aber rasch an ihre Grenzen. Erfolgreich sind jene Angebote, die gesundheitlichen Nutzen und Genuss vereinen.
Ein weiterer zentraler Aspekt der Diskussion war die Rolle von Bildung als Präventionsmaßnahme. Einig waren sich die Expertinnen darin, dass nachhaltige Veränderungen im Ernährungs- und Gesundheitsverhalten nicht allein durch medizinische Innovationen erreicht werden können, sondern früh ansetzen müssen. Ernährungsbildung, Gesundheitskompetenz und ein besseres Verständnis für Zusammenhänge zwischen Lebensstil, Stoffwechsel und langfristiger Gesundheit sind entscheidende Hebel. Gerade vor dem Hintergrund komplexer Themen wie GLP-1, Ernährungstrends und widersprüchlicher Informationen in sozialen Medien kommt Bildung eine Schlüsselrolle zu, um Orientierung zu schaffen und Fehlentwicklungen zu vermeiden.
„Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es mehr braucht als medikamentöse Innovationen. Gefordert sind ganzheitliche Strategien, die Prävention, Ernährung, Bewegung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ebenso berücksichtigen wie den Zugang zu medizinischer Behandlung. Nur in diesem Zusammenspiel kann es gelingen, Adipositas nachhaltig zu begegnen und langfristig sowohl gesundheitliche als auch wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen", unterstreicht Marlies Gruber.