In den stillen Traunauen zwischen Gunskirchen und Edt bei Lambach ereignete sich in den letzten Kriegswochen 1945 eine der grausamsten Tragödien der NS-Zeit in Oberösterreich. Tausende Menschen sta...
In den stillen Traunauen zwischen Gunskirchen und Edt bei Lambach ereignete sich in den letzten Kriegswochen 1945 eine der grausamsten Tragödien der NS-Zeit in Oberösterreich. Tausende Menschen starben hier unter katastrophalen Bedingungen – doch bis heute fehlt ein zentraler Gedenkort. Das Mauthausen Komitee Österreich will das ändern und plant für Herbst 2026 die Eröffnung einer neuen Gedenkstätte. Doch das ambitionierte Projekt braucht noch weitere finanzielle Unterstützung.
Das KZ-Außenlager Gunskirchen gehörte zu den verheerendsten Nebenstellen des Konzentrationslagers Mauthausen. Zwischen März und Mai 1945 wurden hier etwa 17.000 bis 18.000 Menschen interniert – überwiegend jüdische Häftlinge aus Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei und anderen von Deutschland besetzten Gebieten. Die Bedingungen waren selbst für NS-Verhältnisse extrem: Es gab kaum Unterkünfte, nur primitive Erdlöcher und notdürftige Baracken. Wasser und Nahrung waren praktisch nicht vorhanden.
Ein Konzentrationslager war eine systematisch betriebene Einrichtung zur Inhaftierung, Ausbeutung und Vernichtung von Menschen, die das NS-Regime als "unerwünscht" einstufte. Diese Lager dienten als Instrument des staatlich organisierten Terrors und waren zentrale Bestandteile des Holocaust. Anders als Gefängnisse oder Internierungslager verfolgten KZs das Ziel der physischen und psychischen Zerstörung der Häftlinge durch unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen, medizinische Experimente und systematische Tötungen.
Das Außenlager oder Nebenlager war eine dezentrale Einrichtung, die einem Hauptlager wie Mauthausen organisatorisch unterstand. Diese Außenlager entstanden vor allem in der Kriegsendphase, als die SS versuchte, Häftlinge vor den anrückenden Alliierten zu "evakuieren" – ein euphemistischer Begriff für Todesmärsche und die Verlegung in noch abgelegenere Orte. Gunskirchen war eines von über 40 Außenlagern des KZ Mauthausen und wurde erst im März 1945 errichtet, als die Kriegslage für Deutschland bereits aussichtslos war.
Als die 71. Infanteriedivision der US-Armee am 5. Mai 1945 das Lager erreichte, bot sich den Soldaten ein Bild des Grauens. Obwohl die SS bereits geflohen war, starben auch nach der Befreiung täglich dutzende Menschen an Entkräftung, Typhus und anderen Krankheiten. Amerikanische Kriegsberichterstatter dokumentierten die Zustände und prägten damit das Bild der Befreier von der Dimension der NS-Verbrechen.
Die Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten war ein Prozess, der sich über mehrere Monate erstreckte. Während das erste größere Lager, Majdanek in Polen, bereits im Juli 1944 von sowjetischen Truppen befreit wurde, erreichten amerikanische und britische Truppen die Lager in Deutschland und Österreich erst im Frühjahr 1945. Die Befreier standen vor enormen logistischen und medizinischen Herausforderungen: Zehntausende schwerkranke, unterernährte Menschen mussten versorgt werden, während gleichzeitig die Gefahr von Epidemien drohte.
Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist die Gedenklandschaft in Oberösterreich besonders vielschichtig. Während in Wien das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes bereits 1963 gegründet wurde und in Salzburg das Max Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte früh mit der Aufarbeitung begann, entwickelte sich in Oberösterreich eine dezentrale Gedenkkultur. Das liegt auch daran, dass sich hier besonders viele Außenlager befanden – von Steyr-Münichholz bis Ebensee.
Im Vergleich zu Deutschland, wo bereits in den 1960er Jahren systematisch KZ-Gedenkstätten aufgebaut wurden, hinkte Österreich lange hinterher. Erst mit der Waldheim-Affäre 1986 und dem Gedenkjahr 1988 (50 Jahre "Anschluss") setzte ein Umdenken ein. Die Schweiz, die keine KZ-Lager auf ihrem Territorium hatte, entwickelte eine andere Form der Erinnerungskultur, die sich auf Fluchtrouten und Grenzschicksale konzentriert.
Der geplante Gedenkort Gunskirchen setzt auf innovative Vermittlungsmethoden. Auf einem 4.000 Quadratmeter großen Waldgrundstück entstehen mehrere Gedenkstelen mit QR-Code-Technologie. Diese ermöglicht es Besuchern, über ihre Smartphones auf historische Dokumente, Fotografien und Zeitzeugenberichte zuzugreifen. "Wir wollen Geschichte nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar machen", erklärt Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich.
Das Konzept verbindet traditionelle Gedenkformen mit digitalen Möglichkeiten. Während physische Denkmäler die räumliche Dimension der Geschichte verdeutlichen, erschließen digitale Inhalte die menschlichen Schicksale dahinter. Geplant sind auch virtuelle Rundgänge, die den Gedenkort weltweit zugänglich machen sollen.
Zeitzeugenberichte sind authentische Schilderungen von Menschen, die historische Ereignisse selbst erlebt haben. In der Holocaust-Forschung gelten sie als besonders wertvolle Quellen, weil sie die subjektive Erfahrungsebene dokumentieren und der abstrakten Gewalt ein menschliches Gesicht geben. Allerdings werden diese Berichte mit der Zeit immer seltener – die letzten Überlebenden des Holocaust sind heute über 90 Jahre alt. Deshalb gewinnen audiovisuelle Aufzeichnungen wie das Projekt "Survivors of the Shoah" von Steven Spielberg oder die Sammlung der USC Shoah Foundation zunehmend an Bedeutung.
Der Gedenkort wird nicht nur für die lokale Erinnerungskultur bedeutsam sein. Schulklassen aus ganz Oberösterreich und den Nachbarländern sollen hier künftig Geschichte hautnah erleben können. Das stärkt den Bildungsauftrag und macht den Bezirk Wels-Land zu einem wichtigen Standort der historischen Bildung. Gleichzeitig wird der Ort den sanften Tourismus in der Region fördern – ähnlich wie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen, die jährlich über 200.000 Besucher anzieht.
Für Angehörige von Opfern in aller Welt entsteht ein Ort der Trauer und des Gedenkens. Viele Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Verwandten gestorben sind. Der Gedenkort kann hier Klarheit schaffen und Trost spenden. Besonders für jüdische Gemeinden in Israel, den USA und anderen Ländern ist es wichtig, dass auch die "vergessenen" Orte des Holocaust nicht in Vergessenheit geraten.
Das Projekt wird hauptsächlich durch Spenden finanziert, was den gesellschaftlichen Charakter der Initiative unterstreicht. Anders als staatliche Großprojekte ist der Gedenkort Gunskirchen auf die direkte Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Das macht ihn zu einem Gradmesser für das Geschichtsbewusstsein in Österreich.
Die Crowdfunding-Initiative des Mauthausen Komitees ist eine moderne Form der Schwarmfinanzierung, bei der viele Menschen kleine oder größere Beträge für ein gemeinsames Ziel sammeln. Diese Finanzierungsform hat sich in den letzten Jahren auch für gesellschaftliche und kulturelle Projekte etabliert. Der Vorteil liegt darin, dass die Unterstützer direkt am Projekt partizipieren und eine emotionale Bindung entwickeln. Gleichzeitig zeigt sich daran, wie stark das gesellschaftliche Interesse an dem Vorhaben ist.
Bisher konnten bereits erhebliche Mittel gesammelt werden, doch für die vollständige Realisierung werden weitere Spenden benötigt. Besonders die technische Ausstattung und die professionelle Aufbereitung der digitalen Inhalte erfordern zusätzliche Investitionen. "Jede Spende trägt dazu bei, dass Erinnerung konkret und zugänglich wird", betont Mernyi.
Die österreichische Erinnerungskultur durchlief mehrere Phasen. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten dominierte die "Opferthese" – Österreich sah sich als erstes Opfer der NS-Aggression. Erst ab den 1980er Jahren setzte eine kritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ein. Die Gründung des Mauthausen Komitees 1997 war ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
Während in den 1990er Jahren vor allem die großen KZ-Gedenkstätten wie Mauthausen und Ebensee im Fokus standen, rücken seit den 2000er Jahren auch kleinere Außenlager in den Blickpunkt. Diese dezentrale Aufarbeitung ist wichtig, weil sie zeigt, wie weit verzweigt das System der NS-Verfolgung war. Projekte wie der Gedenkort Gunskirchen sind Teil einer "dritten Generation" der Erinnerungsarbeit, die verstärkt auf Partizipation und moderne Vermittlungsmethoden setzt.
Der Gedenkort Gunskirchen wird Teil eines internationalen Netzwerks von Holocaust-Gedenkstätten werden. Kooperationen mit dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington, Yad Vashem in Jerusalem und anderen Institutionen sind geplant. Das ermöglicht einen wissenschaftlichen Austausch und die gemeinsame Entwicklung von Bildungsprogrammen.
Für die Zukunft plant das Mauthausen Komitee auch eine engere Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten. Geschichtsstudenten sollen die Möglichkeit erhalten, am Gedenkort Forschungsarbeiten zu verfassen und dabei bisher unbekannte Aspekte der Lagergeschichte zu erforschen. Diese Verbindung von Gedenken und Forschung könnte Gunskirchen zu einem wichtigen Standort der Holocaust-Forschung machen.
Die Digital Humanities – die Anwendung digitaler Methoden in den Geisteswissenschaften – eröffnen neue Möglichkeiten der Geschichtsvermittlung. Virtual-Reality-Anwendungen können es künftig ermöglichen, das ehemalige Lager virtuell zu rekonstruieren. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, große Mengen historischer Dokumente zu analysieren und neue Zusammenhänge zu entdecken. Der Gedenkort Gunskirchen könnte so zu einem Laboratorium für innovative Formen der Erinnerungsarbeit werden.
Mit der geplanten Eröffnung im Herbst 2026 entsteht nicht nur ein neuer Gedenkort, sondern ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung mit der Geschichte. In einer Zeit, in der Populismus und Geschichtsrevisionismus zunehmen, wird die Bedeutung solcher Projekte immer größer. Der Gedenkort Gunskirchen soll dazu beitragen, dass die Lehren aus der Vergangenheit nicht vergessen werden.
Die Unterstützung durch die Bevölkerung zeigt, dass das Bedürfnis nach einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit weiterhin vorhanden ist. Jeder Beitrag – sei es finanziell oder durch ehrenamtliche Arbeit – trägt dazu bei, dass auch künftige Generationen verstehen können, wohin Antisemitismus, Rassismus und politische Radikalisierung führen können. Der Gedenkort Gunskirchen wird ein Mahnmal gegen das Vergessen und zugleich ein Aufruf zu Zivilcourage und Menschlichkeit.