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Frauentag 2025: Warum Österreichs Frauen noch immer kämpfen

8. März 2026 um 06:16
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Der 8. März 2025 markiert wieder den Internationalen Frauentag – doch von einem Grund zum Feiern kann in Österreich keine Rede sein. Während dieser Tag weltweit als Symbol für Gleichberechtigung gi...

Der 8. März 2025 markiert wieder den Internationalen Frauentag – doch von einem Grund zum Feiern kann in Österreich keine Rede sein. Während dieser Tag weltweit als Symbol für Gleichberechtigung gilt, zeigt die aktuelle Realität im Land: Frauen verdienen noch immer weniger, arbeiten häufiger unbezahlt und tragen ein höheres Risiko für Altersarmut. Die Alternative, Grüne und Unabhängige Gewerkschafter*innen (AUGE/UG) sprechen daher von einem "Tag des Kampfes, nicht des Feierns" und fordern die österreichische Regierung zu konkreten Maßnahmen auf.

Gender Pay Gap: 19,6 Prozent Lohnunterschied als hartnäckiges Problem

Der Gender Pay Gap bezeichnet die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit. In Österreich liegt dieser bereingte Wert laut aktuellen Statistiken der Statistik Austria bei 19,6 Prozent – das bedeutet, Frauen verdienen pro Stunde durchschnittlich ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. Dieser Unterschied summiert sich über ein ganzes Berufsleben zu erheblichen Einkommensverlusten.

Besonders drastisch zeigt sich diese Ungerechtigkeit in der Privatwirtschaft, wo der unbereinigte Gender Pay Gap sogar bei über 20 Prozent liegt. Im öffentlichen Dienst fällt die Lücke mit etwa 15 Prozent geringer aus, was auf transparentere Gehaltsstrukturen und kollektivvertragliche Regelungen zurückzuführen ist. Die AUGE/UG kritisiert, dass trotz jahrelanger Diskussionen keine wirksamen gesetzlichen Maßnahmen zur Schließung dieser Lücke implementiert wurden.

Ursachen der Lohnungleichheit

  • Geschlechtsspezifische Berufswahl und damit verbundene Lohnniveaus
  • Unterschiedliche Bewertung von "typisch weiblichen" und "typisch männlichen" Tätigkeiten
  • Fehlende Transparenz bei Gehaltsstrukturen in Unternehmen
  • Karriereunterbrechungen durch Kinderbetreuung und Pflege
  • Teilzeitarbeit als häufigere Beschäftigungsform bei Frauen

Care-Arbeit: Der unsichtbare Motor der Gesellschaft

Care-Arbeit umfasst alle Tätigkeiten der Betreuung, Pflege und Fürsorge – von der Kinderbetreuung über die Haushaltsführung bis zur Pflege älterer Familienangehöriger. Laut einer Studie der Arbeiterkammer Wien leisten Frauen in Österreich täglich durchschnittlich 4,1 Stunden unbezahlte Care-Arbeit, während Männer lediglich 2,3 Stunden aufwenden. Hochgerechnet auf ein Jahr entspricht dies einem volkswirtschaftlichen Wert von über 105 Milliarden Euro – mehr als ein Viertel des österreichischen Bruttoinlandsprodukts.

Diese unsichtbare Arbeit hat massive Auswirkungen auf die Erwerbsbiographien von Frauen. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Berufstätigkeit komplett, um Familienmitglieder zu betreuen. Die Folge: niedrigere Einkommen, geringere Pensionsansprüche und erhöhtes Risiko für Altersarmut. Die AUGE/UG fordert daher eine gesellschaftliche Neubewertung dieser essenziellen Tätigkeiten und deren Integration in die offizielle Arbeitszeit- und Einkommensrechnung.

Internationale Vergleiche zeigen Handlungsbedarf

Ein Blick auf andere europäische Länder verdeutlicht, dass Österreich bei der Gleichstellung noch erheblichen Nachholbedarf hat. In Island, das regelmäßig als Vorreiter bei der Geschlechtergleichstellung gilt, liegt der Gender Pay Gap bei nur 4,9 Prozent. Schweden und Norwegen haben durch umfassende Reformen in der Familienpolitik und am Arbeitsmarkt ähnlich niedrige Werte erreicht. Diese Länder investieren massiv in öffentliche Kinderbetreuung, bieten flexible Arbeitsmodelle und haben Elternkarenz-Systeme etabliert, die beide Elternteile gleichberechtigt einbeziehen.

Versicherungslücken: Der Weg in die Altersarmut

Versicherungslücken entstehen durch Zeiten ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, in denen keine Beiträge in das Pensionssystem eingezahlt werden. Für Frauen sind dies häufig Perioden der Kinderbetreuung oder Angehörigenpflege. Diese Lücken führen zu reduzierten Pensionsansprüchen und erhöhen das Risiko der Altersarmut erheblich.

Aktuelle Zahlen der Pensionsversicherungsanstalt zeigen, dass Frauen in Österreich durchschnittlich um 40 Prozent niedrigere Pensionen erhalten als Männer. Die durchschnittliche Alterspension für Frauen liegt bei etwa 1.200 Euro brutto monatlich, während Männer im Schnitt 2.000 Euro erhalten. Besonders betroffen sind Frauen, die lange Zeit in Teilzeit gearbeitet oder mehrere Karenzzeiten in Anspruch genommen haben.

Die AUGE/UG fordert eine Reform des Pensionssystems, die Zeiten der Care-Arbeit vollständig anerkennt und entsprechende Versicherungszeiten gutschreibt. "Frauen dürfen nicht weiterhin das Risiko einer finanziellen Benachteiligung im Alter tragen", betont die Gewerkschaftsorganisation in ihrer aktuellen Stellungnahme zum Frauentag.

Bildungskarenz-Aus: Rückschritt für Frauen am Arbeitsmarkt

Die Bildungskarenz ermöglichte es Arbeitnehmer*innen, sich für Weiterbildungsmaßnahmen freistellen zu lassen und dabei eine finanzielle Unterstützung zu erhalten. Dieses Instrument war besonders für Frauen wichtig, die nach längeren Karenzzeiten den Wiedereinstieg ins Berufsleben schaffen wollten. Durch gezielte Fortbildungen konnten sie ihre Qualifikationen an aktuelle Marktanforderungen anpassen und bessere Jobchancen erlangen.

Die angekündigte Abschaffung der Bildungskarenz im neuen Regierungsprogramm stellt laut AUGE/UG einen "massiven Rückschritt" dar. Besonders Frauen, die aufgrund mangelnder Betreuungsangebote auf flexible Weiterbildungsmöglichkeiten angewiesen waren, verlieren damit ein wichtiges Instrument für ihre berufliche Entwicklung. Studien zeigen, dass Frauen die Bildungskarenz doppelt so häufig in Anspruch genommen haben wie Männer, hauptsächlich für Umschulungen und berufliche Neuorientierungen.

Auswirkungen auf die Arbeitsmarktintegration

  • Erschwerte Rückkehr nach Karenzzeiten
  • Reduzierte Möglichkeiten für berufliche Neuorientierung
  • Verstärkung bestehender Qualifikationsdefizite
  • Langfristige Verschlechterung der Arbeitsmarktposition von Frauen

Kinderbetreuung: Mangel als Karrierebremse

Die unzureichende Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen gilt als einer der Hauptgründe für die schlechtere Position von Frauen am Arbeitsmarkt. Laut dem aktuellen Kinderbetreuungsstatistik der Statistik Austria fehlen in Österreich rund 35.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige. Besonders in ländlichen Gebieten und kleineren Gemeinden ist das Angebot unzureichend.

Die Betreuungsquote für unter Dreijährige liegt österreichweit bei nur 28 Prozent, während die EU-Ziele eine Quote von mindestens 33 Prozent vorsehen. In Wien erreicht die Quote 55 Prozent, in Tirol liegt sie bei nur 18 Prozent. Diese regionalen Unterschiede verstärken die Ungleichheiten zwischen den Bundesländern und beeinflussen maßgeblich die Erwerbsmöglichkeiten von Frauen.

Regierungsprogramm unter der Lupe: Wo bleibt der Fortschritt?

Das aktuelle Regierungsprogramm wird von der AUGE/UG scharf kritisiert, da es keine wesentlichen Fortschritte für die Gleichstellung von Frauen vorsieht. Stattdessen befürchtet die Gewerkschaftsorganisation weitere Verschlechterungen durch erhöhten Druck auf Arbeitslose und den Abbau sozialer Leistungen.

Besonders problematisch sehen die Gewerkschafter*innen die geplanten Reformen im Arbeitslosenbereich, die Frauen überproportional treffen könnten. Verschärfte Zumutbarkeitsregelungen und reduzierte Unterstützungsleistungen würden vor allem Alleinerziehende und Frauen mit Betreuungspflichten benachteiligen, die aufgrund eingeschränkter Flexibilität nicht jeden Job annehmen können.

Fehlende Maßnahmen im Überblick

  • Keine verbindlichen Lohntransparenz-Regelungen
  • Unzureichender Ausbau der Kinderbetreuung
  • Fehlende Anerkennung von Care-Arbeit
  • Keine Reform des Pensionssystems zugunsten von Frauen
  • Abbau statt Ausbau von Bildungsangeboten

Internationale Vorbilder: Was andere Länder besser machen

Island gilt international als Vorreiter bei der Geschlechtergleichstellung. Das Land hat bereits 2018 ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeiter*innen dazu verpflichtet, gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit nachzuweisen. Unternehmen, die diese Anforderung nicht erfüllen, müssen Strafen zahlen. Das Ergebnis: Der Gender Pay Gap konnte kontinuierlich reduziert werden.

Schweden hat ein progressives Elternzeit-System etabliert, das beide Elternteile gleichberechtigt einbezieht. 480 Tage Elternzeit werden zwischen den Partnern aufgeteilt, wobei mindestens 90 Tage für jeden Elternteil reserviert sind. Diese "Papa-Monate" haben dazu geführt, dass sich auch Väter stärker an der Kinderbetreuung beteiligen und Frauen früher in den Beruf zurückkehren können.

Die Zukunft der Gleichberechtigung in Österreich

Die Herausforderungen sind komplex, aber lösbar. Expertinnen und Experten sehen mehrere Ansatzpunkte für nachhaltige Verbesserungen: Eine umfassende Reform des Steuersystems, die Individualbesteuerung statt Familienbesteuerung vorsieht, könnte Anreize für eine gleichmäßigere Aufteilung der Erwerbsarbeit schaffen. Der massive Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung würde Frauen mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt ermöglichen.

Langfristig braucht es auch einen gesellschaftlichen Wandel in der Bewertung von Care-Arbeit. Modelle wie ein bedingungsloses Grundeinkommen oder ein Care-Income, das unbezahlte Betreuungsarbeit finanziell anerkennt, werden in verschiedenen Ländern bereits diskutiert und getestet. Österreich könnte von diesen Erfahrungen lernen und eigene innovative Lösungen entwickeln.

Konkrete Forderungen für 2025

  • Gesetzliche Verpflichtung zur Lohntransparenz in allen Unternehmen
  • Vollständige Anrechnung von Care-Zeiten im Pensionssystem
  • Ausbau der Kinderbetreuung auf EU-Standard
  • Erhaltung und Ausbau der Bildungskarenz
  • Einführung einer 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich

Der Internationale Frauentag 2025 sollte Anlass sein, nicht nur Rückschau zu halten, sondern konkrete Schritte für echte Gleichberechtigung zu setzen. Die Zeit der schönen Worte ist vorbei – jetzt sind Taten gefragt. Nur durch strukturelle Reformen und ein Umdenken in der Gesellschaft kann der Frauentag irgendwann tatsächlich zu einem Tag des Feierns statt des Kampfes werden. Die AUGE/UG hat mit ihrer klaren Positionierung einen wichtigen Beitrag zur Debatte geleistet und der Politik den Auftrag erteilt, endlich zu handeln.

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